„Menschenbild“

Wer vom „Stadtbild“ spricht, will von Menschen sprechen.

Sehr ge­ehr­ter Herr Merz,

Ih­re „Stadtbild“-Äußerung und de­ren Be­kräf­ti­gung schlägt ho­he Wel­len. Las­sen Sie mich Ih­nen ganz kurz von mei­nen Ge­dan­ken be­rich­ten:
„Stadt­bild“ und „Mi­gran­ten“ ist ei­ne As­so­zia­ti­on, die von der AfD als Nar­ra­tiv ge­setzt wur­de, von da­her ist „Stadt­bild“ mit AfD as­so­zi­iert.

Die AfD hat in den letz­ten Jah­ren ei­ne Un­men­ge sol­cher Leim­ru­ten aus­ge­bracht und Be­grif­fe und The­men mit sich ver­knüpft. Egal wer Wor­te wie z. B. „Stadt­bild“ oder „Mi­gra­ti­on“ in den Mund nimmt („ge­sun­der Men­schen­ver­stand“ ge­hört auch da­zu …), sagt des­we­gen letzt­lich „AfD“ resp. es ist eben das, was ‚ge­hört‘ wird. Es kann wohl als All­ge­mein­wis­sen an­ge­se­hen wer­den, dass es ein rhe­to­ri­scher Trick ist, durch stän­di­ge Wie­der­ho­lung ei­ne Mar­ke und de­ren ‚Mes­sa­ge‘ zu eta­blie­ren. Mar­ke­ting-Ba­sis­wis­sen.

Wol­len Sie Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler für sich ge­win­nen, ist es viel­leicht nicht die schlech­tes­te Idee, ei­ne ei­ge­ne Spra­che zu spre­chen, statt sich in den aus­ge­leg­ten Leim­ru­ten zu ver­fan­gen. So könn­te man ja mal an­denken, statt von Rück­füh­run­gen u. ä. (AfD-ge­setz­te As­so­zia­ti­on: „Re­mi­gra­ti­on“) zu spre­chen, ein Nar­ra­tiv des „Mi­gra­ti­ons­ma­nage­ments“ zu eta­blie­ren und da­mit den In­halt ei­ner durch­aus nicht ein­fa­chen, je­doch pro­duk­tiv ge­stalt­ba­ren Staats­auf­ga­be zu as­so­zi­ie­ren. Pro­ble­me – und je­des Pro­jekt hat sei­ne Pro­blem­zo­nen, im Grun­de weiß das auch Je­de und Je­der – gibt es im­mer, mal mehr, mal we­ni­ger, ir­gend­was is‘ ja im­mer — „Kein Pro­jekt oh­ne Dra­ma“ ist der ak­tu­el­le Cla­im ei­nes be­kann­ten Bau­markt­un­ter­neh­mens mei­ner Re­gi­on.

Die CDU und die an­de­ren li­be­ral­de­mo­kra­tisch ori­en­tier­ten Par­tei­en soll­ten die Chan­ce nut­zen, die ih­nen ei­ne AfD bie­tet: Die ei­ge­ne Spra­che zu re­no­vie­ren, in der Wort­wahl in ei­ne Re­nais­sance zu ge­hen. Und da­mit Stim­men zu ge­win­nen statt mit Re­den, die ex­tre­mis­ti­sche Pa­ro­len wie­der­ho­len und ver­su­chen, sie mit den „rich­ti­gen“, „wah­ren“ In­hal­ten fül­len. Was beim Men­schen zu­erst an­kommt, ist die Hül­le. Wer schaut schon so ge­nau beim In­halt hin, ge­ra­de in ei­ner Welt, die im­mer un­durch­schau­ba­rer wird? Soll­te man, ja, frei­lich …

KI, der klei­ne Ex­kurs sei er­laubt, ba­siert auf Spra­che, weil Mensch­sein auch auf Spra­che ba­siert — Un­mensch sein da­mit auch. Was al­ler­dings ein Wi­der­spruch in sich ist: Kein Mensch kann sich un­mensch­lich ver­hal­ten, da­zu müss­te er kein Mensch sein, mit­hin al­so un­be­leb­te Ma­te­rie, Pflan­ze oder Tier oder ir­gend­was da­zwi­schen oder au­ßer­halb. Doch das kann Mensch eben nicht. Wer von Un­men­schen spricht, spricht dem Mensch­li­chen das Mensch­li­che ab. In der Rhe­to­rik oft ge­braucht, um Gräu­el und Schan­de an­zu­zei­gen, doch fak­tisch letzt­lich falsch: Mensch bleibt Mensch, egal was er als Ein­zel­ner, in so­zia­len En­ti­tä­ten oder als Gat­tung tut.

Und ge­nau dar­auf zielt ei­ne AfD ab: Sie re­det von Un­men­schen, um selbst un­mensch­lich ge­nannt zu wer­den, um sich dann als „nor­ma­le Men­schen“ zu in­sze­nie­ren, de­nen ja nur Un­recht ge­tan wird.

Hü­ten Sie sich vor den Leim­ru­ten! Fin­den Sie ih­ren Kurs da­zwi­schen und mah­nen Sie Ih­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, es Ih­nen gleich zu tun! Die AfD will wie al­le po­pu­lis­ti­schen Ex­tre­mis­ten Macht, kei­ne Ver­ant­wor­tung. Ma­chen Sie das im po­li­ti­schen All­tag durch Ih­re Re­den klar, un­miss­ver­ständ­lich, auch wenn das be­deu­tet, ‚red­lich‘ aus ge­wohn­ten Fahr­was­sern des po­li­ti­schen All­tags­be­triebs aus­zu­sche­ren.

In der Pra­xis hie­ße das: Nicht von „Stadt­bild“ re­den, son­dern da­von, dass die­ses Land in al­len so­zia­len Ebe­nen auf Ar­beits­kräf­te aus dem Aus­land an­ge­wie­sen ist und da­her ein Mi­gra­ti­ons­ma­nage­ment braucht. Kri­mi­nel­le, Fau­le, … gibt es nun mal lei­der über­all, wie die Ge­gen­tei­le da­von auch, es sind halt al­les Men­schen — doch die we­nigs­ten da­von sind kri­mi­nell oder faul oder …

Mit bes­ten Grü­ßen

Vol­ker Ho­mann

––

Die­ser Brief ging am 23. Ok­to­ber 2025 per e‑Mail an Fried­rich Merz MdB.
(, mit CC an und ).

29. Januar 2025, Deutscher Bundestag

Ein grobes Kurzprotokoll und eine sehr persönliche Empörung über das sehr überlegte, sehr bewusste Handeln des MdB Friedrich Merz an diesem Tag.

Am Vor­mit­tag im Par­la­ment: Ge­denk­fei­er zur Be­frei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz. Über­le­ben­de des Ho­lo­caust sind Gäs­te, ein Be­trof­fe­ner Ukrai­ner spricht.

Am Nach­mit­tag im Par­la­ment: Ab­stim­mung über ei­nen An­trag der CDU/C­SU-Frak­ti­on, ein­ge­bracht von Fried­rich Merz, MdB, Par­tei­vor­sit­zen­der der CDU, mit dem Ti­tel »Fünf Punk­te für si­che­re Gren­zen und das En­de der il­le­ga­len Mi­gra­ti­on«.

Der An­trag er­hält ei­ne Mehr­heit, die durch die in Tei­len er­wie­se­ner­ma­ßen rechts­extre­mis­ti­sche AfD, in der auch Holocaustleugner/innen und ‑relativist/innen ei­ne po­li­ti­sche Hei­mat ge­fun­den ha­ben, zu­stan­de­kommt. Herr Merz ver­laut­bar­te im kom­mu­ni­ka­to­ri­schen Vor­feld, es sei ihm egal, wo­her ei­ne Mehr­heit für ei­nen An­trag von, wie er an die­sem Tag be­kräf­tig­te, de­mo­kra­tisch ins Par­la­ment ge­wähl­ten Par­tei­en kommt.

Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Herr Merz über den Ter­min­plan des Vor­mit­tags bei der Pla­nung sei­nes Wahl­kampf­ma­nö­vers, mit dem er nach ei­ge­nem Be­kun­den ver­sucht, die AfD zu schrump­fen, im vol­len Bil­de war.


Der par­la­men­ta­ri­sche Tag des 29. Ja­nu­ar 2025 nö­tigt mir ein Zi­tat ab: »Die Scham muss das La­ger wech­seln.«

Schä­men Sie sich doch bit­te selbst, Herr Merz.

Und be­den­ken Sie da­bei: Das Reis­pa­pier ver­zeiht nicht. Sie kön­nen nichts kor­ri­gie­ren.

Die Mehr­heit der Syrer/innen, nicht nur in Deutsch­land, schämt sich we­gen EINEM Sy­rer. Die Mehr­heit der Afghanen/innen, nicht nur in Deutsch­land, schämt sich we­gen EINEM Af­gha­nen. Ei­ne Mehr­heit der Men­schen, nicht nur in ei­nem Land, kön­nen sich al­so we­gen EINES Men­schen schä­men.

Nicht, weil es die­sen Men­schen über­haupt gibt oder er in ei­nem für ihn frem­den Land weilt, für des­sen Bewohner/Innen er ein Frem­der ist. Son­dern weil die­ser Mensch tat, was er tat, aus wel­chen Grün­den oder Ur­sa­chen auch im­mer.

Ta­bus ha­ben in al­len Kul­tu­ren ih­ren sach­li­chen Zweck, Herr Merz. Auch wenn nicht al­le zu­stim­men.

Und mer­ken Sie sich ei­nes: Die Welt be­steht nicht nur aus Sa­chen. Wenn Sie dar­an glau­ben, dass et­was in der Sa­che rich­tig bleibt, auch wenn die Fal­schen zu­stim­men und sich da­bei je­doch nicht fra­gen, von wel­cher Sa­che Sie ei­gent­lich re­den und ob die Rich­tig­keit ih­rer Sa­che ei­ner kri­ti­schen Prü­fung fern­ab von Wahl­kampf­ge­tö­se stand­hält, sind Sie viel­leicht ein her­vor­ra­gen­der Ge­schäfts­mann, doch als Po­li­ti­ker mei­nes Er­ach­tens nach völ­lig un­ge­eig­net und als Kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht zu emp­feh­len. Ich möch­te von Ih­nen nicht in der Welt ver­tre­ten wer­den. Ich möch­te nicht, dass Sie zum Ge­sicht die­ses Staa­tes und der Bür­ger, die für ihn als li­be­ra­le De­mo­kra­tie bür­gen wol­len, wer­den.

Sie ver­sach­li­chen die Welt und wer­den so, ob frü­her oder spä­ter, das tun, was die AfD pro­pa­giert: Sie ver­sach­li­chen Men­schen. Ge­nau die­se Ent­mensch­li­chung war es, die den Ho­lo­caust über­haupt erst mög­lich mach­te.

So­weit mir be­kannt ist, gel­ten Sie als Mil­lio­när. Geld macht of­fen­bar scham­los, ver­dirbt al­so den Cha­rak­ter. Und die Aus­sicht auf Macht wo­mög­lich auch.

Sie, Herr Merz, ha­ben am 29. Ja­nu­ar 2025 dem Gauland’schen „Vo­gel­schiss“ sa­lon­fä­hig ge­macht und die AfD be­stä­tigt, was die ja auch so­fort im Ple­nar­saal ge­fei­ert hat. Sie, Herr Merz, sind der Steig­bü­gel­hal­ter für ei­ne mög­li­che Zu­kunft, die ge­schätzt 75 bis 80 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten nicht wol­len. Sonst wür­den 100% der Wahl­be­rech­tig­ten die AfD wäh­len. Sie, Herr Merz, ha­ben scham­los ge­han­delt, sich wahr­schein­lich ver­kal­ku­liert und wer­den kei­ner­lei Kon­se­quen­zen selbst zie­hen oder zu be­fürch­ten ha­ben. Und es ist mir nun völ­lig egal, ob sich für die­se in der Sa­che wohl rich­ti­gen Be­ob­ach­tung ei­ne Mehr­heit fin­det oder nicht.

Ein Han­deln wird nicht des­halb gut, weil man meint über­zeugt zu sein, et­was Gu­tes zu tun, Herr Merz.

Mir, als Bür­ger die­ses Staa­tes und Bür­ge für ei­ne li­be­ra­le De­mo­kra­tie und Wi­der­sa­cher jed­we­der au­to­ri­ta­ris­ti­schen Ten­den­zen, und sei­en sich noch so un­schein­bar, bleibt nur, die CDU/CSU und ih­re na­hen An­ver­wand­ten, AfD und FDP, und al­len Par­tei­en, die den Ruch des Kon­ser­va­ti­ven ha­ben, völ­lig egal ob ‚rechts‘ oder ‚links‘, bei der an­ste­hen­den Bun­des­tags­wahl nicht mei­ne Stim­me zu ge­ben und die­se, mei­ne Stim­me, ge­gen sie zu er­he­ben. Mich zu em­pö­ren über Un­sen­si­bi­li­tät, mich zu em­pö­ren über ein po­li­ti­sches Ge­ba­ren wie an ei­nem Po­ker­tisch, über ein Ge­ba­ren wie ei­ne Re­chen­ma­schi­ne, die eis­kalt und skru­pel­los kal­ku­liert und die Er­geb­nis­se ge­gen­ein­an­der ver­rech­net und den ma­xi­ma­len per­sön­li­chen Ge­winn an­strebt. Das ist völ­lig falsch ver­stan­de­ner Prag­ma­tis­mus.

