Ansichten

Es gie­bt nur ein per­spek­ti­vi­sches Se­hen, nur ein per­spek­ti­vi­sches „Er­ken­nen“; und je mehr Af­fek­te wir über ei­ne Sa­che zu Wor­te kom­men las­sen, je mehr Au­gen, ver­schied­ne Au­gen wir uns für die­sel­be Sa­che ein­zu­set­zen wis­sen, um so voll­stän­di­ger wird un­ser „Be­griff“ die­ser Sa­che, uns­re „Ob­jek­ti­vi­tät“ sein.
Fried­rich Nietz­sche
Gra­fik: Vol­ker Ho­mann

… sind hier ver­sam­mel­te Ge­dan­ken zu Po­li­tik und Ge­sell­schaft: Be­ob­ach­tun­gen, Ein­ord­nun­gen, manch­mal auch un­be­que­me Fra­gen. Es geht um das Zeit­ge­sche­hen, um Ent­wick­lun­gen, die nach­denk­lich ma­chen oder zum Wi­der­spruch rei­zen. Nicht als ab­schlie­ßen­de Ur­tei­le, son­dern als Bei­trä­ge zu ei­ner De­bat­te, die uns al­le be­trifft.

Man­che Tex­te ent­ste­hen aus An­läs­sen, die ge­ra­de durch die Me­di­en ge­hen. An­de­re grei­fen The­men auf, die un­ter der Ober­flä­che schwe­len oder in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on zu kurz kom­men. Ge­mein­sam ist ih­nen der Ver­such, ge­nau­er hin­zu­schau­en — und da­bei auch die ei­ge­ne Po­si­ti­on zu hin­ter­fra­gen.

Wer hier liest, darf Wi­der­spruch emp­fin­den. Das ist nicht nur er­laubt, son­dern er­wünscht. Denn po­li­ti­sche wie kul­tu­rel­le Aus­ein­an­der­set­zung lebt vom Aus­tausch un­ter­schied­li­cher Per­spek­ti­ven, nicht von fer­ti­gen Ant­wor­ten. Die­se Tex­te ver­ste­hen sich als Ge­sprächs­an­ge­bo­te, nicht als letz­te Wor­te.

Ich hatte einen Traum gehabt …

„AfD halbieren“? Ja, das ist möglich, doch anders als man wohl gemeinhin denkt.

Die AfD hal­bie­ren — nicht durch bes­se­re Po­li­tik, son­dern durch be­wuss­te Stim­men­ent­hal­tung. Was nach ei­nem Traum be­ginnt, ist ei­ne nüch­ter­ne Wahl­rech­nung: Wer statt AfD ei­nen un­gül­ti­gen Stimm­zet­tel ab­gibt, zählt als ab­ge­ge­be­ne Stim­me — und wä­re sicht­bar. Die Poin­te sitzt am En­de: Es braucht kei­ne Re­vo­lu­ti­on. Es braucht ge­nug Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler, die an der Ur­ne ih­re Stim­me er­he­ben, oh­ne sie ei­ner Par­tei zu ge­ben.

„Menschenbild“

Wer vom „Stadtbild“ spricht, will von Menschen sprechen.

Spra­che ist Leim­ru­te — wer frem­de Vo­ka­beln über­nimmt, klebt dar­an fest. Der Brief an Fried­rich Merz ist knapp: Wer „Stadt­bild“ sagt, sagt AfD, egal mit wel­cher Ab­sicht. Der Rat lau­tet nicht Schwei­gen, son­dern Um­be­nen­nen — ei­ne ei­ge­ne Spra­che fin­den, statt in ge­setz­ten Nar­ra­ti­ven zu ope­rie­ren.

29. Januar 2025, Deutscher Bundestag

Ein grobes Kurzprotokoll und eine sehr persönliche Empörung über das sehr überlegte, sehr bewusste Handeln des MdB Friedrich Merz an diesem Tag.

Am Mor­gen Ge­den­ken an Ausch­witz, am Nach­mit­tag Mehr­heit mit der AfD. Der 29. Ja­nu­ar 2025 im Bun­des­tag ist der An­lass — die per­sön­li­che Em­pö­rung dar­über der ei­gent­li­che Text. Kein ana­ly­ti­scher Ab­stand, kei­ne Re­la­ti­vie­rung: Wer Ta­bus bricht, um Stim­men zu ge­win­nen, ver­sach­licht Men­schen. Und Ver­sach­li­chung von Men­schen hat ei­nen Na­men in der deut­schen Ge­schich­te.

Die Moral der Ethik

Sollte der „Deutsche Ethikrat“ nicht eher ein „Ethischer Rat“ sein?

Wer Ver­ant­wor­tung an ei­nen Rat de­le­giert, hat sie nicht über­nom­men. Der Deut­sche Ethik­rat, so die The­se, läuft Ge­fahr, zum In­stru­ment der Ver­ant­wor­tungs­ver­wäs­se­rung zu wer­den — dann näm­lich, wenn Po­li­ti­ker sei­ne Emp­feh­lun­gen als vor­aus­ei­len­de Ent­schul­di­gung nut­zen statt als Ori­en­tie­rung. Ein ethi­scher Rat da­ge­gen gibt kei­ne Rat­schlä­ge, son­dern schafft Raum, zur ei­ge­nen Ent­schei­dung zu kom­men. Der Un­ter­schied zwi­schen bei­den steckt be­reits im Na­men.

