Die Hälfte auch schon genug Bläuliches. Foto: Katerina

Ich hatte einen Traum gehabt …

„AfD halbieren“? Ja, das ist möglich, doch anders als man wohl gemeinhin denkt.

Letz­te Nacht träum­te mir, ich wä­re Jour­na­list und nam­haf­ter de­mo­kra­tisch-links­li­be­ra­ler – mit ei­nem Hauch des An­ar­chi­schen – Pu­bli­zist, mit ei­nem mess­ba­ren Bei­trag zur je ei­ge­nen Mei­nungs­bil­dung sei­ner Rezepient_innen. Und in li­be­ral-kon­ser­va­ti­ven wie auch po­li­ti­sier­ten bür­ger­li­chen Krei­sen jeg­li­cher Schicht und Ori­en­tie­rung durch­aus – trotz oder we­gen Kon­tro­ver­sen – ge- wie be­ach­tet. Als sol­cher hät­te ich zu den ak­tu­el­len po­li­ti­schen Be­ge­ben­hei­ten ei­nen Ar­ti­kel ver­fas­sen wol­len. Frei­lich geht nichts oh­ne Re­cher­che und ich sah mich im Traum ex­ce­lie­ren, al­so ta­bel­len­kal­ku­la­to­risch han­tie­rend. Der Plot des Ar­ti­kels war „Was wä­re, wenn …“.

Nach­dem ich schweiß­ge­ba­det auf­ge­wacht war, weil ein Mons­ter mir ei­nen Zet­tel mit „37%“ ent­ge­gen­hielt, konn­te ich mich an den Text nicht mehr er­in­nern. Doch aus ei­nem mir un­er­find­li­chen Grund hat­te ich ei­ne im Traum er­stell­te Ta­bel­le noch sehr ge­nau im Kopf.

So mach­te mich noch vor dem Früh­stück dar­an, mir mal aus­zu­rech­nen (statt nur aus­zu­ma­len), was das denn nun ei­gent­lich be­deu­ten wür­de? Wenn bei der nächs­ten Bun­des­tags­wahl al­le Stimm­be­rech­tig­ten, die auch Par­tei­mit­glied ei­ner wähl­ba­ren Par­tei sind, ei­ne gül­ti­ge Zweit­stim­me für ih­re Par­tei, na­tür­lich, ab­ge­ge­ben hät­ten? Wenn der ge­sam­te Rest der Stimm­be­rech­tig­ten, die ei­ne Stim­me ab­ga­ben, es ge­wagt hät­te, al­le­samt ei­nen sog. „un­gül­ti­gen“ Stimm­zet­tel ab­zu­ge­ben, sich al­so de fac­to der Stim­me zu ent­hal­ten? Im Traum lag die Wahl­be­tei­li­gung bei schlap­pen 60%. Viel­leicht Aus­druck ei­ner po­li­ti­schen Mü­dig­keit, die die Mün­dig­keit nar­ko­ti­sier­te?

Wie auch im­mer, am End’ er­gab sich die­se Ta­bel­le:

Ein in­ter­es­san­tes Bild, das sich da zeig­te. Doch eben nur rei­ne Fik­ti­on, Uto­pie, es müss­te ja ein Wun­der ge­sche­hen, wenn die „schwei­gen­de Mehr­heit“ der­art ih­re Stim­me er­he­ben wür­de, un­über­hör­bar.

Doch erst­mal schritt ich zum Mor­gen­mahl, mit lee­rem Ma­gen zu frü­her Ta­ges­stun­de ist bei mir nicht zu spa­ßen. Wäh­rend ich das Mar­me­la­den­brot mit dem ob­li­ga­to­ri­schen Tee zu mir nahm, stell­te sich die Fra­ge ein: „Sag’ mal, wie ging ei­gent­lich die letz­te Bun­des­tags­wahl noch­mal aus?“ Nach ei­nem kur­zen Blick in die Zei­tung, die mal wie­der vom „Rechts­ruck“ in Deutsch­land be­rich­te­te, mach­te ich mich an die Ar­beit. Was soll man an ei­nem ver­reg­ne­ten Sonn­tag­mor­gen denn auch an­de­res tun? Nach kur­zer Zeit sah ich die­se Ta­bel­le auf mei­nem Bild­schirm:

Wow, dach­te ich, an dem „Rechts­ruck“ muss wirk­lich was dran sein. Wie schafft es ei­ne Par­tei wie die AfD ei­gent­lich, Wäh­ler­stim­men mit ei­nem Fak­tor von 200 je Par­tei­mit­glied zu ge­ne­rie­ren, mit­hin auf die na­he­zu glei­che An­zahl an zu­sätz­li­chen Wäh­ler­stim­men wie die mit­glie­der­stärks­te Par­tei zu kom­men? Im Ver­gleich zu den an­de­ren, na ja, das ist schon ex­trem auf­fäl­lig. Was für ein He­bel! Geht das mit rech­ten Din­gen zu? Sind das wo­mög­lich wirk­lich al­les ent­täusch­te CDU-Wäh­ler_in­nen? Ich will mir gar nicht vor­stel­len, was wä­re, wenn die al­le CDU wäh­len wür­den … An­de­rer­seits wä­re es mal in­ter­es­sant, die bis­he­ri­gen Wahl­er­geb­nis­se zu un­ter­su­chen, was sich da für ein Bild er­ge­ben wür­de. Sind’s viel­leicht gu­te sechs Mil­lio­nen, die der CDU ent­täuscht den Rü­cken ge­kehrt ha­ben und zur AfD ge­wan­dert sind?

Et­was ir­ri­tiert griff ich mir noch­mal die Zei­tung. Sie be­rich­te­te von „Pro­test­wäh­lern jeg­li­cher Iden­ti­tät“, al­so AfD-Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler, so­wie die da­zwi­schen und au­ßer­halb, die der Re­gie­rung ei­nen Denk­zet­tel ver­pas­sen wol­len. Na, dach­te ich, viel­leicht ge­ne­rie­ren die Par­tei­mit­glie­der der AfD gar nicht so vie­le Stim­men, son­dern es ist die Un­zu­frie­den­heit der Wäh­len­den, die sie die­se Par­tei wäh­len lässt — mit­hin die Schwä­che der an­de­ren Par­tei­en. Ih­re Un­fä­hig­keit, Po­li­tik für die Men­schen zu ma­chen — oder ih­re Po­li­tik, die sie für die Bür­ger­schaft rea­li­sie­ren, ad­äquat zu ver­mit­teln. Doch viel­leicht auch die­ses gan­ze Chi-Chi und Thea­ter auf der po­li­ti­schen Büh­ne, dass sich dann in Talk­shows mit lee­rem Ge­schwa­fel fort­setzt. Die­ses Ge­re­de, meist nur Ge­rau­ne, was man al­les ver­stan­den hät­te und nur mal ma­chen müss­te, was den Leu­ten mäch­tig auf den Zei­ger geht, an­ge­sichts von Krieg und Kli­ma­wan­del und Wirt­schafts­kri­se und über­haupt.

Die Ra­tio­na­li­sie­rung der Pro­ble­me zu be­wäl­tig­ba­ren Ra­tio­nen mag für die Ak­teu­re das ge­eig­ne­te Mit­tel sein, um ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu fin­den. Doch wie las ich ein­mal: »[.]De­mo­kra­tie ist nicht nur ein po­li­ti­sches Sys­tem – sie ist ei­ne Be­zie­hung.«1⇣https://www.fr.de/politik/warum-die-demokratie-den-kampf-um-politische-emotionen-verliert-94105274.html Und Be­zie­hun­gen sind mehr Bauch­an­ge­le­gen­heit denn Kopf­sa­che. Der aka­de­mi­sche Phi­lo­soph Jür­gen Ha­ber­mas sprach mal vom „ei­gen­tüm­lich zwang­lo­sen Zwang des bes­se­ren Ar­gu­ments“ — Traum al­ler Rationalist_innen. Doch Men­schen sind über­wie­gend Poet_innen. Be­vor Ar­gu­men­te nach­voll­zo­gen sind, hat bei den meis­ten der Bauch be­reits sei­ne Ent­schei­dung ge­fun­den. Das mag man kri­ti­sie­ren wol­len und dar­an er­in­nern, wie leicht da mit Emo­tio­nen ma­ni­pu­liert wer­den kann und die Ge­füh­le mit frag­wür­di­gen Ar­gu­men­ta­ti­ons­stre­cken ver­knüpft wer­den. Tja, es sind halt al­les Men­schen, nicht wahr. Ihr de­mo­kra­ti­schen Ak­tue­re auf der Par­la­ments­büh­ne und auf den Bret­tern der Hal­len und Stra­ßen, macht es halt ein­fach mal bes­ser! Zeigt euch nicht nur ra­tio­nal, son­dern auch glaub­haft emo­tio­nal, oh­ne Show, oh­ne Spiel, oh­ne Rol­le. Wer­det als Men­schen an­greif­bar, men­tal an­fass­bar. Dann wer­det ihr auch be­grif­fen. Schwie­rig, sich vor Über­grif­fig­keit zu schüt­zen, ja, doch nicht un­mög­lich. Die Au­to­ri­tä­ren ma­chen das wohl mit ei­nen un­sicht­ba­ren Stahl-Pan­zer aus Ar­ro­ganz und für sich ge­hal­te­ner Ver­ach­tung des ge­mei­nen Wahl­vol­kes, des Stimm­viehs, die sie teu­to­nisch ti­ta­nen­haft er­schei­nen lässt.

