Sich der Erziehung widersetzend Bild: Wikimedia/gemeinfrei

Was kann, unerzogen zu bleiben, bedeuten?

Robert Misik: Erziehung zur Grausamkeit. Eine kleine Lektürereflexion.

Die Ein­lei­tung be­ginnt ein­dring­lich, spon­tan kam der Ge­dan­ke „Der re­det ja wie die: emo­tio­na­li­sie­rend, mit star­kem Vo­ka­bu­lar.“ Und macht da dem kri­ti­schen Geist schon ein An­ge­bot: Lass’ uns nicht theo­re­ti­sie­ren, lass’ mal schau­en, wie es um die­se Sa­che, die der Welt ge­ra­de, für nicht we­ni­ge Men­schen zu­min­dest, den Kopf ver­dreht, be­stellt ist. Lass’ mal schau­en, was im Men­schen pas­siert, pas­sie­ren kann, der sich in ei­nem Um­feld rechts­po­pu­lis­ti­scher, ‑ex­tre­mer oder eben gar fa­schis­to­ider Agi­ta­ti­on („Neu­er Fa­schis­mus“) um­ge­ben sieht, sich viel­leicht auch wie­der oder gar über­haupt dar­in fin­det.

Ein Ton und Stil in die­sem Buch, dass ich mich in ei­nem Wie­ner Kaf­fee­haus wäh­nen kann und die Dar­le­gun­gen ei­nes re­flek­tier­ten Bür­gers am Ne­ben­tisch mit­be­kom­me, die mich dann doch zum Nach­den­ken brin­gen. Ein Stil, der nicht be­leh­rend da­her­kommt, son­dern sich eher auf’s Er­zäh­len, Dar­stel­len, Dar­le­gen, eben, kon­zen­triert, doch halt en­ga­giert. Das ist in ei­ner Welt, in der In­tel­lek­tua­li­tät und Zeit­geist­kom­men­tie­rung vor­nehm­lich aka­de­mi­sche Rou­ti­ne zu sein scheint – ei­ne pro­fes­sio­nel­le Rou­ti­ne, die sich dann volks­nah ge­ben will – mehr als er­fri­schend. Das lässt hof­fen, dass es zwi­schen wis­sens­dea­le­res­kem Bil­dungs­bür­ger_in­nen-Feuil­le­ton und aka­de­mi­scher Hoch­zucht-Ra­tio­na­li­tät noch ein Den­ken gibt, das spür­bar ei­ner Mit­te, der in­tel­lek­tu­el­len Nach­bar­schaft, so­zu­sa­gen, ent­springt. Der Tisch­nach­bar, der sa­gen kann, was man selbst schon im­mer ahn­te, doch da­für nie die rech­ten Wor­te fand.

Nach der Lek­tü­re frag­te ich mich dann schon, wes­halb of­fen­bar ei­ne ge­wis­se Ohn­mäch­tig­keit ge­gen­über der ak­tu­el­len fa­schis­to­iden Ten­denz herrscht: Was wir heu­te er­le­ben, ist schon vor Jahr­zehn­ten un­ter­sucht und be­schrie­ben wor­den. Ei­gent­lich soll­te man dar­aus fol­gern kön­nen, dass die Tech­ni­ken von Agitator_innen hin­läng­lich be­kannt sind und mitt­ler­wei­le in der Po­li­tik Ge­gen­maß­nah­men zur au­ßer­ju­ris­ti­schen Ver­tei­di­gung des De­mo­kra­ti­schen ent­wi­ckelt wur­den — was nun je­doch of­fen­sicht­lich nicht der Fall ist. Man wähn­te sich wohl in trü­ge­ri­scher Si­cher­heit. Sonst hät­te ein Fried­rich Merz die AfD lo­cker hal­bie­ren kön­nen statt mit sprich­wört­li­chem of­fe­nem Mund de­ren Ver­dopp­lung ge­wahr wer­den zu müs­sen. Und die Ge­gen­wart bie­tet zu­dem ei­ne rei­che Pa­let­te an Be­schrei­bun­gen des Au­to­ri­ta­ris­ti­schen, auch da­für wer­den im Ka­pi­tel „Der neue Fa­schis­mus als Mas­sen­hys­te­rie“ Bei­spie­le kurz vor­ge­stellt. Und wie­der die glei­che Fra­ge: Wird das in nicht-ex­tre­men, mit­hin de­mo­kra­tisch ori­en­tier­ten, Par­tei­en, ein­fach nicht zur Kennt­nis ge­nom­men oder wird sich ge­scheut, Ge­gen­maß­nah­men zu er­grei­fen, aus wel­chen Mo­ti­ven oder gar Grün­den auch im­mer? Mir ist es nur schwer vor­stell­bar, dass die rhe­to­ri­schen Tech­ni­ken von Trump, Wei­del & Co. in po­li­ti­schen Krei­sen un­be­kannt sein sol­len. För­de­rung von Grau­sam­keit durch Un­ter­las­sung, könn­te man an­füh­ren.

