Vergeltung

Der gescheiterte Versuch, die Lage zu erklären, der ein Bekenntnis hervorbringt.

Die­se Ge­dan­ken­wan­de­rung wur­de aus­ge­löst durch den Text »Spi­ri­tu­el­le Apo­ka­lyp­se« von Thomas Vašek1⇣In: Ho­he Luft Ma­ga­zin, https://www.hoheluft-magazin.de/2022/03/spirituelle-apokalypse [3·3·22|9:00]. Der Weg führt über holp­ri­ges Ge­röll, die Lek­tü­re die­ses Tex­tes sei an­emp­foh­len, er­scheint das hier un­sys­te­ma­tisch Auf­ge­zeich­ne­te unzu{g|l}änglich.

In Vašeks Text wird für mich sehr deut­lich, wie ‚falsch‘ die dort ge­nann­ten Ak­teu­re Dugin, Heidegger, Evola die ir­ra­tio­na­len und un­tech­ni­schen An­tei­le des Mensch­seins, mit Heidegger: Da­seins, aus­deu­ten. Es zeigt sich mir die in­tel­lek­tu­el­le Über­for­de­rung ob den Mit­teln Ra­tio­na­li­tät und Tech­nik, wie ich sie auch bei Querdenker·innen und Verschwörungstheoretiker·innen feststelle.

Es ist die­se Über­for­de­rung, die die­se Men­schen in Welt­bil­der glei­ten lässt, de­ren Grund und Ba­sis ei­ne To­ta­li­tät der Herr­schaft ist. Es geht um Be­herr­schung des dem Men­schen Frem­den, des ihn Über­for­dern­den. Da ist kei­ne Hal­tung des Ler­nens zu er­ken­nen und kei­ne der An­er­ken­nung der ei­ge­nen Gren­zen die­ses Ler­nens. Sol­cher­lei Men­schen müs­sen sich ab­ge­hängt füh­len, ge­de­mü­tigt, aus­ge­grenzt, abgeschoben.

Es ist nun je­nen Ver­tre­tern, in der ak­tu­el­len La­ge ein­mal un­ge­mäß als ‚der Wes­ten‘ ti­tu­liert, die ge­nau­so wie o.g. phi­lo­so­phi­schen Ak­teu­re sich zu ei­ner Ir­rung ver­lei­ten las­sen. Ra­tio­na­li­ät und Tech­nik wer­den dort zu­neh­mend, mei­ner Wahr­neh­mung nach, nicht als Mit­tel zur Ori­en­tie­rung an­ge­se­hen, son­dern zum Zweck er­ho­ben. An­se­hen ge­winnt, wer hoch­ra­tio­nal zu den­ken und/oder mit mo­der­ner Tech­nik um­zu­ge­hen weiß. Frei­lich ist hier kein Pau­schal­ur­teil ab­ge­ge­ben, doch ich stel­le schon ei­ne Ten­denz fest, die in Ra­tio­na­li­tät und Tech­nik durch­aus et­was ‚Hö­he­res‘ ver­mu­ten mag. So wer­den in die­sen Zei­ten – und wohl nicht nur in die­sen – die Pro­ble­me der Welt ger­ne auf die tech­ni­schen Lö­sun­gen von Mor­gen, die nur die Ra­tio­na­li­tät er­mög­licht, ver­wie­sen. Doch das ist ge­nau­so ein Glau­be wie der Glau­be an ei­ne tran­szen­den­te Ur­sprüng­lich­keit, an Gött­lich­keit etc. pp.

Dies wird von den ra­tio­nal und/oder tech­nisch ori­en­tier­ten Men­schen wohl kaum je­mand ger­ne hö­ren. Doch ich er­ach­te es als wich­tig, den Blick auf die „Ar­ro­ganz des Ra­tio­na­lis­mus“ zu wer­fen, die Ge­fahr, die dar­in ge­bor­gen ist, zu benennen.

Je­ner ‚Wes­ten‘ sieht sich ger­ne als ‚Ge­win­ner‘, als er­folg­rei­che­rer Ak­teur als ‚der Os­ten‘. Doch es sei nun eben ein­ge­dacht: Ein·e Gewinner·in de­fi­niert sich aus ei­nem oder meh­re­ren Verlier·innen. Wer in Kon­kur­renz denkt und sol­ches Ge­win­nen an­strebt, wird Verlierer·innen gebären.

Die Ver­lie­rer, resp. je­ne, die sich als sol­che wahr­neh­men, sind frei­lich schnell aus­ge­macht. Und dem­entspre­chend wer­den sie be­han­delt. Und die­se Ar­ro­ganz der Ge­win­ner, und es mö­gen viel­leicht nur ver­meint­li­che Ge­win­ner sein, schafft nun eben je­ne Teu­fel, die ihr Ge­fühl, auf der Ver­lie­rer­sei­te zu ste­hen, durch Phan­ta­sien der ‚Über­macht‘ zu kom­pen­sie­ren su­chen. Und, wenn sie sie auch nicht kon­trol­lie­ren kön­nen, sich doch im Nieß­nutz je­ner ‚Über­macht‘ wäh­nen, die sie nun aus ih­rer Ver­lo­ren­heit ent­hebt und zur Eli­te er­hebt. Aus die­sem eli­tä­ren Ge­dan­ken – der ‚Os­ten‘ äfft da­bei den ‚Wes­ten‘ nach – speist sich dann der Reichs­ge­dan­ke: Drit­tes Reich, Eu­ra­si­sches Reich, Za­ren­reich: Ein Ganzes.

Das soll­te al­les nicht un­ter­schätzt wer­den. Der Gel­tungs­trieb im Men­schen ist ei­ne enor­me Kraft, die Ge­dan­ken­ge­bäu­de mög­lich macht, in de­nen sich als Außerwählte·r der ‚Über­macht‘ ge­wähnt wer­den kann — bis hin zum Wahn ei­nes Adolf Hitler und Kon­sor­ten, die Ge­schich­te ist ja nun nicht arm an sol­chen Gestalten.

Das ka­pi­ta­lis­ti­sche Sys­tem, an das sich wohl mehr oder we­ni­ger al­le an­ge­schlos­sen oder zu­min­dest von ihm be­trof­fen sind, ba­siert auf eben die­sem Gel­tungs­stre­ben. Wer hier er­folg­reich agie­ren kann, weil er oder sie die Ga­be der Ra­tio­na­li­tät ge­schickt zu nut­zen weiß, dem sind An­se­hen und ma­te­ri­el­les Aus­kom­men ge­wiss. Frei­lich ver­fällt im Zu­ge die­ses funk­tio­na­len Stre­bens die ir­ra­tio­na­le Sei­te des Mensch­seins, da es im Sys­tem als eher hin­der­lich und/oder als schlicht ir­rele­vant an­ge­se­hen wird.

Doch es sei dar­auf hin­ge­wie­sen: Der Mensch ist kein rein ra­tio­na­les We­sen, mö­ge er auch mit der Ent­wick­lung von KI von ge­nau ei­nem sol­chem We­sen träu­men und es ei­nes Ta­ges viel­leicht so­gar rea­li­sie­ren. Doch wie wür­de ein sol­ches We­sen rei­ner Ra­tio­na­li­tät auf Ba­sis von an­or­ga­ni­scher Tech­nik wohl mit die­sem Pla­ne­ten um­ge­hen? Denn ein sol­ches Sys­tem ist auf ein or­ga­ni­sches Um­feld nicht an­ge­wie­sen. Ei­ne sol­che Ma­schi­ne kann auch im Welt­all oh­ne Sauer­stoff funk­tio­nie­ren. Kann aus Son­nen­licht En­er­gie ge­win­nen, ist auf kei­ner­lei Nah­rung an­ge­wie­sen. Sol­che Ma­schi­nen ha­ben kei­nen Stoff­wech­sel. Und ei­ne sol­che Ma­schi­ne, müss­te sie nicht, rein ra­tio­nal, zur Fol­ge­rung ge­lan­gen, dass die­ser Pla­net völ­lig über­flüs­sig ist? Ei­ne sol­che Ma­schi­ne ist für sei­ne Exis­tenz auf die­sen Pla­ne­ten nicht an­ge­wie­sen. Der Mensch in­des schon.

Mir ist die Krän­kung des Gel­tungs­be­dürf­nis­ses sol­cher Cha­rak­te­re wie ein Putin durch­aus nach­voll­zieh­bar. Was hat ‚der Rus­se‘ im in­ter­na­tio­na­len, ka­pi­ta­lis­ti­schen Wett­be­werb schon zu bie­ten? Deutsch­land gilt als Ex­port­welt­meis­ter, Ame­ri­ka als Tech­no­lo­gie­welt­weis­ter, Chi­na als Re­pro­duk­ti­ons­welt­meis­ter, viel­leicht. Oder in wel­cher Welt­meis­ter­schaft sich Na­tio­nen auch im­mer wäh­nen mö­gen. Wel­che Chan­cen hat Russ­land in die­sem Wettbewerb?

Kei­ne, so mu­tet es an, und sei es nur so emp­fun­den. Wen­den wir den Blick auf Querdenker·innen und Verschwörungstheoretiker·innen. Mei­ne Be­ob­ach­tung er­kennt in sol­chen Grup­pen zwei Pro­fi­le: Je­ne, die im Sys­tem, in das sie ge­wor­fen wur­den, um die­ses Heidegger-Wort ein­mal zu ge­brau­chen, nicht mit­hal­ten kön­nen. Die dar­in kei­ne Gel­tung er­lan­gen kön­nen, aus wel­chen ob­jek­ti­ven oder sub­jek­ti­ven Grün­den auch im­mer. In­des je­doch auch viel­leicht ein­fach nur nicht ge­nug Gel­tung er­lan­gen kön­nen, ihr Gel­tungs­be­dürf­nis – das über­stei­gert sein kann – er­fährt kei­ne Be­frie­di­gung. Sie hun­gern. Ih­nen dürstet.

Und das zwei­te Pro­fil sind je­ne Ak­teu­re, die die­ses De­fi­zit skru­pel­los zu be­wirt­schaf­ten wis­sen, sich dar­auf ver­ste­hen, in kal­ter, rein ra­tio­na­ler Kal­ku­la­ti­on. Ih­nen ist es in­des um das Glei­che: Sie wol­len Gel­tung, letzt­lich durch Macht.

Die­se Be­mäch­ti­gung nun soll das emp­fun­de­ne De­fi­zit kom­pen­sie­ren. Und je­ne, de­nen es am Macht­in­stinkt fehlt oder die­ser zu ge­ring aus­ge­prägt ist, ma­chen sich zur Ge­folg­schaft je­ner Wöl­fe: Die Scha­fe wer­den von Wöl­fen geführt.

Frei­lich – die Ra­tio­na­li­tät lässt die fol­gen­de Ver­mu­tung als durch­aus mög­lich im Denk­ho­ri­zont er­schei­nen – wer­den auch die Scha­fe sich ir­gend­wann wie­der als Ver­lie­rer er­ken­nen müs­sen. Und das ist dann der Kipp­punkt im wöl­fi­schen Sys­tem: Die Wöl­fe be­gin­nen, die Scha­fe zu fres­sen. Und sind al­le Scha­fe auf­ge­fres­sen, ver­schlin­gen sich die Wöl­fe ge­gen­sei­tig. Am En­de wird ein Wolf üb­rig sein — und an sei­nem Elend, kei­ne Gel­tung mehr er­lan­gen zu kön­nen, weil nie­mand mehr da ist, der die­ser Gel­tung Aus­druck zu ge­ben ver­mag, die/der ihn wür­digt, jäm­mer­lich zu­grun­de ge­hen: ver­en­den. Ei­nen wüs­ten und öden Pla­ne­ten hinterlassend.

