Denkzettel 561

Die en­er­ge­ti­sche Ver­sor­gung au­to­ri­ta­ris­ti­scher Sys­te­me er­folgt durch die An­nah­me, dass Jede/r Despot/in oder Tyrann/in sein will. Letz­lich geht es um Krieg al­ler ge­gen al­le, dar­um, Macht zu krie­gen, zu be­kom­men, zu er­obern, nicht um den Kampf für ei­ne mensch­li­che Welt mit we­ni­ger Grau­sam­keit — auch wenn da­mit die zum Glau­ben Wil­li­gen durch die bei den Agitor/innen zur Wort­hül­se ver­kom­me­ne, je­de Be­griff­lich­keit ver­lo­ren ha­ben­de, Zei­chen­fol­ge „Frie­den“ ge­kö­dert wer­den.

Narziss und Echo: Zur Dialektik von Autorität und Ironie

Eine Betrachtung von Charaktertypologien zwischen Selbstverliebtheit und Selbstauslöschung.

Der an­ti­ke My­thos von Nar­ziss und Echo er­zählt nicht nur ei­ne Ge­schich­te un­er­füll­ter Lie­be, son­dern ar­ti­ku­liert ei­ne fun­da­men­ta­le Asym­me­trie mensch­li­cher Exis­ten­z­wei­sen. Nar­ziss, ge­fan­gen in sei­ner ei­ge­nen Spie­ge­lung, un­fä­hig zur An­er­ken­nung des An­de­ren; Echo, re­du­ziert auf blo­ße Re­so­nanz, un­fä­hig zur ei­ge­nen Ar­ti­ku­la­ti­on. Die­se my­tho­lo­gi­sche Kon­stel­la­ti­on lässt sich pro­duk­tiv auf zwei zen­tra­le Cha­rak­ter­ty­po­lo­gien der po­li­ti­schen Phi­lo­so­phie über­tra­gen: den au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter Theo­dor W. Ador­nos und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin Ri­chard Ror­tys. Was zu­nächst als psy­cho­ana­ly­ti­sche oder li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Be­ob­ach­tung er­scheint, er­weist sich als Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis fun­da­men­ta­ler Herr­schafts- und Frei­heits­ver­hält­nis­se.

Der vor­lie­gen­de Es­say un­ter­nimmt ei­ne dop­pel­te Be­we­gung: Zum ei­nen wird die struk­tu­rel­le Ana­lo­gie zwi­schen dem nar­ziss­ti­schen und dem au­to­ri­tä­ren Ty­pus her­aus­ge­ar­bei­tet, zum an­de­ren wer­den die je­wei­li­gen Ge­gen­ent­wür­fe – Echo und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin – in ih­rer Be­zie­hung zu­ein­an­der ana­ly­siert. Da­bei zeigt sich, dass bei­de Kon­stel­la­tio­nen nicht nur pa­tho­lo­gi­sche Ex­tre­me mar­kie­ren, son­dern auch auf die Mög­lich­keit und Not­wen­dig­keit ei­ner ver­mit­teln­den Po­si­ti­on ver­wei­sen, die we­der in Selbst­ver­liebt­heit noch in Selbst­aus­lö­schung mün­det.

Narziss und der autoritäre Charakter: Die geschlossene Selbstreferenz

Die narzisstische Struktur

Der Nar­ziss­mus kon­sti­tu­iert sich durch die pa­tho­lo­gi­sche Un­fä­hig­keit, das ei­ge­ne Selbst vom An­de­ren zu un­ter­schei­den. Nar­ziss er­kennt in sei­nem Spie­gel­bild nicht den An­de­ren, son­dern pro­ji­ziert sein ei­ge­nes Be­geh­ren zu­rück auf sich selbst. Die­se Struk­tur ist fun­da­men­tal mo­no­lo­gisch: Die Welt wird zum blo­ßen Echo der ei­ge­nen In­ner­lich­keit, an­de­re Men­schen exis­tie­ren nur in­so­fern, als sie das gran­dio­se Selbst­bild be­stä­ti­gen oder be­dro­hen. Die nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keit kennt kei­ne ech­te Re­zi­pro­zi­tät, kei­ne wirk­li­che An­er­ken­nung des An­de­ren als An­de­ren — sie kennt nur Spie­ge­lun­gen, Be­wun­de­rung oder Krän­kung.

