G’wiss is’, das nix g’wiss is?
"Sisyphus" von Gerard Van der Leun (CC BY-NC-ND 2.0-Lizenz)

Wenn Du Gott zum Lachen bringen möchtest…

... erzähl’ ihm von Deinen Plänen

Wieder fanden sich Interessierte zum XIV. Philosophischen Zirkus zusammen. Das Thema des Abends lautete „Sinn & Gewissheit“ und als Gast war Christian Hauck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, zugegen.

Ein Ergebnis des Abends zeigte sich in der Einsicht, dass die deutsche Sprache zwar über – im Vergleich zu anderen Sprachen – wenige Wörter verfügt, sich jedoch dadurch auszeichnet, dass die Worte viele Bedeutungen haben können. So auch das Wort „Sinn“. Es steht sowohl für die Rezeptoren eines Lebewesens (z.B. die fünf Sinne des Menschen) als auch für den Sachverhalt, ob ein Satz einen logischen Wert hat oder überhaupt haben kann, ob er eben sinnvoll ist. Das sind nun zwei gänzlich verschiedene Bedeutungen; ein weiterer gesellt sich dazu, wenn wir vom Lebenssinn sprechen.

Eine kleine Diskussion entwickelte sich um die Frage, ob Sinn eine Kategorie der Religion sei. Zumindest für theistische Religionen kann das verneint werden: Ein gläubiger Mensch fragt nicht nach dem Sinn. Für Gläubige ist Sinn gegeben und somit kann dieser nicht Gegenstand einer Frage sein. Anders gewendet: Der Sinn erschöpft sich eben im Glauben. Wer also als Gläubiger nach Sinn fragt, glaubt womöglich nicht richtig. Das mag sich provokant anhören, doch wir wollen es ja philosophisch betrachten, uns also um Wahrheit bemühen. Und um Weisheit.

Womit auch schon ein Verweis auf Gewissheit gesetzt ist. Denn, so wurde gefragt: Ist Gewissheit abgestuft und die höchste, strikte, reinste Form der Gewissheit Wahrheit?

Doch verweilen wir noch etwas beim Sinn. Sinn lässt sich allgemein verstehen als ein „angefüllt sein“. Desweiteren gehen wir davon aus, dass die Welt sinnvoll ist, also mit Sinn angefüllt ist, Sinn sich darin finden lässt. Nun ist es allerdings eben auch so, dass es letztlich der Mensch ist, der Sinn macht. Er produziert Sinn, laufend, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr (in Schaltjahren sogar 366 Tage lang). (Wortspiel für Kenner/innen: Alle Menschen sind Poeten.) Für den Menschen muss die Welt Sinn haben, sonst würde er wohl verrückt werden. Was die Kuh auf der Weide oder den Kater vorm Kamin herzlichst wenig schert. Ja, eben: Sie haben ein Leben und müssen es nicht führen, wie wir Menschen es zu tun haben. Und Sinn ist letztlich, so ist es wohl betrachtbar, ein Mittel zum Zweck der Orientierung. Wir gehen davon aus, dass ein sinnvolles Leben ein gut geführtes Leben ist.

Und aus dieser Perspektive heraus kann gefragt werden: Ist Sinn ein Ziel oder gibt Sinn eine Richtung an? Können wir also je einen Sinn erfüllen (neoliberal gewendet: erfolgreich sein) oder stehen wir doch eher da wie Sisyphos und sind zum Scheitern verurteilt? Was freilich dann das Leben als absurd erscheinen lässt, was ja Albert Camus dargelegt hat. Doch der Sinn des Sisyphos ergibt sich ihm: Denn wenn er den Berg wieder hinuntergeht um sich erneut daran zu machen, den Sinn des Steines und des Berges zu erfüllen und den Stein an den Gipfel zu bringen, in dieser Zeit, während dieser Dauer, ist er: frei. Und wohl damit: glücklich.

Doch: Frei sein heißt scheitern können. Und wir sind, mit Jean Paul Sartre in Worte gefasst, zur Freiheit verurteilt.