Das Auf­be­geh­ren der Un­ge­se­he­nen, de­rer, die sich un­ge­se­hen füh­len – aus ra­tio­na­lis­ti­scher Sicht ist das frei­lich über­haupt nicht so, doch den Rationalist·innen ist das Ge­spür für die­se Be­find­lich­keit wo­mög­lich ab­han­den ge­kom­men –, die ro­man­ti­sche Ver­fasst­heit je­ner kann mit ra­tio­na­len Mit­teln nicht er­fasst wer­den, sie bleibt als dun­kel und un­er­klär­bar, dann eben als ir­ra­tio­nal pe­jo­ra­tiert, üb­rig. Doch hier kommt der Kipp­punkt im, in wel­cher Gra­du­ie­rung auch im­mer ra­di­ka­len, Ra­tio­na­lis­mus: Die­ses Dun­kel wird zum Frem­den, Be­droh­li­chen. Zum Mäch­ti­gen, das mit ra­tio­na­len und tech­ni­schen Mit­teln nicht be­herrsch­bar ist. Zum Feind, da es nicht mehr freund­lich igno­riert wer­den kann. Die­ser Feind muss be­kämpft wer­den, am bes­ten mit dem Mit­tel Ra­tio­na­li­tät und des­sen Seg­nun­gen, der Tech­nik. Die Schä­fer­hun­de fal­len zu­rück in ih­re wöl­fi­schen Wur­zel, die Scha­fe wer­den ge­fres­sen, am En­de bleibt ein·e Wolf·in üb­rig auf ver­brann­ter Erde.

So­lan­ge der Mensch da­von aus­geht, Kon­kur­renz und Wett­be­werbs­sys­te­me sei­en die ein­zi­ge Mög­lich­keit, als Mensch in die­sem Ha­bi­tat zu wei­len, so­lan­ge wird es Ge­win­ner und Ver­lie­rer ge­ben. Und so­lan­ge es Ver­lie­rer gibt, wird es Men­schen ge­ben, die sich über die Ge­win­ner er­he­ben wol­len, sie so be­sie­gen wol­lend, sich ei­nen viel hö­he­ren, tran­szen­den­ten Ge­winn ver­spre­chend. Soll­te das ge­lin­gen, ma­len wir mal die­ses Sze­na­rio, wer­den zwar Ge­win­ner und Ver­lie­rer ver­schwun­den sein und die Welt nur noch aus ‚Ge­win­nern‘ be­stehen. Dies in­des kann wohl nur Be­stand ha­ben, wenn die Ge­schich­te be­en­det wird. Doch es ob­liegt dem Men­schen nicht, Ge­schich­te zu be­en­den2⇣An­ge­sichts ato­ma­rer Waf­fen scheint die­se An­nah­me al­ler­dings wie ei­ne ärzt­lich zu be­han­deln­de Vi­si­on.. Denn es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis der ers­te die­ser Ge­win­ner sich in sei­nem Gel­tungs­an­spruch ge­kränkt fühlt, der sei­ne Mög­lich­keit zur Skru­pel­lo­sig­keit nutzt, über den Göt­tern et­was Hö­he­res in­stal­liert und sich so­dann auf­macht, im Na­men die­ses Hö­he­ren all je­ne zu ver­nich­ten, die ihm kei­ne Gel­tung ge­wäh­ren wol­len, sich letzt­lich so ver­gel­tend, al­so sich in Gel­tung set­zen wollend.

Das Al­les, was hier lin­kisch und sprung­haft mit Wor­ten ge­fasst ist, will schlicht nur an­re­gen, über Gel­tung und Gel­tungs­be­dürf­nis, über Gel­tungs­trieb und Gel­tungs­krän­kung zu sin­nie­ren. Gel­tung ver­schafft uns ein Ge­fühl der Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe. Fa­schis­to­ide Sys­te­me zeich­nen sich mei­ner Be­ob­ach­tung nach 1. durch ei­ne aus­ge­feil­te Bü­ro­kra­tie und 2. durch Pos­ten und Pöst­chen aus. Gel­tung er­langt hier, wer die meis­ten Vor­schrif­ten kennt und sie in der Er­fül­lung sei­ner Pflicht, sei­ner Gel­tung, die ihm ein Pos­ten ver­schafft, um­setzt und voll­zieht. Ein·e Solche·r ist in ei­nem sol­chen Sys­tem ein ‚Gu­ter‘ und hat die Mög­lich­keit zum Auf­stieg. In ei­nem sol­chen Sys­tem kommt die Wür­de dem Men­schen nicht qua es­se, son­dern nur durch Ver­dienst zu.

Ich hal­te den Gel­tungs­trieb des Men­schen – und der durch Putin ver­an­lass­te und durch nichts zu recht­fer­ti­gen­de Ein­marsch in die Ukrai­ne hat mich das ge­lehrt – für ei­nen nicht zu un­ter­schät­zen­de Kraft, die ei­ne enor­me Macht ent­fal­ten kann und ei­nem ei­ge­nen Ra­tio­nal folgt. Und ich hal­te es für ver­mes­sen, Ra­tio­na­li­tät und Tech­nik zu ei­ner Kir­che zu er­he­ben und als al­lei­nig rich­tig, da not­wen­dig, dar­zu­stel­len. Mir ist das durch­aus nach­voll­zieh­bar; ich selbst, Jahr­gang 1962, ha­be den Auf­stieg der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie er­lebt, bin da­mit so­zia­li­siert wor­den, ha­be die ers­ten 20 Jah­re mei­nes Be­rufs­le­bens als Soft­ware­ent­wick­ler ge­ar­bei­tet. Rich­tig gut war ich dar­in nie. Nun, es hat zum Un­ter­halt bei­tra­gen können.

Doch ich ha­be eben auch die Schat­ten­sei­te die­ser Tech­no­lo­gi­sie­rung mei­ner ‚See­le‘ er­lebt. Ich wur­de mehr und mehr zur Ma­schi­ne, die ich pro­gram­mier­te. Ich be­gann mein Welt­bild auf ei­ner 1/0‑Logik zu bau­en. Die ‚West/Ost‘-Logik des kal­ten Krie­ges pass­te da­zu her­vor­ra­gend. Entweder/Oder hieß die Ma­xi­me, die für Alle/s gel­ten sollte.

Ein sol­ches Den­ken er­ach­te ich in­zwi­schen als ‚Rech­nen‘ wohl durch­aus im Heideggerschen Sin­ne. Nach ei­ner Pha­se der Ver­teu­fe­lung die­ser Art zu Den­ken ha­be ich ein­ge­se­hen, dass es dar­an nichts zu ver­teu­feln gibt — es liegt im mensch­li­chen Re­per­toire und ist da­mit wohl dem All­zu­mensch­li­chen zuzurechnen.

Wo­von ich al­ler­dings ab­ge­las­sen ha­be, zu­guns­ten nun eben je­ner ‚See­le‘, ist die Er­he­bung der Mög­lich­keit zum ra­tio­na­len Den­ken, und den da­mit ver­bun­de­nen Mög­lich­kei­ten der Tech­nik, zur Kir­che. Ich ha­be ein­ge­se­hen, dass ich, so wie ich ‚ge­strickt‘ bin, in die­sem Sys­tem nur schwer­lich Fuß fas­sen kann. Ich bin, mei­ne ‚See­le‘ will das wohl so, kein Mensch für Kon­kur­renz. Ich ha­be mich für’s in­di­vi­du­ell Ko­ope­ra­ti­ve ent­schie­den, und kri­tisch kann an­ge­merkt wer­den: not­ge­drun­gen, aus dem Un­ver­mö­gen der An­pas­sung an ein Sys­tem, in dem Gel­tung durch er­folg­rei­chen Kon­kur­renz­kampf er­langt wird, vor­nehm­lich und frei­lich auch stets vor­nehm. Es will sich ja Keine·r die Fin­ger schmut­zig machen.

Und ja, es gab auch je­ne Pha­se, in der ich mich der ra­di­ka­len Ro­man­tik zu­wand­te, der Eso­te­rik, dem Über­sinn­li­chen, Un­er­klär­li­chen. Es gab Mo­men­te in mei­nem stil­len Käm­mer­lein, da wähn­te ich mich aus­er­ko­ren, zu Be­son­de­rem berufen.

Doch ich er­kann­te auch, und das ist nun der ekla­tan­te Un­ter­schied zu den ein­gangs er­wähn­ten Ideo­lo­gen, und in die­ser Zeit jetzt er­ken­ne ich die­ses Er­ken­nen: Das ist ei­ne Il­lu­si­on, ge­bo­ren aus ei­nem ge­kränk­ten, weil un­er­füll­ten Geltungsbedürfnis.

Ich schät­ze das Ara­tio­na­le nach wie vor, hal­te es für den ge­sun­den, in der, für die und zur Welt sei­en­den Men­schen für es­sen­ti­ell, für ein Eli­xier und be­zeich­ne dies nun ger­ne als Ver­nunft (aus ei­ner ara­tio­na­len Ver­nah­me her­ge­lei­tet), die in der La­ge ist, den Ver­stand (aus dem ra­tio­na­len Ver­ste­hen her­ge­lei­tet) zu re­la­ti­vie­ren, ihn einzuhegen.

Im Ge­gen­satz zu den Heideggern die­ser Welt, zu den Faschist·innen und sol­chen, die es ger­ne wer­den wol­len, als Wolf oder als Schaf, und auch im Ge­gen­satz zu Je­nen, die die Nüch­tern­heit und die Wahr­heit mei­nen ge­pach­tet zu ha­ben ob ih­rer Mög­lich­kei­ten, in Kal­kü­len und Lo­gi­ken zu den­ken und Hand­lun­gen da­mit zu be­grün­den und in ‚rich­tig‘ und ‚falsch‘ ob­jek­tiv ein­ord­nen zu kön­nen, er­he­be ich we­der die Ver­nunft über den Ver­stand noch den Ver­stand über die Ver­nunft. Und es ist mein Ge­müt, dass nun zwi­schen die­sen bei­den zu ver­mit­teln weiß. Wie mein Ver­stand zwi­schen Ge­müt und Ver­nunft, mei­ne Ver­nunft zwi­schen Ver­stand und Ge­müt zu me­di­ie­ren weiß.

Das ist mei­ne Drei­fal­tig­keit, die, es ist un­schwer zu er­ken­nen, letzt­lich ei­ne drei­fa­che Dua­li­tät ist. Und die En­ti­tä­ten die­ser Dua­li­tät sich nun eben nicht bi­po­lar, ma­nichä­isch, kon­tra­dik­to­risch ge­gen­ein­an­der zu über­trump­fen su­chen, son­dern die ver­mit­teln­de Kraft stets die ver­ein­ten Kräf­te auf ei­nen vier­ten ge­dach­ten Punkt hin­zu­len­ken weiß. Da ist der Vor­trieb, und Na­vi­ga­tor ist dann das ak­tu­ell ver­mit­teln­de Element.

Und die­sem Ge­dan­ken, die­ser Hal­tung liegt nun ein Den­ken zu­grun­de, das da­von ab­zu­se­hen weiß, Ir­gend­et­was über ein An­de­res zu stel­len. Es ist ei­ne Hal­tung, die mit jeg­li­cher Hier­ar­chie bricht, oh­ne in An­ar­chie zu fal­len. In die­sem Welt­bild gibt es kei­nen Gott, der über al­lem steht, kei­ne ‚Über­macht‘, die ‚man‘ sich zum Freund ma­chen soll­te, will ‚man‘ bestehen.

Es ist die Wech­sel­wir­kung, das In­ein­an­der­grei­fen zwei­er Kräf­te, die von ei­ner drit­ten Kraft an­er­kannt wer­den, sel­bi­ge sich da­bei nun eben nicht über je­ne zwei er­he­bend und sie füh­rend, son­dern zwi­schen ih­nen als Me­di­um ver­mit­telnd, sie in Be­zug set­zend. Die Kon­kur­renz kann so auf­ge­löst wer­den, Co-Ope­ra­ti­on, Re­so­nanz, Sym­pho­nie wird mög­lich. Und aus dem Drei­eck wird ein Qua­drat, denn aus der Span­nung, die da durch das ver­mit­teln­de Ele­ment ins Strö­men kommt, ent­steht En­er­gie, die mich als Mensch zieht, als sä­ße ich auf ei­nem Kutsch­bock, die Zü­gel in der Hand haltend.