Die­se Struk­tur weist ei­ne er­staun­li­che Ho­mo­lo­gie zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter auf, wie ihn Ador­no und sei­ne Mit­ar­bei­ter in den »Stu­dies in Pre­ju­di­ce« be­schrie­ben ha­ben. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter ist ge­kenn­zeich­net durch ei­ne ri­gi­de Ich-Or­ga­ni­sa­ti­on, die auf der Ab­wehr in­ne­rer Schwä­che ba­siert. Das schwa­che Ich wird kom­pen­siert durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit äu­ße­rer Macht, durch die Pro­jek­ti­on ei­ge­ner ver­dräng­ter Im­pul­se auf Min­der­hei­ten und durch die Un­fä­hig­keit zur Am­bi­gui­täts­to­le­ranz.

Die autoritäre Weltordnung als narzisstische Projektion

Wie Nar­ziss nur sein ei­ge­nes Spie­gel­bild se­hen kann, sieht der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter die Welt aus­schließ­lich durch das Pris­ma von Macht und Un­ter­ord­nung. Die ri­gi­de Ka­te­go­ri­sie­rung in stark/schwach, oben/unten, rein/unrein ent­spricht der nar­ziss­ti­schen Un­fä­hig­keit zur Am­bi­va­lenz. Der An­de­re exis­tiert nicht in sei­ner Ei­gen­stän­dig­keit, son­dern nur als Pro­jek­ti­ons­flä­che: ent­we­der als idea­li­sier­te Au­to­ri­tät, mit der man sich iden­ti­fi­ziert, oder als ver­ach­te­te Grup­pe, auf die man ei­ge­ne Schwä­che und ver­bo­te­ne Im­pul­se pro­ji­ziert.

Ador­no be­schreibt, wie der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter un­fä­hig ist zu ech­ter Em­pa­thie und Selbst­re­fle­xi­on. Statt­des­sen herrscht ein Pseu­do-Den­ken, das in Ste­reo­ty­pen und Kli­schees ope­riert — ei­ne Form der Welt­erfah­rung, die der nar­ziss­ti­schen Pro­jek­ti­on struk­tu­rell äh­nelt. Die Welt wird nicht in ih­rer Kom­ple­xi­tät wahr­ge­nom­men, son­dern auf ein ver­ein­fach­tes Sche­ma re­du­ziert, das das fra­gi­le Selbst stützt.

Be­son­ders deut­lich wird die Ana­lo­gie in der Be­zie­hung zur Au­to­ri­tät. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter un­ter­wirft sich der Macht nicht trotz, son­dern we­gen sei­ner nar­ziss­ti­schen Struk­tur. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ag­gres­sor, die Ver­schmel­zung mit der all­mäch­ti­gen Va­ter­in­stanz, er­laubt es dem schwa­chen Ich, an der Gran­dio­si­tät teil­zu­ha­ben. Dies ist die po­li­ti­sche Ma­ni­fes­ta­ti­on der nar­ziss­ti­schen Spie­ge­lung: Statt im Teich das ei­ge­ne Ge­sicht zu se­hen, sieht der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter im Füh­rer, in der Na­ti­on, in der ras­si­schen Ge­mein­schaft sein idea­li­sier­tes Selbst.

Echo und die liberale Ironikerin: Zwischen Selbstauslöschung und reflektierter Kontingenz

Die Struktur der Selbstentleerung

Echo ver­kör­pert die Um­keh­rung des Nar­ziss­mus: Wo die­ser nur sich selbst sieht, kann sie nur den An­de­ren wie­der­ge­ben. Ver­flucht, kei­ne ei­ge­ne Stim­me mehr zu ha­ben, wird sie zur rei­nen Re­so­nanz frem­der Wor­te. Ih­re Lie­be zu Nar­ziss bleibt un­er­füllt, weil sie nicht ar­ti­ku­lie­ren kann, wer sie ist — sie kann nur zu­rück­wer­fen, was der an­de­re sagt. Die­se Struk­tur des Echo­is­mus be­schreibt ei­ne Exis­ten­z­wei­se, in der das Selbst sich voll­stän­dig in den Dienst des An­de­ren stellt, bis zur Selbst­aus­lö­schung.

