Denkzettel 303

Das Den­ken in ei­ne for­ma­li­sier­te Ra­tio­na­li­tät zu gie­ßen kann ja wohl nicht die ein­zi­ge Form ra­tio­na­len, was al­so um­gangs­sprach­lich mit „ver­nünf­tig“ co­diert ist, Den­kens sein. Ne­ben sol­chem Rech­nen müss­te es doch noch ei­ne in­for­mel­le, un­for­ma­li­sier­te, wenn man möch­te: ‚wil­de‘, oder ‚freie‘, Ra­tio­na­li­tät geben.

Viel­leicht ist die­se mit „mo­ra­li­sche Ra­tio­na­li­tät“ gut be­schrie­ben. (Die dann in­des eben kei­ne be­rech­ne­te Ethik ist.)

Denkzettel 285

Wenn der Ver­stand die Ver­nunft ver­sprach­licht heißt das eben nicht, dass die Lo­gik in der Spra­che lä­ge. Das rech­te Han­deln liegt auch nicht in der ra­tio­na­len Ethik, son­dern in der äs­the­ti­schen Mo­ral. Ethik ist ei­ne Spra­che der Mo­ral — nicht in­des ih­re Lo­gik. Die liegt tie­fer, in der Mo­ral — viel­leicht noch tie­fer, wei­te­re Be­rei­che mit versorgend.

Denkzettel 280

So wie man dem Gro­ßen ge­gen­über meist ohn­mäch­tig ge­gen­über­steht, so wirk­mäch­tig kön­nen wir im Klei­nen sein. Wird das Klei­ne als Teil­men­ge des Gro­ßen ge­dacht, zeigt sich das Un­ver­mö­gen der Men­gen­leh­re, im tat­täg­li­chen(!) Le­ben nütz­lich zu sein. Viel­leicht auch das Un­ver­mö­gen al­ler sys­te­ma­ti­sie­ren­den, ver­all­ge­mei­nern­den Ma­the­ma­tik, Lo­gik — und Ethik.

Weltbild, egozentrisches

Eine kurze Meditation zur akademischen Philosophie, Wissen und Ethik, Weisheit und Moral. Mit einem Seitenblick auf aktuelle Verhaltensweisen. 

Phi­lo­so­phie kann viel­leicht auch als Be­schäf­ti­gung mit Welt­an­schau­ung und Mo­ral und dem kri­ti­schen Ver­hält­nis zu die­sen auf­ge­fasst wer­den. Ob das dann auch Phi­lo­so­phie ist, die ja zu­min­dest in der uni­ver­si­tä­ren Aka­de­mie sich der Wis­sen­schaft und Ethik ver­pflich­tet fühlt, nach der Ver­all­ge­mei­ner­bar­keit von al­lem sucht (‚Welt­for­mel‘) und nicht nach ei­nem nach­voll­zieh­ba­ren Sinn, ist aus aka­de­mi­scher Sicht ge­wiss frag­lich. Und so zeigt sich doch ein wo­mög­lich we­sent­li­cher Un­ter­schied zwi­schen Wis­sen und Weisheit.

Sie, die sich ab­ge­hängt füh­len in die­ser leis­tungs­ori­en­tier­ten und auch im­mer kom­ple­xer – viel­leicht so­gar da­zu noch kom­pli­zier­ter – wer­den­den Ge­sell­schaft, gren­zen sich durch ihr Ver­hal­ten und ih­re Ein­stel­lun­gen selbst aus und be­schwe­ren sich dann über Ausgrenzung.

Sie emp­fan­den sich als ty­ran­ni­siert und ty­ran­ni­sie­ren jetzt zu­rück, in­dem sie sich z.B. ei­ner Co­ro­­na-Im­p­­fung ver­wei­gern. Sie de­mons­trie­ren so Macht und ver­hal­ten sich so zu ih­rer Ohn­macht, die­se kom­pen­sie­ren wollend.

Hier zeigt sich die nitz­schea­ni­sche Skla­ven­mo­ral, die von Res­sen­ti­ment und Ra­che ge­trie­ben ist. Auch und ge­ra­de wenn die Skla­ven der Un­mün­dig­keit mei­nen ei­ne Her­ren­mo­ral an den Tag zu legen.

Denk­zet­tel 212

Ge­horcht die Mo­ral Ge­set­zen? War Kant wirk­lich durch ein mo­ra­li­sches Ge­setz in sich mit zu­neh­men­der Be­wun­de­rung und Ehr­furcht im Ge­müt er­füllt? Oder ist Mo­ral, an­ders als die Ethik, nichts, das ver­all­ge­mei­nert wer­den kann, son­dern viel­mehr aus ei­ner Si­tua­ti­on mit vie­len das Ur­teil und ei­ne Hand­lungs­ent­schei­dung be­ein­flus­sen­den Fak­to­ren ad hoc im Sub­jekt ent­steht? So ge­se­hen ist mo­ra­li­sches Han­deln nicht lehr­bar, nur üb­bar. Und Mo­ra­li­tät so ge­se­hen kein Ge­setz in uns, son­dern viel­leicht ein Trieb, den wir spü­ren — über den wir uns al­ler­dings hin­weg­set­zen kön­nen wie über ei­nen Ge­dan­ken. Und Mo­ral ist dann: Äs­the­tik — und kei­ne Ethik. Auch wenn die Ethik für sich be­an­sprucht, die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Mo­ra­len er­ken­nen zu kön­nen: Sie kann es nicht. Denn: Schön­heit kennt kei­ne ob­jek­ti­ven Re­geln und liegt im Sin­ne der je Be­trach­ten­den. (Was nicht aus­schließt, dass es et­was gibt, dass al­le Be­trach­ten­den als schön emp­fin­den. Doch es ist mehr als frag­lich, ob sich ei­ne Re­gel für die­ses Emp­fin­den fin­den lässt, ei­ne: Formel.)

Das gu­te Han­deln ist nicht mit der Lo­gik der Er­kennt­nis ver­wirk­lich­bar, ein rich­ti­ges, al­so ge­setz­ten Re­geln be­fol­gen­des, schon. Es geht beim mo­ra­li­schen Tun um sub­jek­ti­ven Sinn, nicht um ob­jek­ti­ve Er­kennt­nis. Frei­lich träu­men die Ethiker_n da­von, die Welt­for­mel des Gu­ten – und da­mit die lo­gi­sche De­fi­ni­ti­on des Bö­sen – zu fin­den. Doch es bleibt wohl da­bei, dass dies De­fi­ni­ti­ons­sa­che ist. Es gibt kei­ne na­tür­li­che Ethik, wie es ei­ne na­tür­li­che Phy­sik gibt: Ver­schwin­det der al­ler­letz­te Mensch, das al­ler­letz­te sich ei­nes mo­ra­li­schen Po­ten­ti­als be­wuss­te We­sen, aus die­sem Uni­ver­sum, die­sem be­stirn­ten Him­mel, gibt es kei­ne Ethik mehr. Phy­sik in­des gleich­wohl, zu­min­dest ist ver­nünf­ti­ger­wei­se da­von aus­zu­ge­hen — Wis­sen kann dies in­des nie­mand, man be­gnügt sich al­so mit ei­ner Ge­wiss­heit — wer woll­te es wem wie be­wei­sen wol­len, ist das letz­te We­sen vergangen?

Ge­set­ze, Re­gel­mä­ßig­kei­ten der ma­te­ri­el­len Welt sind nun mal, bzw. soll­ten nun mal nicht die Grund­la­ge der im­ma­te­ri­el­len Welt sein. Son­dern freie Ent­schei­dun­gen. Und un­ter­lä­gen die­se Re­geln, so sind sie nicht mehr frei. Wer von ei­ner lo­gis­ti­schen Ethik träumt, alb­träumt vom gänz­lich de­ter­mi­nier­ten Men­schen, der da­mit letzt­lich durch und durch kon­trol­lier­bar ist. Über­las­sen wir doch die­se Un­frei­heit, die­se Skla­vi­tät, den Ma­schi­nen, die wir bau­en. Sie un­ter­lie­gen un­se­rer Re­gu­la­ti­ons­wut. Die Na­tur nicht. Auch wenn wir da­von träu­men und die­ser Traum viel­leicht so­gar ei­nes Ta­ges wahr wird. Die Fra­ge ist dann wohl: Kann ei­ne sol­che vom Men­schen durch­ge­re­gel­te Na­tur dem Men­schen noch ein ad­äqua­tes Ha­bi­tat sein?

Ethik, so kann ge­sagt wer­den, ist ei­ne Sa­che des Ver­stan­des — Mo­ral in­des ei­ne An­ge­le­gen­heit der Ver­nunft. Ihr liegt am gu­ten Le­ben, dem Ver­stand am richtigen.

Kein Mensch han­delt auf Ba­sis ei­nes schlech­ten Grun­des. Das ha­ben wir mit den Tie­ren gemein.
(Kein Mensch baut ein Haus wis­sent­lich auf schlech­tem Grund, au­ßer, da­mit ist et­was be­ab­sich­tigt — von dem be­wusst oder un­be­wusst er­war­tet wird, dass es ei­nem gut tut. Wir sind Gut­men­schen. Alle.)

Denk­zet­tel 213