Und mit­ten im Bild das 5. Ele­ment: Das Da­sein. Wel­ches sich an­schickt, das Qua­drat im­mer wie­der auf’s Neue in sich ver­dreht zu ver­viel­fäl­ti­gen, bis die Ecken zu ei­nem Kreis ver­schmel­zen, der sein Krei­sen wie Krei­ßen nie be­en­den wird kön­nen, der das Ide­al der un­end­li­chen Ecken erst dann er­reicht ha­ben wird, wenn er sich auf­ge­löst hat.

Zum Ab­schluss, das Ge­röll liegt hin­ter uns, wir sit­zen mit der Tas­se Tee, die wir als ge­schei­te Wan­de­rer frei­lich stets im Ge­päck ha­ben, auf ei­ner Ru­he­bank und ge­nie­ßen den Ausblick.

Der Habermas’sche Ge­dan­ke vom zwang­los zwin­gend bes­se­ren Ar­gu­ment greift letzt­lich wohl nur un­ter Akteur·innen, die sich dem sel­ben Ra­tio­nal un­ter­stel­len. Ein Putin wie auch Querdenker·innen sind nicht ir­ra­tio­nal im Sin­ne ei­ner Ver­rückt­heit, ei­nes Wahn­sinns. Sie un­ter­ste­hen ei­nem an­de­ren Ra­tio­nal. Dem Ra­tio­nal der ‚See­le‘, so könn­te es be­nannt wer­den. Und die­se ‚See­lig­keit‘, die Fä­hig­keit da­zu, die­se scheint mir den ra­tio­na­len In­tel­lek­tu­el­len ab­han­den ge­kom­men zu sein, sie ha­ben den Be­zug da­zu ver­lo­ren. So ist es ih­nen nicht mehr mög­lich, die ara­tio­na­le Po­si­ti­on nach­zu­voll­zie­hen. Ihr vor­nehm­li­ches Werk­zeug, die Ra­tio­na­li­tät, ge­reicht da nicht her­an. Fol­ge: Verurteilung.

Ei­ne Tu­gend ist dann ge­fragt, die von Al­ters her in min­des­tens ei­ner Kul­tur red­lich ge­pflegt wur­de: das Mit­ge­fühl. Und dies nun eben nicht als je­nes ro­man­tisch ver­klär­te ar­ro­gan­te Mit­leid, ger­ne in der Form der Her­ab­las­sung sich äu­ßernd. Es ist die kla­re, un­vor­ein­ge­nom­me­ne Sicht auf die Mo­tiv­la­ge des Frem­den und des­sen An­er­ken­nung. Nicht das ra­tio­nal bes­se­re Ar­gu­ment zwingt. Es ist ein Ge­fühl, das zu­ge­las­sen wird, dass die Grün­de für das Agie­ren des An­de­ren viel­leicht auch in ei­ge­nen Selbst ge­fun­den wer­den kön­nen. Und das auch ver­mit­telt, wenn es ei­nem nicht gefällt.

Re­fe­ren­ces
1 In: Ho­he Luft Ma­ga­zin, https://www.hoheluft-magazin.de/2022/03/spirituelle-apokalypse [3·3·22|9:00]
2 An­ge­sichts ato­ma­rer Waf­fen scheint die­se An­nah­me al­ler­dings wie ei­ne ärzt­lich zu be­han­deln­de Vision.

Quell der Rationalität

Versuch einer kurzen Mediation zwischen Rationalität und Irrationalität.

Viel­leicht ist es ja nicht das Schlech­tes­te, wenn die Ra­tio­na­li­tät der Ir­ra­tio­na­li­tät ei­nen Rah­men gibt, ei­nen Raum, ein Ge­viert schenkt. Wie es schon seit lan­gem in Del­phi ge­schrie­ben steht: μηδὲν ἄγαν (me­den agan, „nichts im Über­maß“). Die Form, das For­ma­le, wür­de dann ei­nem an sich kon­tur­lo­sen, über­schie­ßen­den In­halt die Mög­lich­keit zur Ge­stal­tung eröffnen.

Das Ra­tio­na­le ver­mag das Ir­ra­tio­na­le zu be­gren­zen, nicht in­des zu ver­nich­ten. Die Ra­tio­na­li­tät so ein­mal als der äu­ße­re Rand des Ir­ra­tio­na­len ge­dacht. Mit­hin die Ra­tio­na­li­tät ei­ne Aus­ge­burt, ei­ne kal­te Er­star­rung ei­nes hei­ßen, bro­deln­den, erup­ti­ven ir­ra­tio­na­len Stroms. Die Vul­ka­nier las­sen grüßen!

Aus der Er­fah­rung. — Die Un­ver­nunft ei­ner Sa­che ist kein Grund ge­gen ihr Da­sein, viel­mehr ei­ne Be­din­gung desselben.
Fried­rich Nietzsche

Zu­gleich hat die Ir­ra­tio­na­li­tät den Rah­men zu spren­gen, sich kei­ner Form zu un­ter­wer­fen. Aus ei­ner sol­chen Wech­sel­wir­kung ent­steht Dy­na­mik — re­la­tio­na­le Ver­nunft. (Und nicht ra­tio­na­ler Ver­stand, wor­auf Nietz­sche sich wohl bezog.)

Die dann we­der dem Ver­stand noch dem Ge­müt ei­nen Vor­rang ge­währt. Son­dern eben so wirkt, dass ei­ne Ba­lan­ce er­mög­licht wird, die in Be­we­gung grün­det und nicht in Starre.

Ob nun die Form, das For­ma­le, aus Lo­gik, Ma­the­ma­tik, Ri­tus oder Kunst be­steht, bleibt sich dann gleich: Es ist er­kal­te­te Irrationalität.

Und Phi­lo­so­phie könn­te nun als Ar­beit der Er­kal­tung an­ge­se­hen wer­den. Das Pus­ten auf die Ir­ra­tio­na­li­tät, auf dass sie ei­ne Form fän­de und be­greif­bar wer­den möch­te, ver­mit­tels der Ra­tio­na­li­tät. Es könn­te al­ler­dings auch als das Vor­wa­gen in den hei­ßen, bro­deln­den Schlund ver­stan­den wer­den, auf ein Ent­ge­gen­kom­men des Quells all der Hit­ze zu.

Bei Ers­te­rem zeigt sich die Phi­lo­so­phie wohl als ei­ne Wis­sen­schaft, bei Letz­te­rem als ei­ne Kunst. Im Ers­te­ren zeigt sich der Mensch als ein ani­mal ra­tio­na­le und ho­mo fa­ber, als (be)rechnender Mensch, im Letz­te­ren als ein ani­mal ir­ra­tio­na­le und ho­mo ar­ti­fex, als (er)schaffender Mensch.

Und tre­ten nun bei­de in ei­ne Wech­sel­wir­kung, ge­gen­sei­tig das Über­maß des an­de­ren ver­hü­tend, zeigt sich die Selbst­er­kennt­nis im stim­mi­gen Maß.

In ei­ne Wech­sel­wir­kung, den Brü­dern Apol­lon und Dio­ny­sos viel­leicht gleich, die bei­de ver­schränkt. Ihr Ver­hält­nis als Be­zie­hung vi­ta­li­sie­rend. Die das Über­maß, wel­ches die Er­kennt­nis des Selbst zu ver­schlei­ern ver­mag, be­grenzt. Ei­ne not­wen­di­ge Be­gren­zung, wo­mit je­der für sich über­for­dert wäre.

Phi­lo­so­phie dann, so ein­mal in Sze­ne ge­setzt, we­der Wis­sen­schaft noch Kunst und auch nicht so­wohl das Ei­ne als auch das An­de­re. Wohl in­des dann je­nes, wel­ches zwi­schen bei­den ist und uns als Ver­nunft ver­nehm­bar wird. Rei­ne, eis­kal­te Wis­sen­schaft ist ge­nau­so zum Un­ter­gang ver­dammt wie rei­ne, über­hit­zi­ge Kunst. Ver­stand und Ge­müt blei­ben oh­ne Ver­nunft für sich al­lein und ge­hen an ih­rem Über­maß ein. Der Ein­sam­keit wegen. 

Erst das Mit­ein­an­der, Durch­ein­an­der, das Ver­wi­ckelt sein, In­vol­viert sein, zei­tigt den Fun­ken der Ver­nunft. Um bei­de not­wen­di­ge Wei­sen des hu­ma­nen Da­seins zu ver­mit­teln, im stän­di­gen Fluss zu hal­ten. Um ei­ne Welt ver­nehm­bar zu machen.

Divide et impera

Spalten, um zu beherrschen, als anthropologisches Prinzip.

Es liegt wohl in der Na­tur des Men­schen, zu spal­ten. Sei­ne Er­fin­dung „Gott“ spal­tet ein Gan­zes in Tag und Nacht. Für den Men­schen gibt es rechts und links. Und Com­pu­ter, Men­schen­zeug, ar­bei­ten nach dem Prin­zip „Ent­we­der ‚1‘ oder ‚0‘“. Schließ­lich – doch da­für kön­nen wir nichts, oder doch? – gibt’s Männ­chen und Weibchen.

Spal­tung, so kann ge­meint wer­den, schafft, wenn nicht Ord­nung, so doch min­des­tens Ori­en­tie­rung und vor al­len Din­gen: Die Mög­lich­keit zum Ver­hält­nis. Denn wo kä­men wir hin, wenn wir nicht du­al wä­ren, im Prin­zip, un­ser Den­ken, zu­min­dest? Wir wür­den uns wohl in ei­nem Kon­ti­nu­um eben nicht wie­der fin­den kön­nen. Wir wür­den wohl, un­ser Geist, zer­flie­ßen, wä­ren ganz und gar das Ganze.

Wir wol­len spal­ten, so ist wohl die Na­tur un­se­res Be­wusst­seins. Des­halb spal­ten sich Ge­sell­schaf­ten und der Mensch die Ato­me. Wir bre­chen stän­dig auf, bre­chen al­les aus­ein­an­der, um es be­grei­fen zu kön­nen. Un­ser Geist ist zu schwach, um als Gan­zes sein zu kön­nen. Und so bre­chen wir auch die Na­tur, nur um sie zu be­grei­fen, und letzt­lich will das: (be)herrschen. „di­vi­de and con­quer“, „di­vi­die­re und be­zwin­ge“ ist ein an­thro­po­lo­gi­sches Prin­zip, so scheint es auf.

Vie­le ge­hen nun eben da­von aus, so sei eben die Na­tur des Men­schen und sel­bi­ger ist ja Teil der Na­tur als Gan­zem. Dass der Pla­net, un­ser Ha­bi­tat, da­bei zu Bruch geht: so what? Wir kön­nen ja (in) neue Wel­ten auf­bre­chen, neue Ha­bi­ta­te schaf­fen, Ni­schen (er)finden, klaf­fen­de Brü­che, in de­nen wir exis­tie­ren kön­nen. Der Mensch ist nun mal ein durch Zer­stö­rung er­schaf­fen­des – die Zer­stö­rung aus­nut­zen­des, aus­beu­ten­des – We­sen, was will man machen?

Schon scheint die Ge­gen­sei­te auf: Zu­sam­men! Zu­sam­men! Doch das heilt die Wun­den nicht, die der Mensch reißt. Das, was wohl hel­fen kann, die Auf­bruchs­wut zu bän­di­gen, ist die Un­ter­las­sung. Frei­lich er­fah­ren wir uns dann als ver­lo­ren in ei­nem Gan­zen. Weil uns der Mut fehlt, im Gan­zen zu sein, das Gan­ze zu sein, auch wenn wir nicht da­mit rech­nen kön­nen. Wir müss­ten uns dann hin­ge­ben, hät­ten kei­ne Kon­trol­le mehr, wä­ren Ge­trie­be­ne und nicht Trei­ben­de (oder, Wort­spiel: eben doch, ge­ra­de dann?), wä­ren Tie­re, nicht Men­schen. Gleich­wohl: Den­ken­de. Wür­de der Mensch sein Tier­sein mehr wa­gen, das ‚Schwim­men‘, wir hät­ten wohl we­der Kli­ma­wan­del noch Pan­de­mie (viel­leicht al­ler­dings auch: noch nicht). Doch der Mensch: Ein Tier, das denkt und fühlt, da­bei va­ge; und kein Ge­schöpf sei­ner selbst, das rech­net und auf­bricht, da­bei ein­deu­tig? Undenkbar! 