Die­se Po­si­ti­on scheint zu­nächst das ra­di­ka­le Ge­gen­teil zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter dar­zu­stel­len. Wo die­ser durch ri­gi­de Selbst­be­haup­tung ge­kenn­zeich­net ist, herrscht beim echo­is­ti­schen Cha­rak­ter völ­li­ge Selbst­preis­ga­be. Doch die­se Ge­gen­über­stel­lung ist zu sim­pel. Denn so­wohl Nar­ziss­mus als auch Echo­is­mus tei­len ei­ne fun­da­men­ta­le Un­fä­hig­keit: die Un­fä­hig­keit zur ech­ten Re­zi­pro­zi­tät, zum dia­lo­gi­schen Ver­hält­nis zwi­schen Selbst und An­de­rem.

Ri­chard Ror­ty nun ent­wirft mit sei­ner „li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin“ („li­be­ral iro­nist“) ei­nen Cha­rak­ter­ty­pus, der auf den ers­ten Blick Echos Po­si­ti­on na­he zu ste­hen scheint, tat­säch­lich aber ei­ne qua­li­ta­tiv an­de­re Hal­tung ar­ti­ku­liert. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ist de­fi­niert durch drei Merk­ma­le: Ers­tens hat sie ra­di­ka­le Zwei­fel an ih­rem ei­ge­nen Vo­ka­bu­lar, ih­ren ei­ge­nen tiefs­ten Über­zeu­gun­gen. Zwei­tens er­kennt sie, dass Ar­gu­men­te in ih­rem Vo­ka­bu­lar die­se Zwei­fel we­der auf­lö­sen noch ver­drän­gen kön­nen. Drit­tens – und hier liegt der ent­schei­den­de Un­ter­schied zu Echo – sieht sie ihr ei­ge­nes Vo­ka­bu­lar nicht als nä­her an der Rea­li­tät als an­de­re Vo­ka­bu­la­re.

Ironie versus Echoismus

Der ent­schei­den­de Un­ter­schied: Echo hat kei­ne ei­ge­ne Stim­me, die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin hat ei­ne Stim­me, weiß aber um de­ren Kon­tin­genz. Echo wie­der­holt zwang­haft die Wor­te an­de­rer, die Iro­ni­ke­rin wählt re­flek­tiert ih­re ei­ge­nen Wor­te im Be­wusst­sein, dass sie auch an­ders sein könn­ten. Wäh­rend der Echo­is­mus in pa­tho­lo­gi­scher Selbst­ent­lee­rung mün­det, stellt die li­be­ra­le Iro­nie ei­ne Form der Selbst­di­stanz dar, die das Selbst nicht aus­löscht, son­dern be­wusst re­la­ti­viert.

Ror­ty be­tont, dass die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin zwar an der Kon­tin­genz ih­rer ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht zwei­felt, aber den­noch an ih­nen fest­hält — nicht weil sie ab­so­lut wahr wä­ren, son­dern weil sie ih­re Über­zeu­gun­gen sind, his­to­risch ge­wach­sen, kon­tex­tu­ell ge­formt. Dies ist kei­ne Selbst­aus­lö­schung, son­dern ei­ne Form des Selbst­ver­hält­nis­ses, die Ernst und Di­stanz ver­bin­det.

Zu­gleich – und das macht die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin zum kla­ren Ge­gen­ent­wurf zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter – ist sie ge­prägt von dem Wunsch, Grau­sam­keit zu ver­mei­den. Wäh­rend der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter sei­ne ei­ge­ne Un­si­cher­heit durch Ag­gres­si­on ge­gen an­de­re kom­pen­siert, grün­det die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ih­re Po­li­tik ge­ra­de in der An­er­ken­nung der ei­ge­nen Kon­tin­genz. Wer weiß, dass die ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht ab­so­lut sind, hat kei­nen Grund, sie an­de­ren mit Ge­walt auf­zu­zwin­gen.

Symmetrien und Asymmetrien: Die Dialektik der Gegenentwürfe

Die gemeinsame Struktur: Unfähigkeit zur Anerkennung

Auf den ers­ten Blick schei­nen Narziss/Autoritärer und Echo/Ironikerin zwei voll­stän­dig ent­ge­gen­ge­setz­te Paa­re zu bil­den. Doch bei ge­naue­rer Be­trach­tung zei­gen sich kom­ple­xe­re Ver­hält­nis­se. So­wohl Nar­ziss als auch Echo schei­tern an der Mög­lich­keit ech­ter In­ter­sub­jek­ti­vi­tät. Nar­ziss kann den An­de­ren nicht als ei­gen­stän­di­ges Sub­jekt an­er­ken­nen, Echo kann sich selbst nicht als ei­gen­stän­di­ges Sub­jekt be­haup­ten. Bei­de blei­ben in ei­ner Form der Selbst­be­züg­lich­keit ge­fan­gen — Nar­ziss in der mo­no­lo­gi­schen, Echo in der re­ak­ti­ven.

Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin hin­ge­gen ste­hen nicht in sym­me­tri­scher Op­po­si­ti­on zu­ein­an­der, son­dern in ei­nem asym­me­tri­schen Ver­hält­nis. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter lehnt Am­bi­gui­tät, Kon­tin­genz und Plu­ra­li­tät ab — er sucht Ein­deu­tig­keit, Not­wen­dig­keit und Ein­heit. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ak­zep­tiert die­se Be­din­gun­gen, oh­ne in Be­lie­big­keit zu ver­fal­len. Sie ist nicht das Spie­gel­bild des Au­to­ri­tä­ren, son­dern des­sen Über­win­dung durch Re­fle­xi­on.

Die Frage der Macht

Ein zen­tra­les Pro­blem zeigt sich in der Be­zie­hung zur Macht. Der narzisstische/autoritäre Ty­pus ist durch ein fun­da­men­ta­les Macht­ver­hält­nis struk­tu­riert: die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Stär­ke, die Ver­ach­tung von Schwä­che, die Not­wen­dig­keit der Do­mi­nanz. Echo da­ge­gen scheint jeg­li­che Macht zu ne­gie­ren, sich selbst voll­stän­dig zu ent­mach­ten zu­guns­ten des An­de­ren.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin nun nimmt ei­ne ver­mit­teln­de Po­si­ti­on ein. Sie ne­giert Macht nicht, aber sie ab­so­lu­tiert sie auch nicht. Ih­re Po­li­tik grün­det in der Ein­sicht, dass es kei­ne me­ta­phy­si­sche Recht­fer­ti­gung für Macht­aus­übung gibt — und ge­ra­de des­halb muss Macht durch de­mo­kra­ti­sche Ver­fah­ren, durch Öf­fent­lich­keit, durch die stän­di­ge Mög­lich­keit der Re­vi­si­on ge­zähmt wer­den. Die Iro­nie ge­gen­über den ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen ist nicht Schwä­che, son­dern die Vor­aus­set­zung für ei­ne Macht­aus­übung, die nicht in Ge­walt um­schlägt.

Ador­nos au­to­ri­tä­rer Cha­rak­ter da­ge­gen ist un­fä­hig zu die­ser Re­fle­xi­on. Für ihn ist Macht ent­we­der ab­so­lut le­gi­tim (wenn sie von der idea­li­sier­ten Au­to­ri­tät aus­geht) oder ab­so­lut il­le­gi­tim (wenn sie von den ver­ach­te­ten Grup­pen be­an­sprucht wird). Die Kon­tin­genz von Macht­ver­hält­nis­sen, ihr his­to­ri­sches Ge­wor­den­sein, kann er nicht den­ken — oder muss sie ver­drän­gen, weil sie sein fra­gi­les Selbst be­dro­hen wür­de.

Die Möglichkeit des Dialogs

Am deut­lichs­ten zeigt sich der Un­ter­schied in der Fä­hig­keit zum Dia­log. Nar­ziss spricht nur zu sich selbst, auch wenn er glaubt, zu an­de­ren zu spre­chen. Echo kann nur die Wor­te an­de­rer wie­der­ho­len, auch wenn sie zu spre­chen glaubt. Bei­de ver­feh­len die Struk­tur des ech­ten Dia­logs, der we­der mo­no­lo­gi­sche Selbst­be­spie­ge­lung noch re­ak­ti­ve Wie­der­ho­lung ist, son­dern ein Wech­sel­ver­hält­nis von Spre­chen und Hö­ren, von Selbst­be­haup­tung und An­er­ken­nung.

Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter ist un­fä­hig zum Dia­log, weil für ihn je­de Aus­ein­an­der­set­zung ein Macht­kampf ist, der mit Sieg oder Nie­der­la­ge en­den muss. Kom­pro­miss er­scheint als Schwä­che, Mei­nungs­wan­del als Ver­rat. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen kann ge­ra­de des­halb dia­log­fä­hig sein, weil sie ih­re ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht als ab­so­lut an­sieht. Sie kann dem An­de­ren zu­hö­ren, oh­ne sich be­droht zu füh­len, kann ih­re Mei­nung än­dern, oh­ne ih­re Iden­ti­tät zu ver­lie­ren.

