Sollen sie doch Heuschrecken essen!

Gedankenfragmente zum Beitrag »Wir werden eben Nüsse suchen oder sowas« von Charlotte Szász in der FAZ v. 2·XI·22, einem kurzen Bericht zur vom „Zentrum für postkantische Philosophie“ der Universität Potsdam veranstalteten Tagung „Politik der Natur“ in Berlin

Ers­ter Ab­satz, »Wir be­fin­den uns[…]« Ja, was denn nun? Be­herr­schen wir die Na­tur oder zwingt sie uns? Und wenn wir sie »qua­si beherrsch[.]en«, wie kommt die Na­tur da­zu ei­ne ei­ge­ne Dy­na­mik an den Tag zu le­gen und die »Prä­mis­se [ih­rer] Vor­her­seh­bar­keit« zu un­ter­mi­nie­ren? Frech­heit! Und dann legt sie auch noch die­se »ei­ge­ne Dy­na­mik an den Tag, für die der Mensch ver­ant­wort­lich ge­macht wird« Mit Ver­laub: Hä?

Der Satz will mir Sinn ge­ben, wenn Mensch als Teil der Na­tur auf­ge­fasst wird. Wenn wir al­ler­dings ein sol­cher sind, wer­den wir wohl kaum uns selbst be­herr­schen kön­nen. Auf die Idee kam, me­ta­pho­risch, schon ein ge­wis­ser Herr Münch­hau­sen, der be­haup­te­te, sich selbst an den Haa­ren aus dem Sumpf ge­zo­gen zu ha­ben. Samt Pferd, so­weit mir be­kannt. Und wer die »dy­na­mi­sche Sub­stanz der Na­tur zu be­grün­den« sucht will sie ja wohl letzt­lich, ganz im Kolonialist*n‑Stil, be­herr­schen, der Vor­her­sag­bar­keit we­gen. Und un­ser pro­ak­ti­ves Han­deln als auch un­ser re­agie­ren­des Ver­hal­ten, al­so un­ser ge­sam­tes Agie­ren, ver­än­dert nun mal das Gan­ze, die Har­mo­nie, wie wir sie se­hen (und viel­leicht nur wir; sieht ein Hund ir­gend­wel­che Har­mo­nie?), mit­hin in­klu­si­ve. Dass die Na­tur har­mo­nisch sei ist ein An­nah­me, die ich mal in un­se­rer Mu­si­ka­li­tät ver­or­ten wür­de und die­ses Kon­zept schon mit Platons Sphä­ren­mu­sik auf das Ge­sche­hen, in das wir nicht nur in­vol­viert sind, son­dern als mäch­ti­ge Ak­teu­re mit­ge­stal­ten, über­tra­gen wur­de. Und wer als Mensch in sich selbst, mit­hin nicht nur in sei­ne, son­dern der Na­tur als sol­cher, hin­ein­sieht, wird fest­stel­len: Al­les Rhyth­mus. Wes­we­gen Mensch wohl auf die Idee kam, es gä­be Re­geln. We­gen re­gel­mä­ßig, und so.

»Gleich­zei­tig ist auch die men­schen­ge­mach­te Kul­tur, als Ge­gen­teil[…]« Das nun wie­der ty­pisch christ­lich-FAZ-ko­lo­nia­lis­ti­sches, mit­hin, Herr Nietzsche, nicht wahr, all­zu­mensch­li­ches Ver­ständ­nis des Men­schen, der sich Na­tur mit­tels Kul­tur un­ter­tan ma­chen möch­te. Im­mer­hin er­scheint im Kon­text die­ses zwei­ten Ab­sat­zes das Wort »frag­lich« und, end­lich, wes­halb nicht gleich zu An­fang: »kann die dua­lis­ti­sche Tren­nung von Na­tur und Kul­tur nicht mehr auf­recht er­hal­ten wer­den«. Kei­ne In­di­ge­nen, ob al­pen­län­di­sche Berg­bäue­rin­nen oder in den Un­tie­fen bra­si­lia­ni­scher Ur­wäl­der kul­tu­rende Män­ner brau­chen ei­ne «post­kan­ti­sche Phi­lo­so­phie« um zu die­ser Ein­sicht zu ge­lan­gen. Das Aus­ge­setzt­sein in und der Na­tur, und so auch in und der ei­ge­nen, reicht da völ­lig. Raum und Zeit für die nö­ti­ge Re­fle­xi­on bie­tet da wohl al­lein schon die kur­ze Pau­se beim Heu­en oder der Blick ins Feu­er in der Nacht.

»Wir ha­ben Sa­chen an­ge­sto­ßen, über die wir die Kon­trol­le ver­lo­ren ha­ben.« So kann man das frei­lich se­hen, wenn man sich als Krö­nung der Schöp­fung und über der Na­tur ste­hend ver­or­tet. Was nun, in­des, wenn das, was wir tun, Teil des Na­tur­ge­sche­hens ist, wie auch das gro­ße Fres­sen der Di­no­sau­ri­er, in ih­rer un­er­sätt­li­chen Gier, ih­rer Grö­ße ge­schul­det, wohl auch zu ih­rem Aus­ster­ben bei­getra­gen hat? Frei­lich fällt es schwer sich vor­zu­stel­len, Dinosaurier*innen wä­ren selbst­re­fle­xiv ge­we­sen. Doch mal an­ge­nom­men, das Spiel sei er­laubt, sie hät­ten es ge­konnt: Wä­ren sie je auf die Idee ge­kom­men, sie hät­ten mit ih­rer Fres­se­rei et­was an­ge­fan­gen, über das sie die Kon­trol­le ver­lo­ren hät­ten? Und ab­ge­se­hen da­von: Wer Kon­trol­le ver­liert, muss sie zu­vor ha­ben. Und Mensch als sol­cher mag ob dem Acker- und Ka­nal­bau, der Atom­spal­tung, der Raum­fahrt u. dgl. m. mei­nen, es kon­trol­lie­re ir­gend­was. Letzt­lich ist es nur am Spie­len und, ein ge­wis­ser J. aus N. soll das als be­rühm­te letz­te Wor­te wohl ge­äu­ßert ha­ben, wis­se gar nicht, was es tut. Wer nicht weiß, was sie tut, kann auch kei­ne Kon­trol­le ver­lie­ren. Er hat sie ja gar nicht. Denn dann wüss­te sie, was er tut. Und wer weiß, was sie tut, wird Hand­lun­gen un­ter­las­sen, die ihm scha­den. Al­les an­de­re wä­re pu­re Dummheit.

Der zwei­te Ab­satz en­det mit der Fra­ge: »Was will die Na­tur?« Die Fra­ge ist wohl ei­ne pan­theïs­ti­sche und hin­ter ihr steht die al­te Idee ei­nes per­so­na­len Got­tes. Der Na­tur ein Wol­len zu un­ter­stel­len ist denn auch wie­der so ei­ne mo­no­theïs­tisch-ko­lo­nia­lis­ti­sche Grund­hal­tung, wie die­se eben auch das, was mit „Gott“ be­zeich­net wird, ei­nen Wil­len un­ter­stellt — um den ei­ge­nen zu recht­fer­ti­gen. Das „Dein Wil­le ge­sche­he“ im Va­ter­un­ser be­deu­tet für den in­na­tu­rier­ten Men­schen schlicht nichts an­de­res als: „Mein Wil­le ge­sche­he“. Schopenhauer und Nietzsche las­sen herz­lich grüßen.

Drit­ter Ab­satz, da wird jetzt ge­holzt. »[S]äkulare Na­tur­phi­lo­so­phie«? Noch­mal mit Ver­laub: Im Kon­text des Bei­trags klingt das völ­lig lä­cher­lich. Mich deucht eher: Wo Kul­tur, da ist auch im­mer ein Kle­rus. Meis­tens ist wohl der all­zu­mensch­li­che Wil­le zum Glau­ben an sich selbst die trei­ben­de Kraft, Kul­tur sprie­ßen zu las­sen. Das wird sich seit Prometheus nicht groß ge­än­dert ha­ben. Und in die­sem Ab­satz nun taucht der Ter­mi­nus »gott­lo­se[.] Na­tur­wis­sen­schaft[..]« auf. Oben ist vom Wil­len der Na­tur und von pri­mor­dia­ler Vor­her­sag­bar­keit der­sel­ben die Re­de. Ja, um Him­mels Wil­len, wie kann den Na­tur­wis­sen­schaft be­trie­ben wer­den, wenn nicht der Na­tur ein Ziel un­ter­stellt wird? Wie man „Gott“ ger­ne Zie­le un­ter­stellt, um Theo­lo­gie be­trei­ben zu kön­nen. Die gan­ze Na­tur­wis­sen­schaft mäch­te gar kei­nen Sinn, wenn ihr nicht ei­ne Te­leo­lo­gie un­ter­stellt wird, denn oh­ne ei­ne sol­che wä­re die Haupt­auf­ga­be der Na­tur­wis­sen­schaft, Na­tur­ge­sche­hen vor­her­zu­sa­gen, um den ge­styl­ten Men­schen vor der wil­den Na­tur zu ret­ten, ja gar nicht mög­lich, nicht wahr. So be­trach­tet ist die Na­tur­wis­sen­schaft al­les an­de­re als gott­los. Sie nennt ih­ren Gott nur ein­fach: Lo­gik. Oh, Ver­zei­hung, Ra­tio­na­li­tät, na­tür­lich. (Für wel­che sich die FAZ in den Au­gen des Ver­fas­sers die­ser herä­ti­schen Zei­len ja ge­ra­de­zu be­ru­fen fühlt, ob von Gott oder der Mensch­heit, weiß ich jetzt auch nicht. Ist ja al­ler­dings auch nicht Thema.)

Die Fra­ge »Soll man die Aut­ar­kie der Na­tur stark ma­chen oder der De­na­tu­ra­li­sie­rung der Na­tur ins Au­ge bli­cken?« fin­det sich im vier­ten Ab­satz. Was, bit­te, soll die­se Fra­ge be‑, al­so an­deu­ten, wor­auf will sie hin­deu­ten? Ge­währt der Mensch der Na­tur et­wa Aut­ar­kie? Oh, wie groß­zü­gig! Na­tur, lasst es euch ge­sagt sein, ist al­lei­ne groß. Sie be­darf der Sor­ge des Men­schen nicht. Und so ge­se­hen, ist es dem Men­schen als Mensch­heit of­fen­bar mög­lich, Na­tur zu De­na­tu­ra­li­sie­ren. Aha. Er mag die mit ihm in die Welt ge­kom­me­ne Kul­tur de­kul­tu­ra­li­sie­ren kön­nen und al­so ver­kom­men las­sen (und wenn man sich ge­wis­se Her­ren und wohl auch Da­men des Cha­rak­ters ei­nes ge­wis­sen Herrn P. aus M. so an­sieht, ist der Ge­dan­ke die­ser Macht ein­zel­ner Men­schen über die Mensch­heit wohl nicht all­zu­weit her­ge­holt) — doch die Na­tur ih­res We­sens ent­he­ben? Mit Ver­laub: Da ent­hebt sich der Mensch dann wohl sei­ner selbst und wird: un­mensch­lich. Und das ist ziem­lich unnatürlich.

Fünf­ter und sechs­ter Ab­satz, zur Po­li­tik. Po­li­tik ist ei­ne Kul­tur­leis­tung des Men­schen, es meint die Kunst, in ei­ner Po­lis so zu hau­sen, dass es zum Woh­nen wird. (Man mag über Heidegger den­ken was man will, doch sol­che For­mu­lie­run­gen sind doch ehr­lich herr­lich, oder?) Po­lis nun ist kei­ne Kul­tur­leis­tung, son­dern schlicht ein Phä­no­men des So­zia­len im Men­schen, das na­tür­lich in ihn hin­ein­ge­legt wur­de — ha­ha, der Schrei­ber ist nun selbst auf die Ver­su­chung ei­ner wol­len­den Na­tur her­ein­ge­fal­len, die da dann ir­gend­was in den Men­schen hin­ein­ge­legt hät­te. Viel­mehr ist es dann doch wohl so, dass das So­zia­le zur Na­tur des Men­schen und auch zu so manch an­de­ren Tie­ren ge­hört. Und es sind ja nun nicht nur Men­schen, die sich in Po­li­cen (Das ist ein Witz! Ver­si­che­rung; Mensch, un­si­cher, ver­ste­hen Sie?) zu­sam­men fin­den, Ter­mi­ten ma­chen das auch. Und Erd­männ­chen (samt Weib­chen, frei­lich; der Art­erhal­tung we­gen, sehr na­tür­lich). Was nun al­ler­dings, zu­rück zum The­ma, Kul­tur ist, ist das Wie, die Kunst im Sin­ne von be­fä­hi­gen­dem Kön­nen, die­ses so­zia­len Zu­sam­men­kom­mens. Es gibt al­so wohl Kul­tu­ren der Po­lis, die recht un­ter­schied­lich auf­tau­chen kön­nen. Und die­se Kul­tu­ren un­ter­schei­den sich dann auch noch in den Er­schei­nungs­for­men von den in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen hoch­ge­lob­ten Fa­mi­lie (hier ge­zählt ab zwei Per­so­nen) bis zu pro­gres­siv an­mu­te­ten Größt­städ­ten. Doch es sei ein­ge­dacht: Die­se Kunst, téch­ne im Alt­grie­chi­schen, hier la­ti­ni­siert ge­setzt, ge­hört zum na­tür­li­chen Re­per­toire des Men­schen. Man mag nun po­li­tisch da­zu kom­men, der Mensch tra­ge da­für auch die Ver­ant­wor­tung, mit­hin für al­les, was Kul­tur her­vor­bringt. Doch, ehr­lich: Tut er das? Letzt­lich doch wohl nur, wenn er sich hy­bri­sant über die Na­tur stellt. Un­ter­lässt er dies, er­liegt er die­ser Ver­su­chung nicht, braucht er sich über Ver­ant­wor­tung auch kei­nen Kopf zu machen.