Kommen wir zur Gewissheit. Sinnvolle Aussagen, die wir tätigen, liegen im Rahmen von Gewissheiten. Die ganze Mathematik, die wir benutzen um herauszufinden ob wir genügend Geld für den Einkauf auf dem Wochenmarkt in der Tasche haben oder mit der wir zum Mond fliegen, beruht auf Axiomen. Grundsätzen, die innerhalb der Mathematik nicht weiter begründet werden. Es sind Gewissheiten: 1+1=2 und 2×2=4 sind Formeln, die diese Gewissheiten illustrieren. Und auch wir Menschen sind von Gewissheiten gerahmt, die wir nicht hinterfragen können, wollen oder brauchen, um diese Gewissheiten als sinnvoll anzuerkennen: Die Sonne geht morgen wieder auf, Katzen wachsen nicht auf Bäumen und kein Mensch, so er oder sie in jeder Hinsicht gesund und vollständig, wird je in Frage stellen, zwei Hände zu haben. Gewissheiten haben etwas Selbstverständliches. Und etwas, das sich (von) selbst versteht, bedarf keiner Begründung. Wir brauchen keine Gründe für unser Dasein, es ist uns eine Selbstverständlichkeit. Mag vieles im Ungewissen liegen, dass wir sind, ist gewiss. (Ob wir nun denken oder nicht.)

Und Gewissheiten haben, im Unterschied zum Wissen, eine Eigenschaft: Sie verändern sich nicht. Sie sind da oder verschwinden. Ein bisschen Sonnenaufgang gibt es nicht wie es auch nicht ein bisschen Schwangerschaft gibt. Die Sonne geht auf oder nicht, Frauen sind schwanger oder nicht. Und nun sind Gewissheiten von Sätzen zu unterscheiden: Der Satz „Diese Frau ist schwanger“ kann wahr oder falsch sein. Die Gewissheit dieser Frau hinsichtlich ihrer Schwangerschaft jedoch nicht: Sie ist schwanger. Oder nicht. Ein Unterschied!

Nun kann, kommen wir nochmal auf die Gläubigen zurück, Gewissheit ja als Glaubenssatz verstanden werden. Denn: Wissen wir denn, dass morgen die Sonne wieder aufgeht? Oder glauben wir das eher, weil wir davon ausgehen, dass die Sonne nicht einfach so über Nacht verschwindet oder die Erde sich nicht plötzlich aufhört zu drehen. (Beides sind Sicherheiten, die uns die Physik vermitteln kann.) Nun sind nicht alle Menschen Physiker. Für diese ist der Fall sonnenklar. Doch jene, die es mit der Physik nicht so haben, vertrauen ja schließlich auf Ihre Erfahrung, ihre Empirie. Und diese Empirie gibt ihnen eben die Gewissheit, dass morgen die Sonne wieder aufgeht: Sie glauben daran. (Im Grunde bleibt auch nichts anderes übrig.)

Denn es ist ja wahr, es ist die Wahrheit: „Morgen geht die Sonne wieder auf“ ist ein Satz, der sich seit Menschengedenken als wahr erwiesen hat. Dieser Satz stimmt also offenbar mit der Wirklichkeit überein.

Und so wie oben gesagt wurde, das Sinn Orientierung gibt, geben auch Gewissheiten Orientierung: Sie hegen eben das Geviert des Sinnvollen ein. Es könnte gesagt werden: Gewissheiten orientieren im Raum, Sinn in der Zeit. Sinn ist die Orientierung innerhalb der Gewissheiten, Gewissheiten orientieren in einem Ganzen. Das möglicherweise sinnlos ist. Deshalb brauchen wir ja Gewissheiten. Gewissheiten, die wir nicht selbst gesetzt haben. Gewissheiten, die einfach so da sind. Selbstverständlichkeiten, wie gesagt.