Eher: Un­be­re­chen­bar, des­halb zu ver­wer­fen. Manch­mal auch: zu zerstören.

Die Ge­sell­schaf­ten, in de­nen wir le­ben, exis­tie­ren, die wir schaf­fen, wer­den nicht ge­spal­ten. Sie wa­ren es im­mer schon. In Kri­sen­zei­ten wird die Spal­tung, die­se Or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­sell­schaft als Gan­zes, sicht­ba­rer, spür­ba­rer. Über­win­den kön­nen wir sie nicht: wir wä­ren ori­en­tie­rungs­los, wüss­ten nicht mehr wer hier­ar­chisch oben und wer un­ten, wer po­li­tisch rechts und wer links, wel­che wis­sen­schaft­lich und tech­nisch vor­ne und hin­ten sind.

Und auch nicht, wer wir wa­ren und wer wir sein möch­ten. Ge­gen­wart, Ver­ge­gen­wär­ti­gung: Der Spalt­pilz in der Zeit.

So tun wir uns auch schwer in und mit in­dis­kre­ten Kon­ti­nua, aus dem Schei­nen von Wah­rem ge­bo­ren, zu den­ken, in der un­ab­zähl­ba­re Qua­li­tät wal­tet und nicht das Quan­tum, son­dern wol­len mit dis­tink­ten Wer­ten rech­nen. Mit Zah­len spal­ten wir das Gan­ze auf, quan­ti­fi­zie­ren es, um es zu be­grei­fen. Wenn da­bei nur nicht im­mer die­ser ver­ma­le­dei­te, sich je­der Be­re­chen­bar­keit wi­der­set­zen­de Rest blie­be. Pi, 3,14…: un­fass­bar. Mit­hin ist der Um­fang ei­nes Krei­ses, die Gren­ze ei­nes Lan­des, die Flä­che des Pla­ne­ten nicht ex­akt be­re­chen­bar. Es bleibt ei­ne Un­ge­nau­ig­keit üb­rig. Ein un­be­stimm­ba­rer Rest, wir kön­nen nur nä­he­rungs­wei­se rech­nen. Prin­zi­pi­ell, frei­lich. Um die Um­lauf­bahn des Mon­des zu be­rech­nen und vor­her­sa­gen zu kön­nen, wann er wo sein wird um auf ihm zu lan­den, da­für ist’s ge­nau ge­nug. Das Uni­ver­sum scheint groß ge­nug da­für zu sein, der Feh­ler mit­hin läss­lich. Unauffällig. 

Und so, um die­sen Rest doch noch fass­bar, ding­fest, zu be­kom­men, spal­ten wir mun­ter wei­ter. Denn ir­gend­wann, so sagt’s uns un­se­re Lo­gik, muss der Rest ja mal 0 sein. Ver­schwun­den. Das Gan­ze voll­kom­men auf­ge­löst, voll­stän­dig er­klärt; al­so auf­ge­klärt, der Fall „Sein“ ge­löst. Und mit­hin die letz­te me­ta­phy­si­sche, gar: mys­ti­sche, Bas­ti­on ver­schwun­den. Ja, wo is­ses denn nu hin, datt Jan­ze? Hat es es je­mals gegeben?

Hält der un­auf­klär­ba­re Rest, nen­nen wir es mal: das Ro­man­ti­sche, am En­de die Welt zu­sam­men, be­wahrt sie vor dem Ver­fall? Ist das Un­lo­gi­sche, das Ir­ra­tio­na­le, das, was die »Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält«? Das In­tui­ti­ve der Leim in der dis­kur­siv zer­stü­ckel­ten Welt?

Wer Fort­schritt will, braucht ei­nen Plan. Wer ei­nen Plan ha­ben will, braucht Quan­ti­tä­ten, die ei­ne Ra­tio (hier ist das nicht nur ein An­gli­zis­mus!) bil­den kön­nen. Und wer ei­nen Plan hat, ist ori­en­tiert. Und ori­en­tiert zu sein ist für den Men­schen wich­tig: dann sieht er die Welt in Be­greif­lich­kei­ten vor sich, sie ist für ihn be­greif­bar und kein Flu­idum, wel­ches ihm zwi­schen den Fin­gern zer­rinnt, un­fass­bar, un­halt­bar. In dem er schwimmt und sich manch­mal müh­sam, manch­mal leicht, an der Ober­flä­che hält, weil er das Ver­sin­ken fürch­tet. Dann kann er Ant­wor­ten ge­ben auf die Fra­gen, die ihn so be­we­gen. Man­che Ex­em­pla­re zu­min­dest, meist die jün­ge­ren: Wo bin ich? Wo ge­he ich hin? Wer bin ich? Was will ich?

Doch weg­ge­hen, fort­schrei­ten, heißt: es ver­fällt et­was, wird nicht mehr zu­sam­men­ge­hal­ten, ist auf­ge­bro­chen wor­den. Das Ro­man­ti­sche scheint ge­gen die­sen Ver­fall (der Sit­ten, des Frü­her,…) et­was zu ha­ben. Es will auf der un­ge­bro­che­nen Schol­le ver­har­ren, sie be­wah­ren vor ih­rer Ver­gäng­lich­keit. „Oh Au­gen­blick, ver­wei­le doch!«

Doch eben­so lässt die­ser Fort­schritt, schau­en wir doch in die Welt!, die Er­star­rung un­se­res Geis­tes fort­schrei­ten. Der Fluss kommt zum Er­lie­gen. Das Flu­idum zwi­schen den Bruch­stü­cken ver­schwin­det. Der Rest ist 0, die Welt als ein Gan­zes be­re­chen­bar, vor­her­sag­bar, voll­kom­men er­klär­bar. Das Vor­her und das Nach­her zur Gän­ze auf­ge­klärt. Tot.

Nun ist ge­gen Fort­schritt frei­lich nichts ein­zu­wen­den und es liegt ja nun eben wohl auch in der Na­tur des Men­schen. Die Fra­ge nur: Wie vor der Er­star­rung, der Kris­tal­li­sa­ti­on, schüt­zen? Wie im Fluss blei­ben, da­mit auch wei­ter­hin gel­ten kann: »pan­ta rhei«? Wie die Welt nicht als Di­vi­du­um be­grei­fen, be­greif­bar ma­chen, al­so als ein er­starr­tes, aus­ein­an­der­ge­bro­che­nes, kris­tal­li­sier­tes Et­was? Wie die Le­ben­dig­keit am Le­ben, im Fluss, hal­ten — und den­noch fort­schrei­ten? Wie im Gan­zen tauchen?

Nun, der Au­gen­schein legt es nah: In-Di­vi­du­um! Das Un­teil­ba­re, Un­spalt­ba­re, der ver­ma­le­dei­te Rest! Das, was mit nichts iden­tisch ist, sich nicht tei­len lässt. Das Da­zwi­schen, das al­les zu­sam­men­hält, ein Me­ta­xy. Die Welt wird, so­lan­ge es min­des­tens ein In-Divi­du­um gibt, nicht als Gan­zes be­re­chen­bar sein, mö­gen es auch nur zwei Tei­le sein! Frei­heit! Unfassbar(keit)!

Der Mensch braucht, of­fen­bar, ein Zwi­schen-sein, ein „in­ter es­se“. Es ist die Le­bens­welt, die er sich mit sei­ner Kraft zur Spal­tung ge­schaf­fen hat. Er kann an­ders nicht überleben.

Wirk­lich? Nun: Er wüss­te nur nichts über sei­ne Exis­tenz lo­gisch aus­zu­sa­gen, gleich­wohl mehr von ihr sinn­voll zu er­zäh­len. Oder auch, die Wor­te Ver­stand und Ver­nunft ins Spiel ge­bracht: Er wür­de we­ni­ger ver­ste­hen wol­len und so wo­mög­lich mehr ver­neh­men können. 

Die Moral der Ethik

Sollte der „Deutsche Ethikrat“ nicht eher ein „Ethischer Rat“ sein?

Nach der On­line-Ta­gung des deut­schen Ethik­ra­tes mit dem Ti­tel »Selbst­ver­mes­sen: Ethik und Äs­the­tik ver­än­der­ter Kör­per­lich­keit.«1⇣Im In­ter­net soll­ten die Bei­trä­ge zu fin­den sein. gab es für je­ne, die die Ver­an­stal­tung ver­folg­ten, zum Ab­schluss noch ei­nen Fra­ge­bo­gen, des­sen letz­te Fra­ge lau­te­te, wel­cher The­men sich der Ethik­rat noch an­neh­men soll­te. Ob die­se An­sicht hier noch ih­ren Adres­sa­ten er­reicht hat, ist frag­lich. Ein tech­ni­sches Pro­blem ließ nicht zwei­fels­frei er­ken­nen, ob das State­ment über­mit­telt wur­de. Ein gu­ter Grund, es hier, et­was er­wei­tert, noch­mals kundzutun.

Im Zu­ge der ak­tu­el­len Pan­de­mie hat der Au­tor die­ser An­sicht den deut­schen Ethik­rat über­haupt erst­mal als ge­sell­schaft­li­ches Mo­ment wahr­ge­nom­men, al­ler­dings je­doch in ei­ner Wei­se, die ihm das Wort und die Be­deu­tung „Kir­che“ ab­zu­rin­gen hat. Die Äu­ße­run­gen „der Po­li­ti­schen“ da­bei im Ohr, die ih­re Ent­schei­dun­gen mit den Emp­feh­lun­gen je­nes Ethik­ra­tes ab­si­cher­ten. Dar­an ist zu­nächst gar nichts aus­zu­set­zen, Ex­per­ti­sen von fach­kun­di­ger Sei­te ein­zu­ho­len. Doch wer­den die­se dann in ei­ner Wei­se ge­braucht, aus der schon die Ver­ant­wor­tungs­last er­kenn­bar wird, soll­te sich die Ent­schei­dung als falsch er­wei­sen, dann ist frei­lich Ob­acht an­ge­sagt. Die Wis­sen­schaft – und zwar als sol­che, un­dif­fe­ren­ziert nach Fä­chern – wird auch mehr und mehr die Rol­le ei­ner obers­ten Kom­pe­tenz und da­mit dann auch Ver­ant­wor­tung zu­ge­schus­tert, könn­te man mei­nen2⇣Im An­ge­sicht des der­zei­ti­gen Ver­hal­tens der Po­li­tik (In­zi­denz über 300: die Wis­sen­schaft re­det sich den Mund fus­se­lig und die Po­li­tik re(a)giert … Wei­ter­le­sen…. Die Fra­ge ist nur, ob das so gut ist. Und frei­lich sei hier an­ge­merkt: Zu die­sem Spiel ge­hö­ren min­des­tens zwei. Und ein Ethik­rat, der sich der Ver­lo­ckung aus­ge­setzt sieht, Macht zu zei­ti­gen, Ein­fluss aus­zu­üben, über­nimmt dann wohl auch gern Ver­ant­wor­tung. Und nein: der Au­tor hält Philosoph_innen und/oder Ethiker_innen nicht für die bes­se­ren König_innen. Pla­ton hin oder her.