Vor Jah­ren (heißt: 2014), er­in­ner­te ich mich, ha­be ich ein­mal ei­ne Pe­ti­ti­on im Bun­des­tag ein­ge­bracht, mit der ich for­der­te, dass auf den Stimm­zet­teln die Mög­lich­keit der Ent­hal­tung ge­ge­ben wird, eben um der sich für mich da­mals schon ab­zeich­nen­den „Rechts­ten­denz“ et­was ent­ge­gen­zu­set­zen und den Protestwähler_innen ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu bie­ten. (Die na­tür­lich ab­ge­wie­sen wur­de: »Der Wäh­ler hat nach dem gel­ten­den Recht aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten, sei­ne in­dif­fe­ren­te oder ab­leh­nen­de Hal­tung ge­gen­über al­len Wahl­vor­schlä­gen durch das Fern­blei­ben von der Wahl oder durch ei­ne be­wusst un­gül­ti­ge Stimm­ab­ga­be zum Aus­druck zu brin­gen.«2⇣Schrift­li­che Ant­wort des Pe­ti­onsau­schus­ses zur Ein­ga­be Pet 1−18−06−111−007918 vom 27. Mai 2014). Denn „un­gül­ti­ger Stimm­zet­tel“ hört sich an, als spie­le die­ser kei­ne Rol­le. Doch so ist es ja nicht: Ein „un­gül­ti­ge“ Stim­me ist ei­ne ab­ge­ge­be­ne Stim­me, wird al­so als Stim­me re­gis­triert, ge­zählt, fließt in die Sta­tis­tik ein, auch wenn sie zur Sitz­ver­tei­lung im Bun­des­tag nichts bei­tra­gen kann. Ei­ne nicht ab­ge­ge­be­ne Stim­me da­ge­gen hat kei­ner­lei Wir­kung, Nicht-Wäh­ler_in­nen in­ter­es­sie­ren nie­mand. Man wer­tet wohl in je­der Par­tei die­ses Schwei­gen als Zu­stim­mung. Al­so macht es sehr wohl ei­nen Un­ter­schied, ob ge­schwie­gen oder sich der Stim­me ent­hal­ten wird. Und man stel­le sich mal vor, wenn in den Er­geb­nis­pro­gno­sen zu den Par­tei­pro­zen­ten ein wei­te­rer Bal­ken auf­tauch­te: „Ent­hal­tun­gen“. Wer da al­les ab drei Pro­zent bei ei­ner Wahl­be­tei­li­gung ab 70% auf ir­gend­was schie­ben will, bloß nicht auf die ei­ge­ne po­li­ti­sche Leis­tung, hat dann wirk­lich et­was über­haupt nicht ver­stan­den.

Nach ei­ner kur­zen Stär­kung mit Res­ten aus der Keks­do­se mach­te ich mich wie­der auf, an mei­nen Schreib­tisch. Wenn man ein Sze­na­rio ent­wirft, wo­bei Protestwähler_innen statt AfD zu wäh­len ei­nen „un­gül­ti­gen“ Stimm­zet­tel ab­gä­ben, um ih­rem Un­mut an der Wahl­ur­ne Aus­druck zu ge­ben, wie könn­te denn ein sol­ches Wahl­er­geb­nis aus­se­hen?

Oh! 10,4% für die AfD (im rea­len Sze­na­rio stan­den sie auf 20,8% …), wenn sich der Fak­tor um 88 (Aha …) Punk­te de­kre­men­tie­ren wür­de, mit­hin auf 112 ein­ge­stellt wä­re. Im Ver­gleich zu den an­de­ren im­mer noch ein be­acht­li­cher Wert! Der ge­wiss Fra­gen auf­wirft, die ernst zu neh­men sind. Man muss den Men­schen, die ei­ne il­li­be­ral-au­to­ri­tä­re Ge­sell­schafts­form ei­ner li­be­ral-de­mo­kra­ti­schen vor­zie­hen – viel­leicht weil es für die Ein­zel­nen we­ni­ger Ver­ant­wor­tung und in die­sem Sin­ne mehr Frei­heit be­deu­ten wür­de? – ja schon ge­recht wer­den. Es gibt sie nun mal, gab sie schon im­mer, sie sind nur sicht­ba­rer ge­wor­den, und es wird sie im­mer ge­ben. Sie weg­dis­ku­tie­ren zu wol­len, statt sich mit den Grün­den für den Wunsch ei­nes In­di­vi­du­ums nach au­to­ri­tä­rer Füh­rer­schaft zu be­fas­sen – die ge­sell­schaft­lich ver­or­tet sein kön­nen … –, ist wohl kein gu­ter Weg.

