Kreiselnder Kompass: Verlässliche Orientierung durch innere Beweglichkeit Bild: Volker Homann / ChatGPT

Autorität und Autoritarismus: Über die Neigung zum Kippen

Wie eine orientierende Kraft beweglich bleibt — und wo die Erstarrung lauert. Über Meinung, Wunsch und Solidarität.

Das Wort hält noch stand — aber sei­ne Fa­mi­lie ver­rät es. »Au­to­ri­tät« meint im deut­schen Sprach­ge­brauch das auf Kom­pe­tenz und An­er­ken­nung be­ru­hen­de An­se­hen ei­ner Per­son oder In­sti­tu­ti­on: ei­ne ori­en­tie­ren­de Kraft, kei­ne er­zwun­ge­ne Un­ter­wer­fung. So­weit ist das Wort noch in­te­ger. Doch sein Ad­jek­tiv — »au­to­ri­tär« — hat längst die Sei­ten ge­wech­selt: Es be­zeich­net heu­te das Ge­gen­teil von Au­to­ri­tät im ei­gent­li­chen Sin­ne, näm­lich das Her­ri­sche, das Be­feh­leri­sche, das An­ti­de­mo­kra­ti­sche. Im Über­gang vom Sub­stan­tiv zum Ad­jek­tiv voll­zieht sich be­reits je­nes Kip­pen, das die­ser Es­say un­ter­su­chen will.1⇣Im Sprach­ge­brauch ist da­bei ei­ne be­mer­kens­wer­te Lü­cke ent­stan­den: Für »Au­to­ri­tät« im po­si­ti­ven Sin­ne gibt es kein ge­bräuch­li­ches Ad­jek­tiv. … Wei­ter­le­sen…

Die­ses Kip­pen im Ad­jek­tiv hat ei­ne lan­ge Vor­ge­schich­te. Das La­tei­ni­sche kann­te noch ei­ne schar­fe Un­ter­schei­dung: auc­to­ri­tas be­zeich­ne­te die Kraft des­sen, der et­was ins Werk ge­setzt hat, der Ur­he­ber ist — vom Verb au­gere, meh­ren, wach­sen las­sen. Es war die Gel­tung, die man ver­lieh, nicht die Macht, die man aus­üb­te. Der rö­mi­sche Se­nat hat­te auc­to­ri­tas, der Ma­gis­trat hat­te po­tes­tas — Amts­ge­walt, Zwangs­be­fug­nis. Die­se Un­ter­schei­dung war be­wusst: Au­to­ri­tät oh­ne Zwang auf der ei­nen, Macht oh­ne ei­gent­li­che Au­to­ri­tät auf der an­de­ren Sei­te. Schon im La­tei­ni­schen aber be­gann die Ero­si­on, wur­de auc­tor auch der­je­ni­ge, der an­ord­net und be­fiehlt. Das Kip­pen ist al­so alt — und viel­leicht des­halb so schwer zu fas­sen, weil es sich so un­auf­fäl­lig voll­zieht, weil es sich im Sprach­ge­brauch selbst ein­ge­nis­tet hat.

Der vor­lie­gen­de Es­say ver­folgt die­se Spur. Er fragt, was Au­to­ri­tät im ei­gent­li­chen, im ori­en­tie­ren­den Sin­ne meint — und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen sie in Au­to­ri­ta­ris­mus um­schlägt. Da­bei wird ein wei­tes Ver­ständ­nis von Au­to­ri­tät zu­grun­de ge­legt: Nicht nur Per­so­nen oder In­sti­tu­tio­nen kön­nen Au­to­ri­tät be­sit­zen, son­dern auch Re­geln, Wün­sche, Über­zeu­gun­gen. Doch die­se Au­to­ri­tät ist stets ei­ne kul­tu­rell ver­lie­he­ne — sie un­ter­schei­det sich da­mit grund­le­gend von der Wirk­kraft na­tür­li­cher Zwän­ge, die uns, ob wir wol­len oder nicht, in An­spruch neh­men. Ge­ra­de die­se Dif­fe­renz, so wird zu zei­gen sein, ist ent­schei­dend: Denn was ver­lie­hen ist, kann kip­pen.