Doch, es ist wohl eben schon seit Prometheus’ Zei­ten für den Men­schen zu spät. Es gin­ge ja viel­leicht doch wohl an, der Mensch sei da­zu da, sein Ha­bi­tat schnellst­mög­lichst zu zer­stö­ren, auf dass er sich auf­ma­chen müs­se, pflicht­en­gleich, in fer­ne Wel­ten, Ga­la­xien, die nie ein Mensch zu­vor ge­se­hen hat. Wohl­an, die­ser Akt ret­te die Mensch­heit! Na­tür­lich ist es dann so, das mensch­li­che Kul­tur die al­ler­höchs­te ist und der Rest des Uni­ver­sums in die­sem Sin­ne zu ko­lo­ni­sie­ren ist — wir sind ja al­le gleich, nicht wahr, des Uni­ver­sal­frie­dens we­gen. Ach Mensch, Dei­ne na­tür­li­che Kul­tur macht Dich zu nichts an­de­rem als zu ei­ner Pla­ge. Doch wohl­an, „Gott“ er­schuf dies al­les und hat sich ja wohl da­bei was ge­dacht! Und wir wis­sen zwar noch nicht wo­zu Heu­schre­cken­schwär­me gut sein sol­len, doch wir wer­den es ir­gend­wann wis­sen. Flei­scher­satz? Ja, dann hur­tig ein für die Vie­cher güns­ti­ges Kli­ma schaf­fen und sie die letz­ten Res­te kahl­fres­sen las­sen, so ge­mäs­tet ein­fan­gen mit al­ler­lei tech­ni­schem Ge­rät und dann: Ver­spei­sen. Oder als platz­spa­ren­de Nah­rung für Raumfahrer*n ver­wurs­ten. Man muss ja gu­cken, dass man wegkommt.

Zum letz­ten Ab­satz des Zei­tungs­be­rich­tes er­lau­be ich mir zu kom­men­tie­ren: Die na­tür­li­che Kul­tur des Men­schen bie­tet auch die Be­din­gung zur Mög­lich­keit sich in der Kunst der Un­ter­las­sung zu üben.

Vergeltung

Der gescheiterte Versuch, die Lage zu erklären, der ein Bekenntnis hervorbringt.

Die­se Ge­dan­ken­wan­de­rung wur­de aus­ge­löst durch den Text »Spi­ri­tu­el­le Apo­ka­lyp­se« von Thomas Vašek1⇣In: Ho­he Luft Ma­ga­zin, https://www.hoheluft-magazin.de/2022/03/spirituelle-apokalypse [3·3·22|9:00]. Der Weg führt über holp­ri­ges Ge­röll, die Lek­tü­re die­ses Tex­tes sei an­emp­foh­len, er­scheint das hier un­sys­te­ma­tisch Auf­ge­zeich­ne­te unzu{g|l}änglich.

In Vašeks Text wird für mich sehr deut­lich, wie ‚falsch‘ die dort ge­nann­ten Ak­teu­re Dugin, Heidegger, Evola die ir­ra­tio­na­len und un­tech­ni­schen An­tei­le des Mensch­seins, mit Heidegger: Da­seins, aus­deu­ten. Es zeigt sich mir die in­tel­lek­tu­el­le Über­for­de­rung ob den Mit­teln Ra­tio­na­li­tät und Tech­nik, wie ich sie auch bei Querdenker·innen und Verschwörungstheoretiker·innen feststelle.

Es ist die­se Über­for­de­rung, die die­se Men­schen in Welt­bil­der glei­ten lässt, de­ren Grund und Ba­sis ei­ne To­ta­li­tät der Herr­schaft ist. Es geht um Be­herr­schung des dem Men­schen Frem­den, des ihn Über­for­dern­den. Da ist kei­ne Hal­tung des Ler­nens zu er­ken­nen und kei­ne der An­er­ken­nung der ei­ge­nen Gren­zen die­ses Ler­nens. Sol­cher­lei Men­schen müs­sen sich ab­ge­hängt füh­len, ge­de­mü­tigt, aus­ge­grenzt, abgeschoben.

Es ist nun je­nen Ver­tre­tern, in der ak­tu­el­len La­ge ein­mal un­ge­mäß als ‚der Wes­ten‘ ti­tu­liert, die ge­nau­so wie o.g. phi­lo­so­phi­schen Ak­teu­re sich zu ei­ner Ir­rung ver­lei­ten las­sen. Ra­tio­na­li­ät und Tech­nik wer­den dort zu­neh­mend, mei­ner Wahr­neh­mung nach, nicht als Mit­tel zur Ori­en­tie­rung an­ge­se­hen, son­dern zum Zweck er­ho­ben. An­se­hen ge­winnt, wer hoch­ra­tio­nal zu den­ken und/oder mit mo­der­ner Tech­nik um­zu­ge­hen weiß. Frei­lich ist hier kein Pau­schal­ur­teil ab­ge­ge­ben, doch ich stel­le schon ei­ne Ten­denz fest, die in Ra­tio­na­li­tät und Tech­nik durch­aus et­was ‚Hö­he­res‘ ver­mu­ten mag. So wer­den in die­sen Zei­ten – und wohl nicht nur in die­sen – die Pro­ble­me der Welt ger­ne auf die tech­ni­schen Lö­sun­gen von Mor­gen, die nur die Ra­tio­na­li­tät er­mög­licht, ver­wie­sen. Doch das ist ge­nau­so ein Glau­be wie der Glau­be an ei­ne tran­szen­den­te Ur­sprüng­lich­keit, an Gött­lich­keit etc. pp.

Dies wird von den ra­tio­nal und/oder tech­nisch ori­en­tier­ten Men­schen wohl kaum je­mand ger­ne hö­ren. Doch ich er­ach­te es als wich­tig, den Blick auf die „Ar­ro­ganz des Ra­tio­na­lis­mus“ zu wer­fen, die Ge­fahr, die dar­in ge­bor­gen ist, zu benennen.

Je­ner ‚Wes­ten‘ sieht sich ger­ne als ‚Ge­win­ner‘, als er­folg­rei­che­rer Ak­teur als ‚der Os­ten‘. Doch es sei nun eben ein­ge­dacht: Ein·e Gewinner·in de­fi­niert sich aus ei­nem oder meh­re­ren Verlier·innen. Wer in Kon­kur­renz denkt und sol­ches Ge­win­nen an­strebt, wird Verlierer·innen gebären.

Die Ver­lie­rer, resp. je­ne, die sich als sol­che wahr­neh­men, sind frei­lich schnell aus­ge­macht. Und dem­entspre­chend wer­den sie be­han­delt. Und die­se Ar­ro­ganz der Ge­win­ner, und es mö­gen viel­leicht nur ver­meint­li­che Ge­win­ner sein, schafft nun eben je­ne Teu­fel, die ihr Ge­fühl, auf der Ver­lie­rer­sei­te zu ste­hen, durch Phan­ta­sien der ‚Über­macht‘ zu kom­pen­sie­ren su­chen. Und, wenn sie sie auch nicht kon­trol­lie­ren kön­nen, sich doch im Nieß­nutz je­ner ‚Über­macht‘ wäh­nen, die sie nun aus ih­rer Ver­lo­ren­heit ent­hebt und zur Eli­te er­hebt. Aus die­sem eli­tä­ren Ge­dan­ken – der ‚Os­ten‘ äfft da­bei den ‚Wes­ten‘ nach – speist sich dann der Reichs­ge­dan­ke: Drit­tes Reich, Eu­ra­si­sches Reich, Za­ren­reich: Ein Ganzes.

Das soll­te al­les nicht un­ter­schätzt wer­den. Der Gel­tungs­trieb im Men­schen ist ei­ne enor­me Kraft, die Ge­dan­ken­ge­bäu­de mög­lich macht, in de­nen sich als Außerwählte·r der ‚Über­macht‘ ge­wähnt wer­den kann — bis hin zum Wahn ei­nes Adolf Hitler und Kon­sor­ten, die Ge­schich­te ist ja nun nicht arm an sol­chen Gestalten.

Das ka­pi­ta­lis­ti­sche Sys­tem, an das sich wohl mehr oder we­ni­ger al­le an­ge­schlos­sen oder zu­min­dest von ihm be­trof­fen sind, ba­siert auf eben die­sem Gel­tungs­stre­ben. Wer hier er­folg­reich agie­ren kann, weil er oder sie die Ga­be der Ra­tio­na­li­tät ge­schickt zu nut­zen weiß, dem sind An­se­hen und ma­te­ri­el­les Aus­kom­men ge­wiss. Frei­lich ver­fällt im Zu­ge die­ses funk­tio­na­len Stre­bens die ir­ra­tio­na­le Sei­te des Mensch­seins, da es im Sys­tem als eher hin­der­lich und/oder als schlicht ir­rele­vant an­ge­se­hen wird.

Doch es sei dar­auf hin­ge­wie­sen: Der Mensch ist kein rein ra­tio­na­les We­sen, mö­ge er auch mit der Ent­wick­lung von KI von ge­nau ei­nem sol­chem We­sen träu­men und es ei­nes Ta­ges viel­leicht so­gar rea­li­sie­ren. Doch wie wür­de ein sol­ches We­sen rei­ner Ra­tio­na­li­tät auf Ba­sis von an­or­ga­ni­scher Tech­nik wohl mit die­sem Pla­ne­ten um­ge­hen? Denn ein sol­ches Sys­tem ist auf ein or­ga­ni­sches Um­feld nicht an­ge­wie­sen. Ei­ne sol­che Ma­schi­ne kann auch im Welt­all oh­ne Sau­er­stoff funk­tio­nie­ren. Kann aus Son­nen­licht En­er­gie ge­win­nen, ist auf kei­ner­lei Nah­rung an­ge­wie­sen. Sol­che Ma­schi­nen ha­ben kei­nen Stoff­wech­sel. Und ei­ne sol­che Ma­schi­ne, müss­te sie nicht, rein ra­tio­nal, zur Fol­ge­rung ge­lan­gen, dass die­ser Pla­net völ­lig über­flüs­sig ist? Ei­ne sol­che Ma­schi­ne ist für sei­ne Exis­tenz auf die­sen Pla­ne­ten nicht an­ge­wie­sen. Der Mensch in­des schon.

Mir ist die Krän­kung des Gel­tungs­be­dürf­nis­ses sol­cher Cha­rak­te­re wie ein Putin durch­aus nach­voll­zieh­bar. Was hat ‚der Rus­se‘ im in­ter­na­tio­na­len, ka­pi­ta­lis­ti­schen Wett­be­werb schon zu bie­ten? Deutsch­land gilt als Ex­port­welt­meis­ter, Ame­ri­ka als Tech­no­lo­gie­welt­weis­ter, Chi­na als Re­pro­duk­ti­ons­welt­meis­ter, viel­leicht. Oder in wel­cher Welt­meis­ter­schaft sich Na­tio­nen auch im­mer wäh­nen mö­gen. Wel­che Chan­cen hat Russ­land in die­sem Wettbewerb?

Kei­ne, so mu­tet es an, und sei es nur so emp­fun­den. Wen­den wir den Blick auf Querdenker·innen und Verschwörungstheoretiker·innen. Mei­ne Be­ob­ach­tung er­kennt in sol­chen Grup­pen zwei Pro­fi­le: Je­ne, die im Sys­tem, in das sie ge­wor­fen wur­den, um die­ses Heidegger-Wort ein­mal zu ge­brau­chen, nicht mit­hal­ten kön­nen. Die dar­in kei­ne Gel­tung er­lan­gen kön­nen, aus wel­chen ob­jek­ti­ven oder sub­jek­ti­ven Grün­den auch im­mer. In­des je­doch auch viel­leicht ein­fach nur nicht ge­nug Gel­tung er­lan­gen kön­nen, ihr Gel­tungs­be­dürf­nis – das über­stei­gert sein kann – er­fährt kei­ne Be­frie­di­gung. Sie hun­gern. Ih­nen dürstet.

Und das zwei­te Pro­fil sind je­ne Ak­teu­re, die die­ses De­fi­zit skru­pel­los zu be­wirt­schaf­ten wis­sen, sich dar­auf ver­ste­hen, in kal­ter, rein ra­tio­na­ler Kal­ku­la­ti­on. Ih­nen ist es in­des um das Glei­che: Sie wol­len Gel­tung, letzt­lich durch Macht.

Die­se Be­mäch­ti­gung nun soll das emp­fun­de­ne De­fi­zit kom­pen­sie­ren. Und je­ne, de­nen es am Macht­in­stinkt fehlt oder die­ser zu ge­ring aus­ge­prägt ist, ma­chen sich zur Ge­folg­schaft je­ner Wöl­fe: Die Scha­fe wer­den von Wöl­fen geführt.

