Robert Misik: Erziehung zur Grausamkeit. Eine kleine Lektürereflexion.
Die Einleitung beginnt eindringlich, spontan kam der Gedanke „Der redet ja wie die: emotionalisierend, mit starkem Vokabular.“ Und macht da dem kritischen Geist schon ein Angebot: Lass’ uns nicht theoretisieren, lass’ mal schauen, wie es um diese Sache, die der Welt gerade, für nicht wenige Menschen zumindest, den Kopf verdreht, bestellt ist. Lass’ mal schauen, was im Menschen passiert, passieren kann, der sich in einem Umfeld rechtspopulistischer, ‑extremer oder eben gar faschistoider Agitation („Neuer Faschismus“) umgeben sieht, sich vielleicht auch wieder oder gar überhaupt darin findet.
Ein Ton und Stil in diesem Buch, dass ich mich in einem Wiener Kaffeehaus wähnen kann und die Darlegungen eines reflektierten Bürgers am Nebentisch mitbekomme, die mich dann doch zum Nachdenken bringen. Ein Stil, der nicht belehrend daherkommt, sondern sich eher auf’s Erzählen, Darstellen, Darlegen, eben, konzentriert, doch halt engagiert. Das ist in einer Welt, in der Intellektualität und Zeitgeistkommentierung vornehmlich akademische Routine zu sein scheint – eine professionelle Routine, die sich dann volksnah geben will – mehr als erfrischend. Das lässt hoffen, dass es zwischen wissensdealereskem Bildungsbürger_innen-Feuilleton und akademischer Hochzucht-Rationalität noch ein Denken gibt, das spürbar einer Mitte, der intellektuellen Nachbarschaft, sozusagen, entspringt. Der Tischnachbar, der sagen kann, was man selbst schon immer ahnte, doch dafür nie die rechten Worte fand.
Nach der Lektüre fragte ich mich dann schon, weshalb offenbar eine gewisse Ohnmächtigkeit gegenüber der aktuellen faschistoiden Tendenz herrscht: Was wir heute erleben, ist schon vor Jahrzehnten untersucht und beschrieben worden. Eigentlich sollte man daraus folgern können, dass die Techniken von Agitator_innen hinlänglich bekannt sind und mittlerweile in der Politik Gegenmaßnahmen zur außerjuristischen Verteidigung des Demokratischen entwickelt wurden — was nun jedoch offensichtlich nicht der Fall ist. Man wähnte sich wohl in trügerischer Sicherheit. Sonst hätte ein Friedrich Merz die AfD locker halbieren können statt mit sprichwörtlichem offenem Mund deren Verdopplung gewahr werden zu müssen. Und die Gegenwart bietet zudem eine reiche Palette an Beschreibungen des Autoritaristischen, auch dafür werden im Kapitel „Der neue Faschismus als Massenhysterie“ Beispiele kurz vorgestellt. Und wieder die gleiche Frage: Wird das in nicht-extremen, mithin demokratisch orientierten, Parteien, einfach nicht zur Kenntnis genommen oder wird sich gescheut, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, aus welchen Motiven oder gar Gründen auch immer? Mir ist es nur schwer vorstellbar, dass die rhetorischen Techniken von Trump, Weidel & Co. in politischen Kreisen unbekannt sein sollen. Förderung von Grausamkeit durch Unterlassung, könnte man anführen.
Im Kapitel „Durchgedrehte Aufklärung“ kam mir dann mal wieder in den Sinn, wie Vertreter_innen der neuen Rechten oder deren Sympathisant_innen, wenn sie über Verschwörungen fabulieren, recht eigentlich ja doch von sich selbst und ihren Methoden und Zielen erzählen resp. von denen ihrer Obrigkeit erzählen lassen. Sie, die Manager_innen des Grausigen und des Grauens, sind womöglich die, um die’s eigentlich geht, und wollen mit der Zuschiebung dunkler Machenschaften auf Andere letztlich nur von sich selbst und ihren klandestinen Absichten ablenken.
Wer glaubt, gegen alles Autoritäre, Diktatorische, Totalitäre, Faschistische qua Rationalität und Vernunft gewappnet zu sein, sollte sich die Lektüre des Textes gönnen. Doch Obacht: Es kann sein, dass man an sich viel von einem autoritären Charakter wiedererkennt — und dieses Erkennen des eigenen, weil menschlichen, Potenzials, kann sehr irritieren. Und wer glaubt, der Umgang mit dieser ganzen Faschismussache sei ja doch etwas hysterisch und erledige sich alsbald von allein, könnte nach dem Lesen auf die Idee kommen, dass (Graswurzel-)Massenpsychologie vielleicht eine unterschätzte Technik ist. Denn, wie Misik ausführt, Faschismus ist keine Ideologie, es ist eine Stimmung, die die Grausamkeit zur Alltäglichkeit werden lassen will. Wer jetzt an den Ausdruck „Banalität des Bösen“ denkt, wird da so falsch nicht liegen können.