Autorität als Konstruktion: Das weite Bedeutungsfeld

Verliehene Geltung

Au­to­ri­tät im hier ge­mein­ten Sin­ne ist im­mer kul­tu­rell — sie ist das Er­geb­nis ei­nes Akts der An­er­ken­nung, nicht ei­ner Na­tur­ge­ge­ben­heit. Das un­ter­schei­det sie grund­le­gend von der Wirk­kraft na­tür­li­cher Zwän­ge: Der Hun­ger zwingt, oh­ne dass wir ihm Gel­tung ver­lei­hen müss­ten. Kul­tu­rel­le Au­to­ri­tät da­ge­gen setzt ein Sub­jekt vor­aus, das an­er­kennt — und das eben des­halb auch ver­wei­gern, be­fra­gen, re­vi­die­ren kann. Re­geln, Ge­set­ze, In­sti­tu­tio­nen, mo­ra­li­sche Nor­men be­zie­hen ih­re ori­en­tie­ren­de Kraft nicht aus ei­ner na­tür­li­chen Po­tenz, son­dern aus die­sem Akt der An­er­ken­nung. Es gibt kei­ne »na­tür­li­che Au­to­ri­tät« wie es auch kei­ne me­ta­phy­si­sche gibt — auch wenn au­to­ri­tä­re Dis­kur­se bei­des ger­ne be­haup­ten, um Herr­schaft als un­ab­än­der­lich er­schei­nen zu las­sen.

Wir schrei­ben Re­geln, In­sti­tu­tio­nen und Nor­men Ver­bind­lich­keit zu, wir ver­lei­hen ih­nen Gel­tung — und eben des­halb kön­nen wir sie auch be­fra­gen, re­vi­die­ren, ver­wer­fen. Han­nah Are­ndt hat die­sen Ge­dan­ken in al­ler Schär­fe for­mu­liert: Au­to­ri­tät, die auf Zwang an­ge­wie­sen ist, hat ih­re ei­gent­li­che Sub­stanz be­reits ver­lo­ren. Sie ist dann schon nicht mehr Au­to­ri­tät, son­dern Macht — oder Ge­walt.

Die Gefährdung der verliehenen Autorität

Dar­in liegt zu­gleich ih­re Stär­ke und ih­re Ge­fähr­dung: Weil Au­to­ri­tät ver­lie­hen ist, muss sie sich im­mer wie­der neu be­wäh­ren, im­mer wie­der neu an­er­kannt wer­den. Sie ist le­ben­di­ger als je­de na­tur­ge­ge­be­ne Zwangs­läu­fig­keit — aber auch an­fäl­li­ger. Denn wer Au­to­ri­tät be­sitzt, kann ver­lei­tet wer­den, sie ge­gen den Wi­der­ruf ab­zu­si­chern — ei­nen An­spruch zu er­he­ben, statt ihn ent­ge­gen­zu­neh­men; wer Ori­en­tie­rung sucht, ist ver­sucht, die ver­lie­he­ne Ver­bind­lich­keit als ab­so­lu­te zu be­han­deln. In die­sem dop­pel­ten Druck liegt der Keim des Kip­pens.

Meinung und Überzeugung: Das Kippen im Sprechen

Meinung als Entwurf

Das Kip­pen voll­zieht sich nicht nur in po­li­ti­schen Struk­tu­ren oder psy­cho­lo­gi­schen Dis­po­si­tio­nen — es voll­zieht sich auch im Sprach­ge­brauch, im all­täg­li­chen Um­gang mit dem, was wir den­ken und sa­gen. Ei­ne der auf­schluss­reichs­ten Stel­len, an der sich die­ser Vor­gang be­ob­ach­ten lässt, ist die Un­ter­schei­dung zwi­schen Mei­nung und Über­zeu­gung.

Das Wort mei­nen trägt in sich die Be­deu­tung des Vor­läu­fi­gen, des Adres­sier­ten, des Of­fe­nen: et­was glau­ben oh­ne Ge­wiss­heit, et­was im Sinn ha­ben als Ent­wurf. Ei­ne Mei­nung ist im­mer an ei­nen An­de­ren ge­rich­tet, sie setzt ei­nen Dia­log vor­aus, sie ist auf Wi­der­spruch hin of­fen — ja, sie braucht den Wi­der­spruch, um sich zu schär­fen oder zu re­vi­die­ren. Man hat ei­ne Mei­nung, wie man ei­nen Ent­wurf hat: als et­was, das noch wer­den kann, das noch nicht fer­tig ist. Sie zeigt ei­ne Rich­tung an, mehr nicht.