So ge­langt der Ver­fas­ser hier zu der An­sicht, der Rat soll­te sich in Selbst­be­gren­zung üben und nicht als Rat­ge­ber in Er­schei­nung tre­ten („Ver­mes­sen­heit!“), son­dern als In­sti­tu­ti­on, mit der sich be­ra­ten wer­den kann, als Kom­pe­tenz­zen­trum in Fra­gen der Mo­ral in viel­fa­cher Hin­sicht, nicht als Ex­cel­lenz­clus­ter in der Tech­ni­sie­rung („Ver­mes­sung“) des Ethi­schen. Ja, frei­lich, auch ein Ethik­rat steht im The­ma der Ta­gung und sucht sich selbst zu op­ti­mie­ren. Doch der Ein­druck kann ge­weckt wer­den, dass die­se Op­ti­mie­rung den Cha­rak­ter der Ver­bes­se­rung ei­ner Ma­schi­ne hat, nicht die ei­ner ad­äqua­te­ren Stim­mig­keit mit ei­nem Welt­gan­zen. Und ja, der Ge­dan­ke sieht das Wort Ethik in ei­nem Sinn mit Ma­the­ma­tik. Das Post­fix „-ik“ als Mar­kie­rung in­ter­pre­tiert, dass das Fach sich durch ir­gend­ei­ne tech­ni­sche Me­tho­de cha­rak­te­ri­siert3⇣Hier so al­so die des Rech­nens.. Nicht ganz ast­rein, doch für das An­lie­gen hier be­den­kens­wert. Und ein Rat in dem Sin­ne, wie er sich hier zei­gen möch­te, gibt kei­ne Rat­schlä­ge, auch wenn sie Emp­feh­lun­gen ge­nannt wer­den4⇣Das soll die Auf­ga­be von Kom­mis­sio­nen sein..

Ein Rat, wie er hier sich als Ide­al zei­gen möch­te, soll­te ei­nen Rah­men schaf­fen, in der für je­man­den, der_die Ver­ant­wor­tung zu tra­gen be­reit ist, ein Feld, ein Raum, ei­ne Sphä­re ge­schaf­fen wird, zu seiner_ihrer Ent­schei­dung, die er_sie zu ver­tre­ten ge­willt ist, zu kom­men — und zwar nun eben, des­halb das Um­feld ei­nes Ra­tes, nicht nur auf der ei­ge­nen Sicht in die Welt und ihr Ge­sche­hen fun­diert. Ein Ethik­rat, der sich bei sei­nen Emp­feh­lun­gen dann auf Wis­sen­schaft be­ruft, macht letzt­lich auch nichts an­de­res als die Kul­tur­tech­nik des „Der/Die/Das hat ge­sagt, dass…, und der/die/das muss es wis­sen!“ an­zu­wen­den. Ein so agie­ren­der Rat macht sich zum po­li­ti­schen Agen­ten, d. h., er ver­folgt ei­nen Zweck — da­bei hät­te er nur Mit­tel zu sein. Schick­sal ei­nes Rates. 

So soll­te sich der „Deut­sche Ethik­rat“ zu ei­nem „Ethi­schen Rat“ wan­deln und ver­stärkt da­zu bei­tra­gen, dass Politiker_innen wie je­ne, die die Ent­schei­dun­gen der Politiker_innen be­tref­fen (das „-ik“ sei hier be­ach­tet!), zu mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung mo­ti­viert wer­den, statt nun eben in ei­nem Ethik­rat ein In­stru­ment zur Ver­ant­wor­tungs­ver­wäs­se­rung und –ver­schie­bung zu se­hen und weid­lich zu nut­zen. Der da­selbst sich dann die Wis­sen­schaft als Rat­ge­be­rin sucht. Wis­sen­schaft al­ler­dings, die mehr und mehr un­ter ei­nem Man­tra des Quan­ti­ta­ti­ven, des Mess­ba­ren, des Re­sul­ta­tes, steht. Wis­sen­schaft, die wie Tech­nik anmutet.

Wird ein Rat näm­lich in sol­cher Wei­se miss­braucht, al­so als vor­aus­ei­len­de Ent­schul­di­gung für den Fall ei­ner Fehl­ent­schei­dung, kann es all­zu leicht pas­sie­ren, dass Ver­ant­wor­tung auf dem Spiel­tisch hin- und her­ge­scho­ben wird — bis ir­gend­wann bei je­nen, die Ori­en­tie­rung su­chen, an­ge­fan­gen wird, nach den „star­ken Kräf­ten“ Aus­schau zu hal­ten. Ein­stel­lun­gen, wie sie im sehr rech­ten po­li­ti­schen Spek­trum an­zu­tref­fen sind, die all­täg­lich wer­den, mö­gen da als In­diz her­hal­ten und ein An­zei­chen für ei­nen be­reits lau­fen­den Pro­zess sein.

Und frei­lich soll­te ein sol­cher Ethi­scher Rat sich im Zu­ge (s)einer Selbst­re­fle­xi­on da­mit be­fas­sen, wie der Mut zur Ei­gen­ver­ant­wor­tung (und das meint ei­nen wirk­lich li­be­ra­len, des­sen Ziel nur das So­zia­le sein kann, und kei­nen neo­li­be­ra­len Sinn, der ei­ne Aso­zia­li­tät im Sin­ne ei­ner Eli­ten­bil­dung, die oh­ne Mob ja kei­ne Eli­te sein kann, zei­tigt) be­reits vom Kin­der­gar­ten und dann le­bens­lang ge­stärkt wer­den kann — oh­ne die­ses Feld den n. A. d. A. letzt­lich ar­chai­schen Mo­ti­ven der Kir­chen, gleich ob bud­dhis­tisch, christ­lich, hin­du­is­tisch, is­la­misch,… zu über­las­sen. Re­li­gi­ons­un­ter­richt (lat. relegere/religare als grund­le­gen­der An­satz, nicht: Glau­be) ist ein gu­ter An­satz da­für: Nur in­des, wenn es die Re­li­giö­si­tät des Men­schen an­spricht, die als sol­che und an sich kei­ner Kir­che be­darf. Kir­chen nut­zen das re­li­giö­se Be­dürf­nis des Men­schen, sei­nen Hun­ger nach Sinn und Ge­währ­leis­tung, für ih­re Zwe­cke und Zie­le. Sie sor­gen nicht für die Fä­hig­keit zur Ei­gen­re­li­giö­si­tät, son­dern ver­su­chen sich dar­in, die­se zu eli­mi­nie­ren. Sinn und Welt­ver­ständ­nis – pa­the­tisch: Welt­ge­bor­gen­heit; nüch­ter­ner: Welt­an­schau­ung – wer­den zu ei­nem Pro­dukt, dass um den Preis ei­ner Kon­fes­si­on ge­kauft wer­den kann — und nicht zu ei­nem Ge­winn, der selbst er­schaf­fen, und nicht er­wirt­schaf­tet, ‚ver­dient‘, wur­de. Krea­ti­ves (Er-)Gebnis ei­ner Kunst, nicht aus­ge­rech­ne­tes Re­sul­tat ei­ner Technik. 

Die­se selbst aus­ge­üb­te Sinn­kom­pe­tenz hät­te wohl den frei­en und des­halb so­zia­len, mit­hin: ethi­schen Men­schen zur Folge.

Re­fe­ren­ces
1 Im In­ter­net soll­ten die Bei­trä­ge zu fin­den sein.
2 Im An­ge­sicht des der­zei­ti­gen Ver­hal­tens der Po­li­tik (In­zi­denz über 300: die Wis­sen­schaft re­det sich den Mund fus­se­lig und die Po­li­tik re(a)giert nicht…) ist das hier in­des um ein „Wenn’s g’rad’ in den Kram passt“ zu erweitern.
3 Hier so al­so die des Rechnens.
4 Das soll die Auf­ga­be von Kom­mis­sio­nen sein.

Weltbild, egozentrisches

Eine kurze Meditation zur akademischen Philosophie, Wissen und Ethik, Weisheit und Moral. Mit einem Seitenblick auf aktuelle Verhaltensweisen. 

Phi­lo­so­phie kann viel­leicht auch als Be­schäf­ti­gung mit Welt­an­schau­ung und Mo­ral und dem kri­ti­schen Ver­hält­nis zu die­sen auf­ge­fasst wer­den. Ob das dann auch Phi­lo­so­phie ist, die ja zu­min­dest in der uni­ver­si­tä­ren Aka­de­mie sich der Wis­sen­schaft und Ethik ver­pflich­tet fühlt, nach der Ver­all­ge­mei­ner­bar­keit von al­lem sucht (‚Welt­for­mel‘) und nicht nach ei­nem nach­voll­zieh­ba­ren Sinn, ist aus aka­de­mi­scher Sicht ge­wiss frag­lich. Und so zeigt sich doch ein wo­mög­lich we­sent­li­cher Un­ter­schied zwi­schen Wis­sen und Weisheit.

Sie, die sich ab­ge­hängt füh­len in die­ser leis­tungs­ori­en­tier­ten und auch im­mer kom­ple­xer – viel­leicht so­gar da­zu noch kom­pli­zier­ter – wer­den­den Ge­sell­schaft, gren­zen sich durch ihr Ver­hal­ten und ih­re Ein­stel­lun­gen selbst aus und be­schwe­ren sich dann über Ausgrenzung.

Sie emp­fan­den sich als ty­ran­ni­siert und ty­ran­ni­sie­ren jetzt zu­rück, in­dem sie sich z.B. ei­ner Co­ro­­na-Im­p­­fung ver­wei­gern. Sie de­mons­trie­ren so Macht und ver­hal­ten sich so zu ih­rer Ohn­macht, die­se kom­pen­sie­ren wollend.

Hier zeigt sich die nitz­schea­ni­sche Skla­ven­mo­ral, die von Res­sen­ti­ment und Ra­che ge­trie­ben ist. Auch und ge­ra­de wenn die Skla­ven der Un­mün­dig­keit mei­nen ei­ne Her­ren­mo­ral an den Tag zu legen.

Denk­zet­tel 212

Ge­horcht die Mo­ral Ge­set­zen? War Kant wirk­lich durch ein mo­ra­li­sches Ge­setz in sich mit zu­neh­men­der Be­wun­de­rung und Ehr­furcht im Ge­müt er­füllt? Oder ist Mo­ral, an­ders als die Ethik, nichts, das ver­all­ge­mei­nert wer­den kann, son­dern viel­mehr aus ei­ner Si­tua­ti­on mit vie­len das Ur­teil und ei­ne Hand­lungs­ent­schei­dung be­ein­flus­sen­den Fak­to­ren ad hoc im Sub­jekt ent­steht? So ge­se­hen ist mo­ra­li­sches Han­deln nicht lehr­bar, nur üb­bar. Und Mo­ra­li­tät so ge­se­hen kein Ge­setz in uns, son­dern viel­leicht ein Trieb, den wir spü­ren — über den wir uns al­ler­dings hin­weg­set­zen kön­nen wie über ei­nen Ge­dan­ken. Und Mo­ral ist dann: Äs­the­tik — und kei­ne Ethik. Auch wenn die Ethik für sich be­an­sprucht, die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Mo­ra­len er­ken­nen zu kön­nen: Sie kann es nicht. Denn: Schön­heit kennt kei­ne ob­jek­ti­ven Re­geln und liegt im Sin­ne der je Be­trach­ten­den. (Was nicht aus­schließt, dass es et­was gibt, dass al­le Be­trach­ten­den als schön emp­fin­den. Doch es ist mehr als frag­lich, ob sich ei­ne Re­gel für die­ses Emp­fin­den fin­den lässt, ei­ne: Formel.)

