Achtung durch Desillusionierung. Bild: Volker Homann / ChatGPT

Narziss und die andere Selbstliebe

Warum die Antike das Gelingen nicht erzählt, sondern gedacht hat.

Wer sich selbst liebt, hat schlech­te Pres­se — und ei­nen schlech­ten Na­mens­ge­ber. Nar­ziss, der schö­ne Jüng­ling aus der an­ti­ken Sa­ge, beugt sich über ei­ne Quel­le, er­blickt sein Spie­gel­bild und ver­liebt sich dar­in. Er ruft, das Bild be­wegt die Lip­pen. Er streckt die Ar­me aus, doch er greift ins Was­ser, ins Nichts. Er kann nicht las­sen, was ihn nicht los­lässt, und stirbt schließ­lich am Rand der Quel­le, un­fä­hig, sich von sei­nem ei­ge­nen Ab­bild zu tren­nen.

Sein Na­me ist zum Be­griff ge­wor­den. Nar­ziss­mus sagt man, wenn je­mand zu sehr mit sich be­schäf­tigt ist, zu we­nig Platz für an­de­re hat, sich im Mit­tel­punkt wähnt. Der My­thos sitzt tief — so tief, dass er un­se­re Vor­stel­lung von Selbst­lie­be ins­ge­samt färbt: als wä­re Selbst­be­zug schon ver­däch­tig, als füh­re der Weg von der Selbst­ach­tung ge­ra­de­wegs zur ver­häng­nis­vol­len Quel­le.

Da­bei lässt sich ein­wen­den: Es gibt Selbst­lie­be und Selbst­lie­be. Die ei­ne, die nar­ziss­ti­sche, krankt an ei­ner merk­wür­di­gen Blind­heit. Die an­de­re, be­son­ne­ne, ist viel­leicht über­haupt erst die Vor­aus­set­zung da­für, mit an­de­ren gut zu le­ben. Die An­ti­ke kann­te bei­de und da­bei nur ei­ne da­von er­zählt. Die an­de­re hat sie ge­dacht. Was die­ser Un­ter­schied be­deu­tet und was er ver­rät, da­von han­delt die­ser Es­say.

Was Narziss wirklich verfehlt

Es lohnt sich, bei der Sa­ge ei­nen Mo­ment län­ger zu ver­wei­len. Denn Nar­ziss schei­tert nicht ein­fach dar­an, dass er sich zu sehr liebt. Er schei­tert dar­an, dass er sich selbst nicht er­kennt.

Er hält sein Spie­gel­bild für ein an­de­res We­sen. Er glaubt, ei­nem Ge­gen­über zu be­geg­nen — je­man­dem, der zu­rück­blickt, der mit­weint, der sich be­wegt, wenn er sich be­wegt. Dass es sein ei­ge­nes Ge­sicht ist, das er sieht, be­greift er nicht. Und ge­ra­de dar­in liegt die Tra­gik: Er sucht Ver­bin­dung und fin­det nur sich selbst, doch er weiß es nicht. Echo, die Nym­phe, die ihn liebt, kann ihm nicht hel­fen — sie ist zu ei­nem blo­ßen Wi­der­hall ver­ur­teilt, darf nur wie­der­ho­len, was er sagt, im­mer kür­zer, im­mer lee­rer, bis zu­letzt nichts bleibt.

Nar­ziss ist al­so kein Ego­ist im ge­wöhn­li­chen Sin­ne. Er ist ein Mensch, dem die Fä­hig­keit zur Selbst­er­kennt­nis fehlt, dem der Spie­gel un­durch­sich­tig bleibt. Und da­mit stellt die Sa­ge, wenn man sie ernst nimmt, ei­ne an­de­re Fra­ge, als es das Kli­schee na­he­legt: nicht Wie­viel Selbst­lie­be ist zu viel?, son­dern: Wie er­kennt man sich über­haupt — und was braucht man da­zu?

Die­se Fra­ge ha­ben an­ti­ke Den­ker auf­ge­grif­fen — nicht als Kom­men­tar zum My­thos, son­dern als Ant­wort auf das­sel­be Rät­sel. Und sie ka­men da­bei zu ei­ner Ein­sicht, die dem Nar­ziss-Bild di­rekt wi­der­spricht: Wer sich selbst er­ken­nen will, schaut nicht in ei­nen Spie­gel. Er braucht ein Ge­gen­über.