Überzeugung als Schließung

An­ders die Über­zeu­gung. Man ist über­zeugt, man ist sei­ne Über­zeu­gung — im Sprach­ge­brauch selbst zeigt sich die Fu­si­on an. Die Über­zeu­gung hat sich vom Spre­cher nicht mehr di­stan­ziert, sie ist Teil sei­ner Iden­ti­tät ge­wor­den.

Doch hier ist ei­ne Un­ter­schei­dung nö­tig. Es gibt Über­zeu­gun­gen, die aus lan­ger Re­fle­xi­on ge­wach­sen sind, die Ge­wicht ha­ben und Ori­en­tie­rung ge­ben — und de­ren Trä­ger den­noch wis­sen, dass sie kein ge­si­cher­tes Wis­sen sind. Wer sei­ne Über­zeu­gun­gen so hält, schützt sich vor dem Um­schlag ins Ri­gi­de.

Die­se ri­gi­de Form ist dann die Ge­burt zur Über-Zeu­gung, wenn man so will: Hier ist die Über­zeu­gung nicht mehr be­frag­bar, oh­ne dass das Selbst be­droht wird. Sie hat sich von ei­ner ver­tief­ten Mei­nung in ei­ne Iden­ti­täts­fes­tung ver­wan­delt. Wer die Über­zeu­gung an­greift, greift den Men­schen an.

Die­se Un­ter­schei­dung ist kei­ne bloß aka­de­mi­sche. Au­to­ri­tä­re Dis­kur­se le­ben, oft ab­sicht­lich, von ih­rer Ver­wi­schung. Wer ei­ne Mei­nung äu­ßert — ei­nen Ent­wurf, ei­ne vor­läu­fi­ge Po­si­ti­on —, wird be­han­delt, als ha­be er ei­ne un­um­stöß­li­che Über­zeu­gung kund­ge­tan. Er muss die­se Über­zeu­gung nun ver­tei­di­gen oder von ihr ab­rü­cken; bei­des ist ei­ne Nie­der­la­ge. Der of­fe­ne Dis­kurs, den die Mei­nung er­mög­li­chen soll­te, wird so im Keim er­stickt. Das Ent­wurfs­haf­te wird zum Dog­ma er­klärt — und dann als Dog­ma wi­der­legt oder ver­tei­digt. In die­sem Me­cha­nis­mus liegt ei­ne der sub­tils­ten For­men, in der ori­en­tie­ren­de Au­to­ri­tät in au­to­ri­tä­ren Zwang kippt.

Der Kippmoment: Tanha und die Erstarrung des Wunsches

Der Wunsch als orientierende Kraft

Die trei­ben­de Kraft des Wun­sches ist ei­ne der ele­men­tars­ten mensch­li­chen Er­fah­run­gen. Wün­sche ge­ben Rich­tung, sie mo­bi­li­sie­ren En­er­gie, sie struk­tu­rie­ren Zeit — sie sa­gen uns, wo­hin wir wol­len, und un­ter­schei­den da­mit ei­ne Zu­kunft von ei­ner an­de­ren. In die­sem Sin­ne kann der Wunsch zu ei­ner der ur­sprüng­lichs­ten For­men von Au­to­ri­tät wer­den: Wir ver­lei­hen ihm Be­deu­tung, wir schrei­ben ihm Ge­wicht zu — und er gibt uns da­für Rich­tung.

So­lan­ge der Wunsch of­fen bleibt — so­lan­ge er Rich­tung gibt, oh­ne Er­fül­lung zu er­zwin­gen —, be­hält er sei­nen ori­en­tie­ren­den Cha­rak­ter. Er ist dann tat­säch­lich ein Ent­wurf: auf Zu­kunft hin, auf Mög­lich­keit hin, auf den An­de­ren hin of­fen. Die ori­en­tie­ren­de Kraft, die wir dem Wunsch ver­lei­hen, liegt nicht in sei­ner Ver­wirk­li­chung, son­dern in sei­ner Be­we­gung — in sei­nem mo­ti­vie­ren­den Mo­men­tum.