Sippensüppchen

Über Hunde und Rindviecher. Über Identität und Ideologie. Was Rassismus mit der sog. künstlichen Intelligenz zu tun haben könnte.

Wer Un­ter­schie­de macht, schafft sich selbst. Das Stäm­me­den­ken ist kei­ne kul­tu­rel­le Pa­tho­lo­gie, son­dern ei­ne an­thro­po­lo­gi­sche Grund­be­din­gung: Iden­ti­tät ent­steht durch Ab­gren­zung, und wer kei­nen An­de­ren kennt, kennt auch kein Ich. Der Text ver­folgt die­sen Ge­dan­ken vom Tri­ba­lis­mus über die Me­cha­nis­men von Macht und Angst bis zu ei­ner über­ra­schen­den Schluss­wen­dung — weg vom Streit um den Ers­ten, hin zur He­te­r­ar­chie als dem, was Ver­nunft, Ver­stand und Ge­müt erst pro­duk­tiv macht: das Frem­de als Kraft.

Staatsmacht?

Von einer tatsächlichen Begebenheit. Über situativ angemessenen Vollzug besonderer Anordnungen. Über Autoritarismus.

Ob ei­ne Vor­schrift sinn­voll an­ge­wen­det wird, ist kei­ne ju­ris­ti­sche Fra­ge. Ei­ne Be­ge­ben­heit auf dem Land­au­er Wo­chen­markt im Som­mer 2020 — Ord­nungs­amt, Schutz­wes­ten, Mund-Na­sen-Be­de­ckung als Dop­pel­kinn­hal­ter — gibt An­lass zur Fra­ge, wo Voll­zug en­det und Ent­mün­di­gung be­ginnt. Nicht als Co­ro­na-Kri­tik, son­dern als Er­in­ne­rung: Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter tritt nicht als Aus­nah­me­zu­stand auf, son­dern schleicht sich ein. Und klei­nen An­fän­gen wi­der­spricht man bes­ser ein­mal zu oft.

Schauen trauen

Ein Versuch, die Verschwörungstheorie-Bewirtschaftung zu verstehen. Über Angst und ihre Gesichter. Über Mut.

Angst hat vie­le Ge­sich­ter — auch das der Ver­schwö­rungs­theo­rie. Der Text be­ob­ach­tet, wie Miss­trau­en und Alu­hut-Men­ta­li­tät kei­ne Cha­rak­ter­schwä­che sind, son­dern Aus­drucks­for­men von Angst, die kein an­de­res Ge­sicht ge­fun­den hat. Wer das ver­steht, kann dar­über re­den — und das, so die The­se, wä­re mu­ti­ger als je­de Ver­ur­tei­lung. Ein Plä­doy­er für bür­ger­li­che Mün­dig­keit: nicht oh­ne Pflicht, son­dern aus dem Wil­len zur Ver­nunft und der Lust auf Frei­heit mit Ver­ant­wor­tung.

Eine neue Weltordnung?

Über Archipele und Architekten, über Anarchie und Archäologie. Über das Erste.

Ord­nung ist nicht das Ge­gen­teil von Wan­del — sie ist sei­ne Form. Wer nach ei­ner neu­en Welt­ord­nung ruft, will meist das Frem­de bän­di­gen: es in ei­ne Rang­fol­ge brin­gen, ihm ei­nen Platz zu­wei­sen. Der Text schlägt ei­nen an­de­ren Um­gang vor: He­te­r­ar­chie, ein Den­ken, das das Frem­de nicht fürch­tet, son­dern als Gast emp­fängt — und das, an­ders als Hier­ar­chie oder An­ar­chie, nicht nach dem Ers­ten fragt, son­dern die Fra­ge selbst aus­setzt. Ei­ne Ar­cheo­lo­gie, kein Schreib­feh­ler.

Lebe lang und erfolgreich!

Sterben in Zeiten einer Pandemie.

Wer hun­dert Jah­re alt wird, hat of­fen­bar et­was rich­tig ge­macht. Die­se stil­le Vor­aus­set­zung — lan­ges Le­ben als Leis­tung — steht im Zen­trum die­ses Tex­tes. Die Pan­de­mie macht sicht­bar, was sonst im Hin­ter­grund bleibt: dass wir den Tod ver­drän­gen, statt mit ihm um­zu­ge­hen. Denn nie­mand über­steigt die­sen Berg. Was bleibt, ist die Übung — den Blick auf das ei­ge­ne Ster­ben so zu wa­gen, dass er das Le­ben nicht ver­gällt, son­dern trägt.

Maskierte Pflicht?

Die Versuchung der Unerkennbarkeit.

Wer ei­ne Mas­ke trägt, ist ver­sucht, sich da­hin­ter zu ver­ste­cken. Die­se Be­ob­ach­tung – nicht Kri­tik an der Mas­ke, son­dern an ei­ner be­stimm­ten Art, sie zu tra­gen – steht im Mit­tel­punkt: dass Mas­ken­pflicht das Ab­stands­ge­bot schwä­chen könn­te, weil sie trü­ge­ri­sche Si­cher­heit ver­schafft. Ab­stand­neh­men­de Freund­lich­keit, so die Ge­gen­the­se, wä­re wirk­sa­mer als nä­he­ge­ben­de.