Die Achtung ehren, auch wenn sich gewehrt wird. Foto: Privat

Das Wehren ehren

Japanische Kampfkunst als Lebenskunst verstehen

Grippewelle und Schneefall haben einige daran gehindert dabei zu sein, beim 9. Philosophischen Zirkus in Landau in der Pfalz. Doch der Gast, Alexander Broll, Kampfkunstlehrer für AiKiDo und DaiToRyu, war zugegen und schilderte, was zu Ehre und Charakter, dem Thema des Abends, aus seiner Sicht beizutragen war.

Ein wichtiger Aspekt, der sich im Laufe des Abends und schon recht früh zeigte, war der, zwischen ‚innerer Ehre‘ und ‚äußerer Ehre‘ zu unterscheiden. Ist die äußere Ehre, oder die äußeren Ehren, das, was wir erhalten können, wenn wir in irgendeiner Weise uns hervorgetan haben, also überdurchschnittliches geleistet haben -was immer dabei der Maßstab sei-, so ist die innere Ehre eine Frage der persönlichen Erfüllung, wie sie sich zum Beispiel mit dem Satz „Es ist mir eine Ehre.“ zum Ausdruck bringt. Freilich, so wurde festgehalten, kann es durchaus sein, das sich das Ehrenvolle nur in den äußeren Ehren erschöpft. Doch wir sollten schauen, dass wir die innere Ehre nicht außer acht lassen und uns bemühen, für sie zu kämpfen.

Womit sich einer weiteren Frage zugewandt wird, die sich auftat: Was ist das eigentlich, ein Kampf? Der Ansicht wurde durchaus zugestimmt, das ein Kampf dadurch gekennzeichnet ist, dass es eine_n Sieger_in gibt. Geht es nicht darum, kann das Wort „Kampf“ in einem weiteren Sinn verstanden werden und verweist so auf eine Art der Arbeit. Sprüche wie „Das Leben ist ein Kampf.“ machen darauf aufmerksam, und manch Eine_r kämpft mit ihrem oder seinem Leben. Aber: Weshalb, besser: Wozu oder wofür sollte mit dem Leben gekämpft und es besiegt werden wollen? Um Macht über den Tod zu erhalten, der einem das Leben schwer macht? Und das am Ende auch noch „ehrenhaft“?

Im Arbeits-Verständnis geht dieses Wort dann auch durchaus mit dem der Kunst zusammen — Kampf-Kunst war nun doch etwas befremdlich und hier sollte wohl in der Tat besser von Kriegskunst gesprochen werden. Das Wort „Krieg“ ist ja nun schwerlich anders zu fassen, als dass es darum geht, zu siegen. Verhaltenskodex und Philosophie des alten japanischen Militäradels, aus dem die Samurai hervorgegangen sind, trägt schließlich auch den Namen Bushidō, „Weg des Kriegers“ — und eben nicht Weg des Kämpfers. Auch der Oberbegriff japanischer Kampfkunstarten, Budō, wird mit „Kriegsweg“ übersetzt. Nun, freilich können „Kampf“ und „Krieg“ als Synonyme verwendet werden. Doch ein Wettkampf ist eben ein Wettkampf und kein Wettkrieg. Also kann offenbar einen Unterschied gemacht werden.

Und schließlich gehört die Arbeit an und mit sich selbst durchaus zu den Dingen, die Kampfkünstler -und wohl auch Kampfsportler, auch wenn der Sieg dort eher im Fokus steht- als ehrenvoll empfinden und womit sich auch der Charakter bilden lässt. Der Ansicht Schopenhauers, nach dem der Charakter eine angeborene Sache sei, wurde dementsprechend auch recht deutlich widersprochen. Offen geblieben ist, was wohl Schopenhauer mit Charakter meinte — vielleicht ja doch das, was wir heute mit dem Wort „Anlagen“ zum Ausdruck bringen. Doch diese wollen eben auch entwickelt sein, im Sinne der zeitgeschichtlichen Werte. Und gestaltet, im Sinne der Selbstehrlichkeit, auch bekannt als: Aufrichtigkeit. Und durchaus auch im körperlichen Sinne: Sportler bringen ja oft körperliche Anlagen mit, die sie für eine Sportart prädestinieren. Doch auch die wollen entwickelt sein. Es könnte dann von „Körpercharakter“ (Charakter stammt aus dem griechischen und bedeutet so viel wie „Prägung“, durchaus im Sinne der Münzprägung mit einem Prägestempel verstanden) gesprochen werden.