Tanha: Die Erstarrung und ihr Leiden

Das bud­dhis­ti­sche Kon­zept des Tan­ha — wört­lich: Durst, Ver­lan­gen — be­zeich­net ge­nau den Punkt, an dem die­ser be­weg­li­che, ori­en­tie­ren­de Wunsch zu kip­pen be­ginnt. Im bud­dhis­ti­schen Den­ken ent­steht Lei­den nicht aus dem Wunsch an sich, son­dern aus dem Fest­hal­ten an ihm: der Wei­ge­rung, sei­ne Kon­tin­genz an­zu­er­ken­nen, der Ver­wand­lung des Ent­wurfs in ei­ne For­de­rung, der For­de­rung in ei­nen An­spruch, des An­spruchs in ei­nen Zwang. Was als ori­en­tie­ren­de Kraft be­gann, wird zur Fes­sel — zu­erst für den­je­ni­gen, der fest­hält, dann für je­ne, die mit ihm zu­sam­men­le­ben.

Die­se Struk­tur ist struk­tu­rell iden­tisch mit dem, was Erich Fromm als ir­ra­tio­na­le Au­to­ri­tät be­schrie­ben hat. Fromm un­ter­schei­det scharf zwi­schen ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät, die im Dienst des Wachs­tums des An­de­ren steht, und ir­ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät, die dem An­de­ren Un­ter­wer­fung ab­ver­langt, weil sie aus ei­ge­nem Man­gel ge­speist wird. Der Un­ter­schied liegt nicht in der Stär­ke der Gel­tung, son­dern in ih­rer Rich­tung: Ra­tio­na­le Au­to­ri­tät öff­net, ir­ra­tio­na­le schließt. Ra­tio­na­le Au­to­ri­tät ist auf Über­flüs­sig­wer­den an­ge­legt — die gu­te Leh­re­rin, der gu­te Va­ter ar­bei­ten auf ih­re ei­ge­ne Ent­behr­lich­keit hin. Ir­ra­tio­na­le Au­to­ri­tät hin­ge­gen braucht Ab­hän­gig­keit, weil sie oh­ne sie auf­hört zu exis­tie­ren.

Die gegenseitige Fixierung

Hier liegt ein ent­schei­den­der Punkt, der leicht über­se­hen wird: Das Kip­pen in Au­to­ri­ta­ris­mus ist kein ein­sei­ti­ger Vor­gang. Es ent­steht nicht al­lein aus der Macht­gier des Au­to­ri­tä­ren — es ent­steht im Zu­sam­men­spiel zwei­er Man­gel­zu­stän­de. Auf der ei­nen Sei­te der­je­ni­ge, den man nicht los­las­sen kann: weil man nie ge­lernt hat, auf ei­ge­nen Bei­nen zu ste­hen, weil He­te­ro­no­mie zur zwei­ten Na­tur ge­wor­den ist, weil die Fä­hig­keit zur Au­to­no­mie — im ety­mo­lo­gi­schen Sin­ne: das Ver­mö­gen, sich selbst Ge­setz zu sein — nie ver­mit­telt wur­de. Auf der an­de­ren Sei­te der­je­ni­ge, der nicht los­las­sen will: weil er den An­de­ren als Spie­gel braucht, weil er sei­ne ei­ge­ne Gel­tung nur im Ge­hor­sam des An­de­ren spü­ren kann.

Die­se ge­gen­sei­ti­ge Fi­xie­rung ist das ei­gent­li­che We­sen des Au­to­ri­ta­ris­mus — nicht Stär­ke, son­dern ei­ne dop­pel­te Schwä­che, die sich wech­sel­sei­tig sta­bi­li­siert. Are­ndt hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Rück­griff auf Ge­walt im­mer schon ein Zei­chen des Au­to­ri­täts­ver­lusts ist: Wer wirk­lich an­er­kannt wird, braucht kei­nen Zwang. Au­to­ri­ta­ris­mus ist mit­hin die Si­mu­la­ti­on von Au­to­ri­tät durch Mit­tel, die Au­to­ri­tät per de­fi­ni­tio­nem aus­schlie­ßen.

