Wenn der Premierminister Kanadas zum Ironiker wird
Als Mark Carney am 20. Januar 2026 in Davos sprach, bediente er sich einer ungewöhnlichen philosophischen Referenz: Václav Havels Essay »Die Macht der Machtlosen« aus dem Jahr 1978. Die Geschichte vom tschechischen Gemüsehändler, der täglich ein Schild mit der Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ins Schaufenster stellt, ohne daran zu glauben, wurde zur zentralen Metapher für Carneys Diagnose der internationalen Ordnung. Doch wer genau hinhört, erkennt in dieser Rede mehr als nur politischen Realismus – sie ist durchzogen von Motiven, die an Richard Rortys philosophisches Projekt in »Kontingenz, Ironie und Solidarität« erinnern.
Die Kontingenz der regelbasierten Ordnung
Rortys Philosophie beginnt mit der radikalen Einsicht in die Kontingenz – die Zufälligkeit und Grundlosigkeit – unserer fundamentalsten Überzeugungen und Vokabulare. Es gibt keine metaphysische Wahrheit hinter unseren Beschreibungen der Welt, sondern nur historisch gewachsene Sprachspiele, die sich bewährt haben oder eben nicht.
Carneys Rede nimmt genau diese Haltung gegenüber der internationalen Ordnung ein. Was Jahrzehnte lang als „regelbasierte internationale Ordnung“ bezeichnet wurde, entlarvt er als eine nützliche Fiktion. Diese Ordnung war niemals das, als was sie sich präsentierte — nie wirklich universal, nie wirklich regelbasiert im strikten Sinne. Die Mächtigen exemtierten1⇣Exemtion: Rechtsübliche oder gesetzliche generelle Freistellung (besonderer Personenkreise, Institutionen usw.) von bestimmten Lasten und Pflichten … Weiterlesen… sich, Handelsregeln wurden asymmetrisch durchgesetzt, internationales Recht unterschiedlich angewandt. Carney formuliert dies mit bemerkenswerter Klarheit: „Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war.“
Diese Einsicht ist zutiefst rortysch. Es geht nicht darum, eine „wahre“ Ordnung hinter der falschen zu entdecken, sondern anzuerkennen, dass die alte Beschreibung ihre Nützlichkeit verloren hat. Die Ordnung war ein Vokabular, eine Weise, internationale Beziehungen zu beschreiben und zu organisieren — und dieses Vokabular funktioniert nicht mehr. Carney spricht von einem „Bruch, nicht einem Übergang“. Das ist die Anerkennung radikaler Kontingenz: Die Strukturen, die wir für stabil hielten, erweisen sich als historisch vergänglich.
Der Ironiker in der Politik
Rorty definiert den/die Ironiker/in als jemanden, die/der drei Bedingungen erfüllt: erstens radikale und fortwährende Zweifel an dem finalen Vokabular2⇣Ein „finales Vokabular“ in diesem Sinne ist z.B. die christliche Bibel; das „letzte Wort“ hat, das er/sie gegenwärtig benutzt; zweitens realisiert, dass Argumente in ihrem/seinem gegenwärtigen Vokabular weder seine Zweifel untermauern noch auflösen können; drittens nicht denkt, dass sein/ihr Vokabular näher an der Realität ist als andere.
Carney agiert in seiner Rede als politischer Ironiker. Er zweifelt am Vokabular der alten Ordnung („regelbasiert“, „multilateral“, „amerikanische Hegemonie als öffentliches Gut“), erkennt aber gleichzeitig, dass diese Begriffe nicht mehr tragen. Seine Lösung ist nicht, eine „wahrere“ Ordnung zu fordern, sondern ein neues Vokabular zu entwickeln: „wertebasierter Realismus“, „variable Geometrie“, „strategische Autonomie durch Kooperation“.
Besonders bemerkenswert ist Carneys Selbstreflexivität. Er gibt zu, dass auch Kanada und andere mittlere Mächte an der alten Fiktion mitgewirkt haben: „Wir haben das Schild ins Fenster gestellt. Wir haben an den Ritualen teilgenommen.“ Diese Selbstkritik ist charakteristisch für den Ironiker, der sich seiner eigenen Kontingenz bewusst ist und nicht vorgibt, auf einem archimedischen Punkt zu stehen.