Al­ler­dings – und hier liegt ei­ne wich­ti­ge Ein­schrän­kung – darf die Iro­nie nicht so weit ge­hen, dass sie je­de ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung un­mög­lich macht. Ror­ty selbst be­tont, dass die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ih­re Iro­nie in der Pri­vat­sphä­re kul­ti­viert, in der Öf­fent­lich­keit aber für ih­re Über­zeu­gun­gen ein­tritt. Ei­ne voll­stän­di­ge Iro­ni­sie­rung al­ler Po­si­tio­nen wür­de in der Tat zur Echo-Struk­tur füh­ren: zur Un­fä­hig­keit, über­haupt noch et­was zu sa­gen, das über blo­ße – wenn auch iro­nisch ge­bro­che­ne statt na­iv ge­spie­gel­te – Wie­der­ho­lung hin­aus­geht.

Synthese: Die vermittelte Position

Jenseits der Extreme

Was zeigt die Ana­lo­gie zwi­schen den my­tho­lo­gi­schen und den phi­lo­so­phisch-po­li­ti­schen Cha­rak­ter­ty­pen? Zu­nächst dies: So­wohl der Narzissmus/Autoritarismus als auch der Echo­is­mus sind pa­tho­lo­gi­sche Ex­tre­me, die in ih­rer je ei­ge­nen Wei­se schei­tern. Der narzisstische/autoritäre Ty­pus schei­tert an sei­ner Un­fä­hig­keit, den An­de­ren an­zu­er­ken­nen; der echo­is­ti­sche Ty­pus schei­tert an sei­ner Un­fä­hig­keit, sich selbst zu be­haup­ten.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin Ror­tys ist nun nicht ein­fach das Ge­gen­teil des au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ters — ei­ne sol­che Ge­gen­über­stel­lung wür­de sie mit Echo gleich­set­zen. Viel­mehr stellt sie ei­ne Ver­mitt­lung dar, ei­ne Po­si­ti­on jen­seits der fal­schen Al­ter­na­ti­ve von Selbst­ver­liebt­heit und Selbst­aus­lö­schung.

Die­se ver­mit­tel­te Po­si­ti­on ist cha­rak­te­ri­siert durch: (1) Die An­er­ken­nung der ei­ge­nen Kon­tin­genz oh­ne Ver­lust der Hand­lungs­fä­hig­keit. (2) Die Fä­hig­keit zu fes­ten Über­zeu­gun­gen bei gleich­zei­ti­ger Be­reit­schaft zur Re­vi­si­on. (3) Die Ver­bin­dung von Selbst­be­haup­tung und Em­pa­thie. (4) Die Trans­for­ma­ti­on der Angst vor Am­bi­gui­tät in pro­duk­ti­ve Un­si­cher­heit.

Die politischen Implikationen

Die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen die­ser Cha­rak­ter­ty­po­lo­gien sind evi­dent. Ei­ne De­mo­kra­tie kann we­der von au­to­ri­tä­ren Cha­rak­te­ren noch von echo­is­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten ge­tra­gen wer­den. Die au­to­ri­tä­ren ten­die­ren zum Fa­schis­mus, zur Sehn­sucht nach dem star­ken Füh­rer, zur In­to­le­ranz ge­gen­über Plu­ra­li­tät. Die echo­is­ti­schen da­ge­gen wür­den in voll­stän­di­ger po­li­ti­scher Hand­lungs­un­fä­hig­keit en­den, in der Un­fä­hig­keit, über­haupt Po­si­tio­nen zu ver­tre­ten.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen ver­kör­pert ei­nen de­mo­kra­ti­schen Cha­rak­ter­ty­pus. Sie kann die Span­nung aus­hal­ten zwi­schen der Not­wen­dig­keit, Po­si­tio­nen zu be­zie­hen, und dem Be­wusst­sein, dass die­se Po­si­tio­nen kon­tin­gent sind. Sie kann für ih­re Über­zeu­gun­gen kämp­fen, oh­ne glau­ben zu müs­sen, dass die­se ab­so­lut wahr sind. Sie kann Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, oh­ne sich ver­ra­ten zu füh­len.