Ironie und Autorität-Kritik von innen

Die ironische Haltung als Gegenmittel

Wie aber lässt sich das Kip­pen ver­mei­den? Wel­che Hal­tung er­laubt es, ori­en­tie­ren­de Au­to­ri­tät zu kul­ti­vie­ren, oh­ne in Au­to­ri­ta­ris­mus zu ver­fal­len? Ri­chard Ror­tys Ent­wurf der li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin bie­tet hier ei­nen be­mer­kens­wer­ten An­satz — nicht als fer­ti­ges Pro­gramm, son­dern als Be­schrei­bung ei­ner Hal­tung.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin lebt mit Über­zeu­gun­gen im mitt­le­ren Sin­ne — ver­tieft, ge­wich­tig, hand­lungs­lei­tend, aber oh­ne den An­spruch auf letz­te Wahr­heit. Sie weiß, dass ih­re Über­zeu­gun­gen kon­tin­gent sind: his­to­risch ge­wach­sen, durch Er­fah­rung ge­formt, durch an­de­re Er­fah­run­gen re­vi­dier­bar. Das schützt sie vor dem Um­schlag zur Über-Zeu­gung — nicht durch Gleich­gül­tig­keit, son­dern durch je­ne epis­te­mi­sche Be­schei­den­heit, die En­ga­ge­ment und Of­fen­heit zu­gleich er­laubt.

Strukturanalogie: Achtsamkeit und Ironie

Die­se Hal­tung weist ei­ne be­mer­kens­wer­te Struk­tur­ana­lo­gie zur bud­dhis­ti­schen Pra­xis der Acht­sam­keit auf. Auch Acht­sam­keit zielt nicht auf die Auf­lö­sung von Wün­schen und Über­zeu­gun­gen, son­dern auf ei­ne ver­än­der­te Hal­tung zu ih­nen: Das Fest­hal­ten wird durch ein be­wuss­tes Ge­wahr­sein er­setzt, das dem Wunsch sei­nen Platz lässt, oh­ne von ihm be­herrscht zu wer­den. Das ist kei­ne Gleich­gül­tig­keit — es ist ei­ne Form von in­ne­rem Zeu­gen, ei­ne Fä­hig­keit zur Selbst­di­stanz, die das Selbst nicht aus­löscht, son­dern schärft.

Ge­nau die­se Fä­hig­keit — die Au­to­ri­tät-Kri­tik von in­nen — ist die Be­din­gung der Mög­lich­keit für das, was Ror­ty So­li­da­ri­tät nennt. Denn wer sei­ne ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen für ab­so­lut hält, wer sei­ne Mei­nun­gen in Über­zeu­gun­gen ver­wan­delt hat und sei­ne Über­zeu­gun­gen in Iden­ti­tät, der kann den An­de­ren nur als Be­stä­ti­gung oder Be­dro­hung wahr­neh­men. So­li­da­ri­tät aber setzt vor­aus, dass ich den An­de­ren in sei­ner An­ders­heit wahr­neh­me — als je­man­den, des­sen Lei­den re­al ist, auch wenn sein Vo­ka­bu­lar ein an­de­res ist als mei­nes. Das ist nur mög­lich, wenn ich nicht glau­be, der Maß­stab al­ler Din­ge zu sein.

Solidarität als Autorität — und ihr Kippen

Verliehene Empathie

So­li­da­ri­tät ist bei Ror­ty kei­ne me­ta­phy­sisch be­grün­de­te Pflicht. Es gibt kein Na­tur­ge­setz, das uns zur Em­pa­thie zwingt, kein ka­te­go­ri­sches Ge­bot, das So­li­da­ri­tät aus rei­ner Ver­nunft ab­lei­tet. So­li­da­ri­tät ist statt­des­sen et­was, das kul­ti­viert wer­den muss — durch Li­te­ra­tur, durch Be­geg­nung, durch die Er­wei­te­rung der Vor­stel­lungs­kraft, durch die lang­sam wach­sen­de Fä­hig­keit, das Lei­den des An­de­ren als wirk­li­ches Lei­den zu er­ken­nen, auch wenn es sich in frem­den For­men äu­ßert.

In die­sem Sin­ne ist So­li­da­ri­tät ei­ne ver­lie­he­ne Au­to­ri­tät: wir schrei­ben ihr Ver­bind­lich­keit zu, wir er­ken­nen sie als hand­lungs­lei­tend an — nicht weil wir müs­sen, son­dern weil wir es ge­lernt ha­ben zu wol­len. Das ist ge­nau der Ge­gen­ent­wurf zur ir­ra­tio­na­len Au­to­ri­tät Fromms: Hier wird kei­ne Ab­hän­gig­keit er­zeugt, son­dern Hand­lungs­fä­hig­keit ge­stärkt; hier ist die Au­to­ri­tät auf ih­re ei­ge­ne Über­flüs­sig­keit hin an­ge­legt, weil ih­re Wir­kung dann am größ­ten ist, wenn sie in­ter­na­li­siert wur­de und kei­ner äu­ße­ren Ver­stär­kung mehr be­darf.