Solidarität ohne metaphysische Grundlage
Für Rorty ist Solidarität nicht in einer universellen menschlichen Natur oder rationalen Prinzipien begründet, sondern in der Fähigkeit, unser „Wir-Gefühl“ zu erweitern. Solidarität entsteht durch geteilte Hoffnungen und Ängste, nicht durch geteilte metaphysische Überzeugungen.
Carneys Vision für mittlere Mächte folgt genau diesem Muster. Er fordert keine Rückkehr zu universellen Prinzipien oder eine Wiederherstellung metaphysischer Wahrheiten über internationale Ordnung. Stattdessen propagiert er pragmatische Koalitionen auf Grundlage konkreter gemeinsamer Interessen: „variable Geometrie – unterschiedliche Koalitionen für unterschiedliche Themen basierend auf gemeinsamen Werten und Interessen.“
Diese Solidarität ist nicht naiv universalistisch. Carney spricht von „wertebasiertem Realismus“ – prinzipientreu in fundamentalen Werten, aber pragmatisch in der Erkenntnis, dass nicht jeder Partner alle Werte teilt. Das ist Rortys Ethnozentrismus ohne Scham: Wir halten an unseren Werten fest (Menschenrechte, Souveränität, territoriale Integrität), aber wir behaupten nicht, dass diese metaphysisch fundiert sind. Sie sind die Werte, an denen wir festhalten wollen, und wir suchen Koalitionen mit denen, die genug gemein haben, um gemeinsam zu handeln.
Die performative Dimension: Wahrheit leben statt sie entdecken
Havels Konzept des „Lebens in der Wahrheit“, das Carney aufgreift, hat eine stark performative Dimension. Es geht nicht darum, eine objektive Wahrheit zu erkennen, sondern authentisch zu handeln, das Schild aus dem Fenster zu nehmen, aufzuhören, an Ritualen teilzunehmen, an die man nicht glaubt.
Dies entspricht Rortys Betonung des Handelns vor dem Erkennen. Für Rorty ist Philosophie keine Suche nach ewigen Wahrheiten, sondern ein Werkzeug zur Neugestaltung unserer sozialen Praktiken. Carney übersetzt dies in politisches Handeln: „Wir nehmen das Schild aus dem Fenster.“ Kanada wird aufhören, so zu tun, als ob die alte Ordnung noch funktioniere.
Die Rede ist voller performativer Aussagen: Kanada hat bereits zwölf Handels- und Sicherheitsabkommen unterzeichnet, verhandelt neue Freihandelsabkommen, verdoppelt Verteidigungsausgaben, baut strategische Partnerschaften auf. Dies ist keine Theorie über internationale Beziehungen, sondern deren aktive Umgestaltung durch neue Vokabulare und Praktiken.
Neubeschreibung statt Revolution
Ein zentrales Konzept bei Rorty ist die „Redescription“ — die Neubeschreibung vertrauter Dinge in neuem Vokabular, was neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Carney leistet genau dies für die Position mittlerer Mächte.
Die alte Beschreibung: Mittlere Mächte sind abhängig von multilateralen Institutionen und der Stabilität durch Hegemonialmächte. Die neue Beschreibung: Mittlere Mächte haben einzigartige Stärken — sie können Koalitionen bilden, haben Legitimität, besitzen begehrte Ressourcen, können geteilte Resilienz günstiger aufbauen als Festungen.
Diese Neubeschreibung ist nicht nur rhetorisch, sondern hat materielle Konsequenzen. Sie eröffnet neue Handlungsoptionen: plurilateralen Handel statt multilateraler Paralyse, variable Koalitionen statt fester Allianzen, strategische Autonomie durch Kooperation statt durch Isolation.
Die Grenzen der Ironie: Vom Privatironiker zum öffentlichen Liberalen
Rorty unterscheidet zwischen dem Privatironiker und dem öffentlichen Liberalen. Während Ironie im privaten Bereich legitim und sogar wünschenswert ist, braucht die öffentliche Sphäre Solidarität und gemeinsames Engagement. Ein Ironiker kann seine fundamentalen Überzeugungen in Frage stellen, aber in der politischen Arena muss er sich dennoch entschieden für gewisse Werte einsetzen.