Das gu­te Han­deln ist nicht mit der Lo­gik der Er­kennt­nis ver­wirk­lich­bar, ein rich­ti­ges, al­so ge­setz­ten Re­geln be­fol­gen­des, schon. Es geht beim mo­ra­li­schen Tun um sub­jek­ti­ven Sinn, nicht um ob­jek­ti­ve Er­kennt­nis. Frei­lich träu­men die Ethiker_n da­von, die Welt­for­mel des Gu­ten – und da­mit die lo­gi­sche De­fi­ni­ti­on des Bö­sen – zu fin­den. Doch es bleibt wohl da­bei, dass dies De­fi­ni­ti­ons­sa­che ist. Es gibt kei­ne na­tür­li­che Ethik, wie es ei­ne na­tür­li­che Phy­sik gibt: Ver­schwin­det der al­ler­letz­te Mensch, das al­ler­letz­te sich ei­nes mo­ra­li­schen Po­ten­ti­als be­wuss­te We­sen, aus die­sem Uni­ver­sum, die­sem be­stirn­ten Him­mel, gibt es kei­ne Ethik mehr. Phy­sik in­des gleich­wohl, zu­min­dest ist ver­nünf­ti­ger­wei­se da­von aus­zu­ge­hen — Wis­sen kann dies in­des nie­mand, man be­gnügt sich al­so mit ei­ner Ge­wiss­heit — wer woll­te es wem wie be­wei­sen wol­len, ist das letz­te We­sen vergangen?

Ge­set­ze, Re­gel­mä­ßig­kei­ten der ma­te­ri­el­len Welt sind nun mal, bzw. soll­ten nun mal nicht die Grund­la­ge der im­ma­te­ri­el­len Welt sein. Son­dern freie Ent­schei­dun­gen. Und un­ter­lä­gen die­se Re­geln, so sind sie nicht mehr frei. Wer von ei­ner lo­gis­ti­schen Ethik träumt, alb­träumt vom gänz­lich de­ter­mi­nier­ten Men­schen, der da­mit letzt­lich durch und durch kon­trol­lier­bar ist. Über­las­sen wir doch die­se Un­frei­heit, die­se Skla­vi­tät, den Ma­schi­nen, die wir bau­en. Sie un­ter­lie­gen un­se­rer Re­gu­la­ti­ons­wut. Die Na­tur nicht. Auch wenn wir da­von träu­men und die­ser Traum viel­leicht so­gar ei­nes Ta­ges wahr wird. Die Fra­ge ist dann wohl: Kann ei­ne sol­che vom Men­schen durch­ge­re­gel­te Na­tur dem Men­schen noch ein ad­äqua­tes Ha­bi­tat sein?

Ethik, so kann ge­sagt wer­den, ist ei­ne Sa­che des Ver­stan­des — Mo­ral in­des ei­ne An­ge­le­gen­heit der Ver­nunft. Ihr liegt am gu­ten Le­ben, dem Ver­stand am richtigen.

Kein Mensch han­delt auf Ba­sis ei­nes schlech­ten Grun­des. Das ha­ben wir mit den Tie­ren gemein.
(Kein Mensch baut ein Haus wis­sent­lich auf schlech­tem Grund, au­ßer, da­mit ist et­was be­ab­sich­tigt — von dem be­wusst oder un­be­wusst er­war­tet wird, dass es ei­nem gut tut. Wir sind Gut­men­schen. Alle.)

Denk­zet­tel 213

Alles neu macht der … November

Eine kleine Etymogelei. Über das Unbestimmte.

no­vem“, lat. Zahl­wort „neun“ und auch 1. Per­son Sin­gu­lar Prä­sens Kon­junk­tiv Ak­tiv zu In­fi­ni­tiv „no­va­re“: „ich erneuere“.

Wes­halb dann der No­vem­ber als ‚Trau­er­mo­nat‘? Des Ne­bels we­gen? Die­ser Ne­bel, Sinn­bild der Zu­kunft als sol­cher: Un­ge­wiss, un­ge­schrie­ben, un­klar, un­be­stimmt. Unentborgen.

Das Neue hat ei­ne Ei­gen­schaft, die viel­leicht in un­se­rer wachs­tums­ori­en­tier­ten Ge­sell­schaft nicht wahr­ge­nom­men wer­den will, weil es Wachs­tum re­la­ti­viert, ja so­gar fast zu ei­ner Null­li­nie macht: Wo Neu­es ent­steht (al­so ins Lau­fen kommt, „ent-“ wie in „ent­steint“, das En­de des Ste­hens, des­sen, was ist, be­zeich­nend), geht alt Ge­wor­de­nes, ‚ver­west‘1⇣„ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr besteht.„wesen“ … Wei­ter­le­sen…. Wo Neu­es ent­steht, schwin­det der Ne­bel: er wird ge­wan­delt; aus Po­ten­tia­li­tä­ten wird ei­ne Rea­li­tät. Bli­cken wir zu­rück, ist dort kein Ne­bel. Der liegt im­mer vor uns.

Es ist wahr, was die Phi­lo­so­phie sagt, dass das Le­ben rück­wärts ver­stan­den wer­den muss. Aber dar­über ver­gisst man den an­dern Satz: dass vor­wärts ge­lebt wer­den muss.

Sø­ren Kierkegaard

Die­se Welt ist ein Um­schlag­platz. Und das, was wir so gern als Wachs­tum mit ei­ner Kur­ve an die Ta­fel zeich­nen, wird des­halb kon­stant blei­ben, in Sum­ma. Weil es kein Wach­sen an­zeigt, son­dern den Um­schlag, den Wech­sel. Mal schnel­ler, mal lang­sa­mer; mal mehr, mal weniger. 

Und nichts in die­ser Welt ist so dau­er­haft wie der Wan­del: ei­ne wohl ewi­ge Kon­stan­te, die­ser, an sich, als sol­cher; ei­ne Qua­li­tät, die in un­ter­schied­li­chen Quan­ti­tä­ten für uns in Er­schei­nung tritt. Und Trau­er, dies sei an­ge­merkt, kann auch ge­le­sen wer­den als Auf­for­de­rung, sich [et­was] zu[ ][zu]trauen. Sich zu: Verwandeln.

Doch oh­ne Ne­bel als „Mas­se“ ist nichts mehr da, was ge­wan­delt wer­den könn­te. Ei­ne Welt oh­ne un­be­stimm­te Po­ten­tia­le kann kei­ne Rea­li­tät hervorbringen. 

Kei­nen ori­en­tie­ren­den Ho­ri­zont. In ei­ner Welt oh­ne Un­be­stimmt­heit kann nicht ge­lebt wer­den. Und da­mit auch nicht: ver­stan­den werden.

Re­fe­ren­ces
1 „ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr be­steht.
„we­sen“ Verb: (als le­ben­de Kraft) vor­han­den sein.
Quel­le: dwds.de

Jaspers Geist

Über Achtung und Freundschaft.

Ein gu­ter Freund hat mir die ge­druck­te Ver­si­on – ein merk­wür­di­ges Ge­fühl, ein Büch­lein in der Hand zu hal­ten, das 1947 in Nörd­lin­gen ge­druckt und in Mün­chen her­aus­ge­ge­ben wur­de; als hiel­te man Ge­schich­te in den Hän­den – ei­nes Vor­tra­ges von Karl Jaspers im Jahr 1946 zu­kom­men las­sen: »Vom eu­ro­päi­schen Geist«. Ein ge­halt­vol­ler Text, den Jaspers da ge­setzt hat. Sehr be­den­kens- und mehr­ma­li­ger Lek­tü­re wert, und sei­en es nur ein­zel­ne Ka­pi­tel. Da ist so man­ches zu le­sen und das nun aus ei­ner Per­spek­ti­ve, die die An­nah­men, die dort ge­macht wur­den, prü­fen kann. Sehr auf­schluss­reich, wie ich finde.

Vor dem ers­ten Welt­krieg galt die Ge­mein­schaft der eu­ro­päi­schen Na­tio­nen, die Ein­heit Eu­ro­pas als selbst­ver­ständ­lich. Es er­scheint uns wie ei­ne pa­ra­die­si­sche Zeit, als man oh­ne Paß aus Deutsch­land nach Rom fuhr und nur die Merk­wür­dig­keit fest­stell­te, daß, wenn man nach St. Pe­ters­burg fah­ren woll­te, man ei­nen Paß brau­che. (S. 5)

Die­se Be­trach­tung hier be­schäf­tigt sich nicht mit die­sem In­halt son­dern gibt ei­nen Ge­dan­ken wie­der, der bei der Lek­tü­re auf­tauch­te, und be­ginnt mit ei­nem „Al­ler­dings“: Die gro­ße Hür­de mei­nes Zu­gangs zu Jaspers sind des­sen Re­den von Gott, sein für mich et­was sehr un­durch­sich­ti­ges Ver­hält­nis zum Chris­ten­tum, und sei­ne Idee vom „lie­ben­den Kampf“. Es mag ein span­nungs­rei­ches Oxy­mo­ron sein, gut ge­meint, dem Men­schen in Sum­ma ge­recht wer­dend. Doch mir ge­fällt es nicht; ich den­ke: Wie kann man Krieg in ei­nen sol­chen Eu­phe­mis­mus set­zen? Ist das nicht et­was na­iv? Oder, in An­be­tracht der Jah­res­zahl des Druck­werks: Aus­druck ei­ner Ver­zweif­lung? Ein Ver­such das Gu­te im und des Men­schen ret­ten zu wol­len, und das im An­ge­sicht der phy­si­schen wie psy­chi­schen Trümmerhaufen?

Statt ei­nes Got­tes — wo­mit ich ei­nen hö­he­ren Wil­len im­pli­ziert se­he — ver­langt mir nach et­was wie „hei­li­ge Of­fen­heit“. Statt „lie­ben­den Kampf“ möch­te ich so et­was wie ein „wohl­wol­len­des, ver­bin­den­des Spiel“ se­hen. Und statt der „Lie­be“ – ein von Jaspers auch ger­ne ge­brauch­tes Wort, wie mich dünkt – schließ­lich, je­ner so schreck­lich über­la­de­nen Be­griff­lich­keit, die eben des­halb nicht mehr zu ver­ste­hen ist und in sei­ner Viel­deu­tig­keit nichts­sa­gend wird, wä­re mir die Re­de von „ach­ten­der Freund­schaft“ wün­schens­wert. Was ein Pleo­nas­mus wä­re, der da dem Oxy­mo­ron ent­ge­gen­ge­stellt wird.

De­ren dia­lek­ti­sches Ge­gen­stück mit­nich­ten die „ver­ach­ten­de Feind­schaft“ ist, son­dern hier mir ei­ne „gleich­gül­ti­ge Zu­ge­wandt­heit“ er­stre­bens­wert scheint und un­ter Men­schen – man kann ja nicht al­le mö­gen und von al­len ge­mocht wer­den – wohl un­aus­weich­lich. Ein Mensch, der nicht ge­ach­tet wird, wird so nicht ver­ach­tet, wenn er nicht be­ach­tet wird. Er soll, aus gu­ten per­sön­li­chen und pri­va­ten Grün­den wün­schens­wert, halt nur für’s ei­ge­ne Da­sein kei­ne Rol­le spielen.

Zu­wei­len ein sehr schwie­rig zu rea­li­sie­ren­der Anspruch.

Ver­ach­tung und Feind­schaft sind da­ge­gen sim­pel, die Lie­be al­ler­dings hal­te ich da für verlogen.