Die Gefahr der erstarrten Solidarität

Doch auch So­li­da­ri­tät kann kip­pen. Die Ge­schich­te eman­zi­pa­to­ri­scher Be­we­gun­gen kennt das Mus­ter zur Ge­nü­ge: Was als of­fe­ne, em­pa­thisch er­wor­be­ne Ver­bin­dung be­ginnt, er­starrt zur Pflicht, zur For­de­rung, zum Kon­for­mi­täts­druck. So­li­da­risch zu sein wird zur Norm, de­ren Ver­let­zung Aus­schluss nach sich zieht. Das Wir, das sich durch ge­mein­sa­mes Lei­den und ge­mein­sa­mes Wol­len ge­bil­det hat, schließt sich nach in­nen und au­ßen — und be­ginnt, ge­nau je­ne Me­cha­nis­men der Un­ter­wer­fung zu re­pro­du­zie­ren, ge­gen die es an­ge­tre­ten war.

Die Be­din­gung da­für, dass So­li­da­ri­tät nicht au­to­ri­tär wird, ist die­sel­be wie die Be­din­gung ih­rer Ent­ste­hung: die iro­ni­sche Di­stanz, die Fä­hig­keit zur Au­to­ri­tät-Kri­tik von in­nen. So­li­da­ri­tät muss sich selbst kon­tin­gent hal­ten — muss wis­sen, dass auch sie kip­pen kann, dass auch sie zum Tan­ha wer­den kann. Wer das weiß, hat noch nicht die Lö­sung — aber er hat ei­ne Hal­tung, die das Kip­pen un­wahr­schein­li­cher macht.

Autorität halten — das Kippen im Blick

Es gibt kei­ne Ga­ran­tie. Kein Me­cha­nis­mus, der das Kip­pen von ori­en­tie­ren­der Kraft in au­to­ri­tä­ren Zwang struk­tu­rell aus­schließt. Das ist un­be­quem — aber viel­leicht ist es die ehr­lichs­te Aus­kunft, die sich ge­ben lässt. Wer das Ge­gen­teil ver­spricht, hat be­reits be­gon­nen zu kip­pen.

Was es gibt, ist ei­ne Hal­tung. Sie lässt sich, nach al­lem Ge­sag­ten, so be­schrei­ben: Au­to­ri­tät — an Re­geln ver­lie­he­ne, an Per­so­nen ver­lie­he­ne, an Wün­sche und Über­zeu­gun­gen ver­lie­he­ne Gel­tung — bleibt ori­en­tie­rend, so­lan­ge sie sich ih­rer ei­ge­nen Kon­stru­iert­heit be­wusst ist. Ei­ne Au­to­ri­tät, die weiß, dass sie ver­lie­hen ist, muss sich im­mer neu be­wäh­ren. Sie kann nicht auf me­ta­phy­si­sche Ab­si­che­rung zu­rück­grei­fen, nicht auf Na­tur­not­wen­dig­keit, nicht auf gött­li­ches Recht. Sie ist des­halb nicht schwä­cher — sie ist le­ben­di­ger. Sie for­dert und er­mög­licht je­ne Form der Aus­ein­an­der­set­zung, in der Mei­nun­gen Ent­wür­fe blei­ben und Über­zeu­gun­gen re­vi­dier­bar.

Das Be­wusst­sein der ei­ge­nen Kipp­ge­fähr­dung ist da­bei nicht Zei­chen von Schwä­che, son­dern Zei­chen ei­ge­ner, rei­fer Au­to­ri­tät. Wer weiß, dass er kip­pen kann, hat be­reits ei­ne Hal­tung zu sich selbst ein­ge­nom­men, die Selbst­re­fle­xi­on vor­aus­setzt und er­mög­licht. Wer die­se Mög­lich­keit leug­net, hat sie da­mit nur un­sicht­bar ge­macht — nicht be­sei­tigt.