Die Po­li­tik sei ein schmut­zi­ges Ge­schäft, heißt es. Ge­schäf­te sind schmut­zig, weil die, die sie be­trei­ben, sie schmut­zig ma­chen, Herr Merz, Frau Wei­del, Herr Lind­ner und all Ihr an­de­ren, die Ihr meint, zum Woh­le des Staa­tes zu han­deln, wenn Ihr eu­re Ge­schäf­te im Par­la­ment macht.

Die­se Wor­te hier wer­den al­ler Vor­aus­sicht nach nie ih­re Adres­sa­ten er­rei­chen, und den­noch woll­ten sie ge­setzt, ge­schrie­ben sein. Um nicht ta­ten­los da­zu­ste­hen und mich ge­gen die Scham, die in mir auf­kommt, zur Wehr zu set­zen und sie dort­hin zu ver­or­ten, wo sie mei­ner Mei­nung nach hin­ge­hört. Denn nicht ich ha­be mich zu schä­men, son­dern je­ne, die skru­pel­los ih­re Macht­in­ter­es­sen durch­zu­set­zen ver­su­chen. Die, die kein Ge­wis­sen der Welt zu pla­gen ver­mag. Die, die mit der Re­prä­sen­ta­ti­on der Bür­ger ei­nes Staa­tes be­auf­tragt wur­den, und sich da­für kei­nen Deut in­ter­es­sie­ren und statt­des­sen von ego­is­ti­schen Wün­schen und Träu­men ge­trie­ben sind. Die, die sich von je­nen wäh­len las­sen, de­nen sie Ver­spre­chun­gen ma­chen, die sich nicht ein­hal­ten. All die ha­ben sich zu schä­men.

Ei­gent­lich. Doch das ‚po­li­ti­sche Ge­schäft‘ hat sie und sich of­fen­bar ei­nes Teils be­raubt, der sie für Scham zu­gäng­lich macht. Sie ha­ben of­fen­bar kein Ge­wis­sen mehr.

Statt­des­sen wird die­se Scham auf an­de­re über­tra­gen, denn ir­gend­wo muss sie sich nie­der­schla­gen, soll noch ir­gend­wo ein Ge­wis­sen wal­ten kön­nen.

Schä­men SIE sich doch, Herr Merz, und al­le, die für Sie spre­chen, Ih­nen zu­stim­men, Sie un­ter­stüt­zen. Ja, spü­ren Sie’s? So fühlt es sich an, wenn ein ein­zel­nes Ge­sicht zum Ge­sicht vie­ler, gar al­ler, wird. Sie spü­ren nichts? Eben, des­halb kön­nen Sie so han­deln, wie Sie ge­han­delt ha­ben. Ich nen­ne sol­ches Han­deln „trumpeln“. Als USA-er­fah­re­ner Black­ro­cker und Mil­lio­när fällt es Ih­nen ja be­stimmt leicht, sich mit dem am­tie­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten ge­mein zu ma­chen. It’s just ‚busi­ness‘, so what?

Hört al­le mit­ein­an­der auf, ihr, die ihr meint, die Zu­kunft liegt in der Ver­gan­gen­heit ge­bor­gen und ist von dort zu er­he­ben, mei­ne Ver­nunft zu be­su­deln und mei­nen Ver­stand zu be­lei­di­gen.

Ihr wi­dert mich an, ihr pro­vo­ziert mei­nen Ekel. Schämt ge­fäl­ligst Ihr Euch auch da­für, al­le mit­ein­an­der!

Doch Ihr habt nach mei­ner Be­ob­ach­tung of­fen­bar kei­nen Fun­ken An­stand mehr im Leib, wenn Ihr ‚Po­li­tik‘ be­treibt. Ihr wollt ‚Politik‘-Geschäfte ma­chen, doch es fehlt da­für am Min­dest­maß der Kaufleut’sehre.

Des­we­gen wird es Euch nicht ge­lin­gen, zu er­rö­ten und den Blick zu sen­ken. Doch was schert Euch das, Ihr un­an­stän­di­gen Krä­mer­see­len …