Der lebendige Spiegel

So­kra­tes, der athe­ni­sche Phi­lo­soph, dem Pla­ton sei­ne Dia­lo­ge in den Mund leg­te, stell­te dem jun­gen Al­ki­bia­des – ei­nem ehr­gei­zi­gen, selbst­ge­fäl­li­gen Mann – ein­mal ei­ne un­schein­ba­re Fra­ge: Kann das Au­ge sich selbst se­hen?

Die Ant­wort liegt na­he: Es kann sich spie­geln. Im Was­ser, auf ei­ner po­lier­ten Flä­che — das Au­ge sieht sein ei­ge­nes Bild. So­kra­tes un­ter­schei­det je­doch: Das Spie­gel­bild zeigt, wie das Au­ge aus­sieht. Wer ver­ste­hen will, was das Au­ge ist – was es tut, was es ver­mag –, braucht et­was an­de­res. Er braucht ein an­de­res Au­ge. Nur im Blick ei­nes an­de­ren, der zu­rück­schaut, er­kennt das Au­ge sich als se­hen­des.

Und eben­so, sagt So­kra­tes, ver­hält es sich mit der See­le. Wer sich selbst wirk­lich ken­nen will, kommt nicht mit Selbst­be­trach­tung aus. Er braucht das Ge­spräch — ei­nen an­de­ren Men­schen, der ant­wor­tet, wi­der­spricht, ei­ne an­de­re Sicht ein­bringt. Selbst­kennt­nis ist kei­ne ein­sa­me Übung, son­dern ei­ne ge­mein­schaft­li­che.

Man muss nicht weit su­chen, um zu se­hen, wie di­rekt das der Nar­ziss-Lo­gik ent­ge­gen­steht. Nar­ziss hat Echo — doch Echo kann nur zu­rück­ge­ben, was er sagt. Er be­kommt kei­ne Ant­wort, die ihn über­rascht, kei­ne Fra­ge, die ihn in Be­we­gung bringt. Er bleibt, wo er ist. Das so­kra­ti­sche Ge­spräch hin­ge­gen lebt vom Wi­der­stand: Man tritt hin­ein und geht ver­än­dert her­aus. Der Spie­gel wie­der­holt. Der an­de­re er­öff­net et­was Neu­es.

Selbstliebe als Aufgabe

Aris­to­te­les, der gro­ße Sys­te­ma­ti­ker un­ter den an­ti­ken Den­kern, hat sich dem The­ma von ei­ner an­de­ren Sei­te ge­nä­hert — und da­bei ei­ne Un­ter­schei­dung ge­trof­fen, die noch heu­te über­ra­schend klingt.

Es gibt, schreibt er, zwei Ar­ten, sich selbst zu lie­ben. Die ei­ne ist das, was man ge­mein­hin meint: sich selbst das Bes­te gön­nen, auf Kos­ten an­de­rer, auf Kos­ten der Ver­nunft, auf Kos­ten des­sen, was man ei­gent­lich wer­den könn­te. Das ist die Selbst­lie­be des Nar­ziss — nicht weil er zu viel liebt, son­dern weil er das Fal­sche liebt und es für das We­sent­li­che hält: das Äu­ße­re, das Bild, den Au­gen­blick.

Die an­de­re Art der Selbst­lie­be ist ed­ler, sagt Aris­to­te­les. Sie be­steht dar­in, das Bes­te in sich selbst zu lie­ben — das Ver­mö­gen zu den­ken, zu ur­tei­len, ver­ant­wort­lich zu han­deln. Wer so zu sich steht, ist be­rech­tigt, sein ei­ge­ner bes­ter Freund zu sein. Und – das ist der ent­schei­den­de Schritt – nur die­ser Mensch kann auch an­de­ren wirk­lich et­was ge­ben. Wer sich selbst nicht ach­tet, hat nichts zu ver­schen­ken.

Selbst­ach­tung, so ver­stan­den, ist kei­ne Kon­kur­renz zur Zu­wen­dung. Sie ist de­ren Be­din­gung. Nicht: Ich zu­erst, dann die an­de­ren. Son­dern: Nur wer sich selbst trägt, kann an­de­re tra­gen.

Das klingt heu­te nach Psy­cho­lo­gie, nach Rat­ge­ber­li­te­ra­tur. Doch es ist äl­ter als bei­des — und schär­fer for­mu­liert. Aris­to­te­les macht kei­nen Un­ter­schied zwi­schen Selbst­ach­tung als gu­tem Ge­fühl und Selbst­ach­tung als Hal­tung: Sie ist für ihn ei­ne Pra­xis, ei­ne Auf­ga­be, kein Zu­stand, den man ein­mal er­reicht und dann be­sitzt. Selbst­lie­be im gu­ten Sin­ne ist nicht Ge­nuss, son­dern An­spruch.

Vom Ich zum Wir

Die stoi­schen Den­ker – ei­ne Schu­le, die nach Aris­to­te­les ent­stand und die an­ti­ke Welt über Jahr­hun­der­te präg­te – ha­ben dem Gan­zen noch ei­ne wei­te­re Wen­dung ge­ge­ben.

Sie be­ob­ach­te­ten, dass je­des Le­be­we­sen sich von Be­ginn an selbst zu­ge­wandt ist: Es kennt sei­nen Kör­per, schützt sich, sorgt für sich. Das ist kei­ne mo­ra­li­sche Leis­tung, son­dern schlich­te Na­tur. Beim Men­schen je­doch, so die Stoi­ker, bleibt es da­bei nicht. Die Ver­traut­heit mit sich selbst wei­tet sich – wenn sie nicht ge­stört oder ver­renkt wird – in im­mer grö­ße­re Krei­se: von der ei­ge­nen Per­son zur Fa­mi­lie, zur Ge­mein­schaft, zur Mensch­heit ins­ge­samt.

Selbst­an­eig­nung, so ge­dacht, ist kei­ne Ab­schot­tung. Sie ist der An­fang ei­ner Be­we­gung nach au­ßen. Wer weiß, wer er ist, kann sich ver­or­ten — und da­mit auch er­ken­nen, wer die an­de­ren sind. Selbst­kennt­nis zieht kei­ne Gren­zen: sie öff­net wel­che.

Nar­ziss kommt nie über den Rand der Quel­le hin­aus. Sei­ne Krei­se zie­hen sich zu­sam­men — bis auf den Punkt, das Bild, das Nichts. Die stoi­sche Vor­stel­lung läuft in die ge­nau ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: Selbst­kennt­nis als Aus­gangs­punkt von Welt­öff­nung.

Was keine Geschichte hat

Hier erst tritt die ei­gent­li­che Fra­ge her­vor: War­um hat das al­les kei­ne Er­zäh­lung be­kom­men?

Die An­ti­ke hat Nar­ziss ei­ne Ge­schich­te ge­ge­ben — ei­ne Fi­gur, ein Schick­sal, ei­ne Ver­wand­lung: Er stirbt und wird zur Blu­me. Sein En­de gibt sei­ner Ge­schich­te die Form. Die an­de­re Selbst­lie­be, die be­son­ne­ne, die welt­öff­nen­de, hat nichts da­von. Sie er­scheint in Bü­chern, die Un­ter­schei­dun­gen tref­fen und Be­grif­fe ent­wi­ckeln. Doch sie wird nicht er­zählt. Kein My­thos, kei­ne Fi­gur, kein Tod.

Das ist, wenn man ge­nau hin­schaut, kein Zu­fall. Ge­schich­ten ent­ste­hen an den Rän­dern, wo das Le­ben aus dem Gleich­ge­wicht ge­rät — an Ex­zes­sen, Ka­ta­stro­phen, dem Schei­tern des Ma­ßes. Was im Gleich­ge­wicht ist, hat kei­ne Dra­ma­tik. Ge­lun­ge­nes Selbst­sein hat kei­nen Wen­de­punkt, kei­ne Kri­se, kein En­de. Es ist das stil­le Fun­da­ment ei­nes Le­bens, von dem aus ge­han­delt, ge­liebt und ge­dacht wird. Und Fun­da­men­te fal­len, wenn sie tra­gen, nicht auf.

Der ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­soph Ri­chard Ror­ty hat ein­mal — in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang, den­noch tref­fend — be­merkt, dass Kul­tu­ren nicht nur durch ih­re Über­zeu­gun­gen ge­prägt wer­den, son­dern durch ih­re Vo­ka­bu­la­re: durch die Be­schrei­bungs­spra­chen, in de­nen Er­fah­run­gen über­haupt erst sicht­bar und mit­teil­bar wer­den. Was kein Vo­ka­bu­lar hat, wird zwar ge­lebt — doch nicht über­lie­fert, nicht zur ge­mein­sa­men Er­fah­rung, nicht zur Ge­schich­te.

Die An­ti­ke hat­te für die de­struk­ti­ve Selbst­lie­be ein nar­ra­ti­ves Vo­ka­bu­lar: ei­ne Fi­gur, ei­nen Na­men, ei­ne Ver­wand­lung. Für die kon­struk­ti­ve hat­te sie ein phi­lo­so­phi­sches: Be­grif­fe, Un­ter­schei­dun­gen, Ar­gu­men­te. Bei­des ist Vo­ka­bu­lar — doch es er­zeugt ver­schie­de­ne Ar­ten von Sicht­bar­keit. Die ei­ne bleibt im Ge­dächt­nis als Bild. Die an­de­re bleibt als stil­le­re, we­ni­ger ein­gän­gi­ge, je­doch viel­leicht be­stän­di­ge­re Ein­sicht.

Die­se Asym­me­trie hat sich bis heu­te kaum ver­än­dert. Der nar­ziss­ti­sche Zu­sam­men­bruch wird in Ro­ma­nen, Fil­men, in der all­ge­gen­wär­ti­gen Psy­cho­lo­gi­sie­rungs­spra­che, die das Wort Nar­ziss­mus auf fast je­de Form von Ich­be­zo­gen­heit an­wen­det, er­zählt. Ge­sun­de Selbst­ach­tung taucht auf als Rat­ge­ber­li­te­ra­tur, als the­ra­peu­ti­sches Kon­zept, als Selbst­hil­fe­vo­ka­bu­lar. Sel­ten als Ge­schich­te, die ei­nen mit­reißt.

Viel­leicht liegt das dar­an, dass Nor­mal­zu­stän­de kein Nar­ra­tiv brau­chen. Sie brau­chen ein Fun­da­ment. Nar­ziss ruft sein Spie­gel­bild an und war­tet auf Ant­wort. Die Ant­wort bleibt aus — und dar­in liegt sei­ne Ge­schich­te. Der Selbst­ach­ten­de braucht kei­ne Ant­wort die­ser Art. Er weiß be­reits, wer spricht. Und er han­delt.

Wer den im Es­say be­rühr­ten Ge­dan­ken wei­ter nach­ge­hen möch­te, fin­det hier ei­ni­ge Hin­wei­se — kei­ne er­schöp­fen­de Bi­blio­gra­phie, son­dern ei­ne klei­ne Ein­la­dung.
Die Nar­ziss-Sa­ge fin­det sich am aus­führ­lichs­ten bei Ovid in den Me­ta­mor­pho­sen (Buch III, 339 – 510); die Ge­schich­te von Echo und Nar­ziss ge­hört zu den ein­drück­lichs­ten Er­zäh­lun­gen des gan­zen Werks und lohnt auch un­ab­hän­gig von die­sem Es­say die Lek­tü­re. Die so­kra­ti­sche Über­le­gung zum Spie­gel und zur Selbst­er­kennt­nis stammt aus dem pla­to­ni­schen Dia­log Al­ki­bia­des I — ei­nem Text, der trotz al­ler De­bat­ten über sei­ne Echt­heit die spä­te­re Phi­lo­so­phie der Selbst­sor­ge nach­hal­tig ge­prägt hat; Mi­chel Fou­cault hat ihm in sei­nen Vor­le­sun­gen Die Her­me­neu­tik des Sub­jekts (dt. Frank­furt am Main 2004) ei­nen zen­tra­len Platz ein­ge­räumt.

Aris­to­te­les‘ Un­ter­schei­dung zwi­schen den zwei Ar­ten der Selbst­lie­be steht in der Ni­ko­ma­chi­schen Ethik, Buch IX, Ka­pi­tel 8 — ein kur­zes, dich­tes Stück, das sich auch oh­ne phi­lo­so­phi­sche Vor­bil­dung le­sen lässt. Den stoi­schen Ge­dan­ken der Selbst­an­eig­nung als Welt­öff­nung ent­fal­tet Ci­ce­ro in De fi­ni­bus bo­no­rum et mal­orum (Buch III); für ei­nen zeit­ge­nös­si­schen Zu­gang emp­fiehlt sich Chris­toph Horns An­ti­ke Le­bens­kunst (Mün­chen 1998), das die wich­tigs­ten Kon­zep­te der an­ti­ken Ethik ver­ständ­lich er­schließt.

Ri­chard Ror­tys Über­le­gun­gen zum Vo­ka­bu­lar als Grund­la­ge kul­tu­rel­ler Sicht­bar­keit fin­den sich in Kon­tin­genz, Iro­nie und So­li­da­ri­tät (dt. Frank­furt am Main 1992) — ein Buch, das an­spruchs­voll, da­bei un­ge­mein an­re­gend ist und weit über die hier be­rühr­te Fra­ge hin­aus­führt.

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