Den rest­li­chen Tag über war ich dann mit al­ler­lei Din­gen be­schäf­tigt und er­wach­te am nächs­ten Mor­gen nach ei­nem wei­te­ren Traum. Er han­del­te von Lu­kas, dem Lo­ko­mo­tiv­füh­rer und Jim Knopf. Al­les ist mir nicht mehr er­in­ner­lich, nur ei­ne Sze­ne blieb hän­gen: Die mit dem Schein­rie­sen Tur Tur. Al­ler­dings hieß der im Traum „Tor­tur“ und war ein ziem­lich un­freund­li­cher Ge­sel­le, der sehr wohl et­was da­für konn­te, dass er an­de­ren so rie­sig und be­droh­lich er­schien. „Wirk­lich?“, über­leg­te ich: Sind es denn nicht viel­mehr die an­de­ren, die ihn groß ma­chen, weil sie ihn fürch­ten und des­halb stän­dig über ihn re­den, wenn er da laut brül­lend die Welt in den Ab­grund pro­pa­gan­diert? Tor­tur wird nicht klei­ner, wenn er sich nä­hert. Er wird grö­ßer, im Ge­gen­satz zu Tur Tur. Doch auch die­se wahr­ge­nom­me­ne Grö­ße könn­te nur das Pro­dukt ei­ner wohl­kal­ku­lier­ten In­sze­nie­rung die­ses dunk­len Ma­gi­ers sein. Al­so: Schein.

Der We­cker klin­gel­te. Ein Traum im Traum im Traum, ein wahr­li­ches Traum­ge­spinst, ver­wir­rend, ir­ri­tie­rend, ver­stö­rend oder ir­gend­wie so, ver­we­gen, kom­pli­ziert, gar plus­quam­per­fek­tesk. Der Ra­dio­we­cker, Früh­nach­rich­ten, be­en­de­te ge­ra­de sei­nen Be­richt über die Ver­kün­dung von Fried­rich Merz, die „AfD hal­bie­ren“ zu wol­len — so in et­wa, ge­nau er­in­ne­re ich mich nicht.

Hal­bie­ren geht schon, doch halt nicht durch Fried­rich Merz und die CDU und den an­de­ren Par­tei­en. Son­dern durch ge­nü­gend Wähler_innen, die es wa­gen, sich an der Wahl­ur­ne ih­rer Stim­me be­wusst zu ent­hal­ten. Und mit al­ler­lei Mit­teln Ab­ge­ord­ne­te wis­sen las­sen, dass ih­re Stimm­ent­hal­tung kei­ne Ver­le­gen­heit, kein Es­ka­pis­mus, kei­ne Re­si­gna­ti­on oder Gleich­gül­tig­keit ist, denn dann wä­ren sie wohl gar nicht wäh­len ge­gan­gen, nicht wahr. Son­dern als ent­schie­de­ner Pro­test ge­gen herr­schen­de Ver­hält­nis­se zu in­ter­pre­tie­ren ist. Ein Aus­druck der Un­zu­frie­den­heit und da­mit ver­bun­den die Auf­for­de­rung, für Ab­hil­fe zu sor­gen. Und zwar pres­to!

Es be­darf kei­ner lin­ken oder rech­ten Re­vo­lu­ti­on, um die Ver­hält­nis­se zum Bes­se­ren für vie­le zu wen­den. Jede/r hat die Mög­lich­keit, an der Wahl­ur­ne de­mo­kra­tisch für den Er­halt der De­mo­kra­tie in die­sem Land zu stim­men, auch wenn die ei­ge­ne Wahl­stim­me für kei­ne Par­tei er­ho­ben wird.

Das mag man­chen ir­ra­tio­nal er­schei­nen. Doch es geht um das Ge­fühl, sei­ne Stim­me er­ho­ben zu ha­ben, sei­nen Un­mut de­mons­triert zu ha­ben. Sich ge­hört, ge­se­hen, ver­stan­den füh­len zu kön­nen.

Re­fe­ren­ces
1 https://www.fr.de/politik/warum-die-demokratie-den-kampf-um-politische-emotionen-verliert-94105274.html
2 Schrift­li­che Ant­wort des Pe­ti­onsau­schus­ses zur Ein­ga­be Pet 1−18−06−111−007918 vom 27. Mai 2014
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