Denkzettel 293

Die Su­che nach sei­nem Platz in der Welt oder auch nur in der Phi­lo­so­phie, bei­spiels­wei­se, ist ei­ne For­schungs­rei­se. Wird die ei­ge­ne Hei­mat schließ­lich ent­deckt, der ei­ge­ne Ur­sprung, ist die Rei­se kei­nes­wegs be­en­det. Sie geht wei­ter: mit ei­nem an­de­ren Ge­fährt wird ‚Welt‘ wei­ter er­forscht. (Was frei­lich mit an­de­ren Mög­lich­kei­ten der Per­spek­ti­ven­wahl einhergeht.)

Denkzettel 292

Viel­leicht soll­te nicht phi­lo­so­phiert („ge­dacht“) wer­den, um ein Pro­blem zu lö­sen (da ist „Rech­nen“ wohl weit­aus bes­ser ge­eig­net), son­dern um zu schau­en, was ist. Ob es über­haupt ein Pro­blem gibt.
(An­zu­den­ken wä­re, ob sol­che Form schau­en­den, re­flek­tie­ren­den Den­kens mit dem Verb „sin­nie­ren“ nicht ad­äqua­ter re­prä­sen­tiert ist. Und, bei­läu­fig, ob, wer dies mit ei­ner ge­wis­sen Lei­den­schaft und da­zu ernst­haft be­treibt, das Verb zur Welt bringt, so­zu­sa­gen, durch­aus als „Sin­ne­ast“ be­zeich­net wer­den könnte.) 

Denkzettel 291

(Aka­de­mi­sche Leh­re.) Ein Wetz­stein ist et­was an­de­res als ei­ne Guss­form. Ein·e Jede·r hat ein ei­ge­nes Mes­ser, es muss nichts ge­ge­ben wer­den. Doch ei­nen här­te­ren Stein, um das zu An­be­ginn völ­lig stump­fe Mes­ser im­mer schär­fer zu ma­chen, taug­li­cher, tüch­ti­ger, in die­sem Sinn: tu­gend­haf­ter, um dif­fe­ren­ziert und den­noch – oder des­halb – ori­en­tiert in die Welt schau­en zu kön­nen — das ist ein wah­res Bil­dungs­an­ge­bot. (Und dies ist ge­wiss nicht nur der Aka­de­mie vorbehalten.)

Der Guss ist Aus­bil­dung. Sie geht dem Wet­zen vor­an. Aus­bil­dung en­det ir­gend­wann, Bil­dung nicht. (Frei­lich nur, wenn das Mes­ser auch ge­braucht wird.) Und mag ein Mes­ser nach dem Guss auch noch so stumpf sein — es ge­winnt an Schär­fe. Doch noch nie ist ein schar­fes Mes­ser aus dem Guss ent­sprun­gen, egal, wie lan­ge die Aus­bil­dung dauerte.

Denkzettel 289

Ra­tio­na­li­tät — der kleins­te ge­mein­sa­me Nen­ner man­nig­fal­ti­ger Denkar­ten und ‑wei­sen?

(Und dem ent­spre­chend schwach auf der Brust, wenn’s um’s kon­kre­te Le­ben ei­nes Sub­jek­tes geht…)

Aus­ge­ar­tet zu ei­nem Ra­tio­na­lis­mus kann sie dann al­ler­dings zum al­les be­stim­men wol­len­den Zäh­ler mutieren.

Denkzettel 288

Ver­all­ge­mei­ne­run­gen sind Lügen.

Ger­hart Hauptmann

Die gan­ze Aka­de­mie ist ein Macht­ap­pa­rat, wie die Po­li­tik und die Kir­chen und die Un­ter­neh­men auch.
Es geht um „Wis­sen ist Macht“.
(Das all so all­ge­mein ge­spro­chen und da­mit ei­ne Lü­ge — in­des nur im Hin­blick auf die all­ge­mei­ne An­wend­bar­keit, nicht wo­mög­lich hin­sicht­lich des trei­ben­den Prin­zips. Und Prin­zi­pi­en müs­sen ja wohl nicht in­stan­ziert wer­den, um zu wirken.)

(Und es mag an­ge­merkt sein: „Wis­sen schaf­fen ist mächtiger.“)

Denkzettel 286

Aus der Pra­xis der Lo­gik fließt et­was zu­rück in der Theo­rie der Lo­gik. Vom Ver­stand geht et­was zu­rück auf die Ver­nunft. (Wech­sel­wir­kung.)
Die Fra­ge ist: Ist Lo­gik ei­ne äs­the­ti­sche Ka­te­go­rie? Hat sie ih­ren Grund nicht in Ver­stand oder Ver­nunft son­dern zeigt sich dort lediglich?
(Wir sa­gen ja auch: „Ist doch lo­gisch!“ und mei­nen da­mit, dass et­was für uns nach­voll­zieh­bar ist, was sich ja ir­gend­wie an­fühlt — oh­ne ei­ne Re­gel ei­ner Lo­gik an­ge­wen­det oder ei­nen Syl­lo­gis­mus ge­bil­det zu haben.)