Was dann auch eine Frage war, die auftauchte: Inwieweit ist der Ehrbegriff von Werten abhängig, die die Kultur, in die ein Mensch hineingeboren wird, vorgibt? Leicht fand sich Übereinkunft darin, davon auszugehen, dass es einen absoluten Ehrbegriff wohl eher nicht gibt. Vielmehr kann sich Ehre verschafft werden, in dem den gängigen Werten bestmöglichst entsprochen wird. Was also in unserer Kultur zur Ehre gereicht, muss es in einer anderen noch lange nicht tun. Mülltrennung ist da so ein Beispiel. Wir wollen ja bei aller Philosophie nicht den bundesdeutschen Alltag vergessen, nicht wahr. Desgleichen nicht den humanistischen Humor.

Inwieweit es allerdings eine Charakterfrage ist, den Werten auch zu entsprechen, wurde dann auch Thema. Denn zu einem gebildeten Charakter, da zeigte sich durchaus Einigkeit, gehört die Fähigkeit zur kritischen Betrachtung des gesellschaftlichen Wertesystems. Diskutiert wurde dies am Beispiel des biblischen Gebotes, die Eltern zu ehren. Dazu wurde bemerkt, das es sich dabei womöglich um den Umstand handle, dass uns die vorigen Generationen etwas überlassen haben, für das sie zu ehren sind — dieses Gebot also eher im Sinne eines Generationenvertrages zu verstehen ist denn als persönliche Aufforderung, nun unter allen Umständen den eigenen Eltern oder den Älteren überhaupt zu huldigen, mal sehr überspitzt formuliert. Denn nicht nur in Betracht der Nazi-Vergangenheit Deutschlands ist das doch eine Frage des Anstands, die Vorkommnisse dort nicht zur Maßgabe in heutigen Zeiten heranzuziehen. Das hat nichts mehr mit Ehre und Ehrung zu tun, weder innerer noch äußerer. Von Charakter im moralischen guten Sinn ganz zu schweigen.

Was das Augenmerk auf den Zusammenhang von Ehre und Würde richtete. Nicht jede Form der Ehre ist auch eine Würdigung, doch hier treffen eben auch wieder Kulturen aufeinander bzw. richten den Blick gegenseitig auf die je andere. So mag es Kulturen geben, in denen zu Würden und also Ehren gelangt werden kann, indem sich nach unseren Maßstäben nicht gerade würdevoll verhalten wird oder gar die Menschenwürde verletzt wird.

Doch wer definiert denn, was ehrenvoll ist? Die Charta der Menschenrechte spricht, wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auch, von der Würde des Menschen, nicht von dessen Ehre. Wieder wurde klar: Der Ehrbegriff ist eine kulturelle Übereinkunft, wird von den vorhergehenden Generationen vererbt und erfährt im Laufe der Zeit so manchen Wandel. Vielleicht erleben wir ja derzeit, in der die Gesellschaften dieses Globus allenthalben politisch doch sehr ins Nationale rutschen, einen solchen Wandel. Einen reaktionären, rückwärtsgerichteten, gar.

Womit sich der Frage zugewendet wurde, inwieweit der Ehrbegriff zur Manipulation benutzt werden kann? Hier war die Ansicht vertreten, dass es durchaus ein Steuerungsmittel ist, um eine Gesellschaft zu formen. Und auch der Aspekt der Diktatur wurde genannt. Und hier nun entwickelte sich eine rege Diskussion: Ist das nicht eine Charakterfrage, ob eine Person zum/zur Diktator_in wird oder nicht?

So klang der Abend aus, das eine oder andere Gespräch wurde im Nachgang noch vertieft und der Gast hatte noch einige Fragen zur Kampfkunst im Allgemeinen zu beantworten. Doch sollte beim AiKiDo -dort gibt es keine Wettkämpfe- noch von Kampfkunst gesprochen werden? Auch wenn es allemal dazu gereicht, sich Angreifer_innen, die die eigene Ehre beschneiden wollen, den Charakter diffamieren oder einem schlicht ans Leder wollen, zu entledigen und also in einem gewissen Sinne zu besiegen? Denn diese Form der körperlichen Betätigung auf einer Matte in einem Dojō, der Übungshalle, in der ein_e Sensei, ein_e „früher geborene_r“ in einer Kampfkunst unterrichtet, ist ja durchaus auch dazu geeignet, am eigenen Charakter zu arbeiten. Ihn freizulegen oder zu erarbeiten, wie ein Künstler eine Skulptur im Stein freilegt oder eine Plastik erarbeitet. Also könnte doch von Arbeitskunst gesprochen werden.

Oder auch von: Lebenskunst.

Weiteres:
Impulse zum An(-)denken

Dieser Abend erhielt freundliche Unterstützung durch
Weingut Wind, Eschbach

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