Und Gewissheiten haben noch eine sehr überraschende Eigenschaft: Im Grunde bekommen wir von ihnen nichts mit. In dem Augenblick, in dem eine Gewissheit im Bewusstsein fassbar wird, wird sie sogleich erschüttert: Sie kann in Frage gestellt werden (und wird es mit der Bewusstwerdung womöglich schon). Im Grunde ist das das Ende einer Gewissheit. Und hier mag nun auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Theologie und Philosophie aufscheinen: Ohne Gewissheit eines Gottes macht Theologie wenig Sinn, was der Name ja schon andeutet. Wird versucht die Existenz eines Gottes zu beweisen, wird bereits an einer solchen Entität, Gegebenheit, gezweifelt (sonst müsste ja nichts bewiesen werden: Das Göttliche wäre da ohne dass wir es wissen müssten): Schon vollzieht sich der Schritt von einer geschlossenen (das Wortspiel für Kenner/innen sei erlaubt: hermetischen) Theologie, die Antworten hat bzw. zumindest anbietet, zu einer offenen Philosophie, die Fragen hat bzw. zumindest anbietet. (Hier schreibt nun freilich einer, der der Theologie recht kritisch gegenübersteht und von kompetenter Seite her der Unwissenheit bezichtigt werden kann; doch der Autor dieser Zeilen hat noch keine/n Theologen oder Theologin getroffen, die/der eine Antwort gegeben hätte, was dieses Göttliche denn nun sei und ob es einen Willen hat oder nicht: Als sei es eben eine Selbstverständlichkeit, eine Gewissheit, über die nicht geredet werden kann — sonst könnte die Existenz ja (gar noch: sinnvoll) bezweifelt werden. Und ohne Gott oder Götter ist eine Theologie nur schwer vorstellbar.)

Schließlich wurde noch die Frage gestellt, ob der Zweifel das Gegenstück zur Gewissheit wäre. Nach obigen Ausführungen müsste das wohl verneint werden, denn Gewissheiten zeichnen sich eben dadurch aus, dass an ihnen nicht gezweifelt wird und eben: nicht gezweifelt werden kann. Und ein Wort wie „Zweifelheiten“ scheint nicht sinnvoll zu sein, denn zweifeln ist eine Tätigkeit — Gewissheit jedoch ein Tatbestand. Um nicht-Gewissheit nun zur Sprache zu bringen, bietet sich zuallerst die Wahrscheinlichkeit an: Die Möglichkeit wäre dann das Gegenteil der Gewissheit. So ganz befriedigend ist das allerdings noch nicht, denn: Was kann 100% Wahrscheinlichkeit anderes sein als Gewissheit? Und so, bipolar, zweiwertig, binär, gedacht, kann eben 0% Wahrscheinlichkeit als das Gegenteil von 100% Wahrscheinlichkeit verstanden werden. Woraus folgerbar ist, dass die Unmöglichkeit das Gegenteil der Gewissheit ist. Doch freilich sind das Logeleien, und im alltäglichen Sprachgebrauch werden wir das Wort Ungewissheit verwenden. Was, so gedacht, nichts anderes heißt als: nicht 100%ig. Und der Zweifel hat die Macht, an den 100% zu kratzen, sie zu erschüttern, sie zum Verdampfen zu bringen. Ja, ich kann daran Zweifeln, dass morgen die Sonne wieder aufgeht, es also ungewiss ist. Oder dass je Menschen auf dem Mond waren. Oder Katzen nicht auf Bäumen wachsen. Oder ich keine zwei Hände habe. Doch im Allgemeinen wird wohl Jede/r einsehen können: Sinnvoll sind solche Zweifel nicht — auch wenn sie bestimmt irgendeinen Zweck erfüllen.

Der Text macht einen Bogen und blickt zurück zum Anfang: Was wäre, wenn Menschen Gewissheit über ihren jeweiligen Lebenssinn hätten, wie würden sie leben? Und, die ganz entscheidende Frage dabei: Wären sie glücklich?

Sisyphos hatte, der Legende nach zumindest, im Laufe seiner Existenz 100%ige Sicherheit ob seines weiteren Lebenssinnes erlangt. Stein hochwuchten, dann den Berg (fröhlich?) ’runterlaufen, den Stein wieder hochschieben, die ganze restliche Ewigkeit lang. Nach Camus haben wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen.

Dagegen sei die Frage gestellt: Kann ein Mensch glücklich sein, wenn er/sie/es keine Fragen mehr hat? Wenn alles gewusst und damit wohl auch: bewusst ist? Wenn die vierte Kant’sche Frage „Was ist der Mensch?“ eine unbezweifelbare, einzig wahre Antwort hätte? Wenn dieser Mensch also allem gewiss ist, nichts mehr bezweifeln kann, er/sie/es sich die reine Selbstverständlichkeit ist?

Einen solchen Menschen haben wir uns wohl als tot vorzustellen.

Literaturhinweise:
Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos

Weiteres:
Impulse zum An(-)denken

Dieser Abend erhielt freundliche Unterstützung durch
Weingut Wind, Eschbach