Carneys Rede navigiert diese Spannung geschickt. Er ist ironisch gegenüber den Strukturen und Beschreibungen der internationalen Ordnung, aber eindeutig nicht-ironisch gegenüber bestimmten Grundwerten: Menschenrechte, Souveränität, das Verbot der Gewaltanwendung außer im Einklang mit der UN-Charta. Diese Werte werden nicht relativiert, auch wenn ihre institutionelle Einbettung als kontingent erkannt wird.
Hier zeigt sich eine mögliche Spannung: Kann man gleichzeitig ironisch gegenüber den Grundlagen sein und dennoch mit der Entschiedenheit handeln, die politisches Führung erfordert? Carney löst dies pragmatisch: Die Ironie gilt dem „wie“ (den institutionellen Arrangements, den Beschreibungen), nicht dem „was“ (den fundamentalen Werten). Dies ist vielleicht die einzige Weise, wie Ironie und politische Führung vereinbar sind.
Realismus ohne Zynismus
Ein bemerkenswerter Aspekt der Rede ist ihr Ton: realistisch, doch nicht zynisch; pragmatisch, doch nicht opportunistisch. Dies entspricht Rortys Ablehnung sowohl von metaphysischem Idealismus als auch von nihilistischem Zynismus. Wenn es keine metaphysischen Grundlagen gibt, heißt das nicht, dass alles gleichgültig wäre.
Carney beschreibt die internationale Realität nüchtern – Machtpolitik, wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen, das Ende der alten Ordnung –, aber er zieht daraus keine zynischen Schlüsse. Seine Antwort ist konstruktiv: neue Koalitionen bilden, Stärke aufbauen, Alternativen schaffen. Dies ist Rortys „liberale Hoffnung“ in Aktion: Auch ohne metaphysische Garantien können wir eine bessere Welt gestalten, wenn wir pragmatisch zusammenarbeiten.
Pragmatismus als Außenpolitik
Mark Carneys Davos-Rede liest sich wie eine angewandte Lektion in Rortyschem Pragmatismus. Sie erkennt die Kontingenz internationaler Ordnungen an, agiert mit der Selbstreflexivität des Ironikers, propagiert Solidarität ohne metaphysische Grundlagen, betont performatives Handeln vor theoretischem Erkennen und vollzieht eine Neubeschreibung internationaler Politik, die neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
Ob Carney Rorty gelesen hat, ist letztlich irrelevant. Die Rede zeigt, wie pragmatisches Denken in der realen Politik aussehen kann: Nicht die Suche nach absoluten Wahrheiten oder ewigen Prinzipien, sondern das flexible Entwickeln neuer Vokabulare und Praktiken als Antwort auf veränderte Umstände. Das Schild aus dem Fenster nehmen heißt: aufhören, an Beschreibungen festzuhalten, die nicht mehr nützlich sind, und mutig neue zu entwickeln.
In einer Zeit, in der viele nach verlorenen Gewissheiten rufen oder in zynische Machtpolitik verfallen, bietet Carneys rortysche Haltung einen dritten Weg: ehrlich über die Kontingenz unserer Ordnungen sein, aber dennoch entschlossen an Werten festhalten und pragmatisch an besseren Arrangements arbeiten. Dies ist vielleicht die einzige Form von Idealismus, die der gegenwärtigen Situation angemessen ist — ein Idealismus ohne Illusionen, eine Hoffnung ohne metaphysische Garantien.
| ⇡1 | Exemtion: Rechtsübliche oder gesetzliche generelle Freistellung (besonderer Personenkreise, Institutionen usw.) von bestimmten Lasten und Pflichten oder von der normalen Gerichtsbarkeit Herkunft: lateinisch exemptio = das Herausnehmen (Duden) |
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| ⇡2 | Ein „finales Vokabular“ in diesem Sinne ist z.B. die christliche Bibel; das „letzte Wort“ |
