Mensch sein ist ein anthropologisches Projekt. Mensch werden ein humanistisches.
Autor: Volker Homann
Nicht nur an die Politik
Lasst die Mitte leer! In ihr entspringt ein Fluss. Besetzt ihr diese Quelle, verriegelt und versiegelt ihr des Lebens Born: Das Veränderungspotential, das aus der Differenz sich erhebt.
Zwei Jäger treffen sich im Wald
Anmerkungen zu Zorn, Daniel-Pascal: „Shooting Stars“. Philosophie zwischen Pop und Akademie.
Um es vorweg zu nehmen: Der Verfasser dieser Zeilen hier über oder zu o.g. Titel, im folgenden schlicht „ich“, ist auf’s Angenehmste überrascht: Zwei Stunden erhellende Lektüre ohne akademisch-elaboriertes Gerede, sondern luzid und konzis vorgetragene Perspektiven auf das, was als „Populärphilosophie“ und das, was als „akademische Philosophie“ bezeichnet wird. Ein angenehmer Text, der sich vor allen Dingen darin übt, das im Text Geforderte selbst zu erfüllen: Voraussetzungen zu klären. Und das weder in simplifizierender populistischer Manier noch in verkomplizierender Elitär-Attitüde. Sondern in der Anstrengung, leicht und dennoch präzise darzulegen, um was es (eigentlich) geht. Oder gehen sollte.
Auf eine Inhaltsangabe sei hier verzichtet und die daran Interessierten aufgefordert, selbst zu einem Urteil zu gelangen, ist denn ein solches gesucht. Und eine Zusammenfassung einer Zusammenfassung hat noch nie zu etwas Besserem geführt. Dieser, mein Beitrag will sich ein wenig mit dem Gelesenen beschäftigen, frei von und frei zu; und vor allen Dingen einmal beleuchten, wie es im Lichte der Überlegungen Zorns um das steht, was als „Philosophische Praxis“ allenthalben kursiert. Kurz draufleuchten, wir sind ja im Internet.
Vorneweg ist festzustellen und das „ich“ bzw. das fehlende Heidegger’sche „man“, in diesem Beitrag hier auch zu begründen: D I E Philosophische Praxis gibt es genauso wenig wie D I E philosophische Praxis oder D I E Philosophie: (»Was ›die Philosophie‹ ist, ist ein philosophisches Problem.« (S. 11)). Der Beitrag ist also ein rein subjektiver und erhebt keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit.
Das Wahre findet sich in der Differenz zu etwas Anderem, nicht in sich selbst. Deshalb ist die gegenseitige Oppositionalisierung von Populärphilosophie und akademischer Philosophie auch so wichtig und hilfreich, um herauszustellen, worum es Philosophie als solcher, unabhängig ihrer Erscheinungsformen, geht oder zumindest gehen soll oder auch sollte. Freilich ginge das wohl auch anders, ein Winkel zwischen den Positionen reicht ja auch schon aus, um eine Sache von mindestens zwei Perspektiven aus zu betrachten. 180° sind auch machbar. „Schau mir in die Augen, Kleines.“
Wer schreibt hier? Das ist unter Umständen wichtig, um den Beitrag einordnen zu können. Ich habe weder ein ‚anständiges‘ Philosophiestudium noch ziert meinen Namen ein akademischer Doktor-Grad oder überhaupt irgendeine akademische Auszeichnung. Mich hat neben einem ‚gefühlten Philosophen in mir‘, dessen akademisches Existenzrecht die Lebensumstände verunmöglicht haben, in der Tat Prechts Buch »Wer bin ich…« und die darauf folgende Lektüre von Ernst Tugendhat, und im folgenden dann Häppchenweise Hegel, Kant, Blumenberg, … bis hin zu ‚meinem‘ Philosophen, einem Bruder im Geiste, einem Seelenverwandten, wie mich deucht, Ludwig Wittgenstein geführt. Die intensive Lektüre seines Denkens und Lebens beginne ich nun und bin damit mindestens die nächsten 2 – 3 Jahre beschäftigt, wenn nicht gar noch viel, viel länger — habe ich doch mit diesem Philosophen meinen ‚archimedischen Punkt‘ im Philosophieuniversum entdeckt. Und im Zuge dieser Entwicklung nutze ich seit 2015 die Möglichkeit, als Gasthörer am Institut für Philosophie der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau weilen zu dürfen (Werbeblock: Ende).
Ich bin nun also durchaus ein Vertreter jener Spezies, die im Buch auf S. 39 genannt wird. Das mag nun viele Leser/innen verscheuchen, denn was will so einer schon sagen können, zumal über das höchste Gut menschlichen Geistes, das Philosophische? Das sollte doch dann denen überlassen werden, die das studiert haben und sich akademisch und/oder publizistisch nach einschlägigem Studium dazu äußern, die also wissen, wovon sie sprechen. Nun denn, Adieu, Danke für den Fisch und macht’s gut. (Ach so, eins noch: Richard David Precht hat Germanistik studiert.)
Meine private philosophische Praxis und auch meine kommerzielle Philosophische Praxis (p und P im Adjektiv zeigen die Differenz an) findet sich in Zorns Essay auf Seite 98:
Philosophie als Aufmerksamkeit, als Praxis, als eine Weise des Denkens, die das Denken anderer und das eigene Denken radikal hinterfragt, ohne sich zu verlieren und von diesem Punkt aus alles zu gewinnen, was die Welt und die Philosophie sein kann – das wäre eine Möglichkeit.
Nun, Herr Zorn, das wäre nicht nur eine Möglichkeit, das ist eine Möglichkeit. Dass diese Möglichkeit nicht von Marktregeln oder Ausbildungsregeln abhängt, dafür reichen diese Zeilen hier wünschenswerterweise hin. Besser lässt sich mein Anspruch an meine persönliche Haltung, als auch an meine berufliche Tätigkeit nicht in Worte fassen, zumindest vorläufig. (Ich weiß nämlich nicht, wie oft ich den Satz schon gesagt habe. Doch seit Karl Popper ist ja allgemeinhin bekannt, dass Wissen immer die Eigenschaft der Vorläufigkeit hat.)
So habe ich mir auch S. 10 markiert:
Und nur wenn sie [Populärphilosophie und akademische Philosophie;V.H.] verstehen, dass ›die Philosophie‹ zunächst keine Ansammlung von Weisheiten, Inhalten, Themen und Methoden ist, sondern eine Haltung, eine Praxis und ein aus dieser Haltung entstehendes radikales Problem ihrer Weitergabe, können sie einen Weg finden, der sie von Gegnern zu Partnern werden lässt.
Na, da ist sie, die gute alte Dialektik, die eine dort, der andere genau gegenüber, eine Wahrheit, unabhängig der eigenen Position. Da lässt sich dann immer prächtig streiten und solche Streits folgen nicht, zumindest meiner Alltagserfahrung nach, einem Spiel von These und Antithese, zu einer Synthese führend, diese zeitigend, sondern zu zwei Bollwerken, die die jeweilig eigene Position als die richtigere gegenüber der anderen (a) anpreisen und (b) zu rechtfertigen suchen. Ja, kann so gemacht werden, auch so geht die Zeit ’rum.
Da ziemt sich’s schon gescheiter, die beiden Positionen einmal als Extreme zu verstehen und nach einer aristotelischen, balancierenden Mitte zu suchen. Zorns Text kommt mir so daher, als versuche er sich genau in dieser Weisheit. Nicht ungelungen, aber das deutete ich bereits an.
Sehr dankbar bin ich dem Autor Zorn um Seite 41 (Was da steht, sollte eigentlich, will nicht in Panik verfallen sein, auf Seite 42 stehen):
Viel interessanter ist, dass die Populärphilosophie das, was sie auf einer tieferen Ebene in Frage stellt, also das Selbstverständliche und sicher Geglaubte, auf einer höheren Ebene selbst wieder installiert. […] In genau dieser Hinsicht besitzt die Populärphilosophie eine ideologische Funktion. […] Wenn Populärphilosophie so argumentiert, dann ist sie Opium fürs Volk.
Das Zitat ist nun arg fragmentiert, aber das hier will auch keine kritische Auseinandersetzung sein. Doch was in den dargelegten Textstellen dieser Passage für mich zum Ausdruck kommt, ist genau das, was ich mittlerweile an der Populärphilosophie, an einigen Vertreter/innen eben dieser, präzise gesagt, kritisiere: Da geht es nicht mehr um das, was ich unter ‚philosophieren‘ subsummiere. Da geht es nicht darum, eine Frage so präzise zu stellen, also so lange an ihr zu arbeiten, dass sie bereits auf die Antwort verweist und diese gleichsam notwendigerweise gebiert, sondern darum, bequeme Antworten zu liefern und diese irgendwie aus der philosophischen Historie heraus zu begründen (Was, so scheint mir, bei mit philosophischer Literatur Unvertrauten, ein allzu leichtes Spiel ist). Das mag in der Rezeptkultur, in der ich Deutschland seit Helmut Kohl wähne, angehen und en vogue sein. Doch für mich ist das keine Philosophie, sondern Sophisterei, im schlimmsten Falle: Religion. Was nun allerdings nicht heißt, diese zu verurteilen. Glücksratgeber und Weisheitslehren erfüllen alle ihren lebenspraktischen Sinn und Zweck und daran ist auch gar nichts zu bemängeln. Nur sollte das dann selbst, allein der Redlichkeit wegen, den Anspruch an etwas philosophisches zumindest mit einem großen Fragezeichen schmücken.
Eine andere Stelle, neben den vielen anderen, die ich mir markiert habe, auf S. 51:
Was aber wird hier [die Rede ist von Platon und die Aufhebung von Selbstverständlichkeiten;V.H.] lehrbar gemacht? Kein Wissen, keine positiven Bestimmungen, sondern eine bestimmte Art und Weise des Fragens, des Antwortens, des Zeigens. Und dieses Zeigen hat stets damit zu tun, dass man das, was gesagt wird, auf das bezieht, wie es gesagt wird. Deswegen kann das Zeigen eine Lehre sein, auch dann, wenn es selbst, als zeigen, nie angesprochen wird.
Das könnte fast von Ludwig Wittgenstein stammen. Oder von einem Zen-Meister.
An späterer Stelle im temporalen Erleben des Essays wird häufig das Wort „Ausbildung“ im Kontext des Lehrens der Philosophie gebraucht. Das hätte ich gerne in einer zweiten Auflage durch die Streichung der Silbe „Aus“ aktualisiert. Auf S. 69 wird Kant herangezogen und mit
›unter allen Vernunftwissenschaften […] niemals […] Philosophie (es sei denn historisch), sondern, was
die Vernunft betrifft, höchstens nur philosphieren lernen‹
zitiert. Nun, eben: philosophieren lernen — nicht lehren. Ich habe im Rahmen meiner Gasthörerschaft an der hiesigen Universität ziemlich schnell spitzgekriegt, dass es ein Studium der Philosophie eigentlich (außer eben historisch) nicht gibt, sondern ich in einem solchen Studium das Studium von Philosophien übe und so das eigene Philosophieren schärfe, wie des Messers Tugend am Wetzstein erfrischt wird. Deshalb erscheint mir auch die Rede von einer Ausbildung unsinnig: Ich wüsste nicht, wie mir vernünftigerweise gezeigt werden könnte, dass ein Philosophiestudium jemand zur/m Philosoph/in macht — dann müsste ein Kunststudium auch jede/n zum Künstler oder zur Künstlerin machen können.
Doch solche Studiengänge vermitteln eben nicht ein Wissen wie es z.B. der Maschinenbau tut. Sondern sie bilden das, geben dem eine Form, was schon da ist. (Oder, ja, auch das Bild eines Steinmetzes (w/d/m) hat eine Resonanz: das weghauen, was überflüssig ist. Also die Flausen im Kopf verdampfen lassen.) Deswegen bitte keine Rede mehr von einer Philosophen-Ausbildung, sondern nur noch von der Philosoph/innen-Bildung. So kann sich das auch frei machen von einer akademischen Vereinnahmung und das, was als Denken zu gelten hat, auf den Kreis Universitätsangehöriger einengen. „Naturgemäß“ finden sich an der Universität viele Philosoph/innen. Zumeist die, die es geschafft haben, ihr Taxi gewinnbringend zu verkaufen.
Die letzten beiden Kapitel des Essays, »Was ist gute akademische Philosophie« und »Was ist gute Populärphilosophie« finde ich äußerst gelungen. Im Kapitel über gute Akademie spricht Zorn von dem Gemeinsamen vielfältiger akademischer Philosophie-Perspektiven: das kritische In-Frage-Stellen, das Mit-Gründen-Rechtfertigen und die radikale Kritik (S. 92f). In drei Worten von mir: Skepsis, Skepsis, Skepsis. Und diese Skepsis nun ist genau die »philosophische Aufmerksamkeit« (S. 93). Und zu der kann nicht ausgebildet, sondern, m.b.M.n., sich nur selbst herausgebildet werden. Denn da steckt ein Wagnis dahinter: Das Wagnis, nachher anderer Meinung sein zu müssen als vorher, und das der eigenen Argumente vor sich selbst wegen. Da mag das Geburtstagskind des Jahres, Jürgen Habermas, mit seinem zwanglosen Zwang des besseren Argumentes, durchscheinen.
Und gute Akademie ist in der Tat ein guter Ort für diese Übung der eigenen Bildung, sei sie dann durch akademische Weihen abgesegnet oder nicht. Sicherlich ist die Universität nicht der einzige Ort in einer als Bildungslandschaft aufgefassten Welt, wo dies möglich ist. Wer in einem Handwerk oder einem anderen nicht-akademischen Métier an eine/n guten Meister oder Meisterin gerät, mag zur selben Einsicht gelangen. Doch ich fürchte, solche Beispiele bester Lehre sind im Handwerk wie an der Universität und auch anderorts nicht in dem Maße vertreten, wie es wohl wünschenswert wäre. Sonst gäbe es womöglich die Kluft zwischen akademischer und populärer Philosophie überhaupt nicht und beide würden sich als Formen geistiger Tätigkeit auffassen können, keiner besser oder schlechter als der andere. Nur eben: Anders. Wie gesagt, die Wahrheit findet sich in der Differenz zu anderen, und nicht in den Sachen selbst. Was noch lange keine bipolare, oder, wir leben ja in Zeiten künstlicher Intelligenz, binäre „Dialektik“ erzwingt.
Das große Plus, und da stimme ich Zorn aus eigener Empirie voll und ganz zu, ist die Freiheit von »Zwänge[n] der Forschung«, die sich Populärphilosophie nimmt (S. 95), nehmen kann und ich möchte sagen: sogar nehmen soll. Und Zorn nennt auf S. 97 einen weiteren Punkt, in dem ich ihm unumwunden beipflichten möchte:
Sie [die Populärphilosopie;V.H.] wäre [mit einem realistischen Anspruch;V.H.] nicht mehr die populäre Version der akademischen Philosophie oder einer akademischen Tradition.
Genau diesen Eindruck gewinne ich oft bei der Populärphilosophie: Statt als eigenes philosophisches Genre neben der akademischen Philosophie in Erscheinung zu treten, übt sie sich (also einige ihrer Vertreter/innen) irgendwie verschämt darin, als „Akademie light“ aufzuwarten und sich als besonders effizient gegen die akademische Philosophie zu verkaufen (man kaufe nur ein einziges Buch und spare sich Jahre, ja immerwährendes Studium und wisse so also letztgültig „Bescheid“ (vgl. S. 211⇣Eine gute Übersicht bietet übrigens Störig, H.J.: „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“. Ersetzt kein Vollstudium, verschafft aber … Weiterlesen…). Man könnte den Eindruck gewinnen, sie wetzt sich an der Akademie die Klinge, um sie dann kalt zu machen. (Übersieht dabei aber vielleicht deren dickes Fell.)
Zwei Dinge sind mir noch aufgefallen: Durch das Buch zieht sich eine Frage, die auf S. 33 erstmals gestellt wird:
Wie soll man jemanden das, was er nicht gelernt hat, beibringen, wenn das, was ihm fehlt, die Bedingung dafür ist, dass er es lernen kann?
Die Gegenfrage, die ich da anzubieten hätte, ist: Kann die Bedingung zur Möglichkeit überhaupt gelehrt werden? Oder ist es vielleicht nicht vielmehr so, dass etwas ‚geweckt‘ werden muss? Und eine mögliche Antwort habe ich dann auf S. 53 gefunden, es ist die Überschrift des Kapitels, das dort beginnt:
Die Welt verlieren, um die Welt zu gewinnen
Ich musste bei dieser Überschrift sofort an einen Menschen denken, der, soweit ich weiß, auch keine Philosophie studiert hat, aber zuweilen recht sinnvolle Sätze äußert. Wie z.B. diesen:
Dahin gehen, wo man umkommen kann, um nicht umzukommen.
Diesen Satz kenne ich von Reinhold Messner, seines Zeichens emeritierter Alpineur der ganz heftigen Sorte.
Bei aller Bescheidenheit, zu der ich gute Gründe habe, möchte ich hier nun doch noch auf mein Projekt der Dilettantie hinweisen, die ich auszuarbeiten, na, ich bleibe Wittgenstein treu: zu skizzieren gedenke. Diese Dilettantie soll sich als eine weitere, ernstzunehmende Weise des Philosophischen verstehen und sich in der Philosophischen Praxis etablieren. Nicht unter und nicht über den anderen Weisen, sondern neben ihnen. Oder, die balancierende Mitte noch einmal aufgreifend: Zwischen U‑Philosophie und E‑Philosophie eine P‑Philosophie manifestieren, eine praktizierte Philosophie.
Denn: Sehe ich die akademische Philosophie sich einer Philosophie als Wissenschaft verpflichtet, möchte ich das, was die dilettantische auszeichnet, mit gleichem Ernst und Anspruch, als sich dem Philosophischen im Verständnis einer Kunst zuwendend verstanden wissen.
Gegen eine Einordnung einer solchen dilettantischen Philosophie als Populärphilosophie hätte ich gar nichts einzuwenden. Solange sie von einer dilettantistischen und in meinen Augen damit populistischen Weise der (vermeintlichen) Verphilosophisierung der Welt streng unterschieden, ja, eben: geschieden ist.
Solche Dinge zu wagen, sich der Kritik aussetzbar zu machen, möglichen Schmähungen oder bemitleidenden Äußerungen oder andere Weisen der Abwertung in Kauf zu nehmen, meint »Die Welt verlieren«. Seine Insel der Seeligkeit geschaffen zu haben, nach jahrzehntelangen Aufhäufen von Sand im weiten Meer des Denkens, und diese Insel nun zu bewohnen und zu behaupten, ihr einen denkenden Kopf aufzusetzen, das meint »Welt gewinnen«.
Als ich über Twitter von der Existenz dieses Buches erfuhr, fragte ich den Autor, dass „Philosophische Praxis“ wohl nicht vorkäme, was dieser auch bestätigte. Nun, Herr Zorn, ich wage da zu widersprechen (Vielleicht geht es Ihnen ja wie Kant und sie verstehen sich selber nicht (vgl. S 86f)): Der Essay ist aus meiner Perspektive ein Essay von und über philosophische Praxis, wie ich sie in meiner philosophischen wie Philosophischen Praxis übe, in dem ich es, das Philosophieren, nicht genauso, aber in einem solchen Sinn von »die Philosophie« ausübe.
Zumindest übe ich mich darin.
Lit.:
Zorn, Daniel-Pascal: Shooting Stars.
Klostermann, Frankfurt/Main, 2019.
Zu guter Letzt: Sollten dem/r Leser/in einige Zeilen hier merkwürdig sinnfrei erscheinen: Lesen Sie das Büchlein »Shooting Stars«, dann erhellt sich das schon. Der Seitenhieb mit der 42 und die Sache mit dem Fisch geht natürlich voll und ganz auf das Konto von Douglas Adams. Sollte immer noch etwas unklar sein, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach schlicht um eine ironische Bemerkung. Denn der Humor hat bei allem Ernst auch in der Philosophie seinen Platz, nicht nur als Ironie. Gerade in der dilettantischen. Ein Luxus, den sich diese leisten kann. Denn: Was wäre Philosophie ohne Witz?
| ⇡1 | Eine gute Übersicht bietet übrigens Störig, H.J.: „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“. Ersetzt kein Vollstudium, verschafft aber Orientierung. |
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Was ist Therapie, eigentlich?
Ein Versuch, ein mögliches Missverständnis aufzuklären.
Der diesem Beitrag zugrundeliegende Text beschreibt einige Formen der Philosophischen Praxis und stellt sie in Bezug zur klinischen Praxis. Zunächst soll dieser zusammenfassend dargestellt werden, um danach einen kleinen Einblick in das Fundament der Arbeit in meiner Philosophischen Praxis darzulegen.
Der Artikel nennt drei Formen des Einsatzes der Philosophie im therapeutischen Umfeld. Zunächst wird Wilhelm Schmid angeführt mit seinem Konzept einer philosophischen Seelsorge, in der eine Hermeneutik der Existenz eine zentrale Rolle spielt. Das zweite vorgestellte Konzept ist das einer Klinischen Philosophie, wie es von Martin Poltrum entwickelt wurde. »Das metaphysische Bedürfnis des Menschen« ist hier die Grundidee dahinter. Aber auch Fragen der Ästhetik, der »‚Leistungskraft des Schönen‘«, ist ein Absatz gewidmet. Schließlich mündet diese Form des Philosophie-Einsatzes in ein Konzept, das aus der Positiven Psychologie bekannt ist und die positiven Seiten der menschlichen Existenz in den Blick nimmt.
Schließlich wird als drittes Konzept das der Philosophischen Praxis vorgestellt, wie sie von Gerd B. Achenbach in den 1980er Jahren in Deutschland ins Leben gerufen wurde. Zentraler Begriff seines Konzeptes ist die Lebenskönnerschaft, was vor allen Dingen ein »Aushaltenkönnen des Unverfügbaren« meint. Anders als bei den beiden Ansätzen oben, zielt diese philosophische Praxis also nicht auf Therapie oder Gesundung ab, sondern auf ein zurechtkommen können mit dem Leben, wie es ist — weil darin ein tieferer Sinn geborgen liegt. So wird Eike Brock mit »›Dann zeigt sich, dass die Schwermut einen Sinn hat; und dieser Sinn korreliert mit ihrer Schmerzhaftigkeit: Der Intensität des Schmerzes entspricht die Tiefe des Sinns. Und endlich wirkt der entdeckte bzw. begriffene Sinn wiederum als Balsam auf den Schmerz zurück‹« zitiert.
Es schließen sich kurze Abrisse weiterer Formen der Philosophischen Praxis an. Einleitend dazu wird Karl Jaspers angeführt und ein Hinweis darauf gesetzt, dass Grenzen auch immer etwas Verbindendes haben. Es wird, ohne eine Quelle zu nennen, postuliert, »Für Philosophische Praktiker ist Denken nämlich nicht nur ein Reflexionsorgan, sondern in erster Linie auch ein Wahrnehmungsorgan.« und sodann eine Analogie zur Haut als größtes Wahrnehmungsorgan genannt. Der Hinweis auf den Austausch an Grenzflächen, als Prinzip physiologischer Austauschprozesse, schließt den Absatz, der Medizin mit Philosophie verbindet, ab. (Es sei der Vollständigkeit halber dazu erwähnt, dass Karl Jaspers über die Psychiatrie zur Philosophie kam.)
Als eine Vertreterin dieser Form wird Petra von Morstein genannt. Für ihre Philosophische Praxis ist Verbundenheit die essentielle Basis: »›Ein menschliches Problem ist deshalb niemals nur das Problem des Anderen, sondern immer auch meines‹«. Die Autoren stellen fest: »Als kritische Philosophie ist sie[die Philosophische Praxis der Verbundenheit,V.H.] primär Widerstand gegen die Entfremdung« und Thomas Polednitschek wird mit »›Selbstentfremdung und Weltentfremdung entsprechen sich‹« zitiert. Die treibende Kraft dieser Weise Philosophischer Praxis ist also das »Wider die Selbst- und Weltentfremdung«.
Als weitere Referenz für eine Form Philosophischer Praxis wird, ohne Kolleg/innen zu nennen, der Soziologe Hartmut Rosa und sein Konzept der Resonanz angeführt. »Der p[!;V.H.]hilosophischen Praxis entspricht eine Medizin, die sich als hörende Medizin versteht, welche um die Bedeutung von Resonanzerfahrungen zwischen Patienten und Ärzten weiß.«
Im darauf folgenden Absatz werden die Potenziale Philosophischer Praxis erörtert. Zunächst wird auf die Fähigkeit des Menschen, sich mit dem Ganzen in Beziehung zu setzen hingewiesen und mit »Philosophische Praxis will kranken Menschen helfen, durch Gelassenheit Kraft zu schöpfen.« auf die Gemütsruhe verwiesen. (Eine Tugend der griechischen Stoa und auch im Buddhismus findet sich dieser Ansatz.) Insgesamt zeigt dieser Absatz für den Autor dieses Beitrages hier die Verbundenheit der so verstandenen Philosophischen Praxis mit der christlichen Religion auf und bezieht sich namentlich häufig auf den Philosophen, Theologen, Psychologen, Psychotherapeuten und Philosophischen Praktiker Thomas Polednitschek.
Zum Ende hin wird die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Ärzten und Philosophen kurz mit einem Verweis auf ein mögliches Einsparpotential durch beschleunigte Rehabilitation und der Minderung von Behandlungsbarrieren dargelegt. Das praktische Beispiel im Umgang mit dem Adhärenzproblem (also dem nicht-Befolgen der ärztlichen Anweisungen durch den Patienten) und die abrundenden Bemerkungen »Leider sind bisher keine ausreichenden, evidenzbasierten Daten zu möglichen finanziellen Vor- und Nachteilen des philosophischen Praktizierens im stationären und ambulanten Bereich verfügbar, um das oben genannte Konzept der Philosophischen Praxis zu unterstützen.« und »Erfahrungen klinischer Praxis zeigen, dass Familien während des Krankenhausaufenthaltes am meisten vermisst haben, dass Ärzte und Krankenschwestern nicht genug Zeit hatten, um die Auswirkungen der Krankheit auf ihr Leben zu erklären.« zeigen abschließend auf, »dass Patienten und ihre Familien von dem philosophischen Ansatz profitieren können.«
Soweit der Blick auf den Beitrag »Philosophie als Therapie? – Perspektiven für die medizinische Versorgung« von Jürgen Mannemann und Jochen Ehrich in der »Zeitschrift für medizinische Ethik«, 65. Jg. 2019, Heft 2, S. 129 – 141 (Bezugsquellenlink siehe unten) aus meiner Perspektive.
Mein Ansatz – vielleicht ist eher von einer Gewichtung zu sprechen – der beruflichen Philosophischen Praxis aber auch der privaten philosophischen Praxis hat als archimedischen Punkt die Philosophie des Ludwig Wittgenstein. Nicht nur das philosophische Werk dieses Denkenden, sondern auch der Mensch in seinem Ringen und Denken um und über das Menschsein.
Eine hier relevante Bemerkung – es sei nochmals betont, dass ich bei Wittgenstein nur schwerlich Leben und Werk trennen kann – ist §255 in den Philosophischen Untersuchungen (PU) zu finden:
Der Philosoph behandelt eine Frage; wie eine Krankheit
Man könnte, etwas sehr überpointiert, sagen, dass sich hier wohl das wichtigste Semikolon der gesamten Philosophiegeschichte finden lässt. Denn es steht dort nicht: „Der Philosoph behandelt eine Frage wie eine Krankheit.“
Wir haben es also mit zwei Sätzen zu tun:
„Der Philosoph behandelt eine Frage.“
„Wie eine Krankheit.“
Es liegt nahe, den zweiten Satz zu einem vollständigen Satz zu erweitern:
„Wie ein Arzt eine Krankheit.“
Das Verb beider Sätze ist „behandeln“ und zu einem Satz zusammengefügt kann gelesen werden: „Der Philosoph behandelt eine Frage wie ein Arzt eine Krankheit behandelt.“
Schauen wir uns das Verb „behandelt“ näher an, und gehen zunächst vom Arzt aus. Behandelt ein Arzt oder eine Ärztin einen Patienten, so stehen ihm dafür diverse Methoden zur Verfügung, je nach Diagnose. Diese sind über die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte erprobt, modifiziert, adaptiert und spiegeln den aktuellen Stand medizinischen Wissens, zumindest sollte man davon ausgehen.
Gehen wir von einer kleinen Schnittwunde aus (was nun nicht unbedingt eine Krankheit genannt werden kann, doch zur Illustration soll es zulässig sein). Die Patientin wird durch die Ärztin z.B. wie folgt behandelt: säubern der Wunde; Insichtnahme auf tiefere Verletzungen; wenn solche, Überweisung an entsprechende Stelle; wenn nicht, Desinfizieren der Wunde; auftragen einer heilfördernden Salbe; verbinden der Wunde; positiver Satz zum Abschluss: „Das wird wieder. In zwei Tagen kann der Verband ab.“
Nun ist der Autor dieser Zeilen kein praktizierender Arzt, sondern praktizierender Philosoph, und so kann ich nur wünschen, diesen Algorithmus im wesentlichen korrekt wiedergegeben zu haben. Den Witz, wie ein Philosoph eine solche Wunde behandelt, spare ich mir, der Phantasie der Leserschaft sei da freien Lauf gelassen.
Viel entscheidender ist: Womit hat es ein/e Philosoph/in zu tun? Mit Wittgenstein mit einer Frage. Verstehen wir also nun, um in der eröffneten Analogie zu bleiben, eine Frage als Wunde. Wie sieht nun der Algorithmus der Behandlung aus?
Tja, „es kümmt darauf an…“ (Der aus dem Zusammenhang gerissene Verweis auf Karl Marx sei an dieser Stelle erlaubt.)
Ich kürze ab: Eine Frage ist keine Wunde. Eine Frage verstehe ich als eine Offenheit. Es ist etwas ungeklärt. Unklar. Fragen tun nicht weh und führen auch nicht zum Tode. Dennoch können sie ein Loch reißen in die Wohlgefügtheit unserer Selbstverständlichkeiten. Wie ein Schnitt in die Haut.
Die Behandlung einer Frage durch eine/n Philosophierende/n besteht für mich nun darin, die Unklarheit zu beseitigen. Wenn allerdings die Unklarheit beseitigt ist, was passiert dann mit der Frage? Ja, genau: Sie verschwindet. So schreibt Wittgenstein in §133 der PU:
Denn die Klarheit,
die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das heißt nur, dass die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.
Im gleichen Paragrafen findet sich auch dies:
Es gibt nicht eine Methode der Philosophie, wohl aber gibt es Methoden, gleichsam verschiedene Therapien.
Philosophen heilen nicht; sie begleiten beim Klären.
Das wäre als Credo meiner Philosophischen Praxis über die Eingangstür zu hängen, freilich gleich neben dem „Gnothi seauton“ (Erkenne Dich selbst), dem „Meden agan“ (Nichts im Übermaß) und dem „Ei“ (Du bist).
Heilen denn Ärzte? Oder ist es nicht vielmehr so, dass eine Ärztin sich darin übt, dem Körper eines Patienten ein inneres wie äußeres Umfeld bzw. Infeld zu schaffen, in und mit dem er sich erholen kann, eben: heilen kann? Therapie (im griechischen Ursprung des Wortes bedeutet es „Dienst, Pflege, Heilung“) will philosophisch vielleicht so verstanden werden, als es eben um Bedingungen geht, die zu verändern sind, um dem Körper die besten Möglichkeiten zur Genesung anzubieten, je nach Stand des Wissens. Für die Psychotherapie kann dieses Verständnis auch sinnvoll erscheinen: Nicht der Therapeut heilt, der Patient heilt sich. Die Therapeutin übt sich darin, für diesen Heilungsprozess die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen.
Wie sieht es nun mit dem Therapie-Verständnis in meiner Philosophischen Praxis aus? Nun ist hier freilich ergänzend hinzuzusetzen, dass Wittgenstein von philosophischen Problemen spricht. Und so ist darauf zu achten, dass in einer Philosophischen Praxis ein Problem, eine Frage, zu einem philosophischen Problem, einer philosophischen Frage gemacht wird. Denn hier haben wir es eben nicht mit psychologischen, psychiatrischen, medizinischen, betriebswirtschaftlichen, theologischen… Problemen, also Fragen, zu tun, sondern wollen philosophische Probleme, also Fragen, erörtern: zum Verschwinden bringen.
Doch hier tut sich eine ganz große Frage auf, sozusagen eine unheilbare, klaffende Wunde: Was macht ein Problem philosophisch? Wie mache ich aus einem medizinischen Problem, greifen wir’s viel weiter: einem Lebensproblem, eine philosophische Frage? Wenn ich Fragen nach dem Lebensvollzug stelle, sind wir vielleicht viel näher an etwas wie Religion als an Philosophie – auch wenn die Frage des gelingenden Lebens bereits bei Sokrates eine philosophische war. Doch das waren andere Zeiten.
Wittgensteins Werk, soweit von mir rezipiert, gelesen und verstanden, ist ein Ringen um und mit der Klarheit. Immer wieder geht es darum, Klarheit zu schaffen. Und ich denke, aus meinem Zugang heraus, auch Wittgenstein selbst lag es an einer Klarheit sich selbst gegenüber, um ein anständiger Mensch sein zu können.
Und so kann ich sagen: Wie wir nur Freunde der Weisheit sein können, eben Phil-o-soph/innen, können wir auch nur Freunde der Klarheit sein. Phil-o-saph/innen (aus σαφήνεια, sapheneia: „Klarheit, Deutlichkeit“ [Pape 1880]). Ein/e solche/r übt sich in enargeia, «ἐν-άργεια, ἡ, Klarheit, Deutlichkeit, lebendige Darstellung von Etwas, so daß man es deutlich vor Augen zu sehen glaubt« [ebd.].
Diese Deutlichkeit, Klarheit hat auch in der Philosophie einen Fachwort: Evidenz.
Und diese Haltung mache ich mir zu eigen, wenn ich in meiner Philosophischen Praxis tätig bin. Ich heile nicht, denn ich glaube nicht, dass Philosophie heilen kann. Ich kläre nicht, denn ich glaube, dass Klarheit stets nur durch ein Subjekt in der Weise produziert werden kann und wird, wie es für eben dieses Individuum in jener Situation, diesem Sachverhalt, zuträglich ist.
Alles, was ich tue, worin ich mich übe, ist, dabei zu unterstützen, einen „Raum“, eine „Praxis“, ein „Labor“ zu eröffnen, in dem diese Klarheit zugegen sein darf. In dem ein Problem verschwunden sein darf. Und ein Blick darauf erhascht werden kann, was das wohl für das eigene und das Leben anderer bedeuten könnte.
Was es für einen Unterschied macht, ohne ein Problem zu sein. Ob es sinnvoll ist.
Vom Wesen {p|P}hilosophischer Praxis
Aus gegebenen Anlass: Eine Einlassung.
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den unten verlinkten Artikel »Therapie durch Philosophie« in DIE ZEIT №24 vom 6. Juni 2019.
Als einer derjenigen, die seit geraumer Zeit eine Philosophische Praxis (PP) führen, kann ich den Artikel nicht unkommentiert lassen. Zu undefiniert ist das Berufsfeld, als dass eine einzelne Sicht das Feld dominieren könnte und somit die Deutungshoheit über einen im Grunde nicht klärbaren Begriff Philosophischer Praxis allein einigen wenigen überlassen wird.
Der Text erscheint mir tendenziös, zu einer „Business-PP“ hin. Dieses Feld wird allerdings bereits durch die Personal- & Organisationsentwicklung (PE/OE) bespielt, wozu es auch zahlreiche Qualifizierungen auf privatwirtschaftlicher wie universitärer Basis gibt. Der Text beschreibt in weiten Teilen die Tätigkeit eines wirtschaftlichen Akteurs mit absolvierten Philosophiestudium, der im Geschäftsbereich PE/OE in Unternehmen zum Einsatz kommt. Einem Bereich, in dem überwiegend Psychologen, aber auch Theologen, Philosophen und andere Geisteswissenschaftler tätig sind.
PP als eine ‚andere‘ PE/OE hinzustellen, ist unsinnig; denn das eröffnet eine unnötige und völlig überflüssige Konkurrenz in einem Feld, das für viele Geisteswissenschaftler/innen als anregendes Betätigungsfeld innerhalb von Unternehmen mit lukrativen Gehaltsstrukturen angesehen werden kann.
Als einer derjenigen, die eine Philosophische Praxis führen, vertrete ich eine Position, nach der sich PP immer an den einzelnen Menschen wenden sollte, nicht an Rollen in Unternehmen, die durch Menschen erfüllt werden. Beratungen der Rollen oder gar ganzer Unternehmen möchte ich von einer Philosophischen Praxis, wie sie wohl ein Gerd Achenbach 1981 mit der Eröffnung der ersten Philosophischen Praxis in Deutschland angedacht hat, differenzieren.
Nun kann allerdings jeder Einsatz der Philosophie als Mittel eben als eine philosophische Praxis angesehen werden. So kann beispielsweise von einer akademischen philosophischen Praxis, einer kommerziellen philosophischen Praxis und einer privaten philosophischen Praxis gesprochen werden. Alle drei Formen von philosophischen Praktiken Philosophischer Praxis streben freilich an, durch die Ausübung von Tätigkeiten mit philosophischem Bezug gut leben zu können, sind also in diesem Sinnen alle kommerziell. Der Terminus „kommerzielle philosophische Praxis“ soll in dieser Aufzählung schlicht den Einsatz philosophischen Wissens im Bereich der PE/OE abbilden.
Im Text erkenne ich im weiteren eine starke Betonung eines international ausgerichteten Neoliberalismus und das erweckt bei mir den Eindruck eines Rekrutierungstextes – er soll verführen, dieser Text. Dazu verführen, einen Bildungsgang oder Postgraduieren-Studiengang zu belegen und sich als Philosophischer Praktiker zu qualifizieren, damit man im globalen Business zukunftsträchtig und nachhaltig auch als Geisteswissenschaftler/in mitspielen kann und nicht abgehängt wird.
Werbetexte kommen so daher, das ist völlig normal.
Des Weiteren regt mich der Text dazu an, strikt zwischen ‚philosophischem Wissen‘ (hier: als der Umstand des Kennens von Philosophien und deren instrumenteller Einsatz) und ‚Weisheit‘ (hier: die Tätigkeit des Philosophierens als solcher) zu unterscheiden.
Objektive Analyse
Soweit das qualitative, subjektive Fazit. Wie sieht es quantitativ, objektiv aus? Die vorgenommene Objektivierung ist freilich durch ein Subjekt erfolgt und gestaltet sich methodisch derart, dass der Online-Text absatzweise in fünf Themenbereiche aufgeschlüsselt wurde und in diesen Bereichen eine Wortzählung vorgenommen wurde. Auf Grundlage dieser Methode zeigt die vorgenommene Einordnung in die Themenbereiche I‑V ein anderes Bild: PP im Allgemeinen liegt bei 23%, PP im privaten Kontext bei 39%, PP im geschäftlichen Kontext zeigt „nur“ 27%, so der Mischbereich IV hälftig aufgeteilt wird. Der Text ist gerahmt von 11% allgemeinen Text, der nicht direkt zu einem Thema zugeordnet wurde (Einleitung/Schluss).
Es zeigt sich also hier ein durchaus ausgewogener Inhalt, sogar mit einer Tendenz zur privaten philosophischen Praxis – ein/e andere/r Leser/in kann also wohl durchaus auch einen anderen Eindruck des Textes erhalten als der Autor dieses Resümees subjektiv als Lektüreerlebnis erfahren hat.
Kommentierung aus Sicht eines weiteren Akteurs
Für das Folgende gilt, und dies kann nicht oft genug betont werden: Es ist mein Verständnis Philosophischer Praxis, nicht eine Beschreibung der Philosophischen Praxis. Die gibt es m.b.M.n. nicht, sie kann es nicht geben und das ist auch gut so. Denn genau das macht diese Arbeit philosophisch: Das Verhalten müssen zu etwas Unverfügbaren, Unbestimmbaren, Unklarem.
Was der Artikel – dessen Existenz grundsätzlich erfreulich ist, vermag er doch PP in’s öffentliche Gespräch zu bringen – nicht ahnen lässt: Das Führen einer Philosophischen Praxis ist eine recht individuelle Angelegenheit und ich vertrete hier meine Ansicht, dass es keine Ausbildung zum/r ‚Philosophischen Praktiker/in‘ geben kann: Die Bildung eines Menschen beginnt nicht erst in der Schule und hört gewiss nicht mit einem Titel, ‚Abschluss‘ auf. Philosophische Praxis ist auch für die diesen Beruf ausübenden ein ständiges Einlassen darauf, nachher möglicherweise anders zu denken als man es noch vorhin tat. Philosophische Praxis in diesem Verständnis ausgeübt, ist eine Wechselwirkung der Bildung zwischen Gast und Praktiker/in. Das darf nie vergessen werden, geht es an’s Eingemachte und damit die Sache des Geldes. Ein PP ist immer auch Profiteur seiner Beratungen.
Hier kann nun die Frage aufgeworfen werden: „Wenn dem so ist, wieso sollte ich als Gast denn dann zahlen? Im Grunde hat der PP mich zu bezahlen!“
Nun, diese Haltung mag gerade bei einem „weichen“ Angebot wie PP, die kein Produkt verkauft, sondern einen Prozess begleitet, verführerisch sein. Gab und gibt es denn nicht die Priester und Pastor/innen, die für diese Tätigkeit in gleicher Weise geeignet sind. Die kosten ja auch nichts!
Verkannt wird hierbei, das diese Theolog/innen über eine Kirche bezahlt werden, die ihre Einnahmen, mit denen sie ihre Angestellten bezahlt, auch aus Steuergeldern gestaltet. Es ist also keineswegs so, dass es nichts kosten würde – der monetäre Beitrag verschwindet nur in einem Konvolut allgemein geleisteter Beiträge.
Als letztes Argument: Wenn Sie, werte/r Leser/in dieser Zeilen, sich über den geringen Zug im Kamin beklagen und den Kaminfeger holen, können Sie ja nun schlecht zu ihr/ihm sagen: „Durch diesen Auftrag lernen Sie ja was dazu! Also haben sie mich zu bezahlen!“ Jede Arbeit, ja: jedwede Tätigkeit, die wir verrichten, erweitert unseren Erfahrungshorizont. In einer idealen Welt zahlte der Eine der Anderen und umgekehrt, die gegenseitig gestellten Rechnungen gehen letztlich in Null auf. In unserer realen Welt mit ihrem Geldfluss bekommen Sie, werte Kund(ig)en (w/d/m), von einer anderen Seite ihr Geld für ihre Arbeit, an und mit der sie wachsen.
Das Thema Geld und damit letztlich „leben können von PP“ ist bei weitem nicht so einfach, wie der Artikel es der einen oder dem anderen vermitteln könnte. Es ist noch viel Öffentlichkeits– und kollegiale Klärungsarbeit von allen Akteuren gefragt, bis PP den Rang nicht einer alternativen Therapie, sondern einer Alternative zur Therapie (Thomas Polednitschek) erlangt hat und soviel Akzeptanz und Interesse erfährt, dass mit der Eröffnung einer Praxis ein gutes Leben geführt werden kann und dieser Sachverhalt keine Ausnahme mehr darstellt. Zumindest was die materielle, also monetäre, Seite der Lebensführung angeht. Sich derzeit auf PP einzulassen bedeutet, Pionierarbeit zu leisten. Mit allen Risiken, die damit verbunden sind. Das sollte stets bedacht und einkalkuliert werden, entscheidet man sich für den Beruf einer/s philosophisch Praktizierenden, praktizierenden Philosophen/in, Philosophischen Praktikers/in und geht nicht nur einer Berufung nach. Aus meiner Sicht empfiehlt es sich derzeit, für das nötige Auskommen gesorgt zu haben (z.B. in Form eines Teilzeit-Nebenberufes).
Auf der ideellen Seite übe ich mich mit philosophischer Praxis darin, mein Leben gut zu führen, denn wie nicht nur Arnold Gehlen, seines Zeichens ein Vertreter der Philosophischen Anthropologie, anführte, haben Tiere ein Leben, Menschen aber eines zu führen. Die reflektierten Erfahrungen, also die Ein‑, An- und Umsichten, die ich in dieser meiner so philosophischen Arbeit generiere, gebe ich an meine Kunden – die für mich stets Kundige in eigener Sache sind – weiter und stelle sie in meiner Philosophischen Praxis als Referenz für das eigene Denken zur Verfügung. Und zwar live: Von Angesicht zu Angesicht.
Die Grundlage meiner Beratungen – Beratung meint hier nicht Rat geben, sondern die gemeinsame Beratung eines Sachverhaltes – in philosophischer Praxis, also in einer philosophischen Art & Weise, bilden die eigenen Lebenserfahrungen, die Lektüre philosophischer Texte jedweder Couleur sowie ein unbedingter Wille, größtmögliche Klarheit in Sachverhalte zu bringen. Ein durchaus schwieriges Unterfangen, an das sich nicht nur ein Ludwig Wittgenstein herangewagt hat. Als Denker/in steht man immer auf den Schultern größerer Köpfe. (Zuweilen auch viel größerer. Zwergenhaftigkeit darf eine/n Intellektuelle/n nicht abschrecken.)
Was meine Kundschaft mit dieser Klarheit dann macht, ob sie sie therapeutisch nutzt, nutzt, um Ziele zu erreichen oder sich damit tröstet, obliegt nicht mehr meiner Verantwortung. So ist eine Erwartung, in meine Praxis zur Beratung
zu kommen und mit einer Antwort nach Hause zu gehen, die unpassende.
Die Frage sollte klarer geworden sein. Dann habe ich meine Kundigkeit meinem Kunden weitergegeben. Und dafür, und vor allen Dingen für die Zeit, die ich gegeben habe, werde ich honoriert.
Konserve Innovation oder doch innovative Konserve?
Ein Gedanke zur Differenz, nicht nur der des politischen rechts und links.
Konservativität (nicht nur politisch „rechte“) ist ein erforderlicher Part zu einer Innovativität (nicht nur politisch „linke“), so der Grundgedanke: Das Rad, das sich zu schnell dreht, reißt auseinander, jenes, das sich zu langsam dreht, kann sich in seinem Lauf nicht stabilisieren; dieses, das sich in gleicher Geschwindigkeit dreht, ist monoton, und eines, das sich gar nicht bewegt, ist monolithisch.
Um das Gleichgewicht beim Fahrrad fahren zu erlangen braucht es eine gewisse Geschwindigkeit, doch wird’s zu schnell, verliert sich die Kontrolle (freilich ist dieses „zu schnell“ relativ und eine Frage der Technik und des Könnens). Einem oder einer überwiegend „Linken“ ‑und im hier dargelegten Sinn also einer oder einem, der oder die in der Wahl die Innovation der Konservierung im Allgemeinen vorzieht- kann fassbar werden, dass die konservative Haltung kein Feind der Innovation ist, sondern deren zuweilen notwendiger und hilfreicher Bremsschuh. Und einer oder einem überwiegend „Rechten“ ist dagegen klar zu machen, dass das Innovative (und damit noch ungewohnte) nicht zwangsläufig eine Aushöhlung und Verwerfung des Bestehenden bedeutet, sondern den Stoff liefert, das Bestehende zu überdenken. Wie wiederum das Althergebrachte den Grund liefert, das neu Hinzukommende in Frage zu stellen. Wichtig ist im Kern des Gedankens nur, dass nicht versucht wird, die Kraft, die aus einer Differenz wie der von Konservativ und Innovativ ins Fließen kommt und letztlich im Weltenwandel wahrnehmbar wird, in einer „Mitte“ – und schon gar nicht in einer autoritären, die auf’s Erste gar nicht als „Mitte“ erkennbar ist, zeigt sie sich doch als ein „höchstes Zentrum“ – einzupferchen, sie „beherrschen“ zu wollen ohne sie zum Erliegen zu bringen.
In der Physik mag so etwas angehen und der Menschheit irgendwann vielleicht einmal nie versiegende Energie, Warp-Antrieb und womöglich gar Weltfrieden liefern. In einer Gesellschaft ist es reinstes, tödlichstes Gift. Das Menschliche und mithin Politische ist gänzlich unphysikalisch und unmathematisch, ja, es entzieht sich zuweilen sogar der Logik, mögen auch errechnete Modelle das Menschliche berechnen und dieses hin und wieder, jedoch wohl eher kontingent, erklärbar oder zumindest durchschaubar machen.
Was sich zusammen in der „Mitte“ vereinigt oder sich – ob allein oder nicht – auf die „Spitze des Zentrums“ stellt und so die Differenz aufzuheben versucht, kann sich nicht im Differenzieren üben, sondern ist zur Verwaltung der Extremen verdammt. Extreme, die sie durch einen Zusammenschluss, technisch verstanden vielleicht ein Kurzschluss (im politischen Alltag auch eine Koalition des angeblich Konservativen mit dem angeblich Innovativen), selbst erzeugt hat und sich so einer demokratischen Illusion real existierender Opposition hingeben kann. Provokant und polemisch formuliert: Was alle Differenzen in Kompromissen oder alternativlosen Kompressen aufheben will, ist wohl als ‚lupenrein Demokratisches‘ zu bezeichnen. Oder die Differenzen gibt es gar nicht. Doch die Aufhebung aller Differenz obliegt alleinig dem Tod.
Die Lebenden haben sich dazu zu verhalten. Und nicht nur das Leben findet immer einen Weg, eine Differenz zu generieren. Je schwächer die Kraft, desto mächtiger die Energie zur Generierung von Differenz, bis hin zur Gewalt. Denn der Kraft Natur ist das Wirken, das durch Wandel die Energie erzeugt, die die Kraft zum Wirken braucht. Und die kreative Kraft kann schon von einer kleinen Differenz ausgehen. Nicht nur Geburten von Lebewesen sind wohl ein guter Beleg dafür. Das Leben selbst hat seinen Grund womöglich in einer klitzekleinen, aber unüberwindlichen, unvereinbaren, unaufhebbaren Differenz – und nicht in einem sich gegenseitig aufheben wollenden Gegenteil.
Die Mitte
Anmerkung zu Giovanni Di Lorenzos Artikel „Wer reanimiert die Mitte?“ | ZEIT № 9/2018 (Print)
Erst wo ein links und rechts ‑oder, unpolitisch: oben und unten, vorne und hinten, vorher und nachher- kann es überhaupt eine Mitte geben. Fallen rechts und links ineinander, verschwindet nicht nur der Deutschen liebstes, wohl nicht nur politisches Kind: Die beruhigte und beruhigende Mitte. Normal, halt.
Das Fundament der Demokratie ist nicht die Mitte, es ist die Wechselwirkung von Position und Opposition, die eine Mitte eben überhaupt erst entstehen lässt.
Die AfD ist keine Opposition, sie ist ein Symptom einer lädierten Demokratie. Zumindest jedoch eines demokratischen Un‑, Miss- oder auch Alternativverständnisses — wie es die Umfragewerte der SPD wohl auch indizieren mögen. Ramponiert, weil CDU&CSU&SPD ‑oder sollte man sagen: die CSPU- in der behaglichen und bequemen Mitte sein und aus ihr heraus unbehelligt regieren will — statt diese für die Bürgerschaft zu eröffnen, für die es wohl ein Sehnsuchtsort ist. So wie jetzt und in den letzten Jahren wird sie, die Mitte, durch die Weise der Politik besetzt. Sie wird in ihrer vermittelnden Funktion im Spiel der Vektoren demokratischer Kraft ‑oder, allgemeiner: der Kraft des Wandels, womit und wodurch sie ihren Weg findet- blockiert.
Die Mitte gehört der Bürgerschaft, nicht der Politik, und sie ist allein durch die Bürgerschaft vertretbar: Tätige Demokratie.
Also schafft sich die Wählerschaft ‑zumindest versucht sie sich darin und sieht dabei leider viel zu kurz- durch die Wahl von Extremen wieder eine Mitte, erobert sie sich zurück. In der sie sich wohl fühlen kann, während um dieses Auge der Sturm aus These und Antithese, aus Position und Opposition, aus öffentlicher Diskussion, parlamentarischer Debatte, medialem Diskurs über Für und Wider fegt und das Land und dessen Gesellschaft wie auch die ‑nicht nur politische- Kultur mit sich nimmt, sie entwickelt und entfaltet.
Die Metapher des ziehenden Sturms zeigt auch: Die Mitte ist eine Sphäre, die sich bewegt und deren Kurs sich ergibt. So dieser Nexus, dieser Nabel, diese Nabe in Ruhe gelassen wird, nicht besetzt und damit zu kontrollieren versucht wird. Sie leer und damit frei gelassen wird. Sie nicht nach links oder rechts, vorwärts oder rückwärts zu bestimmen versucht wird. Wenn ihr einfach Raum gegeben wird, in dem es sich gut leben lässt, während der Weltenlauf seinen Gang nimmt. Der von einem sicheren Ort aus verfolgt werden kann. Über den sich hie und da aufregt und geärgert werden kann. Sich hin und wieder an ihm erfreut oder er als lächerlich befunden und abgetan werden kann. Über den sich zuweilen auch geängstigt wird. Und der, selten zwar, sogar Mut machen kann.
Der aber nie stillsteht. Wie man selbst in der Mitte nie da bleibt, wo man war. Sondern immer mitgenommen wird vom Rad der Geschichte und Geschichten.