Frei­lich – die Ra­tio­na­li­tät lässt die fol­gen­de Ver­mu­tung als durch­aus mög­lich im Denk­ho­ri­zont er­schei­nen – wer­den auch die Scha­fe sich ir­gend­wann wie­der als Ver­lie­rer er­ken­nen müs­sen. Und das ist dann der Kipp­punkt im wöl­fi­schen Sys­tem: Die Wöl­fe be­gin­nen, die Scha­fe zu fres­sen. Und sind al­le Scha­fe auf­ge­fres­sen, ver­schlin­gen sich die Wöl­fe ge­gen­sei­tig. Am En­de wird ein Wolf üb­rig sein — und an sei­nem Elend, kei­ne Gel­tung mehr er­lan­gen zu kön­nen, weil nie­mand mehr da ist, der die­ser Gel­tung Aus­druck zu ge­ben ver­mag, die/der ihn wür­digt, jäm­mer­lich zu­grun­de ge­hen: ver­en­den. Ei­nen wüs­ten und öden Pla­ne­ten hinterlassend.

Das Auf­be­geh­ren der Un­ge­se­he­nen, de­rer, die sich un­ge­se­hen füh­len – aus ra­tio­na­lis­ti­scher Sicht ist das frei­lich über­haupt nicht so, doch den Rationalist·innen ist das Ge­spür für die­se Be­find­lich­keit wo­mög­lich ab­han­den ge­kom­men –, die ro­man­ti­sche Ver­fasst­heit je­ner kann mit ra­tio­na­len Mit­teln nicht er­fasst wer­den, sie bleibt als dun­kel und un­er­klär­bar, dann eben als ir­ra­tio­nal pe­jo­ra­tiert, üb­rig. Doch hier kommt der Kipp­punkt im, in wel­cher Gra­du­ie­rung auch im­mer ra­di­ka­len, Ra­tio­na­lis­mus: Die­ses Dun­kel wird zum Frem­den, Be­droh­li­chen. Zum Mäch­ti­gen, das mit ra­tio­na­len und tech­ni­schen Mit­teln nicht be­herrsch­bar ist. Zum Feind, da es nicht mehr freund­lich igno­riert wer­den kann. Die­ser Feind muss be­kämpft wer­den, am bes­ten mit dem Mit­tel Ra­tio­na­li­tät und des­sen Seg­nun­gen, der Tech­nik. Die Schä­fer­hun­de fal­len zu­rück in ih­re wöl­fi­schen Wur­zel, die Scha­fe wer­den ge­fres­sen, am En­de bleibt ein·e Wolf·in üb­rig auf ver­brann­ter Erde.

So­lan­ge der Mensch da­von aus­geht, Kon­kur­renz und Wett­be­werbs­sys­te­me sei­en die ein­zi­ge Mög­lich­keit, als Mensch in die­sem Ha­bi­tat zu wei­len, so­lan­ge wird es Ge­win­ner und Ver­lie­rer ge­ben. Und so­lan­ge es Ver­lie­rer gibt, wird es Men­schen ge­ben, die sich über die Ge­win­ner er­he­ben wol­len, sie so be­sie­gen wol­lend, sich ei­nen viel hö­he­ren, tran­szen­den­ten Ge­winn ver­spre­chend. Soll­te das ge­lin­gen, ma­len wir mal die­ses Sze­na­rio, wer­den zwar Ge­win­ner und Ver­lie­rer ver­schwun­den sein und die Welt nur noch aus ‚Ge­win­nern‘ be­stehen. Dies in­des kann wohl nur Be­stand ha­ben, wenn die Ge­schich­te be­en­det wird. Doch es ob­liegt dem Men­schen nicht, Ge­schich­te zu be­en­den2⇣An­ge­sichts ato­ma­rer Waf­fen scheint die­se An­nah­me al­ler­dings wie ei­ne ärzt­lich zu be­han­deln­de Vi­si­on.. Denn es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis der ers­te die­ser Ge­win­ner sich in sei­nem Gel­tungs­an­spruch ge­kränkt fühlt, der sei­ne Mög­lich­keit zur Skru­pel­lo­sig­keit nutzt, über den Göt­tern et­was Hö­he­res in­stal­liert und sich so­dann auf­macht, im Na­men die­ses Hö­he­ren all je­ne zu ver­nich­ten, die ihm kei­ne Gel­tung ge­wäh­ren wol­len, sich letzt­lich so ver­gel­tend, al­so sich in Gel­tung set­zen wollend.

Das Al­les, was hier lin­kisch und sprung­haft mit Wor­ten ge­fasst ist, will schlicht nur an­re­gen, über Gel­tung und Gel­tungs­be­dürf­nis, über Gel­tungs­trieb und Gel­tungs­krän­kung zu sin­nie­ren. Gel­tung ver­schafft uns ein Ge­fühl der Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe. Fa­schis­to­ide Sys­te­me zeich­nen sich mei­ner Be­ob­ach­tung nach 1. durch ei­ne aus­ge­feil­te Bü­ro­kra­tie und 2. durch Pos­ten und Pöst­chen aus. Gel­tung er­langt hier, wer die meis­ten Vor­schrif­ten kennt und sie in der Er­fül­lung sei­ner Pflicht, sei­ner Gel­tung, die ihm ein Pos­ten ver­schafft, um­setzt und voll­zieht. Ein·e Solche·r ist in ei­nem sol­chen Sys­tem ein ‚Gu­ter‘ und hat die Mög­lich­keit zum Auf­stieg. In ei­nem sol­chen Sys­tem kommt die Wür­de dem Men­schen nicht qua es­se, son­dern nur durch Ver­dienst zu.

Ich hal­te den Gel­tungs­trieb des Men­schen – und der durch Putin ver­an­lass­te und durch nichts zu recht­fer­ti­gen­de Ein­marsch in die Ukrai­ne hat mich das ge­lehrt – für ei­nen nicht zu un­ter­schät­zen­de Kraft, die ei­ne enor­me Macht ent­fal­ten kann und ei­nem ei­ge­nen Ra­tio­nal folgt. Und ich hal­te es für ver­mes­sen, Ra­tio­na­li­tät und Tech­nik zu ei­ner Kir­che zu er­he­ben und als al­lei­nig rich­tig, da not­wen­dig, dar­zu­stel­len. Mir ist das durch­aus nach­voll­zieh­bar; ich selbst, Jahr­gang 1962, ha­be den Auf­stieg der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie er­lebt, bin da­mit so­zia­li­siert wor­den, ha­be die ers­ten 20 Jah­re mei­nes Be­rufs­le­bens als Soft­ware­ent­wick­ler ge­ar­bei­tet. Rich­tig gut war ich dar­in nie. Nun, es hat zum Un­ter­halt bei­tra­gen können.

Doch ich ha­be eben auch die Schat­ten­sei­te die­ser Tech­no­lo­gi­sie­rung mei­ner ‚See­le‘ er­lebt. Ich wur­de mehr und mehr zur Ma­schi­ne, die ich pro­gram­mier­te. Ich be­gann mein Welt­bild auf ei­ner 1/0‑Logik zu bau­en. Die ‚West/Ost‘-Logik des kal­ten Krie­ges pass­te da­zu her­vor­ra­gend. Entweder/Oder hieß die Ma­xi­me, die für Alle/s gel­ten sollte.

Ein sol­ches Den­ken er­ach­te ich in­zwi­schen als ‚Rech­nen‘ wohl durch­aus im Heideggerschen Sin­ne. Nach ei­ner Pha­se der Ver­teu­fe­lung die­ser Art zu Den­ken ha­be ich ein­ge­se­hen, dass es dar­an nichts zu ver­teu­feln gibt — es liegt im mensch­li­chen Re­per­toire und ist da­mit wohl dem All­zu­mensch­li­chen zuzurechnen.

Wo­von ich al­ler­dings ab­ge­las­sen ha­be, zu­guns­ten nun eben je­ner ‚See­le‘, ist die Er­he­bung der Mög­lich­keit zum ra­tio­na­len Den­ken, und den da­mit ver­bun­de­nen Mög­lich­kei­ten der Tech­nik, zur Kir­che. Ich ha­be ein­ge­se­hen, dass ich, so wie ich ‚ge­strickt‘ bin, in die­sem Sys­tem nur schwer­lich Fuß fas­sen kann. Ich bin, mei­ne ‚See­le‘ will das wohl so, kein Mensch für Kon­kur­renz. Ich ha­be mich für’s in­di­vi­du­ell Ko­ope­ra­ti­ve ent­schie­den, und kri­tisch kann an­ge­merkt wer­den: not­ge­drun­gen, aus dem Un­ver­mö­gen der An­pas­sung an ein Sys­tem, in dem Gel­tung durch er­folg­rei­chen Kon­kur­renz­kampf er­langt wird, vor­nehm­lich und frei­lich auch stets vor­nehm. Es will sich ja Keine·r die Fin­ger schmut­zig machen.

Und ja, es gab auch je­ne Pha­se, in der ich mich der ra­di­ka­len Ro­man­tik zu­wand­te, der Eso­te­rik, dem Über­sinn­li­chen, Un­er­klär­li­chen. Es gab Mo­men­te in mei­nem stil­len Käm­mer­lein, da wähn­te ich mich aus­er­ko­ren, zu Be­son­de­rem berufen.

Doch ich er­kann­te auch, und das ist nun der ekla­tan­te Un­ter­schied zu den ein­gangs er­wähn­ten Ideo­lo­gen, und in die­ser Zeit jetzt er­ken­ne ich die­ses Er­ken­nen: Das ist ei­ne Il­lu­si­on, ge­bo­ren aus ei­nem ge­kränk­ten, weil un­er­füll­ten Geltungsbedürfnis.

Ich schät­ze das Ara­tio­na­le nach wie vor, hal­te es für den ge­sun­den, in der, für die und zur Welt sei­en­den Men­schen für es­sen­ti­ell, für ein Eli­xier und be­zeich­ne dies nun ger­ne als Ver­nunft (aus ei­ner ara­tio­na­len Ver­nah­me her­ge­lei­tet), die in der La­ge ist, den Ver­stand (aus dem ra­tio­na­len Ver­ste­hen her­ge­lei­tet) zu re­la­ti­vie­ren, ihn einzuhegen.

Im Ge­gen­satz zu den Heideggern die­ser Welt, zu den Faschist·innen und sol­chen, die es ger­ne wer­den wol­len, als Wolf oder als Schaf, und auch im Ge­gen­satz zu Je­nen, die die Nüch­tern­heit und die Wahr­heit mei­nen ge­pach­tet zu ha­ben ob ih­rer Mög­lich­kei­ten, in Kal­kü­len und Lo­gi­ken zu den­ken und Hand­lun­gen da­mit zu be­grün­den und in ‚rich­tig‘ und ‚falsch‘ ob­jek­tiv ein­ord­nen zu kön­nen, er­he­be ich we­der die Ver­nunft über den Ver­stand noch den Ver­stand über die Ver­nunft. Und es ist mein Ge­müt, dass nun zwi­schen die­sen bei­den zu ver­mit­teln weiß. Wie mein Ver­stand zwi­schen Ge­müt und Ver­nunft, mei­ne Ver­nunft zwi­schen Ver­stand und Ge­müt zu me­di­ie­ren weiß.

Das ist mei­ne Drei­fal­tig­keit, die, es ist un­schwer zu er­ken­nen, letzt­lich ei­ne drei­fa­che Dua­li­tät ist. Und die En­ti­tä­ten die­ser Dua­li­tät sich nun eben nicht bi­po­lar, ma­nich­ä­isch, kon­tra­dik­to­risch ge­gen­ein­an­der zu über­trump­fen su­chen, son­dern die ver­mit­teln­de Kraft stets die ver­ein­ten Kräf­te auf ei­nen vier­ten ge­dach­ten Punkt hin­zu­len­ken weiß. Da ist der Vor­trieb, und Na­vi­ga­tor ist dann das ak­tu­ell ver­mit­teln­de Element.

Und die­sem Ge­dan­ken, die­ser Hal­tung liegt nun ein Den­ken zu­grun­de, das da­von ab­zu­se­hen weiß, Ir­gend­et­was über ein An­de­res zu stel­len. Es ist ei­ne Hal­tung, die mit jeg­li­cher Hier­ar­chie bricht, oh­ne in An­ar­chie zu fal­len. In die­sem Welt­bild gibt es kei­nen Gott, der über al­lem steht, kei­ne ‚Über­macht‘, die ‚man‘ sich zum Freund ma­chen soll­te, will ‚man‘ bestehen.

Es ist die Wech­sel­wir­kung, das In­ein­an­der­grei­fen zwei­er Kräf­te, die von ei­ner drit­ten Kraft an­er­kannt wer­den, sel­bi­ge sich da­bei nun eben nicht über je­ne zwei er­he­bend und sie füh­rend, son­dern zwi­schen ih­nen als Me­di­um ver­mit­telnd, sie in Be­zug set­zend. Die Kon­kur­renz kann so auf­ge­löst wer­den, Co-Ope­ra­ti­on, Re­so­nanz, Sym­pho­nie wird mög­lich. Und aus dem Drei­eck wird ein Qua­drat, denn aus der Span­nung, die da durch das ver­mit­teln­de Ele­ment ins Strö­men kommt, ent­steht En­er­gie, die mich als Mensch zieht, als sä­ße ich auf ei­nem Kutsch­bock, die Zü­gel in der Hand haltend.

Und mit­ten im Bild das 5. Ele­ment: Das Da­sein. Wel­ches sich an­schickt, das Qua­drat im­mer wie­der auf’s Neue in sich ver­dreht zu ver­viel­fäl­ti­gen, bis die Ecken zu ei­nem Kreis ver­schmel­zen, der sein Krei­sen wie Krei­ßen nie be­en­den wird kön­nen, der das Ide­al der un­end­li­chen Ecken erst dann er­reicht ha­ben wird, wenn er sich auf­ge­löst hat.

Zum Ab­schluss, das Ge­röll liegt hin­ter uns, wir sit­zen mit der Tas­se Tee, die wir als ge­schei­te Wan­de­rer frei­lich stets im Ge­päck ha­ben, auf ei­ner Ru­he­bank und ge­nie­ßen den Ausblick.

Der Habermas’sche Ge­dan­ke vom zwang­los zwin­gend bes­se­ren Ar­gu­ment greift letzt­lich wohl nur un­ter Akteur·innen, die sich dem sel­ben Ra­tio­nal un­ter­stel­len. Ein Putin wie auch Querdenker·innen sind nicht ir­ra­tio­nal im Sin­ne ei­ner Ver­rückt­heit, ei­nes Wahn­sinns. Sie un­ter­ste­hen ei­nem an­de­ren Ra­tio­nal. Dem Ra­tio­nal der ‚See­le‘, so könn­te es be­nannt wer­den. Und die­se ‚See­lig­keit‘, die Fä­hig­keit da­zu, die­se scheint mir den ra­tio­na­len In­tel­lek­tu­el­len ab­han­den ge­kom­men zu sein, sie ha­ben den Be­zug da­zu ver­lo­ren. So ist es ih­nen nicht mehr mög­lich, die ara­tio­na­le Po­si­ti­on nach­zu­voll­zie­hen. Ihr vor­nehm­li­ches Werk­zeug, die Ra­tio­na­li­tät, ge­reicht da nicht her­an. Fol­ge: Verurteilung.

Ei­ne Tu­gend ist dann ge­fragt, die von Al­ters her in min­des­tens ei­ner Kul­tur red­lich ge­pflegt wur­de: das Mit­ge­fühl. Und dies nun eben nicht als je­nes ro­man­tisch ver­klär­te ar­ro­gan­te Mit­leid, ger­ne in der Form der Her­ab­las­sung sich äu­ßernd. Es ist die kla­re, un­vor­ein­ge­nom­me­ne Sicht auf die Mo­tiv­la­ge des Frem­den und des­sen An­er­ken­nung. Nicht das ra­tio­nal bes­se­re Ar­gu­ment zwingt. Es ist ein Ge­fühl, das zu­ge­las­sen wird, dass die Grün­de für das Agie­ren des An­de­ren viel­leicht auch in ei­ge­nen Selbst ge­fun­den wer­den kön­nen. Und das auch ver­mit­telt, wenn es ei­nem nicht gefällt.

Re­fe­ren­ces
1 In: Ho­he Luft Ma­ga­zin, https://www.hoheluft-magazin.de/2022/03/spirituelle-apokalypse [3·3·22|9:00]
2 An­ge­sichts ato­ma­rer Waf­fen scheint die­se An­nah­me al­ler­dings wie ei­ne ärzt­lich zu be­han­deln­de Vision.

Quell der Rationalität

Versuch einer kurzen Mediation zwischen Rationalität und Irrationalität.

Viel­leicht ist es ja nicht das Schlech­tes­te, wenn die Ra­tio­na­li­tät der Ir­ra­tio­na­li­tät ei­nen Rah­men gibt, ei­nen Raum, ein Ge­viert schenkt. Wie es schon seit lan­gem in Del­phi ge­schrie­ben steht: μηδὲν ἄγαν (me­den agan, „nichts im Über­maß“). Die Form, das For­ma­le, wür­de dann ei­nem an sich kon­tur­lo­sen, über­schie­ßen­den In­halt die Mög­lich­keit zur Ge­stal­tung eröffnen.

Das Ra­tio­na­le ver­mag das Ir­ra­tio­na­le zu be­gren­zen, nicht in­des zu ver­nich­ten. Die Ra­tio­na­li­tät so ein­mal als der äu­ße­re Rand des Ir­ra­tio­na­len ge­dacht. Mit­hin die Ra­tio­na­li­tät ei­ne Aus­ge­burt, ei­ne kal­te Er­star­rung ei­nes hei­ßen, bro­deln­den, erup­ti­ven ir­ra­tio­na­len Stroms. Die Vul­ka­ni­er las­sen grüßen!

Aus der Er­fah­rung. — Die Un­ver­nunft ei­ner Sa­che ist kein Grund ge­gen ihr Da­sein, viel­mehr ei­ne Be­din­gung desselben.
Fried­rich Nietzsche

Zu­gleich hat die Ir­ra­tio­na­li­tät den Rah­men zu spren­gen, sich kei­ner Form zu un­ter­wer­fen. Aus ei­ner sol­chen Wech­sel­wir­kung ent­steht Dy­na­mik — re­la­tio­na­le Ver­nunft. (Und nicht ra­tio­na­ler Ver­stand, wor­auf Nietz­sche sich wohl bezog.)

Die dann we­der dem Ver­stand noch dem Ge­müt ei­nen Vor­rang ge­währt. Son­dern eben so wirkt, dass ei­ne Ba­lan­ce er­mög­licht wird, die in Be­we­gung grün­det und nicht in Starre.

Ob nun die Form, das For­ma­le, aus Lo­gik, Ma­the­ma­tik, Ri­tus oder Kunst be­steht, bleibt sich dann gleich: Es ist er­kal­te­te Irrationalität.

Und Phi­lo­so­phie könn­te nun als Ar­beit der Er­kal­tung an­ge­se­hen wer­den. Das Pus­ten auf die Ir­ra­tio­na­li­tät, auf dass sie ei­ne Form fän­de und be­greif­bar wer­den möch­te, ver­mit­tels der Ra­tio­na­li­tät. Es könn­te al­ler­dings auch als das Vor­wa­gen in den hei­ßen, bro­deln­den Schlund ver­stan­den wer­den, auf ein Ent­ge­gen­kom­men des Quells all der Hit­ze zu.

Bei Ers­te­rem zeigt sich die Phi­lo­so­phie wohl als ei­ne Wis­sen­schaft, bei Letz­te­rem als ei­ne Kunst. Im Ers­te­ren zeigt sich der Mensch als ein ani­mal ra­tio­na­le und ho­mo fa­ber, als (be)rechnender Mensch, im Letz­te­ren als ein ani­mal ir­ra­tio­na­le und ho­mo ar­ti­fex, als (er)schaffender Mensch.

Und tre­ten nun bei­de in ei­ne Wech­sel­wir­kung, ge­gen­sei­tig das Über­maß des an­de­ren ver­hü­tend, zeigt sich die Selbst­er­kennt­nis im stim­mi­gen Maß.

In ei­ne Wech­sel­wir­kung, den Brü­dern Apol­lon und Dio­ny­sos viel­leicht gleich, die bei­de ver­schränkt. Ihr Ver­hält­nis als Be­zie­hung vi­ta­li­sie­rend. Die das Über­maß, wel­ches die Er­kennt­nis des Selbst zu ver­schlei­ern ver­mag, be­grenzt. Ei­ne not­wen­di­ge Be­gren­zung, wo­mit je­der für sich über­for­dert wäre.

Phi­lo­so­phie dann, so ein­mal in Sze­ne ge­setzt, we­der Wis­sen­schaft noch Kunst und auch nicht so­wohl das Ei­ne als auch das An­de­re. Wohl in­des dann je­nes, wel­ches zwi­schen bei­den ist und uns als Ver­nunft ver­nehm­bar wird. Rei­ne, eis­kal­te Wis­sen­schaft ist ge­nau­so zum Un­ter­gang ver­dammt wie rei­ne, über­hit­zi­ge Kunst. Ver­stand und Ge­müt blei­ben oh­ne Ver­nunft für sich al­lein und ge­hen an ih­rem Über­maß ein. Der Ein­sam­keit wegen. 

Erst das Mit­ein­an­der, Durch­ein­an­der, das Ver­wi­ckelt sein, In­vol­viert sein, zei­tigt den Fun­ken der Ver­nunft. Um bei­de not­wen­di­ge Wei­sen des hu­ma­nen Da­seins zu ver­mit­teln, im stän­di­gen Fluss zu hal­ten. Um ei­ne Welt ver­nehm­bar zu machen.

Divide et impera

Spalten, um zu beherrschen, als anthropologisches Prinzip.

Es liegt wohl in der Na­tur des Men­schen, zu spal­ten. Sei­ne Er­fin­dung „Gott“ spal­tet ein Gan­zes in Tag und Nacht. Für den Men­schen gibt es rechts und links. Und Com­pu­ter, Men­schen­zeug, ar­bei­ten nach dem Prin­zip „Ent­we­der ‚1‘ oder ‚0‘“. Schließ­lich – doch da­für kön­nen wir nichts, oder doch? – gibt’s Männ­chen und Weibchen.

Spal­tung, so kann ge­meint wer­den, schafft, wenn nicht Ord­nung, so doch min­des­tens Ori­en­tie­rung und vor al­len Din­gen: Die Mög­lich­keit zum Ver­hält­nis. Denn wo kä­men wir hin, wenn wir nicht du­al wä­ren, im Prin­zip, un­ser Den­ken, zu­min­dest? Wir wür­den uns wohl in ei­nem Kon­ti­nu­um eben nicht wie­der fin­den kön­nen. Wir wür­den wohl, un­ser Geist, zer­flie­ßen, wä­ren ganz und gar das Ganze.

Wir wol­len spal­ten, so ist wohl die Na­tur un­se­res Be­wusst­seins. Des­halb spal­ten sich Ge­sell­schaf­ten und der Mensch die Ato­me. Wir bre­chen stän­dig auf, bre­chen al­les aus­ein­an­der, um es be­grei­fen zu kön­nen. Un­ser Geist ist zu schwach, um als Gan­zes sein zu kön­nen. Und so bre­chen wir auch die Na­tur, nur um sie zu be­grei­fen, und letzt­lich will das: (be)herrschen. „di­vi­de and con­quer“, „di­vi­die­re und be­zwin­ge“ ist ein an­thro­po­lo­gi­sches Prin­zip, so scheint es auf.

Vie­le ge­hen nun eben da­von aus, so sei eben die Na­tur des Men­schen und sel­bi­ger ist ja Teil der Na­tur als Gan­zem. Dass der Pla­net, un­ser Ha­bi­tat, da­bei zu Bruch geht: so what? Wir kön­nen ja (in) neue Wel­ten auf­bre­chen, neue Ha­bi­ta­te schaf­fen, Ni­schen (er)finden, klaf­fen­de Brü­che, in de­nen wir exis­tie­ren kön­nen. Der Mensch ist nun mal ein durch Zer­stö­rung er­schaf­fen­des – die Zer­stö­rung aus­nut­zen­des, aus­beu­ten­des – We­sen, was will man machen?

Schon scheint die Ge­gen­sei­te auf: Zu­sam­men! Zu­sam­men! Doch das heilt die Wun­den nicht, die der Mensch reißt. Das, was wohl hel­fen kann, die Auf­bruchs­wut zu bän­di­gen, ist die Un­ter­las­sung. Frei­lich er­fah­ren wir uns dann als ver­lo­ren in ei­nem Gan­zen. Weil uns der Mut fehlt, im Gan­zen zu sein, das Gan­ze zu sein, auch wenn wir nicht da­mit rech­nen kön­nen. Wir müss­ten uns dann hin­ge­ben, hät­ten kei­ne Kon­trol­le mehr, wä­ren Ge­trie­be­ne und nicht Trei­ben­de (oder, Wort­spiel: eben doch, ge­ra­de dann?), wä­ren Tie­re, nicht Men­schen. Gleich­wohl: Den­ken­de. Wür­de der Mensch sein Tier­sein mehr wa­gen, das ‚Schwim­men‘, wir hät­ten wohl we­der Kli­ma­wan­del noch Pan­de­mie (viel­leicht al­ler­dings auch: noch nicht). Doch der Mensch: Ein Tier, das denkt und fühlt, da­bei va­ge; und kein Ge­schöpf sei­ner selbst, das rech­net und auf­bricht, da­bei ein­deu­tig? Undenkbar! 

Eher: Un­be­re­chen­bar, des­halb zu ver­wer­fen. Manch­mal auch: zu zerstören.

Die Ge­sell­schaf­ten, in de­nen wir le­ben, exis­tie­ren, die wir schaf­fen, wer­den nicht ge­spal­ten. Sie wa­ren es im­mer schon. In Kri­sen­zei­ten wird die Spal­tung, die­se Or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­sell­schaft als Gan­zes, sicht­ba­rer, spür­ba­rer. Über­win­den kön­nen wir sie nicht: wir wä­ren ori­en­tie­rungs­los, wüss­ten nicht mehr wer hier­ar­chisch oben und wer un­ten, wer po­li­tisch rechts und wer links, wel­che wis­sen­schaft­lich und tech­nisch vor­ne und hin­ten sind.

Und auch nicht, wer wir wa­ren und wer wir sein möch­ten. Ge­gen­wart, Ver­ge­gen­wär­ti­gung: Der Spalt­pilz in der Zeit.

So tun wir uns auch schwer in und mit in­dis­kre­ten Kon­ti­nua, aus dem Schei­nen von Wah­rem ge­bo­ren, zu den­ken, in der un­ab­zähl­ba­re Qua­li­tät wal­tet und nicht das Quan­tum, son­dern wol­len mit di­stink­ten Wer­ten rech­nen. Mit Zah­len spal­ten wir das Gan­ze auf, quan­ti­fi­zie­ren es, um es zu be­grei­fen. Wenn da­bei nur nicht im­mer die­ser ver­ma­le­dei­te, sich je­der Be­re­chen­bar­keit wi­der­set­zen­de Rest blie­be. Pi, 3,14…: un­fass­bar. Mit­hin ist der Um­fang ei­nes Krei­ses, die Gren­ze ei­nes Lan­des, die Flä­che des Pla­ne­ten nicht ex­akt be­re­chen­bar. Es bleibt ei­ne Un­ge­nau­ig­keit üb­rig. Ein un­be­stimm­ba­rer Rest, wir kön­nen nur nä­he­rungs­wei­se rech­nen. Prin­zi­pi­ell, frei­lich. Um die Um­lauf­bahn des Mon­des zu be­rech­nen und vor­her­sa­gen zu kön­nen, wann er wo sein wird um auf ihm zu lan­den, da­für ist’s ge­nau ge­nug. Das Uni­ver­sum scheint groß ge­nug da­für zu sein, der Feh­ler mit­hin läss­lich. Unauffällig. 

Und so, um die­sen Rest doch noch fass­bar, ding­fest, zu be­kom­men, spal­ten wir mun­ter wei­ter. Denn ir­gend­wann, so sagt’s uns un­se­re Lo­gik, muss der Rest ja mal 0 sein. Ver­schwun­den. Das Gan­ze voll­kom­men auf­ge­löst, voll­stän­dig er­klärt; al­so auf­ge­klärt, der Fall „Sein“ ge­löst. Und mit­hin die letz­te me­ta­phy­si­sche, gar: mys­ti­sche, Bas­ti­on ver­schwun­den. Ja, wo is­ses denn nu hin, datt Jan­ze? Hat es es je­mals gegeben?

Hält der un­auf­klär­ba­re Rest, nen­nen wir es mal: das Ro­man­ti­sche, am En­de die Welt zu­sam­men, be­wahrt sie vor dem Ver­fall? Ist das Un­lo­gi­sche, das Ir­ra­tio­na­le, das, was die »Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält«? Das In­tui­ti­ve der Leim in der dis­kur­siv zer­stü­ckel­ten Welt?

Wer Fort­schritt will, braucht ei­nen Plan. Wer ei­nen Plan ha­ben will, braucht Quan­ti­tä­ten, die ei­ne Ra­tio (hier ist das nicht nur ein An­gli­zis­mus!) bil­den kön­nen. Und wer ei­nen Plan hat, ist ori­en­tiert. Und ori­en­tiert zu sein ist für den Men­schen wich­tig: dann sieht er die Welt in Be­greif­lich­kei­ten vor sich, sie ist für ihn be­greif­bar und kein Flui­dum, wel­ches ihm zwi­schen den Fin­gern zer­rinnt, un­fass­bar, un­halt­bar. In dem er schwimmt und sich manch­mal müh­sam, manch­mal leicht, an der Ober­flä­che hält, weil er das Ver­sin­ken fürch­tet. Dann kann er Ant­wor­ten ge­ben auf die Fra­gen, die ihn so be­we­gen. Man­che Ex­em­pla­re zu­min­dest, meist die jün­ge­ren: Wo bin ich? Wo ge­he ich hin? Wer bin ich? Was will ich?

Doch weg­ge­hen, fort­schrei­ten, heißt: es ver­fällt et­was, wird nicht mehr zu­sam­men­ge­hal­ten, ist auf­ge­bro­chen wor­den. Das Ro­man­ti­sche scheint ge­gen die­sen Ver­fall (der Sit­ten, des Frü­her,…) et­was zu ha­ben. Es will auf der un­ge­bro­che­nen Schol­le ver­har­ren, sie be­wah­ren vor ih­rer Ver­gäng­lich­keit. „Oh Au­gen­blick, ver­wei­le doch!«

Doch eben­so lässt die­ser Fort­schritt, schau­en wir doch in die Welt!, die Er­star­rung un­se­res Geis­tes fort­schrei­ten. Der Fluss kommt zum Er­lie­gen. Das Flui­dum zwi­schen den Bruch­stü­cken ver­schwin­det. Der Rest ist 0, die Welt als ein Gan­zes be­re­chen­bar, vor­her­sag­bar, voll­kom­men er­klär­bar. Das Vor­her und das Nach­her zur Gän­ze auf­ge­klärt. Tot.

Nun ist ge­gen Fort­schritt frei­lich nichts ein­zu­wen­den und es liegt ja nun eben wohl auch in der Na­tur des Men­schen. Die Fra­ge nur: Wie vor der Er­star­rung, der Kris­tal­li­sa­ti­on, schüt­zen? Wie im Fluss blei­ben, da­mit auch wei­ter­hin gel­ten kann: »pan­ta rhei«? Wie die Welt nicht als Di­vi­du­um be­grei­fen, be­greif­bar ma­chen, al­so als ein er­starr­tes, aus­ein­an­der­ge­bro­che­nes, kris­tal­li­sier­tes Et­was? Wie die Le­ben­dig­keit am Le­ben, im Fluss, hal­ten — und den­noch fort­schrei­ten? Wie im Gan­zen tauchen?

Nun, der Au­gen­schein legt es nah: In-Di­vi­du­um! Das Un­teil­ba­re, Un­spalt­ba­re, der ver­ma­le­dei­te Rest! Das, was mit nichts iden­tisch ist, sich nicht tei­len lässt. Das Da­zwi­schen, das al­les zu­sam­men­hält, ein Me­ta­xy. Die Welt wird, so­lan­ge es min­des­tens ein In-Divi­du­um gibt, nicht als Gan­zes be­re­chen­bar sein, mö­gen es auch nur zwei Tei­le sein! Frei­heit! Unfassbar(keit)!

Der Mensch braucht, of­fen­bar, ein Zwi­schen-sein, ein „in­ter es­se“. Es ist die Le­bens­welt, die er sich mit sei­ner Kraft zur Spal­tung ge­schaf­fen hat. Er kann an­ders nicht überleben.

Wirk­lich? Nun: Er wüss­te nur nichts über sei­ne Exis­tenz lo­gisch aus­zu­sa­gen, gleich­wohl mehr von ihr sinn­voll zu er­zäh­len. Oder auch, die Wor­te Ver­stand und Ver­nunft ins Spiel ge­bracht: Er wür­de we­ni­ger ver­ste­hen wol­len und so wo­mög­lich mehr ver­neh­men können. 

Die Moral der Ethik

Sollte der „Deutsche Ethikrat“ nicht eher ein „Ethischer Rat“ sein?

Nach der On­line-Ta­gung des deut­schen Ethik­ra­tes mit dem Ti­tel »Selbst­ver­mes­sen: Ethik und Äs­the­tik ver­än­der­ter Kör­per­lich­keit.«1⇣Im In­ter­net soll­ten die Bei­trä­ge zu fin­den sein. gab es für je­ne, die die Ver­an­stal­tung ver­folg­ten, zum Ab­schluss noch ei­nen Fra­ge­bo­gen, des­sen letz­te Fra­ge lau­te­te, wel­cher The­men sich der Ethik­rat noch an­neh­men soll­te. Ob die­se An­sicht hier noch ih­ren Adres­sa­ten er­reicht hat, ist frag­lich. Ein tech­ni­sches Pro­blem ließ nicht zwei­fels­frei er­ken­nen, ob das State­ment über­mit­telt wur­de. Ein gu­ter Grund, es hier, et­was er­wei­tert, noch­mals kundzutun.

Im Zu­ge der ak­tu­el­len Pan­de­mie hat der Au­tor die­ser An­sicht den deut­schen Ethik­rat über­haupt erst­mal als ge­sell­schaft­li­ches Mo­ment wahr­ge­nom­men, al­ler­dings je­doch in ei­ner Wei­se, die ihm das Wort und die Be­deu­tung „Kir­che“ ab­zu­rin­gen hat. Die Äu­ße­run­gen „der Po­li­ti­schen“ da­bei im Ohr, die ih­re Ent­schei­dun­gen mit den Emp­feh­lun­gen je­nes Ethik­ra­tes ab­si­cher­ten. Dar­an ist zu­nächst gar nichts aus­zu­set­zen, Ex­per­ti­sen von fach­kun­di­ger Sei­te ein­zu­ho­len. Doch wer­den die­se dann in ei­ner Wei­se ge­braucht, aus der schon die Ver­ant­wor­tungs­last er­kenn­bar wird, soll­te sich die Ent­schei­dung als falsch er­wei­sen, dann ist frei­lich Ob­acht an­ge­sagt. Die Wis­sen­schaft – und zwar als sol­che, un­dif­fe­ren­ziert nach Fä­chern – wird auch mehr und mehr die Rol­le ei­ner obers­ten Kom­pe­tenz und da­mit dann auch Ver­ant­wor­tung zu­ge­schus­tert, könn­te man mei­nen2⇣Im An­ge­sicht des der­zei­ti­gen Ver­hal­tens der Po­li­tik (In­zi­denz über 300: die Wis­sen­schaft re­det sich den Mund fus­se­lig und die Po­li­tik re(a)giert … Wei­ter­le­sen…. Die Fra­ge ist nur, ob das so gut ist. Und frei­lich sei hier an­ge­merkt: Zu die­sem Spiel ge­hö­ren min­des­tens zwei. Und ein Ethik­rat, der sich der Ver­lo­ckung aus­ge­setzt sieht, Macht zu zei­ti­gen, Ein­fluss aus­zu­üben, über­nimmt dann wohl auch gern Ver­ant­wor­tung. Und nein: der Au­tor hält Philosoph_innen und/oder Ethiker_innen nicht für die bes­se­ren König_innen. Pla­ton hin oder her.

So ge­langt der Ver­fas­ser hier zu der An­sicht, der Rat soll­te sich in Selbst­be­gren­zung üben und nicht als Rat­ge­ber in Er­schei­nung tre­ten („Ver­mes­sen­heit!“), son­dern als In­sti­tu­ti­on, mit der sich be­ra­ten wer­den kann, als Kom­pe­tenz­zen­trum in Fra­gen der Mo­ral in viel­fa­cher Hin­sicht, nicht als Ex­cel­lenz­clus­ter in der Tech­ni­sie­rung („Ver­mes­sung“) des Ethi­schen. Ja, frei­lich, auch ein Ethik­rat steht im The­ma der Ta­gung und sucht sich selbst zu op­ti­mie­ren. Doch der Ein­druck kann ge­weckt wer­den, dass die­se Op­ti­mie­rung den Cha­rak­ter der Ver­bes­se­rung ei­ner Ma­schi­ne hat, nicht die ei­ner ad­äqua­te­ren Stim­mig­keit mit ei­nem Welt­gan­zen. Und ja, der Ge­dan­ke sieht das Wort Ethik in ei­nem Sinn mit Ma­the­ma­tik. Das Post­fix „-ik“ als Mar­kie­rung in­ter­pre­tiert, dass das Fach sich durch ir­gend­ei­ne tech­ni­sche Me­tho­de cha­rak­te­ri­siert3⇣Hier so al­so die des Rech­nens.. Nicht ganz ast­rein, doch für das An­lie­gen hier be­den­kens­wert. Und ein Rat in dem Sin­ne, wie er sich hier zei­gen möch­te, gibt kei­ne Rat­schlä­ge, auch wenn sie Emp­feh­lun­gen ge­nannt wer­den4⇣Das soll die Auf­ga­be von Kom­mis­sio­nen sein..

Ein Rat, wie er hier sich als Ide­al zei­gen möch­te, soll­te ei­nen Rah­men schaf­fen, in der für je­man­den, der_die Ver­ant­wor­tung zu tra­gen be­reit ist, ein Feld, ein Raum, ei­ne Sphä­re ge­schaf­fen wird, zu seiner_ihrer Ent­schei­dung, die er_sie zu ver­tre­ten ge­willt ist, zu kom­men — und zwar nun eben, des­halb das Um­feld ei­nes Ra­tes, nicht nur auf der ei­ge­nen Sicht in die Welt und ihr Ge­sche­hen fun­diert. Ein Ethik­rat, der sich bei sei­nen Emp­feh­lun­gen dann auf Wis­sen­schaft be­ruft, macht letzt­lich auch nichts an­de­res als die Kul­tur­tech­nik des „Der/Die/Das hat ge­sagt, dass…, und der/die/das muss es wis­sen!“ an­zu­wen­den. Ein so agie­ren­der Rat macht sich zum po­li­ti­schen Agen­ten, d. h., er ver­folgt ei­nen Zweck — da­bei hät­te er nur Mit­tel zu sein. Schick­sal ei­nes Rates. 

So soll­te sich der „Deut­sche Ethik­rat“ zu ei­nem „Ethi­schen Rat“ wan­deln und ver­stärkt da­zu bei­tra­gen, dass Politiker_innen wie je­ne, die die Ent­schei­dun­gen der Politiker_innen be­tref­fen (das „-ik“ sei hier be­ach­tet!), zu mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung mo­ti­viert wer­den, statt nun eben in ei­nem Ethik­rat ein In­stru­ment zur Ver­ant­wor­tungs­ver­wäs­se­rung und –ver­schie­bung zu se­hen und weid­lich zu nut­zen. Der da­selbst sich dann die Wis­sen­schaft als Rat­ge­be­rin sucht. Wis­sen­schaft al­ler­dings, die mehr und mehr un­ter ei­nem Man­tra des Quan­ti­ta­ti­ven, des Mess­ba­ren, des Re­sul­ta­tes, steht. Wis­sen­schaft, die wie Tech­nik anmutet.

Wird ein Rat näm­lich in sol­cher Wei­se miss­braucht, al­so als vor­aus­ei­len­de Ent­schul­di­gung für den Fall ei­ner Fehl­ent­schei­dung, kann es all­zu leicht pas­sie­ren, dass Ver­ant­wor­tung auf dem Spiel­tisch hin- und her­ge­scho­ben wird — bis ir­gend­wann bei je­nen, die Ori­en­tie­rung su­chen, an­ge­fan­gen wird, nach den „star­ken Kräf­ten“ Aus­schau zu hal­ten. Ein­stel­lun­gen, wie sie im sehr rech­ten po­li­ti­schen Spek­trum an­zu­tref­fen sind, die all­täg­lich wer­den, mö­gen da als In­diz her­hal­ten und ein An­zei­chen für ei­nen be­reits lau­fen­den Pro­zess sein.

Und frei­lich soll­te ein sol­cher Ethi­scher Rat sich im Zu­ge (s)einer Selbst­re­fle­xi­on da­mit be­fas­sen, wie der Mut zur Ei­gen­ver­ant­wor­tung (und das meint ei­nen wirk­lich li­be­ra­len, des­sen Ziel nur das So­zia­le sein kann, und kei­nen neo­li­be­ra­len Sinn, der ei­ne Aso­zia­li­tät im Sin­ne ei­ner Eli­ten­bil­dung, die oh­ne Mob ja kei­ne Eli­te sein kann, zei­tigt) be­reits vom Kin­der­gar­ten und dann le­bens­lang ge­stärkt wer­den kann — oh­ne die­ses Feld den n. A. d. A. letzt­lich ar­chai­schen Mo­ti­ven der Kir­chen, gleich ob bud­dhis­tisch, christ­lich, hin­du­is­tisch, is­la­misch,… zu über­las­sen. Re­li­gi­ons­un­ter­richt (lat. relegere/religare als grund­le­gen­der An­satz, nicht: Glau­be) ist ein gu­ter An­satz da­für: Nur in­des, wenn es die Re­li­giö­si­tät des Men­schen an­spricht, die als sol­che und an sich kei­ner Kir­che be­darf. Kir­chen nut­zen das re­li­giö­se Be­dürf­nis des Men­schen, sei­nen Hun­ger nach Sinn und Ge­währ­leis­tung, für ih­re Zwe­cke und Zie­le. Sie sor­gen nicht für die Fä­hig­keit zur Ei­gen­re­li­giö­si­tät, son­dern ver­su­chen sich dar­in, die­se zu eli­mi­nie­ren. Sinn und Welt­ver­ständ­nis – pa­the­tisch: Welt­ge­bor­gen­heit; nüch­ter­ner: Welt­an­schau­ung – wer­den zu ei­nem Pro­dukt, dass um den Preis ei­ner Kon­fes­si­on ge­kauft wer­den kann — und nicht zu ei­nem Ge­winn, der selbst er­schaf­fen, und nicht er­wirt­schaf­tet, ‚ver­dient‘, wur­de. Krea­ti­ves (Er-)Gebnis ei­ner Kunst, nicht aus­ge­rech­ne­tes Re­sul­tat ei­ner Technik. 

Die­se selbst aus­ge­üb­te Sinn­kom­pe­tenz hät­te wohl den frei­en und des­halb so­zia­len, mit­hin: ethi­schen Men­schen zur Folge.

Re­fe­ren­ces
1 Im In­ter­net soll­ten die Bei­trä­ge zu fin­den sein.
2 Im An­ge­sicht des der­zei­ti­gen Ver­hal­tens der Po­li­tik (In­zi­denz über 300: die Wis­sen­schaft re­det sich den Mund fus­se­lig und die Po­li­tik re(a)giert nicht…) ist das hier in­des um ein „Wenn’s g’rad’ in den Kram passt“ zu erweitern.
3 Hier so al­so die des Rechnens.
4 Das soll die Auf­ga­be von Kom­mis­sio­nen sein.

Weltbild, egozentrisches

Eine kurze Meditation zur akademischen Philosophie, Wissen und Ethik, Weisheit und Moral. Mit einem Seitenblick auf aktuelle Verhaltensweisen. 

Phi­lo­so­phie kann viel­leicht auch als Be­schäf­ti­gung mit Welt­an­schau­ung und Mo­ral und dem kri­ti­schen Ver­hält­nis zu die­sen auf­ge­fasst wer­den. Ob das dann auch Phi­lo­so­phie ist, die ja zu­min­dest in der uni­ver­si­tä­ren Aka­de­mie sich der Wis­sen­schaft und Ethik ver­pflich­tet fühlt, nach der Ver­all­ge­mei­ner­bar­keit von al­lem sucht (‚Welt­for­mel‘) und nicht nach ei­nem nach­voll­zieh­ba­ren Sinn, ist aus aka­de­mi­scher Sicht ge­wiss frag­lich. Und so zeigt sich doch ein wo­mög­lich we­sent­li­cher Un­ter­schied zwi­schen Wis­sen und Weisheit.

Sie, die sich ab­ge­hängt füh­len in die­ser leis­tungs­ori­en­tier­ten und auch im­mer kom­ple­xer – viel­leicht so­gar da­zu noch kom­pli­zier­ter – wer­den­den Ge­sell­schaft, gren­zen sich durch ihr Ver­hal­ten und ih­re Ein­stel­lun­gen selbst aus und be­schwe­ren sich dann über Ausgrenzung.

Sie emp­fan­den sich als ty­ran­ni­siert und ty­ran­ni­sie­ren jetzt zu­rück, in­dem sie sich z.B. ei­ner Co­ro­­na-Imp­­fung ver­wei­gern. Sie de­mons­trie­ren so Macht und ver­hal­ten sich so zu ih­rer Ohn­macht, die­se kom­pen­sie­ren wollend.

Hier zeigt sich die nitz­schea­ni­sche Skla­ven­mo­ral, die von Res­sen­ti­ment und Ra­che ge­trie­ben ist. Auch und ge­ra­de wenn die Skla­ven der Un­mün­dig­keit mei­nen ei­ne Her­ren­mo­ral an den Tag zu legen.

Denk­zet­tel 212

Ge­horcht die Mo­ral Ge­set­zen? War Kant wirk­lich durch ein mo­ra­li­sches Ge­setz in sich mit zu­neh­men­der Be­wun­de­rung und Ehr­furcht im Ge­müt er­füllt? Oder ist Mo­ral, an­ders als die Ethik, nichts, das ver­all­ge­mei­nert wer­den kann, son­dern viel­mehr aus ei­ner Si­tua­ti­on mit vie­len das Ur­teil und ei­ne Hand­lungs­ent­schei­dung be­ein­flus­sen­den Fak­to­ren ad hoc im Sub­jekt ent­steht? So ge­se­hen ist mo­ra­li­sches Han­deln nicht lehr­bar, nur üb­bar. Und Mo­ra­li­tät so ge­se­hen kein Ge­setz in uns, son­dern viel­leicht ein Trieb, den wir spü­ren — über den wir uns al­ler­dings hin­weg­set­zen kön­nen wie über ei­nen Ge­dan­ken. Und Mo­ral ist dann: Äs­the­tik — und kei­ne Ethik. Auch wenn die Ethik für sich be­an­sprucht, die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Mo­ra­len er­ken­nen zu kön­nen: Sie kann es nicht. Denn: Schön­heit kennt kei­ne ob­jek­ti­ven Re­geln und liegt im Sin­ne der je Be­trach­ten­den. (Was nicht aus­schließt, dass es et­was gibt, dass al­le Be­trach­ten­den als schön emp­fin­den. Doch es ist mehr als frag­lich, ob sich ei­ne Re­gel für die­ses Emp­fin­den fin­den lässt, ei­ne: Formel.)

Das gu­te Han­deln ist nicht mit der Lo­gik der Er­kennt­nis ver­wirk­lich­bar, ein rich­ti­ges, al­so ge­setz­ten Re­geln be­fol­gen­des, schon. Es geht beim mo­ra­li­schen Tun um sub­jek­ti­ven Sinn, nicht um ob­jek­ti­ve Er­kennt­nis. Frei­lich träu­men die Ethiker_n da­von, die Welt­for­mel des Gu­ten – und da­mit die lo­gi­sche De­fi­ni­ti­on des Bö­sen – zu fin­den. Doch es bleibt wohl da­bei, dass dies De­fi­ni­ti­ons­sa­che ist. Es gibt kei­ne na­tür­li­che Ethik, wie es ei­ne na­tür­li­che Phy­sik gibt: Ver­schwin­det der al­ler­letz­te Mensch, das al­ler­letz­te sich ei­nes mo­ra­li­schen Po­ten­ti­als be­wuss­te We­sen, aus die­sem Uni­ver­sum, die­sem be­stirn­ten Him­mel, gibt es kei­ne Ethik mehr. Phy­sik in­des gleich­wohl, zu­min­dest ist ver­nünf­ti­ger­wei­se da­von aus­zu­ge­hen — Wis­sen kann dies in­des nie­mand, man be­gnügt sich al­so mit ei­ner Ge­wiss­heit — wer woll­te es wem wie be­wei­sen wol­len, ist das letz­te We­sen vergangen?

Ge­set­ze, Re­gel­mä­ßig­kei­ten der ma­te­ri­el­len Welt sind nun mal, bzw. soll­ten nun mal nicht die Grund­la­ge der im­ma­te­ri­el­len Welt sein. Son­dern freie Ent­schei­dun­gen. Und un­ter­lä­gen die­se Re­geln, so sind sie nicht mehr frei. Wer von ei­ner lo­gis­ti­schen Ethik träumt, alb­träumt vom gänz­lich de­ter­mi­nier­ten Men­schen, der da­mit letzt­lich durch und durch kon­trol­lier­bar ist. Über­las­sen wir doch die­se Un­frei­heit, die­se Skla­vi­tät, den Ma­schi­nen, die wir bau­en. Sie un­ter­lie­gen un­se­rer Re­gu­la­ti­ons­wut. Die Na­tur nicht. Auch wenn wir da­von träu­men und die­ser Traum viel­leicht so­gar ei­nes Ta­ges wahr wird. Die Fra­ge ist dann wohl: Kann ei­ne sol­che vom Men­schen durch­ge­re­gel­te Na­tur dem Men­schen noch ein ad­äqua­tes Ha­bi­tat sein?

Ethik, so kann ge­sagt wer­den, ist ei­ne Sa­che des Ver­stan­des — Mo­ral in­des ei­ne An­ge­le­gen­heit der Ver­nunft. Ihr liegt am gu­ten Le­ben, dem Ver­stand am richtigen.

Kein Mensch han­delt auf Ba­sis ei­nes schlech­ten Grun­des. Das ha­ben wir mit den Tie­ren gemein.
(Kein Mensch baut ein Haus wis­sent­lich auf schlech­tem Grund, au­ßer, da­mit ist et­was be­ab­sich­tigt — von dem be­wusst oder un­be­wusst er­war­tet wird, dass es ei­nem gut tut. Wir sind Gut­men­schen. Alle.)

Denk­zet­tel 213

Alles neu macht der … November

Eine kleine Etymogelei. Über das Unbestimmte.

no­vem“, lat. Zahl­wort „neun“ und auch 1. Per­son Sin­gu­lar Prä­sens Kon­junk­tiv Ak­tiv zu In­fi­ni­tiv „no­va­re“: „ich erneuere“.

Wes­halb dann der No­vem­ber als ‚Trau­er­mo­nat‘? Des Ne­bels we­gen? Die­ser Ne­bel, Sinn­bild der Zu­kunft als sol­cher: Un­ge­wiss, un­ge­schrie­ben, un­klar, un­be­stimmt. Unentborgen.

Das Neue hat ei­ne Ei­gen­schaft, die viel­leicht in un­se­rer wachs­tums­ori­en­tier­ten Ge­sell­schaft nicht wahr­ge­nom­men wer­den will, weil es Wachs­tum re­la­ti­viert, ja so­gar fast zu ei­ner Null­li­nie macht: Wo Neu­es ent­steht (al­so ins Lau­fen kommt, „ent-“ wie in „ent­steint“, das En­de des Ste­hens, des­sen, was ist, be­zeich­nend), geht alt Ge­wor­de­nes, ‚ver­west‘1⇣„ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr besteht.„wesen“ … Wei­ter­le­sen…. Wo Neu­es ent­steht, schwin­det der Ne­bel: er wird ge­wan­delt; aus Po­ten­tia­li­tä­ten wird ei­ne Rea­li­tät. Bli­cken wir zu­rück, ist dort kein Ne­bel. Der liegt im­mer vor uns.

Es ist wahr, was die Phi­lo­so­phie sagt, dass das Le­ben rück­wärts ver­stan­den wer­den muss. Aber dar­über ver­gisst man den an­dern Satz: dass vor­wärts ge­lebt wer­den muss.

Sø­ren Kierkegaard

Die­se Welt ist ein Um­schlag­platz. Und das, was wir so gern als Wachs­tum mit ei­ner Kur­ve an die Ta­fel zeich­nen, wird des­halb kon­stant blei­ben, in Sum­ma. Weil es kein Wach­sen an­zeigt, son­dern den Um­schlag, den Wech­sel. Mal schnel­ler, mal lang­sa­mer; mal mehr, mal weniger. 

Und nichts in die­ser Welt ist so dau­er­haft wie der Wan­del: ei­ne wohl ewi­ge Kon­stan­te, die­ser, an sich, als sol­cher; ei­ne Qua­li­tät, die in un­ter­schied­li­chen Quan­ti­tä­ten für uns in Er­schei­nung tritt. Und Trau­er, dies sei an­ge­merkt, kann auch ge­le­sen wer­den als Auf­for­de­rung, sich [et­was] zu[ ][zu]trauen. Sich zu: Verwandeln.

Doch oh­ne Ne­bel als „Mas­se“ ist nichts mehr da, was ge­wan­delt wer­den könn­te. Ei­ne Welt oh­ne un­be­stimm­te Po­ten­tia­le kann kei­ne Rea­li­tät hervorbringen. 

Kei­nen ori­en­tie­ren­den Ho­ri­zont. In ei­ner Welt oh­ne Un­be­stimmt­heit kann nicht ge­lebt wer­den. Und da­mit auch nicht: ver­stan­den werden.

Re­fe­ren­ces
1 „ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr be­steht.
„we­sen“ Verb: (als le­ben­de Kraft) vor­han­den sein.
Quel­le: dwds.de

Jaspers Geist

Über Achtung und Freundschaft.

Ein gu­ter Freund hat mir die ge­druck­te Ver­si­on – ein merk­wür­di­ges Ge­fühl, ein Büch­lein in der Hand zu hal­ten, das 1947 in Nörd­lin­gen ge­druckt und in Mün­chen her­aus­ge­ge­ben wur­de; als hiel­te man Ge­schich­te in den Hän­den – ei­nes Vor­tra­ges von Karl Jaspers im Jahr 1946 zu­kom­men las­sen: »Vom eu­ro­päi­schen Geist«. Ein ge­halt­vol­ler Text, den Jaspers da ge­setzt hat. Sehr be­den­kens- und mehr­ma­li­ger Lek­tü­re wert, und sei­en es nur ein­zel­ne Ka­pi­tel. Da ist so man­ches zu le­sen und das nun aus ei­ner Per­spek­ti­ve, die die An­nah­men, die dort ge­macht wur­den, prü­fen kann. Sehr auf­schluss­reich, wie ich finde.

Vor dem ers­ten Welt­krieg galt die Ge­mein­schaft der eu­ro­päi­schen Na­tio­nen, die Ein­heit Eu­ro­pas als selbst­ver­ständ­lich. Es er­scheint uns wie ei­ne pa­ra­die­si­sche Zeit, als man oh­ne Paß aus Deutsch­land nach Rom fuhr und nur die Merk­wür­dig­keit fest­stell­te, daß, wenn man nach St. Pe­ters­burg fah­ren woll­te, man ei­nen Paß brau­che. (S. 5)

Die­se Be­trach­tung hier be­schäf­tigt sich nicht mit die­sem In­halt son­dern gibt ei­nen Ge­dan­ken wie­der, der bei der Lek­tü­re auf­tauch­te, und be­ginnt mit ei­nem „Al­ler­dings“: Die gro­ße Hür­de mei­nes Zu­gangs zu Jaspers sind des­sen Re­den von Gott, sein für mich et­was sehr un­durch­sich­ti­ges Ver­hält­nis zum Chris­ten­tum, und sei­ne Idee vom „lie­ben­den Kampf“. Es mag ein span­nungs­rei­ches Oxy­mo­ron sein, gut ge­meint, dem Men­schen in Sum­ma ge­recht wer­dend. Doch mir ge­fällt es nicht; ich den­ke: Wie kann man Krieg in ei­nen sol­chen Eu­phe­mis­mus set­zen? Ist das nicht et­was na­iv? Oder, in An­be­tracht der Jah­res­zahl des Druck­werks: Aus­druck ei­ner Ver­zweif­lung? Ein Ver­such das Gu­te im und des Men­schen ret­ten zu wol­len, und das im An­ge­sicht der phy­si­schen wie psy­chi­schen Trümmerhaufen?

Statt ei­nes Got­tes — wo­mit ich ei­nen hö­he­ren Wil­len im­pli­ziert se­he — ver­langt mir nach et­was wie „hei­li­ge Of­fen­heit“. Statt „lie­ben­den Kampf“ möch­te ich so et­was wie ein „wohl­wol­len­des, ver­bin­den­des Spiel“ se­hen. Und statt der „Lie­be“ – ein von Jaspers auch ger­ne ge­brauch­tes Wort, wie mich dünkt – schließ­lich, je­ner so schreck­lich über­la­de­nen Be­griff­lich­keit, die eben des­halb nicht mehr zu ver­ste­hen ist und in sei­ner Viel­deu­tig­keit nichts­sa­gend wird, wä­re mir die Re­de von „ach­ten­der Freund­schaft“ wün­schens­wert. Was ein Pleo­nas­mus wä­re, der da dem Oxy­mo­ron ent­ge­gen­ge­stellt wird.

De­ren dia­lek­ti­sches Ge­gen­stück mit­nich­ten die „ver­ach­ten­de Feind­schaft“ ist, son­dern hier mir ei­ne „gleich­gül­ti­ge Zu­ge­wandt­heit“ er­stre­bens­wert scheint und un­ter Men­schen – man kann ja nicht al­le mö­gen und von al­len ge­mocht wer­den – wohl un­aus­weich­lich. Ein Mensch, der nicht ge­ach­tet wird, wird so nicht ver­ach­tet, wenn er nicht be­ach­tet wird. Er soll, aus gu­ten per­sön­li­chen und pri­va­ten Grün­den wün­schens­wert, halt nur für’s ei­ge­ne Da­sein kei­ne Rol­le spielen.

Zu­wei­len ein sehr schwie­rig zu rea­li­sie­ren­der Anspruch.

Ver­ach­tung und Feind­schaft sind da­ge­gen sim­pel, die Lie­be al­ler­dings hal­te ich da für verlogen.

Der An­spruch der Frei­heit ist da­her, nicht aus Will­kür, nicht aus blin­dem Ge­hor­sam, nicht aus äu­ße­rem Zwang zu han­deln, son­dern aus ei­ge­ner Ver­ge­wis­se­rung, aus Ein­sicht. Da­her der An­spruch, selbst zu er­fah­ren, ge­gen­wär­tig zu ver­wirk­li­chen, aus ei­ge­nem Ur­sprung zu wol­len durch Su­chen des An­kers im Ur­sprung al­ler Din­ge. (S. 10)

Wer sich dem Selbst­sein (ganz un­iro­nisch sei schon hier, dem nächs­ten Zi­tat vor­grei­fend, dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ „Uni­kat“ steckt) ver­wei­gert (al­so: sei­nem Lei­den und des­sen Über­win­dung, d. i. Exis­tenz), und so (es hie­ße, sich sei­ner Exis­tenz be­rau­ben zu müs­sen) das Lei­den ver­nich­ten will (z. B. durch Preis­ga­be des in­di­vi­du­el­len Selbst in ei­ne Her­de Unselbst(ändiger)iger, Un­mün­di­ger, an­ge­führt von ei­nem ir­rea­len, ideo­lo­gi­schen, kol­lek­ti­schen, über­grif­fig al­les ver­ein­nah­men wol­len­den „Über­selbst“, das al­le Schuld für’s je ei­ge­ne Lei­den auf all je­ne An­de­ren lädt, die sich ei­ner sol­cher Ideo­lo­gie nicht un­ter­stel­len wol­len, ihr nicht die­nen wol­len, die, die sich der Ver­skla­vung durch eit­le Dumm­heit wi­der­set­zen), kann von mei­ner Sei­te her nichts Bes­se­res er­war­ten als mür­ri­sche In­dif­fe­renz, im Schlech­tes­ten ent­nerv­te Ab­ge­wandt­heit. Das Übel nur: Die­se Ges­ten wer­den von je­nen – für mich letzt­lich: eben auch, nicht nur, selbst­ver­schul­det Elen­den, Mi­se­ra­blen – nicht ver­stan­den. Denn, oh ihr blin­den Que­ren, ihr ver­blen­de­ten Ver­schwö­rungs­gläu­bi­gen und al­le de­ren An­ver­wand­te, al­so all ihr Fröm­meln­den, gleich wel­chen Glau­bens: Ihr schafft euch selbst die Welt, die ihr nicht wollt. Die ihr ver­ach­tet. Doch ihr seid of­fen­bar der­art da­mit be­schäf­tigt, eu­er per­sön­li­ches Lei­den zu ver­nich­ten, dass ihr den Blick auf je­ne, die euch be­nut­zen für ih­re ei­ge­ne Ver­nich­tung ih­res per­sön­li­chen Lei­des, mit ei­ner ro­sa­ro­ten Bril­le ver­klärt, zu Wis­sen­den er­hebt und so blind in eu­er selbst ge­schaf­fe­nes Un­glück lauft. Frei­lich be­rauscht vom Mor­phi­um des Glücks­ge­fühls, nun end­lich was zu gel­ten in die­ser Welt, Be­scheid zu wis­sen, be­ach­tet zu wer­den, wenn auch nur ver­ach­tend. Der Ka­ter wird furcht­bar, ihr wer­det es wohl selbst in Er­fah­rung brin­gen — wollen.

Weil der Mensch nur frei sein kann, wenn sei­ne Mit­men­schen frei sind, muß er die sich iso­lie­ren­de, kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­se Frei­heit ver­wer­fen. Über­all, und auch in Eu­ro­pa, gab es das Aus­bre­chen der ein­zel­nen als Ere­mi­ten, Phi­lo­so­phen, Hei­li­ge, die, von der Welt nicht mehr be­trof­fen, ei­ne ho­he, be­wun­de­rungs­wür­di­ge per­sön­li­che Sou­ve­rä­ni­tät er­ran­gen. Aber kon­kre­te Frei­heit er­wächst nur im Mit­ein­an­der als Ver­wand­lung des Men­schen mit sei­ner Welt. (S. 14)

Doch wie ge­sagt: An­spruchs­voll. Stets lockt der ein­fa­che Weg der Ver­ach­tung. Dies letzt­lich die Spie­ge­lung des­sen, was mir da – wo­mög­lich aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den und den­noch nicht ak­zep­ta­bel und to­le­rier­bar – ent­ge­gen­ge­bracht wird von sol­cher­lei mir un­er­wünsch­ten Cha­rak­te­ren: die „dunk­le Sei­te der Macht“.

Der phi­lo­so­phisch erns­te Eu­ro­pä­er steht heu­te vor der Ent­schei­dung zwi­schen ent­ge­gen­ge­setz­ten phi­lo­so­phi­schen Mög­lich­kei­ten. Will er in die Be­schrän­kung fi­xier­ter Wahr­heit, der am En­de nur zu ge­hor­chen ist — oder will er in die gren­zen­los of­fe­ne Wahr­heit? (S. 30)

Unbrauner Fliegenschiss

Eine Generationen(ab?)rechnung.

2500 Jah­re sind ca. 84 Ge­ne­ra­tio­nen à 30 Jahre.

84 Ge­ne­ra­tio­nen ge­schrie­be­ne Philosophie. 

30 Jah­re: Nichts. (Aus der Per­spek­ti­ve ei­nes 58-Lenzigen.)

2500 zu 84.

84.

Nur!

Nur!!

Selbst wenn die Mensch­heits­ge­schich­te Ar­te­fak­te fin­det, die 5000 Jah­re alt sind:

Das sind nur 167 Generationen!

Nur ! !

5000 zu 167.

Das ist: So gut wie nichts. Ein Hüs­teln des Mensch­seins, al­len­falls, wenn überhaupt.

Und jetzt als un­ge­fäh­re Gleichung:

84 ~ 250030.
167 ~ 500030.

Oder, um­ge­formt:

30 ~ 250084.

Pas­cal: Sternschnuppe.

(Ma­gie der gro­ßen Zahl / Rea­li­tät der schlich­ten Relation.)

Nur ! !

Will hin­wei­sen auf: nach nur 84 Zy­klen der Re­pro­duk­ti­on ist Mensch als sol­cher in der La­ge, das ge­schrie­be­ne Wort in et­was hin­ein­zu­tip­pen oder auf et­was rum­zu­ha­cken (was den da­zu noch frü­he­ren Stein­ta­feln dann wie­der ent­spre­chen wür­de) und rund um die Welt zu schi­cken, in na­he­zu Lichtgeschwindigkeit.

Nach nur 84
( in Wor­ten: vier­und­acht­zig )
Re­pro­duk­ti­ons­zy­klen
ist Mensch
da­zu in der La­ge!

(Frei­lich kann auch recht nüch­tern kon­sta­tiert wer­den: scheint wei­ter kei­ne gro­ße Sa­che zu sein…)

Die Mensch­heits­ent­wick­lung in Ge­ne­ra­tio­nen zu fas­sen kann wirk­lich sehr viel relativieren.

Ich mag das Wort De­mut über­haupt nicht. Doch hier er­man­gelt es mir ei­nes ad­äqua­te­ren Wortes.

Wahrheit & Wirklichkeit

Über Kultur & Natur, Verstand & Vernunft, Erkenntnis & Einsicht. Über den Menschen. Als Tier.

Inwie­weit kann über das Le­ben phi­lo­so­phiert wer­den im Sin­ne: ei­ne ‚Wahr­heit‘, (ob­jek­ti­ve) ‚Er­kennt­nis­se‘, ‚Wis­sen‘ zu (er)finden?

In­wie­weit fin­det sich die Philosophie des Le­bens dar­in: es ein­fach zu le­ben, das je ei­ge­ne Le­ben, wie es sich für ein In­di­vi­du­um er­gibt, er­ge­ben mag, er­ge­ben will?

Dar­in, das je ei­ge­ne Le­ben für sich zu be­ja­hen, in al­ler Kon­se­quenz — und über so ge­won­ne­ne ‚An­sich­ten‘, (sub­jek­ti­ve) ‚Ein­sich­ten‘, ‚Weis­heit‘ sich, durch­aus sich selbst und ge­gen­sei­tig kri­tisch hin­ter­fra­gend, aus­zu­tau­schen, den ei­ge­nen Ho­ri­zont so al­so erweiternd.

In­wie­weit wä­re ei­ne Philosophie des Le­bens al­so we­ni­ger er­kennt­nis­theo­re­tisch zu fun­die­ren und ist mehr in der ver­ste­tig­ten Übung ei­ner Ein­sichts­pra­xis zu be­grün­den? In­wie­weit soll sie al­so nicht ‚Wis­sen‘ der ‚Wahr­heit‘ zum Ziel ha­ben („Macht“), son­dern ‚Mut‘ zur ‚Wirk­lich­keit‘ („Ver­mö­gen“) vermitteln?

In­wie­fern wä­re ein Aus­tausch von, al­so Han­del mit, Ein­sich­ten ei­nem An­grei­fen und Ver­tei­di­gen, ei­nem Krieg der Er­kennt­nis­se, vorzuziehen?

Ist denn ein Kampf um die Wahr­heit wirk­lich so er­stre­bens­wert? Soll­te nicht das Au­gen­merk auf das Ver­hält­nis zur Wirk­lich­keit ge­rich­tet sein — auch und ge­ra­de in der Philosophie? Führt sich denn ein Le­ben gut, lässt es sich gut füh­ren, wenn es sich al­lein auf Er­kennt­nis­se des Ver­stan­des stützt?

Ist Wahr­heit denn nicht: ein Kon­strukt un­se­rer Wirk­lich­keit, un­se­rer Ver­wirk­li­chung als Men­schen? Tie­re ken­nen kei­ne Wahr­heit, nur Wirk­lich­keit. Was nutzt uns Men­schen denn die­se Wahr­heit, eigentlich?

Viel­leicht dient sie letzt­lich nur da­zu, uns nicht ge­gen­sei­tig zu ver­nich­ten. Und doch kann sie auch ge­dacht wer­den als An­trei­ber ge­nau die­ser Selbst­ver­nich­tung. Die Krie­ge auf dem Ge­biet der zur Re­li­gi­on über­höh­ten Welt­an­schau­un­gen sin­gen da ja ein lau­tes Lied. Ein Kla­ge­lied, wohl.

Der Ver­stand, der die Wahr­heit sucht, gar: braucht, mag ein hilf­rei­cher Ge­sel­le sein. Doch wenn wir ei­nen Ge­sel­len zum Kö­nig kü­ren, gibt es da nicht ein Qua­li­täts­pro­blem? Ver­sagt denn da nicht un­se­re Ver­nunft? Geht das nicht an der Wirk­lich­keit vorbei?

Die Wahr­heit ist ein Kon­strukt un­se­res Geis­tes. Um zu le­ben, brau­chen wir kei­ne Wahr­heit. Sie ist ei­ne Ar­chi­tek­tin un­se­rer Kul­tur, kein Arzt un­se­rer Na­tur. Wir wer­den auch im­mer Tie­re blei­ben. Tie­re die Hun­ger ha­ben und Durst. Tie­re, die sich ver­meh­ren wol­len. Tie­re, die ihr Re­vier ver­tei­di­gen. Tie­re, die kämp­fen. Tie­re, die über­le­ben wol­len. Die­ses Tier geht nicht weg, es ist im­mer da. Un­se­re Kul­tur ist ein na­tür­li­cher Über­bau. Und von dem aus ha­ben wir das Tier im Men­schen fest­zu­stel­len, zu kon­sta­tie­ren. Kein Weg führt dar­an vor­bei. Die­se Sicht ist ver­nünf­tig, auch wenn der Ver­stand sich ge­gen die­se Wahr­heit wehrt. So Man­che wol­len das nicht wahr­ha­ben, das Tier im Men­schen fürchtend.

Ob die­ses Tier ein Wolf oder ein Lamm ist, ein Wal oder Hai­fisch, ein Or­ka oder Wal­hai, das liegt in der Macht des Men­schen. Und kein Mensch ist sei­nem Tier aus­ge­lie­fert, prin­zi­pi­ell. Wir sind die Domp­teu­re un­se­res Tiers in uns. Da sind die Krie­ger: ge­züch­te­te Hai­fi­sche. Da sind die Kämp­fer: ge­züch­te­te Gnus. Und da sind eben die fried­li­chen und un­fried­li­chen: ge­züch­te­te Tie­re. Abgerichtet.

Wer es nicht schafft, sei­nen „Wil­len zur Macht“ für sich selbst zu nut­zen, wird ein Skla­ven­le­ben füh­ren müs­sen. Ja? Nein! Sie kann ge­nau­so ein Her­ren­le­ben füh­ren. Doch die Macht über die Macht, die hat nicht, wer sich nicht dar­auf ver­steht, sei­nen „Wil­len zur Macht“ für sich nutz­bar zu ma­chen. Er wie sie wer­den ein Her­den­tier sein. Auch Leit­ham­mel und ‑lö­win­nen sind: Her­den­tie­re. Mag ei­ne Her­de auch als Ru­del daherkommen.

Der ver­nünf­ti­ge Mensch sucht doch die Frei­heit, die Wahl. Die Ver­ant­wor­tung da­mit, auch. Das ist die Wirk­lich­keit des Men­schen, in eben die­ser Frei­heit zu ste­hen. Was heißt: zu su­chen braucht er sie nicht, er hat sie schon. Nur sie auch zu le­ben, das traut er sich noch nicht. In 10000 Jah­ren wird die Welt an­ders aussehen.

Er miss­traut sei­ner Na­tur. Sieht sie als Dunk­les, Be­droh­li­ches, Un­be­herrsch­ba­res. Schafft Wahr­hei­ten, um das Dun­kel zu be­herr­schen. Und ist von sei­nem ei­ge­nen Licht ge­blen­det. Sieht nicht, ver­steht nicht, dass er nur sich selbst be­leuch­tet — doch er­klärt so die gan­ze Welt.

Das Mons­ter des Men­schen steckt doch in sei­ner Kul­tur­fä­hig­keit, die Kul­tur ist das Mons­ter, das er fürch­ten soll­te. Sei­ner Na­tur nach ist der Mensch ver­nünf­tig — und sei­ne Na­tur hat sich bis­her im­mer durch­ge­setzt. Noch ist die Mensch­heit nicht durch ei­ne Apo­ka­lyp­se von der Bild­flä­che des Uni­ver­sums ver­schwun­den. Doch Hoch­kul­tu­ren ver­schwin­den ir­gend­wann, da reicht ein ver­nünf­ti­ger Blick in die Ge­schich­te völ­lig aus.

Und die­se Kul­tur­fä­hig­keit — ge­hört zu sei­ner Na­tur. Sie ist das Tier, das es zu bän­di­gen gilt. Die Ver­nunft, die Na­tur des Men­schen, ist Herr über den Ver­stand, die Kul­tur des Men­schen. Der Ver­stand ist ein Knecht, kein Herr. Und im Grun­de ist der Mensch: Chao­tisch. Ver­nünf­tig. Doch das schmeckt sei­nem Ver­stand nicht, der das Cha­os fürch­tet. Weil es ihn des­ori­en­tiert, wenn er kei­ne Re­gel ent­de­cken kann, nichts vor­her­sa­gen kann. Der Mensch fürch­tet sich, wenn er nicht wis­sen kann, was ihn er­war­tet. Zu­min­dest ver­un­si­chert es ihn, wes­halb ihm der Ver­stand mit auf den Weg ge­ge­ben wur­de. Oder, dar­wi­nis­ti­scher for­mu­liert: Sich evo­lu­tiert hat. Da­mit er sich nicht so fürchtet.

Der Ver­stand des Men­schen (zer)stört das Kli­ma, der Ver­stand des Men­schen be­grün­det ei­nen Ge­no­zid, der Ver­stand des Men­schen lässt ihn Krie­ge füh­ren — al­les im Na­men der Wahrheit.

Die Kunst ist kein Pro­dukt der Kul­tur des Men­schen, sei­nes Ver­stan­des — es ist ein Ge­wächs sei­ner Na­tur, des Tie­res in ihm, sei­ner Ver­nunft. Es ist die Kunst, die den Men­schen aus den Mi­se­ren, die er mit sei­ner Kul­tur selbst ge­schaf­fen hat, rettet.

»Der Mensch ist dem Men­schen ein Wolf« mein­te Hob­bes. Nietz­sche könn­te, viel­leicht, sa­gen: Der Mensch ist dem Men­schen (s)eine Kultur.

Phi­lo­so­phie soll­te Kunst sein, nicht Wis­sen­schaft. Ver­nunft, nicht Ver­stand. Na­tur, nicht Kul­tur. Der Mensch ist ein na­tür­lich phi­lo­so­phi­sches We­sen und nur kul­tür­lich ein wissenschaftliches.

Bis hier­hin al­les schön schwarz-weiß, dem Ver­stan­de leicht ver­dau­lich. Las­sen wir nun Ver­nunft wal­ten, be­ge­ben wir uns al­so jen­seits von wahr oder falsch, Dis­junk­ti­on und Kon­junk­ti­on. Be­tre­ten wir das Reich der Ver­nunft. Den Ver­stand, das Drän­gen nach Er­kennt­nis, nach Wahr­heit, wahr sein, hin­ter uns las­send, die Ein­sicht vor uns. Wen­den wir uns dem Cha­os zu. Se­hen wir nach vorne.

Der ver­nünf­ti­ge Mensch ist ganz Na­tur. Ker­nig, erd­ver­bun­den, un­auf­ge­regt. Be­schei­den. Hät­te der Mensch kei­ne Kul­tur, die­ser Pla­net wä­re der fried­lichs­te Ort mit der bes­ten Luft und den güns­tigs­ten Ha­bi­tat­be­din­gun­gen für den Men­schen, die sich nur den­ken las­sen. Ein: Paradies.

Wenn da nicht die Mü­hen der Jagd wä­ren. Und der be­eng­te Raum. Und die Neu­gier, die Gier über­haupt. Und dann die­ser Win­ter. Und der Som­mer erst, je nach Ge­gend. Nein, die­ses Ha­bi­tat er­scheint dem Ver­stand, dem Be­quem­lich­keit su­chen­den Hirn, des En­er­gie­spa­rens we­gen, gar nicht so ge­müt­lich. Das Ha­bi­tat will kul­ti­viert sein, wohn­lich hat es zu sein!

Da ist’s dann auch schon wie­der vor­bei mit der Ver­nunft, der gie­ri­ge Schlund der Kul­tur öff­net sich und ver­leibt sich das Ha­bi­tat ein. Die Ver­nunft für sich al­lein scheint al­so nicht be­son­ders stark zu sein.

Um nun al­so als Men­schen uns selbst das Was­ser nicht ab­zu­gra­ben vor lau­ter Kul­tur­drang und Na­tur­ver­ach­tung, bleibt wohl doch nur die Flucht nach vor­ne: sich jen­seits von gut & bö­se, wahr und falsch, Cha­os und Kos­mos, Ver­nunft und Ver­stand zu be­ge­ben. Ein Land, das wir uns gar nicht vor­stel­len kön­nen. Und das es viel­leicht – des­halb? – nicht gibt.

Und doch gibt es ei­nen Ort jen­seits von: Das Zwi­schen. Das Zwi­schen von Na­tur und Kul­tur. Das Zwi­schen von Ver­nunft und Ver­stand. Da, wo der Mensch noch Mensch sein darf: Na­tur mit Kul­tur, Kul­tur mit Na­tur. Ver­nunft mit Ver­stand, Ver­stand mit Ver­nunft. Cha­os mit Kos­mos, Kos­mos mit Cha­os. Ein un­mög­li­cher Ort, ei­ne Uto­pie, weil in sich wi­der­sprüch­lich? Nein! Die­se Er­kennt­nis der Wi­der­sprüch­lich­keit ist ein Wi­der­spruch des Ver­stan­des, wie der ver­nünf­ti­ge Mensch so­fort ein­se­hen kann. In die­sem „mit“ liegt der Schlüs­sel zur Glück­se­lig­keit. Es ver­mit­telt die Ge­gen­sät­ze ver­nünf­tig, die der Ver­stand ge­schaf­fen hat.

Cha­os hat auch die Be­deu­tung je­ner Dunst­schicht zwi­schen Him­mel und Meer. Ur­sprung der bei­den, so zu­min­dest dach­ten sich das wohl man­che in der An­ti­ke in Grie­chen­land. Und so kön­nen wir auch den Men­schen in eben die­sem Cha­os, in die­ser Un­be­stimmt­heit, Un­be­stimm­bar­keit, in die­ser Gren­ze, die nur als Über­gang, als An­gren­zung und nicht Ab­gren­zung in den Blick kommt, ver­or­ten. So an­ge­se­hen, kann der Mensch als Schöp­fer von oben und un­ten, von Him­mel und Meer, von Apoll und Dio­ny­sos, auf­ge­fasst wer­den — sich selbst je­doch nicht er­rei­chend, im Cha­os ver­schwin­dend. Ein sol­ches An­se­hen des Men­schen durch den Men­schen selbst kann nun – viel­leicht – eben als ein Akt des ver­nünf­ti­gen Ver­stan­des, der ver­stän­di­gen Ver­nunft in­ter­pre­tiert wer­den. Es ist Ein­sicht wie Er­kennt­nis: er­ken­nen­de Ein­sicht, ein­sich­ti­ge Erkenntnis.

Der Mensch: Ein Zwi­schen. Ein In­ter-es­se, ein „da, zwi­schen“, „in Mit­ten“ sein.