Ror­ty hat die­se Ein­sicht in den Be­griff der Iro­nie ge­fasst, das bud­dhis­ti­sche Den­ken in den Be­griff der Acht­sam­keit, Fromm in den der ra­tio­na­len Au­to­ri­tät. Die Be­grif­fe sind ver­schie­den, die Struk­tur ist ähn­lich: Es geht um ei­ne Hal­tung der Selbst­di­stanz: des Mei­nens oh­ne An­spruch, des En­ga­ge­ments oh­ne Fa­na­tis­mus, der Über­zeu­gung oh­ne Er­star­rung. Um, mit ei­nem Wort, des­sen Ad­jek­tiv längst die Sei­ten ge­wech­selt hat, das Sub­stan­tiv aber noch stand­hält: Au­to­ri­tät — die ori­en­tie­ren­de, die le­ben­di­ge, die sich selbst in Fra­ge stel­len kann, oh­ne sich da­bei zu ver­lie­ren.

Die Fra­ge, ob die­se Hal­tung kul­ti­vier­bar ist, ob Bil­dung und Er­fah­rung und Li­te­ra­tur tat­säch­lich ver­mö­gen, was Ror­ty ih­nen zu­traut, bleibt of­fen. Sie muss of­fen blei­ben. Denn auch hier gilt: Wer sie mit Ge­wiss­heit be­ant­wor­tet, hat die Ant­wort schon fal­si­fi­ziert.

Wer den im Es­say be­rühr­ten Ge­dan­ken wei­ter nach­ge­hen möch­te, fin­det hier ei­ni­ge Hin­wei­se – kei­ne er­schöp­fen­de Bi­blio­gra­phie, son­dern ei­ne klei­ne Ein­la­dung.
Die schärfs­te phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Au­to­ri­täts­be­griff – und der Aus­gangs­punkt für die hier ver­wen­de­te Un­ter­schei­dung von Au­to­ri­tät, Macht und Ge­walt – bie­tet Han­nah Are­ndt in ih­rem Es­say »Was ist Au­to­ri­tät?«, er­schie­nen in dem Band Zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft (Pi­per). Wer lie­ber mit ei­nem kür­ze­ren Text ein­steigt, fin­det Are­ndts Grund­ge­dan­ken zur Ge­walt auch in dem schma­len Band Macht und Ge­walt (eben­falls Pi­per) kon­zen­triert.

Erich Fromms Die Furcht vor der Frei­heit (dtv) ist trotz sei­nes Al­ters – es er­schien 1941 – er­staun­lich ge­gen­wär­tig. Fromm ent­wi­ckelt dort die Un­ter­schei­dung zwi­schen ra­tio­na­ler und ir­ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät im Kon­text sei­ner Ana­ly­se, war­um Men­schen Frei­heit nicht sel­ten als Bür­de emp­fin­den und sich ihr zu ent­zie­hen su­chen. Ein Buch, das man ein­mal ge­le­sen ha­ben soll­te.

Ri­chard Ror­tys Kon­tin­genz, Iro­nie und So­li­da­ri­tät (Suhr­kamp) ist das Haupt­werk, aus dem der Be­griff der »li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin« und die Kon­zep­ti­on von So­li­da­ri­tät als kul­ti­vier­ter Hal­tung stam­men. Ror­ty schreibt un­ge­wöhn­lich le­ben­dig für ei­nen ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phen – der Ein­stieg ist leich­ter als be­fürch­tet.

Der bud­dhis­ti­sche Be­griff des Tan­ha – Ver­lan­gen, Fest­hal­ten, »Durst« – ent­stammt den Vier Ed­len Wahr­hei­ten und ist in je­der se­riö­sen Ein­füh­rung in den Bud­dhis­mus zu fin­den. Be­son­ders zu­gäng­lich ist Thich Nhat Hanhs Das Herz von Bud­dhas Leh­re (Her­der).

Zum Text­an­fang

Re­fe­ren­ces
1 Im Sprach­ge­brauch ist da­bei ei­ne be­mer­kens­wer­te Lü­cke ent­stan­den: Für »Au­to­ri­tät« im po­si­ti­ven Sin­ne gibt es kein ge­bräuch­li­ches Ad­jek­tiv. »Au­to­ri­ta­tiv« exis­tiert, klingt aber be­reits wie­der nach An­ord­nung. »Au­to­ri­tar« kennt nie­mand. Und »Au­to­ri­tä­ri­tät« als Sub­stan­tiv zum Ad­jek­tiv »au­to­ri­tär« hat nie­mand je ge­sagt — der Ge­brauch scheint es zu ver­wei­gern. Das Kip­pen hat sich still in die Gram­ma­tik ein­ge­schrie­ben.
Abonnieren
Benachrichtigung bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Häufigste Stimmabgaben
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen