Quell der Rationalität

Versuch einer kurzen Mediation zwischen Rationalität und Irrationalität.

Viel­leicht ist es ja nicht das Schlech­tes­te, wenn die Ra­tio­na­li­tät der Ir­ra­tio­na­li­tät ei­nen Rah­men gibt, ei­nen Raum, ein Ge­viert schenkt. Wie es schon seit lan­gem in Del­phi ge­schrie­ben steht: μηδὲν ἄγαν (me­den agan, „nichts im Über­maß“). Die Form, das For­ma­le, wür­de dann ei­nem an sich kon­tur­lo­sen, über­schie­ßen­den In­halt die Mög­lich­keit zur Ge­stal­tung er­öff­nen.

Das Ra­tio­na­le ver­mag das Ir­ra­tio­na­le zu be­gren­zen, nicht in­des zu ver­nich­ten. Die Ra­tio­na­li­tät so ein­mal als der äu­ße­re Rand des Ir­ra­tio­na­len ge­dacht. Mit­hin die Ra­tio­na­li­tät ei­ne Aus­ge­burt, ei­ne kal­te Er­star­rung ei­nes hei­ßen, bro­deln­den, erup­ti­ven ir­ra­tio­na­len Stroms. Die Vul­ka­ni­er las­sen grü­ßen!

Aus der Er­fah­rung. — Die Un­ver­nunft ei­ner Sa­che ist kein Grund ge­gen ihr Da­sein, viel­mehr ei­ne Be­din­gung des­sel­ben.
Fried­rich Nietz­sche

Zu­gleich hat die Ir­ra­tio­na­li­tät den Rah­men zu spren­gen, sich kei­ner Form zu un­ter­wer­fen. Aus ei­ner sol­chen Wech­sel­wir­kung ent­steht Dy­na­mik — re­la­tio­na­le Ver­nunft. (Und nicht ra­tio­na­ler Ver­stand, wor­auf Nietz­sche sich wohl be­zog.)

Die dann we­der dem Ver­stand noch dem Ge­müt ei­nen Vor­rang ge­währt. Son­dern eben so wirkt, dass ei­ne Ba­lan­ce er­mög­licht wird, die in Be­we­gung grün­det und nicht in Star­re.

Ob nun die Form, das For­ma­le, aus Lo­gik, Ma­the­ma­tik, Ri­tus oder Kunst be­steht, bleibt sich dann gleich: Es ist er­kal­te­te Ir­ra­tio­na­li­tät.

Und Phi­lo­so­phie könn­te nun als Ar­beit der Er­kal­tung an­ge­se­hen wer­den. Das Pus­ten auf die Ir­ra­tio­na­li­tät, auf dass sie ei­ne Form fän­de und be­greif­bar wer­den möch­te, ver­mit­tels der Ra­tio­na­li­tät. Es könn­te al­ler­dings auch als das Vor­wa­gen in den hei­ßen, bro­deln­den Schlund ver­stan­den wer­den, auf ein Ent­ge­gen­kom­men des Quells all der Hit­ze zu.

Bei Ers­te­rem zeigt sich die Phi­lo­so­phie wohl als ei­ne Wis­sen­schaft, bei Letz­te­rem als ei­ne Kunst. Im Ers­te­ren zeigt sich der Mensch als ein ani­mal ra­tio­na­le und ho­mo fa­ber, als (be)rechnender Mensch, im Letz­te­ren als ein ani­mal ir­ra­tio­na­le und ho­mo ar­ti­fex, als (er)schaffender Mensch.

Und tre­ten nun bei­de in ei­ne Wech­sel­wir­kung, ge­gen­sei­tig das Über­maß des an­de­ren ver­hü­tend, zeigt sich die Selbst­er­kennt­nis im stim­mi­gen Maß.

In ei­ne Wech­sel­wir­kung, den Brü­dern Apol­lon und Dio­ny­sos viel­leicht gleich, die bei­de ver­schränkt. Ihr Ver­hält­nis als Be­zie­hung vi­ta­li­sie­rend. Die das Über­maß, wel­ches die Er­kennt­nis des Selbst zu ver­schlei­ern ver­mag, be­grenzt. Ei­ne not­wen­di­ge Be­gren­zung, wo­mit je­der für sich über­for­dert wä­re.

Phi­lo­so­phie dann, so ein­mal in Sze­ne ge­setzt, we­der Wis­sen­schaft noch Kunst und auch nicht so­wohl das Ei­ne als auch das An­de­re. Wohl in­des dann je­nes, wel­ches zwi­schen bei­den ist und uns als Ver­nunft ver­nehm­bar wird. Rei­ne, eis­kal­te Wis­sen­schaft ist ge­nau­so zum Un­ter­gang ver­dammt wie rei­ne, über­hit­zi­ge Kunst. Ver­stand und Ge­müt blei­ben oh­ne Ver­nunft für sich al­lein und ge­hen an ih­rem Über­maß ein. Der Ein­sam­keit we­gen.

Erst das Mit­ein­an­der, Durch­ein­an­der, das Ver­wi­ckelt sein, In­vol­viert sein, zei­tigt den Fun­ken der Ver­nunft. Um bei­de not­wen­di­ge Wei­sen des hu­ma­nen Da­seins zu ver­mit­teln, im stän­di­gen Fluss zu hal­ten. Um ei­ne Welt ver­nehm­bar zu ma­chen.

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Divide et impera

Spalten, um zu beherrschen, als anthropologisches Prinzip.

Es liegt wohl in der Na­tur des Men­schen, zu spal­ten. Sei­ne Er­fin­dung „Gott“ spal­tet ein Gan­zes in Tag und Nacht. Für den Men­schen gibt es rechts und links. Und Com­pu­ter, Men­schen­zeug, ar­bei­ten nach dem Prin­zip „Ent­we­der ‚1‘ oder ‚0‘“. Schließ­lich – doch da­für kön­nen wir nichts, oder doch? – gibt’s Männ­chen und Weib­chen.

Spal­tung, so kann ge­meint wer­den, schafft, wenn nicht Ord­nung, so doch min­des­tens Ori­en­tie­rung und vor al­len Din­gen: Die Mög­lich­keit zum Ver­hält­nis. Denn wo kä­men wir hin, wenn wir nicht du­al wä­ren, im Prin­zip, un­ser Den­ken, zu­min­dest? Wir wür­den uns wohl in ei­nem Kon­ti­nu­um eben nicht wie­der fin­den kön­nen. Wir wür­den wohl, un­ser Geist, zer­flie­ßen, wä­ren ganz und gar das Gan­ze.

Wir wol­len spal­ten, so ist wohl die Na­tur un­se­res Be­wusst­seins. Des­halb spal­ten sich Ge­sell­schaf­ten und der Mensch die Ato­me. Wir bre­chen stän­dig auf, bre­chen al­les aus­ein­an­der, um es be­grei­fen zu kön­nen. Un­ser Geist ist zu schwach, um als Gan­zes sein zu kön­nen. Und so bre­chen wir auch die Na­tur, nur um sie zu be­grei­fen, und letzt­lich will das: (be)herrschen. „di­vi­de and con­quer“, „di­vi­die­re und be­zwin­ge“ ist ein an­thro­po­lo­gi­sches Prin­zip, so scheint es auf.

Vie­le ge­hen nun eben da­von aus, so sei eben die Na­tur des Men­schen und sel­bi­ger ist ja Teil der Na­tur als Gan­zem. Dass der Pla­net, un­ser Ha­bi­tat, da­bei zu Bruch geht: so what? Wir kön­nen ja (in) neue Wel­ten auf­bre­chen, neue Ha­bi­ta­te schaf­fen, Ni­schen (er)finden, klaf­fen­de Brü­che, in de­nen wir exis­tie­ren kön­nen. Der Mensch ist nun mal ein durch Zer­stö­rung er­schaf­fen­des – die Zer­stö­rung aus­nut­zen­des, aus­beu­ten­des – We­sen, was will man ma­chen?

Schon scheint die Ge­gen­sei­te auf: Zu­sam­men! Zu­sam­men! Doch das heilt die Wun­den nicht, die der Mensch reißt. Das, was wohl hel­fen kann, die Auf­bruchs­wut zu bän­di­gen, ist die Un­ter­las­sung. Frei­lich er­fah­ren wir uns dann als ver­lo­ren in ei­nem Gan­zen. Weil uns der Mut fehlt, im Gan­zen zu sein, das Gan­ze zu sein, auch wenn wir nicht da­mit rech­nen kön­nen. Wir müss­ten uns dann hin­ge­ben, hät­ten kei­ne Kon­trol­le mehr, wä­ren Ge­trie­be­ne und nicht Trei­ben­de (oder, Wort­spiel: eben doch, ge­ra­de dann?), wä­ren Tie­re, nicht Men­schen. Gleich­wohl: Den­ken­de. Wür­de der Mensch sein Tier­sein mehr wa­gen, das ‚Schwim­men‘, wir hät­ten wohl we­der Kli­ma­wan­del noch Pan­de­mie (viel­leicht al­ler­dings auch: noch nicht). Doch der Mensch: Ein Tier, das denkt und fühlt, da­bei va­ge; und kein Ge­schöpf sei­ner selbst, das rech­net und auf­bricht, da­bei ein­deu­tig? Un­denk­bar!

Eher: Un­be­re­chen­bar, des­halb zu ver­wer­fen. Manch­mal auch: zu zer­stö­ren.

Die Ge­sell­schaf­ten, in de­nen wir le­ben, exis­tie­ren, die wir schaf­fen, wer­den nicht ge­spal­ten. Sie wa­ren es im­mer schon. In Kri­sen­zei­ten wird die Spal­tung, die­se Or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­sell­schaft als Gan­zes, sicht­ba­rer, spür­ba­rer. Über­win­den kön­nen wir sie nicht: wir wä­ren ori­en­tie­rungs­los, wüss­ten nicht mehr wer hier­ar­chisch oben und wer un­ten, wer po­li­tisch rechts und wer links, wel­che wis­sen­schaft­lich und tech­nisch vor­ne und hin­ten sind.

Und auch nicht, wer wir wa­ren und wer wir sein möch­ten. Ge­gen­wart, Ver­ge­gen­wär­ti­gung: Der Spalt­pilz in der Zeit.

So tun wir uns auch schwer in und mit in­dis­kre­ten Kon­ti­nua, aus dem Schei­nen von Wah­rem ge­bo­ren, zu den­ken, in der un­ab­zähl­ba­re Qua­li­tät wal­tet und nicht das Quan­tum, son­dern wol­len mit di­stink­ten Wer­ten rech­nen. Mit Zah­len spal­ten wir das Gan­ze auf, quan­ti­fi­zie­ren es, um es zu be­grei­fen. Wenn da­bei nur nicht im­mer die­ser ver­ma­le­dei­te, sich je­der Be­re­chen­bar­keit wi­der­set­zen­de Rest blie­be. Pi, 3,14…: un­fass­bar. Mit­hin ist der Um­fang ei­nes Krei­ses, die Gren­ze ei­nes Lan­des, die Flä­che des Pla­ne­ten nicht ex­akt be­re­chen­bar. Es bleibt ei­ne Un­ge­nau­ig­keit üb­rig. Ein un­be­stimm­ba­rer Rest, wir kön­nen nur nä­he­rungs­wei­se rech­nen. Prin­zi­pi­ell, frei­lich. Um die Um­lauf­bahn des Mon­des zu be­rech­nen und vor­her­sa­gen zu kön­nen, wann er wo sein wird um auf ihm zu lan­den, da­für ist’s ge­nau ge­nug. Das Uni­ver­sum scheint groß ge­nug da­für zu sein, der Feh­ler mit­hin läss­lich. Un­auf­fäl­lig.

Und so, um die­sen Rest doch noch fass­bar, ding­fest, zu be­kom­men, spal­ten wir mun­ter wei­ter. Denn ir­gend­wann, so sagt’s uns un­se­re Lo­gik, muss der Rest ja mal 0 sein. Ver­schwun­den. Das Gan­ze voll­kom­men auf­ge­löst, voll­stän­dig er­klärt; al­so auf­ge­klärt, der Fall „Sein“ ge­löst. Und mit­hin die letz­te me­ta­phy­si­sche, gar: mys­ti­sche, Bas­ti­on ver­schwun­den. Ja, wo is­ses denn nu hin, datt Jan­ze? Hat es es je­mals ge­ge­ben?

Hält der un­auf­klär­ba­re Rest, nen­nen wir es mal: das Ro­man­ti­sche, am En­de die Welt zu­sam­men, be­wahrt sie vor dem Ver­fall? Ist das Un­lo­gi­sche, das Ir­ra­tio­na­le, das, was die »Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält«? Das In­tui­ti­ve der Leim in der dis­kur­siv zer­stü­ckel­ten Welt?

Wer Fort­schritt will, braucht ei­nen Plan. Wer ei­nen Plan ha­ben will, braucht Quan­ti­tä­ten, die ei­ne Ra­tio (hier ist das nicht nur ein An­gli­zis­mus!) bil­den kön­nen. Und wer ei­nen Plan hat, ist ori­en­tiert. Und ori­en­tiert zu sein ist für den Men­schen wich­tig: dann sieht er die Welt in Be­greif­lich­kei­ten vor sich, sie ist für ihn be­greif­bar und kein Flui­dum, wel­ches ihm zwi­schen den Fin­gern zer­rinnt, un­fass­bar, un­halt­bar. In dem er schwimmt und sich manch­mal müh­sam, manch­mal leicht, an der Ober­flä­che hält, weil er das Ver­sin­ken fürch­tet. Dann kann er Ant­wor­ten ge­ben auf die Fra­gen, die ihn so be­we­gen. Man­che Ex­em­pla­re zu­min­dest, meist die jün­ge­ren: Wo bin ich? Wo ge­he ich hin? Wer bin ich? Was will ich?

Doch weg­ge­hen, fort­schrei­ten, heißt: es ver­fällt et­was, wird nicht mehr zu­sam­men­ge­hal­ten, ist auf­ge­bro­chen wor­den. Das Ro­man­ti­sche scheint ge­gen die­sen Ver­fall (der Sit­ten, des Frü­her,…) et­was zu ha­ben. Es will auf der un­ge­bro­che­nen Schol­le ver­har­ren, sie be­wah­ren vor ih­rer Ver­gäng­lich­keit. „Oh Au­gen­blick, ver­wei­le doch!«

Doch eben­so lässt die­ser Fort­schritt, schau­en wir doch in die Welt!, die Er­star­rung un­se­res Geis­tes fort­schrei­ten. Der Fluss kommt zum Er­lie­gen. Das Flui­dum zwi­schen den Bruch­stü­cken ver­schwin­det. Der Rest ist 0, die Welt als ein Gan­zes be­re­chen­bar, vor­her­sag­bar, voll­kom­men er­klär­bar. Das Vor­her und das Nach­her zur Gän­ze auf­ge­klärt. Tot.

Nun ist ge­gen Fort­schritt frei­lich nichts ein­zu­wen­den und es liegt ja nun eben wohl auch in der Na­tur des Men­schen. Die Fra­ge nur: Wie vor der Er­star­rung, der Kris­tal­li­sa­ti­on, schüt­zen? Wie im Fluss blei­ben, da­mit auch wei­ter­hin gel­ten kann: »pan­ta rhei«? Wie die Welt nicht als Di­vi­du­um be­grei­fen, be­greif­bar ma­chen, al­so als ein er­starr­tes, aus­ein­an­der­ge­bro­che­nes, kris­tal­li­sier­tes Et­was? Wie die Le­ben­dig­keit am Le­ben, im Fluss, hal­ten — und den­noch fort­schrei­ten? Wie im Gan­zen tau­chen?

Nun, der Au­gen­schein legt es nah: In-Di­vi­du­um! Das Un­teil­ba­re, Un­spalt­ba­re, der ver­ma­le­dei­te Rest! Das, was mit nichts iden­tisch ist, sich nicht tei­len lässt. Das Da­zwi­schen, das al­les zu­sam­men­hält, ein Me­ta­xy. Die Welt wird, so­lan­ge es min­des­tens ein In-Divi­du­um gibt, nicht als Gan­zes be­re­chen­bar sein, mö­gen es auch nur zwei Tei­le sein! Frei­heit! Unfassbar(keit)!

Der Mensch braucht, of­fen­bar, ein Zwi­schen-sein, ein „in­ter es­se“. Es ist die Le­bens­welt, die er sich mit sei­ner Kraft zur Spal­tung ge­schaf­fen hat. Er kann an­ders nicht über­le­ben.

Wirk­lich? Nun: Er wüss­te nur nichts über sei­ne Exis­tenz lo­gisch aus­zu­sa­gen, gleich­wohl mehr von ihr sinn­voll zu er­zäh­len. Oder auch, die Wor­te Ver­stand und Ver­nunft ins Spiel ge­bracht: Er wür­de we­ni­ger ver­ste­hen wol­len und so wo­mög­lich mehr ver­neh­men kön­nen.

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Weltbild, egozentrisches

Eine kurze Meditation zur akademischen Philosophie, Wissen und Ethik, Weisheit und Moral. Mit einem Seitenblick auf aktuelle Verhaltensweisen.

Phi­lo­so­phie kann viel­leicht auch als Be­schäf­ti­gung mit Welt­an­schau­ung und Mo­ral und dem kri­ti­schen Ver­hält­nis zu die­sen auf­ge­fasst wer­den. Ob das dann auch Phi­lo­so­phie ist, die ja zu­min­dest in der uni­ver­si­tä­ren Aka­de­mie sich der Wis­sen­schaft und Ethik ver­pflich­tet fühlt, nach der Ver­all­ge­mei­ner­bar­keit von al­lem sucht (‚Welt­for­mel‘) und nicht nach ei­nem nach­voll­zieh­ba­ren Sinn, ist aus aka­de­mi­scher Sicht ge­wiss frag­lich. Und so zeigt sich doch ein wo­mög­lich we­sent­li­cher Un­ter­schied zwi­schen Wis­sen und Weis­heit.

Sie, die sich ab­ge­hängt füh­len in die­ser leis­tungs­ori­en­tier­ten und auch im­mer kom­ple­xer – viel­leicht so­gar da­zu noch kom­pli­zier­ter – wer­den­den Ge­sell­schaft, gren­zen sich durch ihr Ver­hal­ten und ih­re Ein­stel­lun­gen selbst aus und be­schwe­ren sich dann über Aus­gren­zung.

Sie emp­fan­den sich als ty­ran­ni­siert und ty­ran­ni­sie­ren jetzt zu­rück, in­dem sie sich z.B. ei­ner Co­ro­­na-Imp­­fung ver­wei­gern. Sie de­mons­trie­ren so Macht und ver­hal­ten sich so zu ih­rer Ohn­macht, die­se kom­pen­sie­ren wol­lend.

Hier zeigt sich die nietz­schea­ni­sche Skla­ven­mo­ral, die von Res­sen­ti­ment und Ra­che ge­trie­ben ist. Auch und ge­ra­de, wenn die Skla­ven der Un­mün­dig­keit mei­nen, ei­ne Her­ren­mo­ral an den Tag zu le­gen.

Denk­zet­tel 212

Ge­horcht die Mo­ral Ge­set­zen? War Kant wirk­lich durch ein mo­ra­li­sches Ge­setz in sich mit zu­neh­men­der Be­wun­de­rung und Ehr­furcht im Ge­müt er­füllt? Oder ist Mo­ral, an­ders als die Ethik, nichts, das ver­all­ge­mei­nert wer­den kann, son­dern viel­mehr aus ei­ner Si­tua­ti­on mit vie­len das Ur­teil und ei­ne Hand­lungs­ent­schei­dung be­ein­flus­sen­den Fak­to­ren ad hoc im Sub­jekt ent­steht? So ge­se­hen ist mo­ra­li­sches Han­deln nicht lehr­bar, nur üb­bar. Und Mo­ra­li­tät so ge­se­hen kein Ge­setz in uns, son­dern viel­leicht ein Trieb, den wir spü­ren — über den wir uns al­ler­dings hin­weg­set­zen kön­nen wie über ei­nen Ge­dan­ken. Und Mo­ral ist dann: Äs­the­tik — und kei­ne Ethik. Auch wenn die Ethik für sich be­an­sprucht, die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Mo­ra­len er­ken­nen zu kön­nen: Sie kann es nicht. Denn: Schön­heit kennt kei­ne ob­jek­ti­ven Re­geln und liegt im Sin­ne der je Be­trach­ten­den. (Was nicht aus­schließt, dass es et­was gibt, dass al­le Be­trach­ten­den als schön emp­fin­den. Doch es ist mehr als frag­lich, ob sich ei­ne Re­gel für die­ses Emp­fin­den fin­den lässt, ei­ne: For­mel.)

Das gu­te Han­deln ist nicht mit der Lo­gik der Er­kennt­nis ver­wirk­lich­bar, ein rich­ti­ges, al­so ge­setz­ten Re­geln be­fol­gen­des, schon. Es geht beim mo­ra­li­schen Tun um sub­jek­ti­ven Sinn, nicht um ob­jek­ti­ve Er­kennt­nis. Frei­lich träu­men die Ethiker_n da­von, die Welt­for­mel des Gu­ten – und da­mit die lo­gi­sche De­fi­ni­ti­on des Bö­sen – zu fin­den. Doch es bleibt wohl da­bei, dass dies De­fi­ni­ti­ons­sa­che ist. Es gibt kei­ne na­tür­li­che Ethik, wie es ei­ne na­tür­li­che Phy­sik gibt: Ver­schwin­det der al­ler­letz­te Mensch, das al­ler­letz­te sich ei­nes mo­ra­li­schen Po­ten­ti­als be­wuss­te We­sen, aus die­sem Uni­ver­sum, die­sem be­stirn­ten Him­mel, gibt es kei­ne Ethik mehr. Phy­sik in­des gleich­wohl, zu­min­dest ist ver­nünf­ti­ger­wei­se da­von aus­zu­ge­hen — Wis­sen kann dies in­des nie­mand, man be­gnügt sich al­so mit ei­ner Ge­wiss­heit — wer woll­te es wem wie be­wei­sen wol­len, ist das letz­te We­sen ver­gan­gen?

Ge­set­ze, Re­gel­mä­ßig­kei­ten der ma­te­ri­el­len Welt sind nun mal, bzw. soll­ten nun mal nicht die Grund­la­ge der im­ma­te­ri­el­len Welt sein. Son­dern freie Ent­schei­dun­gen. Und un­ter­lä­gen die­se Re­geln, so sind sie nicht mehr frei. Wer von ei­ner lo­gis­ti­schen Ethik träumt, alb­träumt vom gänz­lich de­ter­mi­nier­ten Men­schen, der da­mit letzt­lich durch und durch kon­trol­lier­bar ist. Über­las­sen wir doch die­se Un­frei­heit, die­se Skla­vi­tät, den Ma­schi­nen, die wir bau­en. Sie un­ter­lie­gen un­se­rer Re­gu­la­ti­ons­wut. Die Na­tur nicht. Auch wenn wir da­von träu­men und die­ser Traum viel­leicht so­gar ei­nes Ta­ges wahr wird. Die Fra­ge ist dann wohl: Kann ei­ne sol­che vom Men­schen durch­ge­re­gel­te Na­tur dem Men­schen noch ein ad­äqua­tes Ha­bi­tat sein?

Ethik, so kann ge­sagt wer­den, ist ei­ne Sa­che des Ver­stan­des — Mo­ral in­des ei­ne An­ge­le­gen­heit der Ver­nunft. Ihr liegt am gu­ten Le­ben, dem Ver­stand am rich­ti­gen.

Kein Mensch han­delt auf Ba­sis ei­nes schlech­ten Grun­des. Das ha­ben wir mit den Tie­ren ge­mein.
(Kein Mensch baut ein Haus wis­sent­lich auf schlech­tem Grund, au­ßer, da­mit ist et­was be­ab­sich­tigt — von dem be­wusst oder un­be­wusst er­war­tet wird, dass es ei­nem gut tut. Wir sind Gut­men­schen. Al­le.)

Denk­zet­tel 213

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Alles neu macht der … November

Eine kleine Etymogelei. Über das Unbestimmte.

no­vem“, lat. Zahl­wort „neun“ und auch 1. Per­son Sin­gu­lar Prä­sens Kon­junk­tiv Ak­tiv zu In­fi­ni­tiv „no­va­re“: „ich er­neue­re“.

Wes­halb dann der No­vem­ber als ‚Trau­er­mo­nat‘? Des Ne­bels we­gen? Die­ser Ne­bel, Sinn­bild der Zu­kunft als sol­cher: Un­ge­wiss, un­ge­schrie­ben, un­klar, un­be­stimmt. Un­ent­bor­gen.

Das Neue hat ei­ne Ei­gen­schaft, die viel­leicht in un­se­rer wachs­tums­ori­en­tier­ten Ge­sell­schaft nicht wahr­ge­nom­men wer­den will, weil es Wachs­tum re­la­ti­viert, ja so­gar fast zu ei­ner Null­li­nie macht: Wo Neu­es ent­steht (al­so ins Lau­fen kommt, „ent-“ wie in „ent­steint“, das En­de des Ste­hens, des­sen, was ist, be­zeich­nend), geht alt Ge­wor­de­nes, ‚ver­west‘1⇣„ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr besteht.„wesen“ … Wei­ter­le­sen…. Wo Neu­es ent­steht, schwin­det der Ne­bel: er wird ge­wan­delt; aus Po­ten­tia­li­tä­ten wird ei­ne Rea­li­tät. Bli­cken wir zu­rück, ist dort kein Ne­bel. Der liegt im­mer vor uns.

Es ist wahr, was die Phi­lo­so­phie sagt, dass das Le­ben rück­wärts ver­stan­den wer­den muss. Aber dar­über ver­gisst man den an­dern Satz: dass vor­wärts ge­lebt wer­den muss.

Sø­ren Kier­ke­gaard

Die­se Welt ist ein Um­schlag­platz. Und das, was wir so gern als Wachs­tum mit ei­ner Kur­ve an die Ta­fel zeich­nen, wird des­halb kon­stant blei­ben, in Sum­ma. Weil es kein Wach­sen an­zeigt, son­dern den Um­schlag, den Wech­sel. Mal schnel­ler, mal lang­sa­mer; mal mehr, mal we­ni­ger.

Und nichts in die­ser Welt ist so dau­er­haft wie der Wan­del: ei­ne wohl ewi­ge Kon­stan­te, die­ser, an sich, als sol­cher; ei­ne Qua­li­tät, die in un­ter­schied­li­chen Quan­ti­tä­ten für uns in Er­schei­nung tritt. Und Trau­er, dies sei an­ge­merkt, kann auch ge­le­sen wer­den als Auf­for­de­rung, sich [et­was] zu[ ][zu]trauen. Sich zu: Ver­wan­deln.

Doch oh­ne Ne­bel als „Mas­se“ ist nichts mehr da, was ge­wan­delt wer­den könn­te. Ei­ne Welt oh­ne un­be­stimm­te Po­ten­tia­le kann kei­ne Rea­li­tät her­vor­brin­gen.

Kei­nen ori­en­tie­ren­den Ho­ri­zont. In ei­ner Welt oh­ne Un­be­stimmt­heit kann nicht ge­lebt wer­den. Und da­mit auch nicht: ver­stan­den wer­den.

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Re­fe­ren­ces
1 „ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr be­steht.
„we­sen“ Verb: (als le­ben­de Kraft) vor­han­den sein.
Quel­le: dwds.de

Unbrauner Fliegenschiss

Eine Generationen(ab?)rechnung.

2500 Jah­re sind ca. 84 Ge­ne­ra­tio­nen à 30 Jah­re.

84 Ge­ne­ra­tio­nen ge­schrie­be­ne Phi­lo­so­phie.

30 Jah­re: Nichts. (Aus der Per­spek­ti­ve ei­nes 58-Len­zi­gen.)

2500 zu 84.

84.

Nur!

Nur!!

Selbst wenn die Mensch­heits­ge­schich­te Ar­te­fak­te fin­det, die 5000 Jah­re alt sind:

Das sind nur 167 Ge­ne­ra­tio­nen!

Nur ! !

5000 zu 167.

Das ist: So gut wie nichts. Ein Hüs­teln des Mensch­seins, al­len­falls, wenn über­haupt.

Und jetzt als un­ge­fäh­re Glei­chung:

84 ~ 250030.
167 ~ 500030.

Oder, um­ge­formt:

30 ~ 250084.

Pas­cal: Stern­schnup­pe.

(Ma­gie der gro­ßen Zahl / Rea­li­tät der schlich­ten Re­la­ti­on.)

Nur ! !

Will hin­wei­sen auf: nach nur 84 Zy­klen der Re­pro­duk­ti­on ist Mensch als sol­cher in der La­ge, das ge­schrie­be­ne Wort in et­was hin­ein­zu­tip­pen oder auf et­was rum­zu­ha­cken (was den da­zu noch frü­he­ren Stein­ta­feln dann wie­der ent­spre­chen wür­de) und rund um die Welt zu schi­cken, in na­he­zu Licht­ge­schwin­dig­keit.

Nach nur 84
( in Wor­ten: vier­und­acht­zig )
Re­pro­duk­ti­ons­zy­klen
ist Mensch
da­zu in der La­ge!

(Frei­lich kann auch recht nüch­tern kon­sta­tiert wer­den: scheint wei­ter kei­ne gro­ße Sa­che zu sein…)

Die Mensch­heits­ent­wick­lung in Ge­ne­ra­tio­nen zu fas­sen kann wirk­lich sehr viel re­la­ti­vie­ren.

Ich mag das Wort De­mut über­haupt nicht. Doch hier er­man­gelt es mir ei­nes ad­äqua­te­ren Wor­tes.

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Wahrheit & Wirklichkeit

Über Kultur & Natur, Verstand & Vernunft, Erkenntnis & Einsicht. Über den Menschen. Als Tier.

Inwie­weit kann über das Le­ben phi­lo­so­phiert wer­den im Sin­ne: ei­ne ‚Wahr­heit‘, (ob­jek­ti­ve) ‚Er­kennt­nis­se‘, ‚Wis­sen‘ zu (er)finden?

In­wie­weit fin­det sich die Philosophie des Le­bens dar­in: es ein­fach zu le­ben, das je ei­ge­ne Le­ben, wie es sich für ein In­di­vi­du­um er­gibt, er­ge­ben mag, er­ge­ben will?

Dar­in, das je ei­ge­ne Le­ben für sich zu be­ja­hen, in al­ler Kon­se­quenz — und über so ge­won­ne­ne ‚An­sich­ten‘, (sub­jek­ti­ve) ‚Ein­sich­ten‘, ‚Weis­heit‘ sich, durch­aus sich selbst und ge­gen­sei­tig kri­tisch hin­ter­fra­gend, aus­zu­tau­schen, den ei­ge­nen Ho­ri­zont so al­so er­wei­ternd.

In­wie­weit wä­re ei­ne Philosophie des Le­bens al­so we­ni­ger er­kennt­nis­theo­re­tisch zu fun­die­ren und ist mehr in der ver­ste­tig­ten Übung ei­ner Ein­sichts­pra­xis zu be­grün­den? In­wie­weit soll sie al­so nicht ‚Wis­sen‘ der ‚Wahr­heit‘ zum Ziel ha­ben („Macht“), son­dern ‚Mut‘ zur ‚Wirk­lich­keit‘ („Ver­mö­gen“) ver­mit­teln?

In­wie­fern wä­re ein Aus­tausch von, al­so Han­del mit, Ein­sich­ten ei­nem An­grei­fen und Ver­tei­di­gen, ei­nem Krieg der Er­kennt­nis­se, vor­zu­zie­hen?

Ist denn ein Kampf um die Wahr­heit wirk­lich so er­stre­bens­wert? Soll­te nicht das Au­gen­merk auf das Ver­hält­nis zur Wirk­lich­keit ge­rich­tet sein — auch und ge­ra­de in der Philosophie? Führt sich denn ein Le­ben gut, lässt es sich gut füh­ren, wenn es sich al­lein auf Er­kennt­nis­se des Ver­stan­des stützt?

Ist Wahr­heit denn nicht: ein Kon­strukt un­se­rer Wirk­lich­keit, un­se­rer Ver­wirk­li­chung als Men­schen? Tie­re ken­nen kei­ne Wahr­heit, nur Wirk­lich­keit. Was nutzt uns Men­schen denn die­se Wahr­heit, ei­gent­lich?

Viel­leicht dient sie letzt­lich nur da­zu, uns nicht ge­gen­sei­tig zu ver­nich­ten. Und doch kann sie auch ge­dacht wer­den als An­trei­ber ge­nau die­ser Selbst­ver­nich­tung. Die Krie­ge auf dem Ge­biet der zur Re­li­gi­on über­höh­ten Welt­an­schau­un­gen sin­gen da ja ein lau­tes Lied. Ein Kla­ge­lied, wohl.

Der Ver­stand, der die Wahr­heit sucht, gar: braucht, mag ein hilf­rei­cher Ge­sel­le sein. Doch wenn wir ei­nen Ge­sel­len zum Kö­nig kü­ren, gibt es da nicht ein Qua­li­täts­pro­blem? Ver­sagt denn da nicht un­se­re Ver­nunft? Geht das nicht an der Wirk­lich­keit vor­bei?

Die Wahr­heit ist ein Kon­strukt un­se­res Geis­tes. Um zu le­ben, brau­chen wir kei­ne Wahr­heit. Sie ist ei­ne Ar­chi­tek­tin un­se­rer Kul­tur, kein Arzt un­se­rer Na­tur. Wir wer­den auch im­mer Tie­re blei­ben. Tie­re die Hun­ger ha­ben und Durst. Tie­re, die sich ver­meh­ren wol­len. Tie­re, die ihr Re­vier ver­tei­di­gen. Tie­re, die kämp­fen. Tie­re, die über­le­ben wol­len. Die­ses Tier geht nicht weg, es ist im­mer da. Un­se­re Kul­tur ist ein na­tür­li­cher Über­bau. Und von dem aus ha­ben wir das Tier im Men­schen fest­zu­stel­len, zu kon­sta­tie­ren. Kein Weg führt dar­an vor­bei. Die­se Sicht ist ver­nünf­tig, auch wenn der Ver­stand sich ge­gen die­se Wahr­heit wehrt. So Man­che wol­len das nicht wahr­ha­ben, das Tier im Men­schen fürch­tend.

Ob die­ses Tier ein Wolf oder ein Lamm ist, ein Wal oder Hai­fisch, ein Or­ka oder Wal­hai, das liegt in der Macht des Men­schen. Und kein Mensch ist sei­nem Tier aus­ge­lie­fert, prin­zi­pi­ell. Wir sind die Domp­teu­re un­se­res Tiers in uns. Da sind die Krie­ger: ge­züch­te­te Hai­fi­sche. Da sind die Kämp­fer: ge­züch­te­te Gnus. Und da sind eben die fried­li­chen und un­fried­li­chen: ge­züch­te­te Tie­re. Ab­ge­rich­tet.

Wer es nicht schafft, sei­nen „Wil­len zur Macht“ für sich selbst zu nut­zen, wird ein Skla­ven­le­ben füh­ren müs­sen. Ja? Nein! Sie kann ge­nau­so ein Her­ren­le­ben füh­ren. Doch die Macht über die Macht, die hat nicht, wer sich nicht dar­auf ver­steht, sei­nen „Wil­len zur Macht“ für sich nutz­bar zu ma­chen. Er wie sie wer­den ein Her­den­tier sein. Auch Leit­ham­mel und ‑lö­win­nen sind: Her­den­tie­re. Mag ei­ne Her­de auch als Ru­del da­her­kom­men.

Der ver­nünf­ti­ge Mensch sucht doch die Frei­heit, die Wahl. Die Ver­ant­wor­tung da­mit, auch. Das ist die Wirk­lich­keit des Men­schen, in eben die­ser Frei­heit zu ste­hen. Was heißt: zu su­chen braucht er sie nicht, er hat sie schon. Nur sie auch zu le­ben, das traut er sich noch nicht. In 10000 Jah­ren wird die Welt an­ders aus­se­hen.

Er miss­traut sei­ner Na­tur. Sieht sie als Dunk­les, Be­droh­li­ches, Un­be­herrsch­ba­res. Schafft Wahr­hei­ten, um das Dun­kel zu be­herr­schen. Und ist von sei­nem ei­ge­nen Licht ge­blen­det. Sieht nicht, ver­steht nicht, dass er nur sich selbst be­leuch­tet — doch er­klärt so die gan­ze Welt.

Das Mons­ter des Men­schen steckt doch in sei­ner Kul­tur­fä­hig­keit, die Kul­tur ist das Mons­ter, das er fürch­ten soll­te. Sei­ner Na­tur nach ist der Mensch ver­nünf­tig — und sei­ne Na­tur hat sich bis­her im­mer durch­ge­setzt. Noch ist die Mensch­heit nicht durch ei­ne Apo­ka­lyp­se von der Bild­flä­che des Uni­ver­sums ver­schwun­den. Doch Hoch­kul­tu­ren ver­schwin­den ir­gend­wann, da reicht ein ver­nünf­ti­ger Blick in die Ge­schich­te völ­lig aus.

Und die­se Kul­tur­fä­hig­keit — ge­hört zu sei­ner Na­tur. Sie ist das Tier, das es zu bän­di­gen gilt. Die Ver­nunft, die Na­tur des Men­schen, ist Herr über den Ver­stand, die Kul­tur des Men­schen. Der Ver­stand ist ein Knecht, kein Herr. Und im Grun­de ist der Mensch: Chao­tisch. Ver­nünf­tig. Doch das schmeckt sei­nem Ver­stand nicht, der das Cha­os fürch­tet. Weil es ihn des­ori­en­tiert, wenn er kei­ne Re­gel ent­de­cken kann, nichts vor­her­sa­gen kann. Der Mensch fürch­tet sich, wenn er nicht wis­sen kann, was ihn er­war­tet. Zu­min­dest ver­un­si­chert es ihn, wes­halb ihm der Ver­stand mit auf den Weg ge­ge­ben wur­de. Oder, dar­wi­nis­ti­scher for­mu­liert: Sich evo­lu­tiert hat. Da­mit er sich nicht so fürch­tet.

Der Ver­stand des Men­schen (zer)stört das Kli­ma, der Ver­stand des Men­schen be­grün­det ei­nen Ge­no­zid, der Ver­stand des Men­schen lässt ihn Krie­ge füh­ren — al­les im Na­men der Wahr­heit.

Die Kunst ist kein Pro­dukt der Kul­tur des Men­schen, sei­nes Ver­stan­des — es ist ein Ge­wächs sei­ner Na­tur, des Tie­res in ihm, sei­ner Ver­nunft. Es ist die Kunst, die den Men­schen aus den Mi­se­ren, die er mit sei­ner Kul­tur selbst ge­schaf­fen hat, ret­tet.

»Der Mensch ist dem Men­schen ein Wolf« mein­te Hob­bes. Nietz­sche könn­te, viel­leicht, sa­gen: Der Mensch ist dem Men­schen (s)eine Kul­tur.

Phi­lo­so­phie soll­te Kunst sein, nicht Wis­sen­schaft. Ver­nunft, nicht Ver­stand. Na­tur, nicht Kul­tur. Der Mensch ist ein na­tür­lich phi­lo­so­phi­sches We­sen und nur kul­tür­lich ein wis­sen­schaft­li­ches.

Bis hier­hin al­les schön schwarz-weiß, dem Ver­stan­de leicht ver­dau­lich. Las­sen wir nun Ver­nunft wal­ten, be­ge­ben wir uns al­so jen­seits von wahr oder falsch, Dis­junk­ti­on und Kon­junk­ti­on. Be­tre­ten wir das Reich der Ver­nunft. Den Ver­stand, das Drän­gen nach Er­kennt­nis, nach Wahr­heit, wahr sein, hin­ter uns las­send, die Ein­sicht vor uns. Wen­den wir uns dem Cha­os zu. Se­hen wir nach vor­ne.

Der ver­nünf­ti­ge Mensch ist ganz Na­tur. Ker­nig, erd­ver­bun­den, un­auf­ge­regt. Be­schei­den. Hät­te der Mensch kei­ne Kul­tur, die­ser Pla­net wä­re der fried­lichs­te Ort mit der bes­ten Luft und den güns­tigs­ten Ha­bi­tat­be­din­gun­gen für den Men­schen, die sich nur den­ken las­sen. Ein: Pa­ra­dies.

Wenn da nicht die Mü­hen der Jagd wä­ren. Und der be­eng­te Raum. Und die Neu­gier, die Gier über­haupt. Und dann die­ser Win­ter. Und der Som­mer erst, je nach Ge­gend. Nein, die­ses Ha­bi­tat er­scheint dem Ver­stand, dem Be­quem­lich­keit su­chen­den Hirn, des En­er­gie­spa­rens we­gen, gar nicht so ge­müt­lich. Das Ha­bi­tat will kul­ti­viert sein, wohn­lich hat es zu sein!

Da ist’s dann auch schon wie­der vor­bei mit der Ver­nunft, der gie­ri­ge Schlund der Kul­tur öff­net sich und ver­leibt sich das Ha­bi­tat ein. Die Ver­nunft für sich al­lein scheint al­so nicht be­son­ders stark zu sein.

Um nun al­so als Men­schen uns selbst das Was­ser nicht ab­zu­gra­ben vor lau­ter Kul­tur­drang und Na­tur­ver­ach­tung, bleibt wohl doch nur die Flucht nach vor­ne: sich jen­seits von gut & bö­se, wahr und falsch, Cha­os und Kos­mos, Ver­nunft und Ver­stand zu be­ge­ben. Ein Land, das wir uns gar nicht vor­stel­len kön­nen. Und das es viel­leicht – des­halb? – nicht gibt.

Und doch gibt es ei­nen Ort jen­seits von: Das Zwi­schen. Das Zwi­schen von Na­tur und Kul­tur. Das Zwi­schen von Ver­nunft und Ver­stand. Da, wo der Mensch noch Mensch sein darf: Na­tur mit Kul­tur, Kul­tur mit Na­tur. Ver­nunft mit Ver­stand, Ver­stand mit Ver­nunft. Cha­os mit Kos­mos, Kos­mos mit Cha­os. Ein un­mög­li­cher Ort, ei­ne Uto­pie, weil in sich wi­der­sprüch­lich? Nein! Die­se Er­kennt­nis der Wi­der­sprüch­lich­keit ist ein Wi­der­spruch des Ver­stan­des, wie der ver­nünf­ti­ge Mensch so­fort ein­se­hen kann. In die­sem „mit“ liegt der Schlüs­sel zur Glück­se­lig­keit. Es ver­mit­telt die Ge­gen­sät­ze ver­nünf­tig, die der Ver­stand ge­schaf­fen hat.

Cha­os hat auch die Be­deu­tung je­ner Dunst­schicht zwi­schen Him­mel und Meer. Ur­sprung der bei­den, so zu­min­dest dach­ten sich das wohl man­che in der An­ti­ke in Grie­chen­land. Und so kön­nen wir auch den Men­schen in eben die­sem Cha­os, in die­ser Un­be­stimmt­heit, Un­be­stimm­bar­keit, in die­ser Gren­ze, die nur als Über­gang, als An­gren­zung und nicht Ab­gren­zung in den Blick kommt, ver­or­ten. So an­ge­se­hen, kann der Mensch als Schöp­fer von oben und un­ten, von Him­mel und Meer, von Apoll und Dio­ny­sos, auf­ge­fasst wer­den — sich selbst je­doch nicht er­rei­chend, im Cha­os ver­schwin­dend. Ein sol­ches An­se­hen des Men­schen durch den Men­schen selbst kann nun – viel­leicht – eben als ein Akt des ver­nünf­ti­gen Ver­stan­des, der ver­stän­di­gen Ver­nunft in­ter­pre­tiert wer­den. Es ist Ein­sicht wie Er­kennt­nis: er­ken­nen­de Ein­sicht, ein­sich­ti­ge Er­kennt­nis.

Der Mensch: Ein Zwi­schen. Ein In­ter-es­se, ein „da, zwi­schen“, „in Mit­ten“ sein.

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Ein Blick nur

Eine kurze Meditation.

Die Tat der Sa­che ist es,
sich zu An­de­rem zu ver­hal­ten.

Ist es ei­ne Tat der Sa­che? Doch wohl eher ei­ne Tat ei­nes We­sens.

Nicht die Sa­che ist der Tä­ter, das Tä­ti­ge. (Es ist z. B. ein Mensch.)

Ein Stein wird erst durch z. B. den Men­schen zum Werk­zeug, ein Ham­mer zur Keu­le.

Was al­so ist ei­ne Tat­sa­che? Die Wirk­lich­keit ei­nes Sach­ver­hal­tes! Das Wirk­lich wer­den ei­nes Sach­ver­halts, z. B. durch den Men­schen.

Die Aus­sa­ge: „Das Gras ist grün.“ wird erst durch ein We­sen wahr, wirk­lich. (z. B. durch ei­nen Men­schen.)

Doch ein ge­eig­ne­tes Mess­in­stru­ment be­legt doch, dass das Gras auch oh­ne ei­nen ein­zi­gen Men­schen grün ist!

Ja, ja! Nur: Wo stammt das Mess­in­stru­ment her? Ist es vom Him­mel ge­fal­len?

Und über­haupt: Ist das Gras auch bei Neu­mond und stark be­deck­tem Him­mel und oh­ne Ta­schen­lam­pe o. ä. grün? Ja?

Man le­ge ei­nen em­pi­ri­schen, wirk­lich em­pi­ri­schen, al­so sinn­lich er­fahr­ba­ren, Be­weis da­für vor und kei­nen theo­re­ti­schen, epis­te­mi­schen, lo­gi­schen!

Das sinn­lich nicht Be­leg­ba­re be­deu­tet kei­nes­wegs, dass es sich nicht tat­säch­lich so ver­hält, wie ei­ne Theo­rie, wiss. Er­kennt­nis oder Lo­gik ver­mu­tet, vor­her­sagt, be­sagt!

Doch vom wahr­lich Em­pi­ri­schen her bleibt uns doch nichts an­de­res üb­rig, als ei­ner theo­re­ti­schen, epis­te­mi­schen, lo­gi­schen Aus­sa­ge Glau­ben zu schen­ken, sie al­so als Wahr ha­ben zu wol­len – oder eben nicht. (Weil uns das z. B. bes­ser in den Kram passt, wel­cher Art die­ser Kram heu­te oder mor­gen, nach­her oder ge­ra­de jetzt auch sei.)

— Ge­dan­ken­sprung —

Die Lee­re ist kei­ne Tat­sa­che im ge­mei­nen Sin­ne. Sie ist ein Fak­tum, ein Sach­ver­halt des mensch­li­chen Geis­tes, von ihm ge­mach­tes, ein: Ar­te-Fakt, ein „künst­li­cher Sach­ver­halt“.

Die Welt ist nicht leer und das ge­mei­ne Nichts gibt es nicht. Doch be­vor wir ein Ur­teil fäl­len, be­vor wir die Welt er-ken­nen, ist sie für uns: leer. Bar je­den Ur­teils, bar je­den Sach­ver­halts, bar je­der Tat-Sa­che, bar je­den Dings.

Und dies ist ei­ne un(ver)mittelbare Ein­sicht der Ver­nunft. Kei­ne durch ei­ne Me­tho­de ver­mit­tel­te Er­kennt­nis des Ver­stan­des.

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Und die Moral von der Geschicht’ …

Nietzsches »Jenseits von Gut und Böse«, nur anders.

Das „Jen­seits von“ die­ser Be­trach­tung ist das Jen­seits von My­thos und Lo­gos und will nun über­haupt kei­ne Theo­lo­gie als Gram­ma­tik ver­ste­hen (Wittgenstein/Luther) oder an­de­re Tricks ein­set­zen, um über et­was zu re­den, wo­von not­wen­di­ger­wei­se nur ge­schwie­gen wer­den kann. Dies Jen­seits ist ge­fasst in Sprach­lo­sig­keit, über die ge­spro­chen wer­den soll, auch wenn sie eben nicht di­rekt aus­ge­spro­chen wer­den kann. Denn in die­ser Sprach­lo­sig­keit ver­schwin­det der Mensch ja nicht. Er bleibt ja da — nun eben als Natur‑, nicht als Kul­tur­we­sen. Sei­ne Le­bens­welt mag da sei­ne Gren­ze fin­den, sei­ne na­tür­li­che Welt­lich- und Wirk­lich­keit nicht.

Und was ist er nun als sol­ches Na­tur­we­sen? Ei­ne „blon­de Bes­tie“ wie ihn Nietz­sche ter­mi­nier­te? Oder doch letzt­lich ein Geist­we­sen, wie es Esoteriker/innen wohl an­denken? Oder ein geist­li­ches, ver­geis­tig­tes We­sen, wie sie in Kir­chen durch­aus an­zu­tref­fen sind?

‚Geist‘ sei hier als zur Na­tur des Men­schen ge­hö­rend und ihn zur Kul­tur be­fä­hi­gend ge­dacht. Doch die­ser ‚Geist‘ scheint we­der Gott noch Wil­le, noch sons­ti­ger jen­sei­ti­ger, ‚hö­he­rer‘, über­sinn­li­cher Art und Wei­se zu sein; noch scheint er ra­tio­nal be­greif­bar, noch ver­nünf­tig er­fass­bar zu sein. Er ist ein­fach ‚da‘. Es ist wirk­lich: „da sein“ (Heid­eg­ger). Er ist Teil un­se­rer Na­tur, ent­steht in un­se­rem Kör­per, der dann eben als ‚be­seelt‘ er­scheint, un­se­rer Selbst­wahr­neh­mung wie der Wahr­neh­mung an­de­rer nach. Und so man­che glau­ben dar­an, dies kä­me eben von ei­nem wie auch im­mer ge­ar­te­ten ‚Oben‘. Doch wir kön­nen den ‚Geist‘ nicht fas­sen – wie das Geis­ter ja so an sich ha­ben sol­len –, we­der be­griff­lich noch emp­fin­dend und er wird wohl auch nicht di­rekt ver­mess­bar sein. An der Kul­tur be­mer­ken wir ihn, da ma­ni­fes­tiert er sich, wird ‚sicht­bar‘, doch eben nur als Epi­phä­no­men, nicht als Phä­no­men an sich. Der ‚Geist‘ an sich ist für uns nicht er­reich­bar (Kant). Viel­leicht, weil er eben stets ‚im Be­griff ist zu sein‘ und so kein po­si­ti­ves Sein hat, al­so: im­ma­te­ri­ell bleibt. Ne­ga­tiv.

Und ich blei­be da­bei: die­ser ‚Geist‘ hat kei­nen Wil­len; ist rei­nes Me­di­um, pu­rer Ver­mitt­ler. Ver­mit­telt zwi­schen bio­lo­gi­schem Kör­per und na­tür­li­cher Welt, i.F. „Na­tur­welt“, zwi­schen Den­ken und Han­deln, Vor­stel­len und Wil­le (Scho­pen­hau­er). Und (v)erschafft als ‚Zwi­schen‘ Le­bens­welt.

Und man­che, weil sie Nicht-wis­sen-kön­nen nicht er­tra­gen kön­nen, ge­ben die­sem ‚Geist‘ ei­ne Ge­stalt: Gott. Na­tur. Kul­tur. Und ei­nen Wil­len, ein Ge­setz, ein letzt­end­li­ches Ziel be­kommt die­se Ge­stalt gleich mit. Und all dies sind je­doch eben nur ‚Hen­kel‘ (Fi­gal), mit de­nen sich un­ser Rech­nen der Welt hab­haft macht. Stel­len wir die­ses Rech­nen ein, be­schrän­ken uns völ­lig auf das Den­ken, al­so das Ver­neh­men des­sen, was ist, ver­schwin­det die Le­bens­welt zur Gän­ze. Da(s) ist die Na­tur des Men­schen: Reg- und ta­ten­los, al­so wil­len­los, ab­sichts­los, sitzt er da, ‚im Be­griff zu sein‘, al­so: im Wer­den. Wenn er nichts tut, wird er so ster­ben. Das ist, wie Nietz­sches „Wil­le zur Macht“ ‚ge­le­sen‘ wer­den kann — al­so Sinn ‚zwi­schen den Zei­len‘ her­aus­ge­pickt wie einst die Bee­ren im Wein­berg: der Mensch muss et­was tun, um zu über­le­ben. Er kann die­ses Tun un­ter­las­sen, doch dann stirbt er. Der Mensch muss et­was tun, ma­chen, mäch­tig, tä­tig sein, um zu über­le­ben. Von al­lein geht da gar nichts. An­ders eben als beim Tier, wel­ches über ei­nen sol­chen brem­sen­den, will mei­nen: wer­den­den ‚Geist‘, nicht ver­fügt. Für sich im­mer schon ist, und oh­ne sel­bi­gen eben weit­aus un­an­ge­streng­ter über­le­ben und sich fort­pflan­zen kann. Man könn­te fast mei­nen, der Mensch hat sich als Tier, wel­ches er ein­mal war, als völ­lig un­ge­eig­net er­wie­sen. Bis ‚Geist‘ in ihm ent­stand. Oh­ne je­nen wä­ren wir ver­schwun­den wie die Di­no­sau­ri­er.

Ist der Mensch al­so nur ein Män­gel­we­sen (Geh­len), so be­trach­tet? Eher nicht, son­dern viel­mehr im Ge­gen­teil: Er ist mit ‚Geist‘ über­füllt. Die­ser ‚Geist‘, Aus­brem­ser des Le­bens, weil er den Men­schen im ‚im Be­griff sein‘ fest­hält. So ge­se­hen hält der ‚Geist‘ den Men­schen fest: ein fest­ge­stell­tes, an­ge­na­gel­tes Tier.

Und es ist eben der Wil­le, für uns ver­nehm­bar als Wol­len, der den Men­schen aus der Un­tä­tig­keit holt und ihn Klei­der ma­chen lässt, Fleisch ja­gen und ko­chen lässt, Hüt­ten bau­en lässt, etc. pp., ihn der Fest­stel­lung ent­hebt. Der Wil­le, z. B. als Hun­ger ver­nom­men, und das Wol­len, wel­ches ihn die nächs­te Pom­mes-Bu­de an­steu­ern lässt. Ge­nau­er: mit­tels des­sen er die­se an­steu­ert, Wahl ist Wahl, da beißt die Maus kei­nen Fa­den ab. Der Wil­le, me­ta­pho­risch, viel­leicht bud­dhis­tisch, ge­spro­chen: der Durst, ist es, der den Men­schen aus sei­nem ‚im Be­griff sein‘ her­aus­holt, ihn in Be­we­gung setzt, aus sei­ner Un­tä­tig­keit, Un­mäch­tig­keit, zu dem ihn die­ser ver­ma­le­dei­te ‚Geist‘ mit sei­nem ‚im Be­griff sein‘ ver­don­nert. Der Mensch muss sich ge­gen sei­nen ‚Geist‘ durch­set­zen, will er über­le­ben. Er braucht den Durst, sein ‚Geist‘ kä­me nie auf die Idee, et­was zu trin­ken. Wo­zu auch? Er ist ja „eh da“.

Und die­ser Durst ist eben ei­ne An­ge­le­gen­heit des Kör­pers, nichts nicht-Kör­per­li­ches, ‚Geis­ti­ges‘. Der ‚Geist‘ ist die Brem­se des Mo­tors, der Ant­ago­nist des Wil­lens. Und oh­ne die­se Brem­se, ein „geist­lo­ser Mensch“ al­so, wä­re ein Mensch, der sich selbst ver­zeh­ren wür­de, in un­er­sätt­li­cher Gier. Al­lein der ‚Geist‘ mit sei­ner Ma­ni­fes­ta­ti­on des Den­kens, des Ver­nünf­tig seins, des Ge­wahr wer­den kön­nens was ist, hält ihn da­von ab, die Er­de, sein Ha­bi­tat, bis zum letz­ten Trop­fen aus­zu­trin­ken, aus­zu­beu­ten — zu zer­stö­ren.

Mo­ment! Da stimmt doch was nicht! Mensch macht doch ge­nau das! Zu­min­dest ist er, Kli­ma­wan­del nur als ein Bei­spiel, auf dem bes­ten We­ge das Tier in ihm mehr und mehr zu ent­fes­seln, zu be­frei­en, zu ent­fal­ten – das Tier, es ist noch nicht fest­ge­stellt, der Hund noch nicht an der Lei­ne. Er ent­geis­tet sich, sein Wil­le bricht sich in un­ge­zü­gel­tem Wol­len Bahn. Die Ver­nunft ver­sagt, das gie­ri­ge Tier bricht her­vor, wie ein Leit­wolf stürzt es sich auf sein Lamm um es zu ver­til­gen, vom Hun­ger – Neu­ge­bo­re­ne ha­ben Hun­ger, der ge­stillt sein will, nicht Durst, der zu lö­schen wä­re – ge­trie­ben.

Ei­ne Ma­ni­fes­ta­ti­on die­ses Wol­lens ist der Ver­stand. Im­mer aus­ge­klü­gel­te­re Tech­ni­ken ver­schafft sich der Mensch mit ihm, um die Er­de, ach was: das Uni­ver­sum! sich Un­ter­tan zu ma­chen, um Herr zu sein in der Na­tur­welt — wenn sei­ne Le­bens­welt schon auf’s Sprach­li­che be­grenzt ist. Und da wird dann eben nicht mehr nach ir­gend­wel­cher Mo­ral ge­fragt, son­dern al­lein der Nut­zen ist der Maß­stab. Da steht er dann, im Jen­seits von Gut und Bö­se. Meint er. Tat­säch­lich: Mit­ten­drin.

Will Mensch zu sei­ner Na­tur fin­den, kann er mehr ‚Geist‘ wa­gen. Nicht in Form dog­ma­ti­scher Kir­chen oder ent­fes­sel­ter Kunst noch sons­ti­ger kon­stru­ier­ter Ethi­ken und Äs­the­ti­ken, die ja letzt­lich auch nur Tech­ni­ken sind. Nein, in die­sem stil­len, oh­ne Ab­sicht sei­en­dem Da­sit­zen, Da­sein, ‚im Be­griff sein‘, die­sem … mo­ra­lisch sein, in­dem er sich so au­ßer­halb der Ethik von Gut und Bö­se hin­stellt, sich au­ßer­halb des Wi­der­spruchs be­gibt, da(s) ist sei­ne na­tür­li­che Kor­rek­tur — es braucht kei­nen Gott mehr, der kann tot sein. Der ent­fes­sel­te Ver­stand hin­ge­gen ge­hört nicht zu sei­ner Na­tur, er ist ein kul­tu­rel­les Gut. Die Evo­lu­ti­on hat ei­nen ver­nünf­ti­gen Men­schen her­vor­ge­bracht — doch er miss­ver­steht sich als ver­stän­di­ges We­sen. Und da er sich mit­tels des Ver­stan­des mit den Re­geln der Ra­tio­na­li­tät, des Nut­zens, des Ra­tio­nel­len im­mer wie­der auf’s Neue vor sich selbst recht­fer­ti­gen kann, wird sein „Wil­le zur Macht“ schließ­lich das Uni­ver­sum be­sie­gen. Und die Lo­gik gibt ihm Recht. Und reicht die nicht, ist’s die Gram­ma­tik, die ihn da­zu be­fä­higt. Passt auch das nicht, wird’s eben ei­ne Theo­lo­gie oder das rei­ne Glau­ben. Gott­ge­ge­ben, zu Recht ver­fer­tigt.

Ob zu sei­nem Wohl, bleibt frei­lich da­hin­ge­stellt. Denn es ist leicht sich vor­zu­stel­len, wo­hin die­ser Sie­ges­wil­le – der aus nichts an­de­rem ge­bo­ren wird als aus der pu­ren Furcht vor dem nicht­tä­ti­gen, un­mäch­ti­gen Da­sein, weil dies für ihn den Tod be­deu­te­te – ra­di­kal zu En­de ge­dacht, füh­ren wird: Zur Selbst­be­herr­schung. Doch die­se ist dann eben ei­ne Selbst­ver­nich­tung.

„So ist die Na­tur des Men­schen, er ist sich selbst ein Wolf, Ho­mo ho­mi­ni lu­pus!“ (Hob­bes).

Nein. So ist sei­ne Kul­tur. Das ver­wirk­lich­te Mär­chen vom bö­sen Wolf und den sie­ben Gei­ße­lein. Oder je­nes vom Rot­käpp­chen und dem bö­sen Wolf. Nur den Jä­ger (w/d/m), der den Men­schen aus dem Bauch sei­nes Wolf­s­eins be­freit, den gibt es nicht. Das müss­te ja ein ‚Über­mensch‘ sein, von ‚Oben‘ kom­men. Und so wird die­ses rea­li­sier­te Mär­chen dann kein gu­tes En­de fin­den. Im Ge­gen­satz zu dem, wel­ches er er­fun­den hat. Iro­nie des Schick­sals.

Au­ßer (je)der Mensch ent­deckt in sich den Jä­ger. Sei­nen ‚Geist‘.

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Zeitgeist

Wie entstehen Vergangenheit und Zukunft? Was ist Gegenwart?

Wir1⇣Das „Wir“ wird in die­ser Be­trach­tung sti­lis­tisch ver­wen­det und meint „Wir Men­schen“. Frei­lich ist da­mit kei­ner­lei nor­ma­ti­ver An­spruch für … Wei­ter­le­sen… al­le wer­den das wohl ken­nen: Un­se­re Er­in­ne­rung be­ginnt nicht am Tag un­se­rer Zeu­gung, son­dern erst sehr viel spä­ter. Wo sind wir wäh­rend die­ser Zeit? Gab es uns über­haupt?

Wer sich ein­mal den Mo­ment der ers­ten Er­in­ne­rung ver­ge­gen­wär­tigt, soll­te fest­stel­len kön­nen, dass erst ab die­sem Zeit­punkt das ver­füg­bar ist, was im All­ge­mei­nen mit „Ich“ be­zeich­net wird. Da­vor exis­tiert die­ses Ich of­fen­bar nicht — oder wir er­in­nern uns dar­an ein­fach nicht. Doch: gibt es für uns das, wor­an wir uns nicht er­in­nern — kön­nen?

Es kann doch wohl ver­mu­tet wer­den, dass die ers­te Er­in­ne­rung mit ei­nem „Ge­wahr wer­den“ be­schrie­ben wer­den kann. Wir wer­den un­se­rer Um­welt ge­wahr, zum ers­ten Mal. Und mit die­sem Akt wer­den wir auch das ers­te Mal un­se­res Selbst, ei­nes Selbst über­haupt, ge­wahr: Wir er­le­ben uns in ei­ner Um-Welt. Von nun an ha­ben wir uns be­grif­fen und kön­nen die­ses Selbst­be­wusst­sein ir­gend­wann auch mit ei­nem Zei­chen, ei­nem Eti­kett, ver­se­hen: „Ich“.

Und erst ab der ers­ten Ver­ge­gen­wär­ti­gung – mag sie schon ein Eti­kett ha­ben oder nicht, viel­leicht aber auch erst mit der Eti­ket­tie­rung, die­sem al­ler­ers­ten sprach­li­chen Akt – kann so et­was wie Ver­gan­gen­heit ent­ste­hen. Als Span­ne, Dau­er, zwi­schen der ers­ten Er­in­ne­rung und dem ak­tu­el­len Ge­wahr­sein. Und die­ses Ge­wahr­sein sei­ner Selbst, die­ses Selbst­be­wusst­sein, kann nun ge­dacht wer­den als fort­schrei­ten­de ers­te Er­in­ne­rung. Im­mer wie­der auf’s Neue ver­ge­gen­wär­ti­gen wir uns. Wir wan­deln von Jetzt zu Jetzt, Ver­gan­gen­heit schrei­bend.

Die­ses Wan­deln kann mit dem Verb „we­sen“ ver­stan­den wer­den. Der Du­den gibt als Be­deu­tung »[als le­ben­de Kraft] vor­han­den sein« an. Und das Po­ten­ti­al, aus dem Kraft Le­ben­dig­keit, al­so: Wirk­sam­keit, schöp­fen kann, kann als En­er­gie be­nannt wer­den. Phy­si­ka­lisch auf­ge­fasst ist En­er­gie »Fä­hig­keit ei­nes Stof­fes, Kör­pers oder Sys­tems, Ar­beit zu ver­rich­ten«, wie es im Du­den zu le­sen ist. All­ge­mei­ner for­mu­liert: En­er­gie ist die Fä­hig­keit, zu wir­ken, Kraft die Verwirkli­chung die­ser Fä­hig­keit, die mit Ar­beit2⇣Was viel­leicht in An­füh­rung zu set­zen wä­re. ver­bun­den ist.

Wel­che Kraft be­wirkt nun Ver­gan­gen­heit? Nun, in die­ser Be­trach­tung ist es die Kraft der Ver­ge­gen­wär­ti­gung, die ar­bei­tet. Wo­mit auch ge­sagt wer­den kann: Ver­gan­gen­heit ist ei­ne Schöp­fung. Wir schrei­ben Ver­gan­gen­heit. Und die­ses Schrei­ben ge­schieht, wäh­rend das, was wir Ge­gen­wart nen­nen, statt hat, Stät­te hat: west3⇣Die Ety­mo­lo­gie gibt für das Verb „we­sen“ auch „woh­nen“ als Ur­sprung an: »mhd. mnd. we­sen ‘das Sein, Ver­wei­len, Woh­nen, Aufenthalt(sort), … Wei­ter­le­sen….

Wo­mit Ge­gen­wart nicht als Punkt auf­scheint, son­dern ei­ne Dau­er hat. Wä­re Ge­gen­wart, „Jetzt“, ein Punkt, müss­te die­ser, re­so­lut ge­dacht, die Dau­er „0“ ha­ben, um selbst nicht wie­der an­tei­lig aus Ver­gan­gen­heit zu be­stehen. Doch was ei­ne Dau­er von „0“ hat, hat kei­ne Aus­deh­nung, und was kei­ne Aus­deh­nung hat, exis­tiert nicht, zu­min­dest für un­se­re Sin­ne nicht. Le­ben wir oh­ne Ge­gen­wart?

Das kann durch­aus so an­ge­schaut wer­den, wes­halb nicht? Uns braucht das in kei­ner­lei Nö­te zu brin­gen, denn was wir mit Ge­gen­wart mei­nen, ist letzt­lich der Akt der Ver­ge­gen­wär­ti­gung. Was sagt: Schon das, was wir Ge­gen­wart nen­nen, ist ei­ne Schöp­fung un­se­res Be­wusst­seins, un­se­res be­wuss­ten Seins. Es mar­kiert den Punkt, bis zu dem hin Ver­gan­gen­heit reicht und ab dem Zu­kunft be­ginnt4⇣Im Üb­ri­gen: Hät­ten wir oh­ne den End­punkt Tod, der of­fen­bar für al­le Men­schen exis­tiert, ei­ne Zu­kunft?. Ge­gen­wart ist das Zwi­schen, der Über­gang von Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft. Die Gren­ze, An­gren­zung. Bei­des ent­steht al­so erst mit dem Akt der Ver­ge­gen­wär­ti­gung, der Schaf­fung ei­ner Ge­gen­wart. Oh­ne die­se Gren­ze hät­ten wir wo­mög­lich kei­ner­lei Be­wusst­sein un­se­rer Selbst, wir ver­flös­sen ge­stalt­los im Strom des­sen, was wir Zeit nen­nen5⇣So viel­leicht wenn wir schla­fen, träu­mend oder nicht. Im Schlaf gibt es für uns kei­ne Zeit, kei­ne Ver­gan­gen­heit, kei­ne Zu­kunft, kei­ne Dau­er. Kei­ne … Wei­ter­le­sen….

Und die ers­te Er­in­ne­rung ist nun, für uns, von un­se­rem In­ne­ren her be­trach­tet, „das ers­te Mal“. Ob­jek­ti­ver an­ge­se­hen, ist es viel­leicht nicht der ers­te Akt, son­dern die ers­te Er­in­ne­rung an die­sen im­mer wie­der­keh­ren­den Akt. Das mag durch­aus stim­men, doch was be­stimmt un­se­re Ge­stal­tung der Ge­gen­wart? Nicht, dass sich die Er­de um sich selbst dreht. Son­dern dass die Son­ne auf­geht, au­gen­schein­lich, be­stimmt un­se­re all­täg­li­che Ge­gen­wart, aus der wir un­se­re Ver­gan­gen­heit schmie­den. Auch As­tro­no­men (w/d/m) wer­den wohl vom Son­nen­auf- und ‑un­ter­gang spre­chen, in ih­rer Le­bens­wirk­lich­keit ste­hend — ob­wohl sie wis­sen, das die­se Be­schrei­bung letzt­lich nicht kor­rekt ist. Doch sie ver­ge­gen­wär­ti­gen, was sie se­hen, wie vie­le an­de­re auch. Das macht die Welt in kei­ner Wei­se „falsch“ — oder „rich­tig“.

Es kann ge­sagt wer­den: Un­se­re Ver­gan­gen­heit be­stimmt un­se­re Ge­gen­wart. Was wir er­lebt ha­ben, be­stimmt, was wir er­le­ben. Un­se­re Prä­gun­gen be­stim­men un­ser We­sen. Was, wenn das so nicht ganz kor­rekt wä­re, wie die Re­de vom Son­nen­auf­gang, von be­stimm­ter Per­spek­ti­ve aus in den Blick ge­nom­men, nicht ganz kor­rekt ist?

Was, wenn die Art und Wei­se un­se­rer Ver­ge­gen­wär­ti­gung be­stimmt, was wir über die Ver­gan­gen­heit den­ken? Was, wenn es ge­nau um­ge­kehrt wä­re: Was wir ge­ra­de er­le­ben, be­stimmt, was wir er­lebt ha­ben? Nun, hier wird zu Recht pro­tes­tiert wer­den: das Was ist Fak­tum und lässt sich nicht än­dern! Ge­nehm! Doch wie der Son­nen­auf­gang un­ser all­täg­li­ches Le­ben be­stimmt und nicht die Erd­dre­hung, be­stimmt nicht was wir er­lebt ha­ben un­se­ren All­tag, son­dern wie wir et­was er­lebt ha­ben. Und auf die­ses Wie kön­nen wir im Akt der Ver­ge­gen­wär­ti­gung Ein­fluss neh­men: Mensch kann, prin­zi­pi­ell – Be­ein­träch­ti­gun­gen sei­en au­ßen vor ge­las­sen – die Art und Wei­se der Ver­ge­gen­wär­ti­gung selbst be­stim­men. Er ist frei dar­in — so frei, dass er sich als Kaiser/in von Deutsch­land wäh­nen kann, so er oder sie das möch­te oder ir­gend­wel­che Un­päss­lich­kei­ten ei­nen sol­chen Wahn er­zeu­gen.