Im Ka­pi­tel „Durch­ge­dreh­te Auf­klä­rung“ kam mir dann mal wie­der in den Sinn, wie Vertreter_innen der neu­en Rech­ten oder de­ren Sympathisant_innen, wenn sie über Ver­schwö­run­gen fa­bu­lie­ren, recht ei­gent­lich ja doch von sich selbst und ih­ren Me­tho­den und Zie­len er­zäh­len resp. von de­nen ih­rer Ob­rig­keit er­zäh­len las­sen. Sie, die Manager_innen des Grau­si­gen und des Grau­ens, sind wo­mög­lich die, um die’s ei­gent­lich geht, und wol­len mit der Zu­schie­bung dunk­ler Ma­chen­schaf­ten auf An­de­re letzt­lich nur von sich selbst und ih­ren klan­des­ti­nen Ab­sich­ten ab­len­ken.

Wer glaubt, ge­gen al­les Au­to­ri­tä­re, Dik­ta­to­ri­sche, To­ta­li­tä­re, Fa­schis­ti­sche qua Ra­tio­na­li­tät und Ver­nunft ge­wapp­net zu sein, soll­te sich die Lek­tü­re des Tex­tes gön­nen. Doch Ob­acht: Es kann sein, dass man an sich viel von ei­nem au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter wie­der­erkennt — und die­ses Er­ken­nen des ei­ge­nen, weil mensch­li­chen, Po­ten­zi­als, kann sehr ir­ri­tie­ren. Und wer glaubt, der Um­gang mit die­ser gan­zen Fa­schis­mus­sa­che sei ja doch et­was hys­te­risch und er­le­di­ge sich als­bald von al­lein, könn­te nach dem Le­sen auf die Idee kom­men, dass (Graswurzel-)Massenpsychologie viel­leicht ei­ne un­ter­schätz­te Tech­nik ist. Denn, wie Mi­sik aus­führt, Fa­schis­mus ist kei­ne Ideo­lo­gie, es ist ei­ne Stim­mung, die die Grau­sam­keit zur All­täg­lich­keit wer­den las­sen will. Wer jetzt an den Aus­druck „Ba­na­li­tät des Bö­sen“ denkt, wird da so falsch nicht lie­gen kön­nen.

Fa­schis­mus ist kei­ne Theo­rie, die man an­nimmt oder ver­wirft, son­dern eher ei­ne Stim­mung, die ei­nen nach und nach er­fasst und über­wäl­tigt. Die Af­fek­te von Ge­kränkt­heit, Angst, Neid, das Res­sen­ti­ment und die Er­lö­sungs­sehn­sucht, sie sind an­ste­ckend, und die Ge­fühl­s­an­ste­ckung läuft nicht bloß von den Agi­ta­to­ren zu den An­hän­gern, son­dern wirkt zu­rück und kreuz und quer, und wie bei Syn­ap­sen­ver­schal­tun­gen in neu­ro­na­len Netz­wer­ken wer­den die Ver­bin­dun­gen ge­stärkt, je in­ten­si­ver sie be­nützt wer­den.
S. 59

Auch den­je­ni­gen, die sich für’s Au­to­ri­tä­re er­wär­men kön­nen, es soll sie ja ge­ben und sie kön­nen gu­te Grün­de für ih­re Ein­stel­lung und Hal­tung vor­brin­gen, wo­mög­lich, sei die Lek­tü­re ans Herz ge­legt. Vie­len wohnt ge­wiss ei­ne Sehn­sucht nach Au­to­ri­tä­ten in­ne, je­nen Cha­rak­te­ren al­so, die in schwam­mi­gen Zei­ten glaub­wür­dig Ori­en­tie­rung zu ge­ben ver­mö­gen. Doch ist es dann wich­tig, klar zwi­schen Au­to­ri­tä­ten und Au­to­ri­tä­ren zu un­ter­schei­den. Nur ein Buch­sta­be Dif­fe­renz, gro­ße Wir­kung: Ers­te­re un­ter­stüt­zen da­bei, den Kopf kla­rer zu be­kom­men, um sich bes­ser zu­recht­zu­fin­den. Letz­te­re zie­len dar­auf ab, ei­nem das Hirn so zu ver­ne­beln, da­mit man sich – de­ren ei­ge­ne, hin­ter­grün­di­ge In­ten­ti­on dann wo­mög­lich un­wis­send för­dernd – für sie letzt­lich zum nütz­li­chen Idio­ten macht. Das wirk­lich Dum­me dar­an: Bei­des kann sich sehr ähn­lich an­füh­len.

Steht so frei­lich nicht im Text. Doch man kann dar­auf kom­men, wenn man sich auf das Buch ein­lässt und hier und da die ei­ge­nen Ge­dan­ken wei­ter­lau­fen lässt, statt ei­ne Ant­wort oder ver­tief­tes Wis­sen zu er­war­ten. Bü­cher, die so et­was er­mög­li­chen, Räu­me öff­nen, Bo­den schaf­fen für die ei­ge­ne Per­spek­ti­ve, für’s ei­ge­ne Aus­ma­len ei­nes „Was wä­re, wenn…“ sind wohl zu Recht als gu­te Bü­cher zu be­zeich­nen.

Es ist al­so gar nicht der Fa­schis­mus als Theo­rie, der im An­fang ge­fähr­lich wä­re, die In­hal­te sind letzt­lich op­por­tu­nis­tisch und kön­nen sich je nach Wind­rich­tung an­pas­sen; es ist Fa­schis­mus als Stim­mung, die Grau­sam­keit mehr und mehr to­le­riert und ge­gen sie ab­stumpft. Erst die­se Ab­stump­fung er­mög­lich­te ei­nen Ho­lo­caust. Wenn al­so Faschist_innen sa­gen, sie hät­ten nicht die Ab­sicht, Bö­ses zu tun, kann das so­gar stim­men. (Nun denn, die An­nah­me ist viel­leicht sehr ge­wagt …) Doch sie sor­gen mit ih­rer Stim­mungs­ma­che auf je­den Fall doch da­für, dass das, was als „Bö­ses“ be­zeich­net wer­den kann, leich­ter ge­sche­hen kann. Es emer­giert aus der Stim­mung, oh­ne dass je ei­ne bö­se Ab­sicht zu Be­ginn der fa­schis­ti­schen Stim­mungs­or­gie er­kenn­bar ge­we­sen wä­re. Ei­ne Kraft, die stets Gu­tes will, und stets Bö­ses schafft, so­zu­sa­gen. (Wie­der: Sol­che Be­haup­tun­gen sind hei­kel … doch wir schau­en in Men­schen nicht hin­ein und kön­nen auch da­von aus­ge­hen, dass sie, je für sich, Fried­fer­tig­keit be­an­spru­chen.) Und das macht die­se Kul­tur – ja, nen­nen wir es mal so, neh­men wir das ho­he Wort für et­was wohl für vie­le Ver­werf­li­ches, denn auch da wird ein Feld be­ackert – so ge­fähr­lich: Je­der­zeit kann ein Fun­ke ei­ne Ka­ta­stro­phe aus­lö­sen.

Fa­schis­mus ist, so ge­se­hen, die Be­din­gung zur Mög­lich­keit von wach­sen­der Grau­sam­keit: So eben kein Zweck an sich, son­dern pu­res Mit­tel. Die Zwe­cke, und da gab der Text für mich kei­ne oder nur ei­ne sehr va­ge Aus­kunft, blei­ben im Dun­keln. Ich ver­mu­te: Geld & Macht oder auch nur Geld, weil es ja Macht be­deu­tet. Das Üb­li­che, halt.

Was es be­deu­tet, im Sin­ne des Bu­ches un­er­zo­gen zu blei­ben, sag­te der Text mir nicht. Doch die Wil­li­gen kön­nen ah­nen: So ein­fach wird es nicht, sich dem stän­di­gen Ge­pras­sel und Bom­bar­de­ment von Hass, Pro­pa­gan­da und Agi­ta­ti­on zu ent­zie­hen. Doch Jede_r, die/der da nicht mit­macht, sorgt da­für, dass die Wel­le sich ab­flacht, ganz ver­schwin­den wird sie wohl nie. Und um nicht mit­ma­chen zu kön­nen, ist es halt wich­tig, ein Ver­ständ­nis auf­zu­bau­en, was da sub­lim, un­ter­schwel­lig am Wer­ke ist — man muss es gar nicht er­klä­ren kön­nen. Das Un­ter­grün­di­ge, die Wir­kung rechts­extre­mis­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on er­hellt das Buch in ei­ner sehr zu­gäng­li­chen Wei­se. In­so­fern kann man viel­leicht, Lud­wig Witt­gen­stein im Hin­ter­kopf ha­bend, re­sü­mie­ren: Es sagt we­nig und zeigt, viel­mehr, um was es geht.

Mi­sik, Ro­bert:
Er­zie­hung zur Grau­sam­keit.
Die Mas­sen­psy­cho­lo­gie des Neu­en Fa­schis­mus.

Suhr­kamp, „edi­ti­on suhr­kamp“ Band 2842, Ber­lin, 2026.
200 S., kar­to­niert, 18,00€
e‑Book: 17,99€

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