Faschismus ist keine Theorie, die man annimmt oder verwirft, sondern eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie sind ansteckend, und die Gefühlsansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern wirkt zurück und kreuz und quer, und wie bei Synapsenverschaltungen in neuronalen Netzwerken werden die Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benützt werden.S. 59
Auch denjenigen, die sich für’s Autoritäre erwärmen können, es soll sie ja geben und sie können gute Gründe für ihre Einstellung und Haltung vorbringen, womöglich, sei die Lektüre ans Herz gelegt. Vielen wohnt gewiss eine Sehnsucht nach Autoritäten inne, jenen Charakteren also, die in schwammigen Zeiten glaubwürdig Orientierung zu geben vermögen. Doch ist es dann wichtig, klar zwischen Autoritäten und Autoritären zu unterscheiden. Nur ein Buchstabe Differenz, große Wirkung: Erstere unterstützen dabei, den Kopf klarer zu bekommen, um sich besser zurechtzufinden. Letztere zielen darauf ab, einem das Hirn so zu vernebeln, damit man sich – deren eigene, hintergründige Intention dann womöglich unwissend fördernd – für sie letztlich zum nützlichen Idioten macht. Das wirklich Dumme daran: Beides kann sich sehr ähnlich anfühlen.
Steht so freilich nicht im Text. Doch man kann darauf kommen, wenn man sich auf das Buch einlässt und hier und da die eigenen Gedanken weiterlaufen lässt, statt eine Antwort oder vertieftes Wissen zu erwarten. Bücher, die so etwas ermöglichen, Räume öffnen, Boden schaffen für die eigene Perspektive, für’s eigene Ausmalen eines „Was wäre, wenn…“ sind wohl zu Recht als gute Bücher zu bezeichnen.
Es ist also gar nicht der Faschismus als Theorie, der im Anfang gefährlich wäre, die Inhalte sind letztlich opportunistisch und können sich je nach Windrichtung anpassen; es ist Faschismus als Stimmung, die Grausamkeit mehr und mehr toleriert und gegen sie abstumpft. Erst diese Abstumpfung ermöglichte einen Holocaust. Wenn also Faschist_innen sagen, sie hätten nicht die Absicht, Böses zu tun, kann das sogar stimmen. (Nun denn, die Annahme ist vielleicht sehr gewagt …) Doch sie sorgen mit ihrer Stimmungsmache auf jeden Fall doch dafür, dass das, was als „Böses“ bezeichnet werden kann, leichter geschehen kann. Es emergiert aus der Stimmung, ohne dass je eine böse Absicht zu Beginn der faschistischen Stimmungsorgie erkennbar gewesen wäre. Eine Kraft, die stets Gutes will, und stets Böses schafft, sozusagen. (Wieder: Solche Behauptungen sind heikel … doch wir schauen in Menschen nicht hinein und können auch davon ausgehen, dass sie, je für sich, Friedfertigkeit beanspruchen.) Und das macht diese Kultur – ja, nennen wir es mal so, nehmen wir das hohe Wort für etwas wohl für viele Verwerfliches, denn auch da wird ein Feld beackert – so gefährlich: Jederzeit kann ein Funke eine Katastrophe auslösen.
Faschismus ist, so gesehen, die Bedingung zur Möglichkeit von wachsender Grausamkeit: So eben kein Zweck an sich, sondern pures Mittel. Die Zwecke, und da gab der Text für mich keine oder nur eine sehr vage Auskunft, bleiben im Dunkeln. Ich vermute: Geld & Macht oder auch nur Geld, weil es ja Macht bedeutet. Das Übliche, halt.
Was es bedeutet, im Sinne des Buches unerzogen zu bleiben, sagte der Text mir nicht. Doch die Willigen können ahnen: So einfach wird es nicht, sich dem ständigen Geprassel und Bombardement von Hass, Propaganda und Agitation zu entziehen. Doch Jede_r, die/der da nicht mitmacht, sorgt dafür, dass die Welle sich abflacht, ganz verschwinden wird sie wohl nie. Und um nicht mitmachen zu können, ist es halt wichtig, ein Verständnis aufzubauen, was da sublim, unterschwellig am Werke ist — man muss es gar nicht erklären können. Das Untergründige, die Wirkung rechtsextremistischer Kommunikation erhellt das Buch in einer sehr zugänglichen Weise. Insofern kann man vielleicht, Ludwig Wittgenstein im Hinterkopf habend, resümieren: Es sagt wenig und zeigt, vielmehr, um was es geht.
Misik, Robert:
Erziehung zur Grausamkeit.
Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus.
Suhrkamp, „edition suhrkamp“ Band 2842, Berlin, 2026.
200 S., kartoniert, 18,00€
e‑Book: 17,99€