Der An­spruch der Frei­heit ist da­her, nicht aus Will­kür, nicht aus blin­dem Ge­hor­sam, nicht aus äu­ße­rem Zwang zu han­deln, son­dern aus ei­ge­ner Ver­ge­wis­se­rung, aus Ein­sicht. Da­her der An­spruch, selbst zu er­fah­ren, ge­gen­wär­tig zu ver­wirk­li­chen, aus ei­ge­nem Ur­sprung zu wol­len durch Su­chen des An­kers im Ur­sprung al­ler Din­ge. (S. 10)

Wer sich dem Selbst­sein (ganz un­iro­nisch sei schon hier, dem nächs­ten Zi­tat vor­grei­fend, dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ „Uni­kat“ steckt) ver­wei­gert (al­so: sei­nem Lei­den und des­sen Über­win­dung, d. i. Exis­tenz), und so (es hie­ße, sich sei­ner Exis­tenz be­rau­ben zu müs­sen) das Lei­den ver­nich­ten will (z. B. durch Preis­ga­be des in­di­vi­du­el­len Selbst in ei­ne Her­de Unselbst(ändiger)iger, Un­mün­di­ger, an­ge­führt von ei­nem ir­rea­len, ideo­lo­gi­schen, kol­lek­ti­schen, über­grif­fig al­les ver­ein­nah­men wol­len­den „Über­selbst“, das al­le Schuld für’s je ei­ge­ne Lei­den auf all je­ne An­de­ren lädt, die sich ei­ner sol­cher Ideo­lo­gie nicht un­ter­stel­len wol­len, ihr nicht die­nen wol­len, die, die sich der Ver­skla­vung durch eit­le Dumm­heit wi­der­set­zen), kann von mei­ner Sei­te her nichts Bes­se­res er­war­ten als mür­ri­sche In­dif­fe­renz, im Schlech­tes­ten ent­nerv­te Ab­ge­wandt­heit. Das Übel nur: Die­se Ges­ten wer­den von je­nen – für mich letzt­lich: eben auch, nicht nur, selbst­ver­schul­det Elen­den, Mi­se­ra­blen – nicht ver­stan­den. Denn, oh ihr blin­den Que­ren, ihr ver­blen­de­ten Ver­schwö­rungs­gläu­bi­gen und al­le de­ren An­ver­wand­te, al­so all ihr Fröm­meln­den, gleich wel­chen Glau­bens: Ihr schafft euch selbst die Welt, die ihr nicht wollt. Die ihr ver­ach­tet. Doch ihr seid of­fen­bar der­art da­mit be­schäf­tigt, eu­er per­sön­li­ches Lei­den zu ver­nich­ten, dass ihr den Blick auf je­ne, die euch be­nut­zen für ih­re ei­ge­ne Ver­nich­tung ih­res per­sön­li­chen Lei­des, mit ei­ner ro­sa­ro­ten Bril­le ver­klärt, zu Wis­sen­den er­hebt und so blind in eu­er selbst ge­schaf­fe­nes Un­glück lauft. Frei­lich be­rauscht vom Mor­phi­um des Glücks­ge­fühls, nun end­lich was zu gel­ten in die­ser Welt, Be­scheid zu wis­sen, be­ach­tet zu wer­den, wenn auch nur ver­ach­tend. Der Ka­ter wird furcht­bar, ihr wer­det es wohl selbst in Er­fah­rung brin­gen — wollen.

Weil der Mensch nur frei sein kann, wenn sei­ne Mit­men­schen frei sind, muß er die sich iso­lie­ren­de, kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­se Frei­heit ver­wer­fen. Über­all, und auch in Eu­ro­pa, gab es das Aus­bre­chen der ein­zel­nen als Ere­mi­ten, Phi­lo­so­phen, Hei­li­ge, die, von der Welt nicht mehr be­trof­fen, ei­ne ho­he, be­wun­de­rungs­wür­di­ge per­sön­li­che Sou­ve­rä­ni­tät er­ran­gen. Aber kon­kre­te Frei­heit er­wächst nur im Mit­ein­an­der als Ver­wand­lung des Men­schen mit sei­ner Welt. (S. 14)

Doch wie ge­sagt: An­spruchs­voll. Stets lockt der ein­fa­che Weg der Ver­ach­tung. Dies letzt­lich die Spie­ge­lung des­sen, was mir da – wo­mög­lich aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den und den­noch nicht ak­zep­ta­bel und to­le­rier­bar – ent­ge­gen­ge­bracht wird von sol­cher­lei mir un­er­wünsch­ten Cha­rak­te­ren: die „dunk­le Sei­te der Macht“.

Der phi­lo­so­phisch erns­te Eu­ro­pä­er steht heu­te vor der Ent­schei­dung zwi­schen ent­ge­gen­ge­setz­ten phi­lo­so­phi­schen Mög­lich­kei­ten. Will er in die Be­schrän­kung fi­xier­ter Wahr­heit, der am En­de nur zu ge­hor­chen ist — oder will er in die gren­zen­los of­fe­ne Wahr­heit? (S. 30)

Unbrauner Fliegenschiss

Eine Generationen(ab?)rechnung.

2500 Jah­re sind ca. 84 Ge­nera­tio­nen à 30 Jahre.

84 Ge­nera­tio­nen ge­schrie­be­ne Philosophie. 

30 Jah­re: Nichts. (Aus der Per­spek­ti­ve ei­nes 58-Lenzigen.)

2500 zu 84.

84.

Nur!

Nur!!

Selbst wenn die Mensch­heits­ge­schich­te Ar­te­fak­te fin­det, die 5000 Jah­re alt sind:

Das sind nur 167 Generationen!

Nur ! !

5000 zu 167.

Das ist: So gut wie nichts. Ein Hüs­teln des Mensch­seins, al­len­falls, wenn überhaupt.

Und jetzt als un­ge­fäh­re Gleichung:

84 ~ 250030.
167 ~ 500030.

Oder, um­ge­formt:

30 ~ 250084.

Pas­cal: Sternschnuppe.

(Ma­gie der gro­ßen Zahl / Rea­li­tät der schlich­ten Relation.)

Nur ! !

Will hin­wei­sen auf: nach nur 84 Zy­klen der Re­pro­duk­ti­on ist Mensch als sol­cher in der La­ge, das ge­schrie­be­ne Wort in et­was hin­ein­zu­tip­pen oder auf et­was rum­zu­ha­cken (was den da­zu noch frü­he­ren Stein­ta­feln dann wie­der ent­spre­chen wür­de) und rund um die Welt zu schi­cken, in na­he­zu Lichtgeschwindigkeit.

Nach nur 84
( in Wor­ten: vier­und­acht­zig )
Re­pro­duk­ti­ons­zy­klen
ist Mensch
da­zu in der La­ge!

(Frei­lich kann auch recht nüch­tern kon­sta­tiert wer­den: scheint wei­ter kei­ne gro­ße Sa­che zu sein…)

Die Mensch­heits­ent­wick­lung in Ge­nera­tio­nen zu fas­sen kann wirk­lich sehr viel relativieren.

Ich mag das Wort De­mut über­haupt nicht. Doch hier er­man­gelt es mir ei­nes ad­äqua­te­ren Wortes.

Wahrheit & Wirklichkeit

Über Kultur & Natur, Verstand & Vernunft, Erkenntnis & Einsicht. Über den Menschen. Als Tier.

Inwie­weit kann über das Le­ben phi­lo­so­phiert wer­den im Sin­ne: ei­ne ‚Wahr­heit‘, (ob­jek­ti­ve) ‚Er­kennt­nis­se‘, ‚Wis­sen‘ zu (er)finden?

In­wie­weit fin­det sich die Philosophie des Le­bens dar­in: es ein­fach zu le­ben, das je ei­ge­ne Le­ben, wie es sich für ein In­di­vi­du­um er­gibt, er­ge­ben mag, er­ge­ben will?

Dar­in, das je ei­ge­ne Le­ben für sich zu be­ja­hen, in al­ler Kon­se­quenz — und über so ge­won­ne­ne ‚An­sich­ten‘, (sub­jek­ti­ve) ‚Ein­sich­ten‘, ‚Weis­heit‘ sich, durch­aus sich selbst und ge­gen­sei­tig kri­tisch hin­ter­fra­gend, aus­zu­tau­schen, den ei­ge­nen Ho­ri­zont so al­so erweiternd.

In­wie­weit wä­re ei­ne Philosophie des Le­bens al­so we­ni­ger er­kennt­nis­theo­re­tisch zu fun­die­ren und ist mehr in der ver­ste­tig­ten Übung ei­ner Ein­sichts­pra­xis zu be­grün­den? In­wie­weit soll sie al­so nicht ‚Wis­sen‘ der ‚Wahr­heit‘ zum Ziel ha­ben („Macht“), son­dern ‚Mut‘ zur ‚Wirk­lich­keit‘ („Ver­mö­gen“) vermitteln?

In­wie­fern wä­re ein Aus­tausch von, al­so Han­del mit, Ein­sich­ten ei­nem An­grei­fen und Ver­tei­di­gen, ei­nem Krieg der Er­kennt­nis­se, vorzuziehen?

Ist denn ein Kampf um die Wahr­heit wirk­lich so er­stre­bens­wert? Soll­te nicht das Au­gen­merk auf das Ver­hält­nis zur Wirk­lich­keit ge­rich­tet sein — auch und ge­ra­de in der Philosophie? Führt sich denn ein Le­ben gut, lässt es sich gut füh­ren, wenn es sich al­lein auf Er­kennt­nis­se des Ver­stan­des stützt?

Ist Wahr­heit denn nicht: ein Kon­strukt un­se­rer Wirk­lich­keit, un­se­rer Ver­wirk­li­chung als Men­schen? Tie­re ken­nen kei­ne Wahr­heit, nur Wirk­lich­keit. Was nutzt uns Men­schen denn die­se Wahr­heit, eigentlich?

Viel­leicht dient sie letzt­lich nur da­zu, uns nicht ge­gen­sei­tig zu ver­nich­ten. Und doch kann sie auch ge­dacht wer­den als An­trei­ber ge­nau die­ser Selbst­ver­nich­tung. Die Krie­ge auf dem Ge­biet der zur Re­li­gi­on über­höh­ten Welt­an­schau­un­gen sin­gen da ja ein lau­tes Lied. Ein Kla­ge­lied, wohl.

Der Ver­stand, der die Wahr­heit sucht, gar: braucht, mag ein hilf­rei­cher Ge­sel­le sein. Doch wenn wir ei­nen Ge­sel­len zum Kö­nig kü­ren, gibt es da nicht ein Qua­li­täts­pro­blem? Ver­sagt denn da nicht un­se­re Ver­nunft? Geht das nicht an der Wirk­lich­keit vorbei?

Die Wahr­heit ist ein Kon­strukt un­se­res Geis­tes. Um zu le­ben, brau­chen wir kei­ne Wahr­heit. Sie ist ei­ne Ar­chi­tek­tin un­se­rer Kul­tur, kein Arzt un­se­rer Na­tur. Wir wer­den auch im­mer Tie­re blei­ben. Tie­re die Hun­ger ha­ben und Durst. Tie­re, die sich ver­meh­ren wol­len. Tie­re, die ihr Re­vier ver­tei­di­gen. Tie­re, die kämp­fen. Tie­re, die über­le­ben wol­len. Die­ses Tier geht nicht weg, es ist im­mer da. Un­se­re Kul­tur ist ein na­tür­li­cher Über­bau. Und von dem aus ha­ben wir das Tier im Men­schen fest­zu­stel­len, zu kon­sta­tie­ren. Kein Weg führt dar­an vor­bei. Die­se Sicht ist ver­nünf­tig, auch wenn der Ver­stand sich ge­gen die­se Wahr­heit wehrt. So Man­che wol­len das nicht wahr­ha­ben, das Tier im Men­schen fürchtend.

Ob die­ses Tier ein Wolf oder ein Lamm ist, ein Wal oder Hai­fisch, ein Or­ka oder Wal­hai, das liegt in der Macht des Men­schen. Und kein Mensch ist sei­nem Tier aus­ge­lie­fert, prin­zi­pi­ell. Wir sind die Domp­teu­re un­se­res Tiers in uns. Da sind die Krie­ger: ge­züch­te­te Hai­fi­sche. Da sind die Kämp­fer: ge­züch­te­te Gnus. Und da sind eben die fried­li­chen und un­fried­li­chen: ge­züch­te­te Tie­re. Abgerichtet.

Wer es nicht schafft, sei­nen „Wil­len zur Macht“ für sich selbst zu nut­zen, wird ein Skla­ven­le­ben füh­ren müs­sen. Ja? Nein! Sie kann ge­nau­so ein Her­ren­le­ben füh­ren. Doch die Macht über die Macht, die hat nicht, wer sich nicht dar­auf ver­steht, sei­nen „Wil­len zur Macht“ für sich nutz­bar zu ma­chen. Er wie sie wer­den ein Her­den­tier sein. Auch Leit­ham­mel und ‑lö­win­nen sind: Her­den­tie­re. Mag ei­ne Her­de auch als Ru­del daherkommen.