Zu­gleich zeigt sich hier ei­ne Gren­ze der Ana­lo­gie. Wäh­rend Echo und Nar­ziss my­tho­lo­gi­sche Fi­gu­ren sind, die in ih­rer Ab­so­lut­heit ver­har­ren, sind der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin so­zia­le Ty­pen, die durch Bil­dung, durch Er­fah­rung, durch Selbst­re­fle­xi­on ver­än­dert wer­den kön­nen. Ador­nos Stu­di­en wa­ren ja ge­ra­de mo­ti­viert durch die Fra­ge, wie dem Au­to­ri­ta­ris­mus ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den kann. Ror­ty wie­der­um sieht in der Li­te­ra­tur, in der Kon­fron­ta­ti­on mit frem­den Le­bens­for­men, in der Er­wei­te­rung der Vor­stel­lungs­kraft We­ge zur Kul­ti­vie­rung der li­be­ra­len Iro­nie.

Die Frage nach dem Selbst

Letzt­lich geht es in all die­sen Kon­stel­la­tio­nen um ver­schie­de­ne For­men des Selbst­ver­hält­nis­ses. Nar­ziss ist ge­fan­gen in ei­nem Selbst, das nur Selbst ist, oh­ne Be­zug zum An­de­ren. Echo hat ein Selbst ver­lo­ren, das nur noch Re­so­nanz des An­de­ren ist. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter kom­pen­siert ein schwa­ches Selbst durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit äu­ße­rer Macht. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin kul­ti­viert ein Selbst, das sich sei­ner ei­ge­nen Kon­tin­genz be­wusst ist, oh­ne des­halb auf­zu­hö­ren, ein Selbst zu sein.

Viel­leicht liegt hier der tiefs­te Ein­blick, den die Ana­lo­gie er­mög­licht: Ein ge­sun­des, ein de­mo­kra­ti­sches Selbst ist we­der nar­ziss­tisch-au­to­ri­tär noch echo­is­tisch-auf­ge­löst, son­dern iro­nisch im Ror­ty­schen Sin­ne. Es ist ein Selbst, das stark ge­nug ist, um sei­ne ei­ge­ne Schwä­che zu­zu­ge­ben; ein Selbst, das fest­ge­fügt ge­nug ist, um sei­ne ei­ge­ne Kon­tin­genz zu er­tra­gen; ein Selbst, das sei­ner selbst si­cher ge­nug ist, um den An­de­ren nicht als Be­dro­hung er­le­ben zu müs­sen.

Das Ende des Mythos und die Fortsetzung der Politik

Der My­thos en­det tra­gisch: Nar­ziss stirbt, fi­xiert auf sein ei­ge­nes Bild; Echo ver­schwin­det, bis nur noch ih­re Stim­me üb­rig ist, kör­per­los und leer. Die­se Tra­gö­die ist nicht nur in­di­vi­du­ell, son­dern auch po­li­tisch les­bar. Die nar­ziss­tisch-au­to­ri­tä­re Kon­stel­la­ti­on führt in Ge­walt und Selbst­zer­stö­rung — die Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts hat dies über­deut­lich ge­zeigt. Die echo­is­ti­sche Selbst­auf­lö­sung führt zur po­li­ti­schen Hand­lungs­un­fä­hig­keit, zur Un­mög­lich­keit des Wi­der­stands.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen ver­weist auf ei­ne Mög­lich­keit jen­seits der my­tho­lo­gi­schen Not­wen­dig­keit. Sie zeigt, dass es mög­lich ist, fes­te Über­zeu­gun­gen zu ha­ben und sie zu ver­tre­ten, oh­ne in Au­to­ri­ta­ris­mus zu ver­fal­len; dass es mög­lich ist, die ei­ge­ne Kon­tin­genz an­zu­er­ken­nen, oh­ne in Hand­lungs­un­fä­hig­keit zu ver­sin­ken; dass es mög­lich ist, so­wohl ein Selbst zu ha­ben als auch den An­de­ren an­zu­er­ken­nen.

Dies ist kei­ne Syn­the­se im He­gel­schen Sin­ne, die die Wi­der­sprü­che auf­hebt. Es ist viel­mehr ei­ne Pra­xis des Le­bens-mit-Wi­der­sprü­chen, ei­ne Kunst der Ba­lan­ce zwi­schen Not­wen­dig­kei­ten. Die po­li­ti­sche Ord­nung der li­be­ra­len De­mo­kra­tie, wie Ror­ty sie ver­steht, ist ge­nau dies: nicht die Lö­sung al­ler Wi­der­sprü­che, son­dern die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Form, mit ih­nen zu le­ben.