Der ver­nünf­ti­ge Mensch sucht doch die Frei­heit, die Wahl. Die Ver­ant­wor­tung da­mit, auch. Das ist die Wirk­lich­keit des Men­schen, in eben die­ser Frei­heit zu ste­hen. Was heißt: zu su­chen braucht er sie nicht, er hat sie schon. Nur sie auch zu le­ben, das traut er sich noch nicht. In 10000 Jah­ren wird die Welt an­ders aussehen.

Er miss­traut sei­ner Na­tur. Sieht sie als Dunk­les, Be­droh­li­ches, Un­be­herrsch­ba­res. Schafft Wahr­hei­ten, um das Dun­kel zu be­herr­schen. Und ist von sei­nem ei­ge­nen Licht ge­blen­det. Sieht nicht, ver­steht nicht, dass er nur sich selbst be­leuch­tet — doch er­klärt so die gan­ze Welt.

Das Mons­ter des Men­schen steckt doch in sei­ner Kul­tur­fä­hig­keit, die Kul­tur ist das Mons­ter, das er fürch­ten soll­te. Sei­ner Na­tur nach ist der Mensch ver­nünf­tig — und sei­ne Na­tur hat sich bis­her im­mer durch­ge­setzt. Noch ist die Mensch­heit nicht durch ei­ne Apo­ka­lyp­se von der Bild­flä­che des Uni­ver­sums ver­schwun­den. Doch Hoch­kul­tu­ren ver­schwin­den ir­gend­wann, da reicht ein ver­nünf­ti­ger Blick in die Ge­schich­te völ­lig aus.

Und die­se Kul­tur­fä­hig­keit — ge­hört zu sei­ner Na­tur. Sie ist das Tier, das es zu bän­di­gen gilt. Die Ver­nunft, die Na­tur des Men­schen, ist Herr über den Ver­stand, die Kul­tur des Men­schen. Der Ver­stand ist ein Knecht, kein Herr. Und im Grun­de ist der Mensch: Chao­tisch. Ver­nünf­tig. Doch das schmeckt sei­nem Ver­stand nicht, der das Cha­os fürch­tet. Weil es ihn des­ori­en­tiert, wenn er kei­ne Re­gel ent­de­cken kann, nichts vor­her­sa­gen kann. Der Mensch fürch­tet sich, wenn er nicht wis­sen kann, was ihn er­war­tet. Zu­min­dest ver­un­si­chert es ihn, wes­halb ihm der Ver­stand mit auf den Weg ge­ge­ben wur­de. Oder, dar­wi­nis­ti­scher for­mu­liert: Sich evo­lu­tiert hat. Da­mit er sich nicht so fürchtet.

Der Ver­stand des Men­schen (zer)stört das Kli­ma, der Ver­stand des Men­schen be­grün­det ei­nen Ge­no­zid, der Ver­stand des Men­schen lässt ihn Krie­ge füh­ren — al­les im Na­men der Wahrheit.

Die Kunst ist kein Pro­dukt der Kul­tur des Men­schen, sei­nes Ver­stan­des — es ist ein Ge­wächs sei­ner Na­tur, des Tie­res in ihm, sei­ner Ver­nunft. Es ist die Kunst, die den Men­schen aus den Mi­se­ren, die er mit sei­ner Kul­tur selbst ge­schaf­fen hat, rettet.

»Der Mensch ist dem Men­schen ein Wolf« mein­te Hob­bes. Nietz­sche könn­te, viel­leicht, sa­gen: Der Mensch ist dem Men­schen (s)eine Kultur.

Phi­lo­so­phie soll­te Kunst sein, nicht Wis­sen­schaft. Ver­nunft, nicht Ver­stand. Na­tur, nicht Kul­tur. Der Mensch ist ein na­tür­lich phi­lo­so­phi­sches We­sen und nur kul­tür­lich ein wissenschaftliches.

Bis hier­hin al­les schön schwarz-weiß, dem Ver­stan­de leicht ver­dau­lich. Las­sen wir nun Ver­nunft wal­ten, be­ge­ben wir uns al­so jen­seits von wahr oder falsch, Dis­junk­ti­on und Kon­junk­ti­on. Be­tre­ten wir das Reich der Ver­nunft. Den Ver­stand, das Drän­gen nach Er­kennt­nis, nach Wahr­heit, wahr sein, hin­ter uns las­send, die Ein­sicht vor uns. Wen­den wir uns dem Cha­os zu. Se­hen wir nach vorne.

Der ver­nünf­ti­ge Mensch ist ganz Na­tur. Ker­nig, erd­ver­bun­den, un­auf­ge­regt. Be­schei­den. Hät­te der Mensch kei­ne Kul­tur, die­ser Pla­net wä­re der fried­lichs­te Ort mit der bes­ten Luft und den güns­tigs­ten Ha­bi­tat­be­din­gun­gen für den Men­schen, die sich nur den­ken las­sen. Ein: Paradies.

Wenn da nicht die Mü­hen der Jagd wä­ren. Und der be­eng­te Raum. Und die Neu­gier, die Gier über­haupt. Und dann die­ser Win­ter. Und der Som­mer erst, je nach Ge­gend. Nein, die­ses Ha­bi­tat er­scheint dem Ver­stand, dem Be­quem­lich­keit su­chen­den Hirn, des En­er­gie­spa­rens we­gen, gar nicht so ge­müt­lich. Das Ha­bi­tat will kul­ti­viert sein, wohn­lich hat es zu sein!

Da ist’s dann auch schon wie­der vor­bei mit der Ver­nunft, der gie­ri­ge Schlund der Kul­tur öff­net sich und ver­leibt sich das Ha­bi­tat ein. Die Ver­nunft für sich al­lein scheint al­so nicht be­son­ders stark zu sein.

Um nun al­so als Men­schen uns selbst das Was­ser nicht ab­zu­gra­ben vor lau­ter Kul­tur­drang und Na­tur­ver­ach­tung, bleibt wohl doch nur die Flucht nach vor­ne: sich jen­seits von gut & bö­se, wahr und falsch, Cha­os und Kos­mos, Ver­nunft und Ver­stand zu be­ge­ben. Ein Land, das wir uns gar nicht vor­stel­len kön­nen. Und das es viel­leicht – des­halb? – nicht gibt.

Und doch gibt es ei­nen Ort jen­seits von: Das Zwi­schen. Das Zwi­schen von Na­tur und Kul­tur. Das Zwi­schen von Ver­nunft und Ver­stand. Da, wo der Mensch noch Mensch sein darf: Na­tur mit Kul­tur, Kul­tur mit Na­tur. Ver­nunft mit Ver­stand, Ver­stand mit Ver­nunft. Cha­os mit Kos­mos, Kos­mos mit Cha­os. Ein un­mög­li­cher Ort, ei­ne Uto­pie, weil in sich wi­der­sprüch­lich? Nein! Die­se Er­kennt­nis der Wi­der­sprüch­lich­keit ist ein Wi­der­spruch des Ver­stan­des, wie der ver­nünf­ti­ge Mensch so­fort ein­se­hen kann. In die­sem „mit“ liegt der Schlüs­sel zur Glück­se­lig­keit. Es ver­mit­telt die Ge­gen­sät­ze ver­nünf­tig, die der Ver­stand ge­schaf­fen hat.

Cha­os hat auch die Be­deu­tung je­ner Dunst­schicht zwi­schen Him­mel und Meer. Ur­sprung der bei­den, so zu­min­dest dach­ten sich das wohl man­che in der An­ti­ke in Grie­chen­land. Und so kön­nen wir auch den Men­schen in eben die­sem Cha­os, in die­ser Un­be­stimmt­heit, Un­be­stimm­bar­keit, in die­ser Gren­ze, die nur als Über­gang, als An­gren­zung und nicht Ab­gren­zung in den Blick kommt, ver­or­ten. So an­ge­se­hen, kann der Mensch als Schöp­fer von oben und un­ten, von Him­mel und Meer, Von Apoll und Dio­ny­sos, auf­ge­fasst wer­den — sich selbst je­doch nicht er­rei­chend, im Cha­os ver­schwin­dend. Ein sol­ches An­se­hen des Men­schen durch den Men­schen selbst kann nun – viel­leicht – eben als ein Akt des ver­nünf­ti­gen Ver­stan­des, der ver­stän­di­gen Ver­nunft in­ter­pre­tiert wer­den. Es ist Ein­sicht wie Er­kennt­nis: er­ken­nen­de Ein­sicht, ein­sich­ti­ge Erkenntnis.

Der Mensch: Ein Zwi­schen. Ein In­ter-es­se, ein „da, zwi­schen“, „in Mit­ten“ sein.

Ein Blick nur

Eine kurze Meditation.

Die Tat der Sa­che ist es,
sich zu An­de­rem zu verhalten.

Ist es ei­ne Tat der Sa­che? Doch wohl eher ei­ne Tat ei­nes Wesens.

Nicht die Sa­che ist der Tä­ter, das Tä­ti­ge. (Es ist z. B. ein Mensch.)

Ein Stein wird erst durch z. B. den Men­schen zum Werk­zeug, ein Ham­mer zur Keule.

Was al­so ist ei­ne Tat­sa­che? Die Wirk­lich­keit ei­nes Sach­ver­hal­tes! Das Wirk­lich wer­den ei­nes Sach­ver­halts, z. B. durch den Menschen.

Die Aus­sa­ge: „Das Gras ist grün.“ wird erst durch ein We­sen wahr, wirk­lich. (z. B. durch ei­nen Menschen.)

Doch ein ge­eig­ne­tes Mess­in­stru­ment be­legt doch, dass das Gras auch oh­ne ei­nen ein­zi­gen Men­schen grün ist!

Ja, ja! Nur: Wo stammt das Mess­in­stru­ment her? Ist es vom Him­mel gefallen?

Und über­haupt: Ist das Gras auch bei Neu­mond und stark be­deck­tem Him­mel und oh­ne Ta­schen­lam­pe o. ä. grün? Ja?

Man le­ge ei­nen em­pi­ri­schen, wirk­lich em­pi­ri­schen, al­so sinn­lich er­fahr­ba­ren, Be­weis da­für vor und kei­nen theo­re­ti­schen, epis­te­mi­schen, logischen!

Das sinn­lich nicht Be­leg­ba­re be­deu­tet kei­nes­wegs, dass es sich nicht tat­säch­lich so ver­hält, wie ei­ne Theo­rie, wiss. Er­kennt­nis oder Lo­gik ver­mu­tet, vor­her­sagt, besagt!

Doch vom wahr­lich Em­pi­ri­schen her bleibt uns doch nichts an­de­res üb­rig, als ei­ner theo­re­ti­schen, epis­te­mi­schen, lo­gi­schen Aus­sa­ge Glau­ben zu schen­ken, sie al­so als Wahr ha­ben zu wol­len – oder eben nicht. (Weil uns das z. B. bes­ser in den Kram passt, wel­cher Art die­ser Kram heu­te oder mor­gen, nach­her oder ge­ra­de jetzt auch sei.)

— Ge­dan­ken­sprung —

Die Lee­re ist kei­ne Tat­sa­che im ge­mei­nen Sin­ne. Sie ist ein Fak­tum, ein Sach­ver­halt des mensch­li­chen Geis­tes, von ihm ge­mach­tes, ein: Ar­te-Fakt, ein „künst­li­cher Sachverhalt“.

Die Welt ist nicht leer und das ge­mei­ne Nichts gibt es nicht. Doch be­vor wir ein Ur­teil fäl­len, be­vor wir die Welt er-ken­nen, ist sie für uns: leer. Bar je­den Ur­teils, bar je­den Sach­ver­halts, bar je­der Tat-Sa­che, bar je­den Dings.

Und dies ist ei­ne un(ver)mittelbare Ein­sicht der Ver­nunft. Kei­ne durch ei­ne Me­tho­de ver­mit­tel­te Er­kennt­nis des Verstandes.