Der My­thos von Nar­ziss und Echo er­in­nert uns dar­an, wie leicht das Selbst sei­ne Ba­lan­ce ver­lie­ren kann — sei es in die Selbst­ver­liebt­heit oder in die Selbst­aus­lö­schung. Die Phi­lo­so­phie Ador­nos warnt uns vor den au­to­ri­tä­ren Ver­su­chun­gen, die aus ei­nem schwa­chen Ich er­wach­sen. Die Phi­lo­so­phie Ror­tys zeigt uns ei­nen Weg, der we­der in Gran­dio­si­tät noch in Re­si­gna­ti­on mün­det. Die­ser Weg ist müh­sam, un­ge­si­chert, oh­ne me­ta­phy­si­sche Ga­ran­tien. Aber viel­leicht ist ge­ra­de das sei­ne Stär­ke: dass er nicht auf Wahr­heit, son­dern auf Frei­heit ge­grün­det ist; nicht auf Not­wen­dig­keit, son­dern auf Kon­tin­genz; nicht auf Iden­ti­tät, son­dern auf Dif­fe­renz.

Die Fra­ge, die bleibt, ist nicht, ob wir den My­thos über­win­den kön­nen — das kön­nen wir nicht, denn Nar­ziss und Echo sind Struk­tu­ren, kei­ne his­to­ri­schen Er­eig­nis­se. Die Fra­ge ist viel­mehr, ob wir ei­ne Form des Selbst- und Welt­ver­hält­nis­ses kul­ti­vie­ren kön­nen, die die Ex­tre­me mei­det oh­ne in Mit­tel­mä­ßig­keit zu ver­fal­len; die ernst ist oh­ne dog­ma­tisch zu wer­den; die en­ga­giert ist oh­ne fa­na­tisch zu sein. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ist Ror­tys Ant­wort auf die­se Fra­ge. Ob sie ei­ne zu­rei­chen­de Ant­wort ist, muss je­de Ge­ne­ra­ti­on neu ver­han­deln — iro­ni­scher­wei­se.

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Denkzettel 555

Der Ba­sis­plot der kom­ple­men­tä­ren Dua­li­tät des au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ters: Die Din­ge ge­sche­hen aus Not­wen­dig­keit (Natur‚gesetze‘).

Und wenn kei­ne Not­wen­dig­keit aus­fin­dig ge­macht wer­den kann, die zum ei­ge­nen Wol­len passt und in­stru­men­ta­li­siert wer­den kann, wird ei­ne Not­wen­dig­keit ir­gend­wie kon­stru­iert („Mas­ter“).
Und auf der an­de­ren, dar­auf po­si­tiv ant­wor­ten­den, Sei­te, das je ei­ge­ne Wol­len der pro­pa­gier­ten ‚Not­wen­dig­keit‘ („Slave“) an­ge­passt.

Fer­tig ist die au­to­ri­ta­ris­ti­sche (Staats‑, Firmen‑, Vereins‑, Familien‑, …-)Ge­sell­schaft.

(Frei­lich sind auch in ihr wei­ter­hin je­ne zu fin­den, die ih­ren Grund, auf dem sie ste­hen und aus dem sie den­ken und füh­len, han­deln und sich ver­hal­ten, Kon­tin­genz nen­nen.)

Denkzettel 340

Am­bi­gui­tät ist ja für Autoritarist*n, und al­le, die es wer­den wol­len, ein durch­aus pro­fi­ta­bler Zu­stand: „Ich schaf­fe Klar­heit!“ ist das Me­ne­te­kel, mit dem die­se ih­re Ein­deu­tig­keit für an­de­re zum Fun­da­ment für de­ren Welt­an­schau­ung ma­chen möch­ten, die­se da­zu zu ver­su­chen su­chen.

Denkzettel 201

Der Au­to­ri­ta­ris­mus bie­tet je­nen, die sich ihm un­ter­tun – oder un­ter­ge­tan wer­den –, das frei sein vom „frei sein zu“. Ger­ne ver­kauft er sich so als ei­ne Form von Li­be­ra­lis­mus; ge­riert sich in sei­nen An­fän­gen, um zu ver­fan­gen, als Frei­heits­ga­rant.

Eben: Als ‚-is­mus‘ wird das Li­be­ra­le be­wor­ben und ver­kauft. Schon al­lein da­mit scheint das Au­to­ri­ta­ris­ti­sche dar­in auf.