Mit der Zu­kunft sieht es nicht viel an­ders aus. Al­ler­dings: es gibt noch kein Was. Kei­ne Fak­ten, nur Mög­lich­kei­ten. Dass mor­gen die Son­ne auf­geht oder die Er­de sich al­so wei­ter ge­dreht hat, ist ei­ne höchst­wahr­schein­li­che, wir sa­gen all­täg­lich: si­che­re, Mög­lich­keit. Wir sind uns ge­wiss, dass mor­gen die Son­ne wie­der auf­ge­hen wird, die Er­de in der Nacht nicht auf­hö­ren wird, sich zu dre­hen. Sonst könn­ten wir für Über­mor­gen gar kei­ne Ter­mi­ne ma­chen.

Und doch hat das Wie der Ver­ge­gen­wär­ti­gung von heu­te, des Jetzt, er­heb­li­chen Ein­fluss auf das Wie von mor­gen und über­mor­gen. Gleich­wohl hat die­ses ver­ge­gen­wär­tig­te Wie nur ei­ne kur­ze Le­bens­dau­er: Es gilt nur für den Mo­ment, viel­mehr: ist ein Mo­ment, ein Im­puls, schon kommt die nächs­te Ver­ge­gen­wär­ti­gung: das Te­le­fon klin­gelt, es klopft an der Tür, ein Ge­dan­ke blitzt auf. Wie kann sich da ein Wie ei­ner Ver­ge­gen­wär­ti­gung über vie­le die­ser Wi­der­fahr­nis­se über 24 Stun­den oder Jah­re hal­ten kön­nen und das Wie des nächs­ten Son­nen­auf­gangs mit be­stim­men kön­nen?

Das Ich die­ser Be­trach­tung ist kein sich stets wan­deln­des, sta­bi­les Et­was wie ein Baum, ein Berg oder ein Fluss, das über 80 Jah­re, mehr oder we­ni­ger, be­stehen wür­de. Das Ich die­ser Be­trach­tung ent­steht mit je­der Ver­ge­gen­wär­ti­gung neu — und erbt das Ei­ne oder An­de­re vom ge­ra­de ver­gan­ge­nen Ich. Das Ich die­ser Be­trach­tung ist Ver­ge­gen­wär­ti­gung. Im­mer wie­der auf’s Neue. Das Ich von eben, die Ver­ge­gen­wär­ti­gung von eben, ist schon ver­gan­gen. Es exis­tiert nur noch als Spur in der ei­ge­nen Er­in­ne­rung, fak­tisch und al­so: wirk­mäch­tig ist es nicht mehr. Es hat sei­ne Kraft auf­ge­braucht, um ein neu­es Ich zu ge­bä­ren, poe­tisch ins Bild ge­setzt. Und die­ses ak­tu­el­le Ich ist, das wirkt, das Kraft hat, das En­er­gie6⇣Un­ge­klärt muss hier blei­ben, wo die­se En­er­gie über­haupt her­kommt. Ers­te Ver­mu­tung: Der Kör­per ist ei­ne Art Ver­bren­nungs­mo­tor. Al­so ein … Wei­ter­le­sen… mit­tels ar­bei­ten­der Kraft in ei­ne Ge­stalt in der Welt wan­delt. In ei­ne Per­son.

Und wie das nun bei Erb­schaf­ten so ist: Wir kön­nen sie aus­schla­gen. Je­der­zeit. Die ak­tu­el­le Ver­ge­gen­wär­ti­gung kann und darf das Er­be, über un­zäh­li­ge Ich-Mo­men­te über­tra­gen, aus­schla­gen. So ver­än­dern wir un­se­re Ge­gen­wart, so ver­än­dern wir un­se­re Zu­kunft — und so ver­än­dern wir un­ser Ver­ständ­nis der Ver­gan­gen­heit, was wie­der­um die Ver­ge­gen­wär­ti­gung be­ein­flusst: Wir schrei­ben un­se­re Ver­gan­gen­heit nicht fak­tisch, doch for­mal, im Wie des Er­leb­ten al­so, um. Denn selbst Ver­gan­ge­nes kön­nen wir neu Ver­ge­gen­wär­ti­gen, wir kön­nen ei­ne ver­gan­ge­ne Ge­gen­wart wie­der er­le­ben und da­bei ein Er­be aus­schla­gen. Ein Trau­ma der Kind­heit wird so auf­ge­ar­bei­tet, wir üben so Nach­sicht mit der Kol­le­gin, dem Kol­le­gen, der uns schräg kam, etc. pp. Wie­der an­de­re Erb­schaf­ten be­wah­ren wir, sei es aus ei­ner wie auch im­mer be­grün­de­ten Pflicht oder der pu­ren Lust her­aus. Schließ­lich kann je­des Ich-Mo­ment im Voll­zug sei­nes Seins Neu­es, sei es aus frei­er Wahl, sei es als Wi­der­fahr­nis, hin­zu­ge­win­nen. Al­les Ak­te, die un­se­re zu­künf­ti­gen Ver­ge­gen­wär­ti­gun­gen be­ein­flus­sen wer­den: Wir ge­stal­ten un­ser Le­ben, un­ser:
We­sen. Un­se­re Per­sön­lich­keit.

Nicht ab der ers­ten Er­in­ne­rung7⇣Wo­mit auch ge­sagt ist: auf das Da­vor ha­ben wir kei­nen Ein­fluss. Das macht die gro­ße Ver­ant­wor­tung der El­tern­schaft in den ers­ten Le­bens­mo­na­ten … Wei­ter­le­sen…, doch ob frü­her oder spä­ter, kön­nen wir so auf un­ser Le­ben schau­en und un­ser We­sen bau­en. Und je­der­zeit um­bau­en. Prin­zi­pi­ell.

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Re­fe­ren­ces
1 Das „Wir“ wird in die­ser Be­trach­tung sti­lis­tisch ver­wen­det und meint „Wir Men­schen“. Frei­lich ist da­mit kei­ner­lei nor­ma­ti­ver An­spruch für ein­zel­ne In­di­vi­du­en ver­bun­den. Auch wird kei­ne Wahr­heit ver­kün­det, son­dern ei­ne mög­li­che Wirk­lich­keit dar­ge­legt.
2 Was viel­leicht in An­füh­rung zu set­zen wä­re.
3 Die Ety­mo­lo­gie gibt für das Verb „we­sen“ auch „woh­nen“ als Ur­sprung an: »mhd. mnd. we­sen ‘das Sein, Ver­wei­len, Woh­nen, Aufenthalt(sort), Woh­nung, Haus­we­sen, Exis­tenz, We­sen­heit, Le­ben, Art, Ei­gen­schaft, Zu­stand, Ding, Sa­che’« https://www.dwds.de/wb/Wesen#etymwb‑1.
4 Im Üb­ri­gen: Hät­ten wir oh­ne den End­punkt Tod, der of­fen­bar für al­le Men­schen exis­tiert, ei­ne Zu­kunft?
5 So viel­leicht wenn wir schla­fen, träu­mend oder nicht. Im Schlaf gibt es für uns kei­ne Zeit, kei­ne Ver­gan­gen­heit, kei­ne Zu­kunft, kei­ne Dau­er. Kei­ne Ge­gen­wart. Wird sind Un­ver­ge­gen­wär­tigt.
6 Un­ge­klärt muss hier blei­ben, wo die­se En­er­gie über­haupt her­kommt. Ers­te Ver­mu­tung: Der Kör­per ist ei­ne Art Ver­bren­nungs­mo­tor. Al­so ein En­er­gie­wand­ler.
7 Wo­mit auch ge­sagt ist: auf das Da­vor ha­ben wir kei­nen Ein­fluss. Das macht die gro­ße Ver­ant­wor­tung der El­tern­schaft in den ers­ten Le­bens­mo­na­ten über­deut­lich: Sie er­schaf­fen Ver­gan­gen­heit, Erb­schaft, an Stel­le des Kin­des.

Kampfgeist

Ausgeglichenheit als lebhafte Ruhestifterin.

Wer kennt sie nicht, die Kampf­kunst Ai­ki­do (jap.: 合気道)? Wohl eher: vie­le. An­de­re Din­ge mit „-do“ am En­de (nein, es ist kein Eng­lisch und steht nicht für „tun“ … ob­gleich…) sind da ge­läu­fi­ger: Ju­do, zum Bei­spiel. Al­ler­dings wird es sich im Gro­ßen und Gan­zen da­mit auch schon er­schöpft ha­ben.

Das „-do“ stammt hier aus dem Ja­pa­ni­schen und be­deu­tet „Weg“. Frei­lich ist nicht die Au­to­bahn A5 ge­meint, son­dern „Weg“ meint hier ei­ne Me­ta­pher. „道“, „DO“ in der sog. KUN-Le­sung, so gibt das Kan­ji-Le­xi­kon1⇣https://mpi-lingweb.shh.mpg.de/kanji/ — die im Ja­pa­ni­schen ver­wen­de­ten Schrift­zei­chen chi­ne­si­schen Ur­sprungs wer­den Kan­ji ge­nannt. zur Aus­kunft, meint:

(Präf. Hok­kai­do) | Ge­lehr­sam­keit, Kunst | Me­tho­de | re­li­giö­se Leh­re | spre­chen | Stra­ße | Tao­is­mus | Weg der Tu­gend

Wen­den wir uns noch kurz den bei­den an­de­ren Kan­ji zu und be­die­nen uns der­sel­ben Quel­le zur Klä­rung der Be­deu­tung von „気“, KI:

Ab­sicht | Atem | At­mo­sphä­re, Luft | Auf­merk­sam­keit, Sor­ge | Be­wusst­sein, Geist, See­le | Cha­rak­ter, Na­tur, Tem­pe­ra­ment | Ge­fühl, Stim­mung

und schließ­lich „合“, AI: Hier schweigt sich das Le­xi­kon zu­nächst aus. Nun schreibt hier kein Ex­per­te der ja­pa­ni­schen Spra­che, über­haupt nicht, so sei al­so auf das im Le­xi­kon zu fin­den­de „a(u) あ(う)“ ver­wie­sen mit den Be­deu­tun­gen

har­mo­nie­ren, über­ein­stim­men | rich­tig ge­hen, stim­men | sich ver­ei­ni­gen

Der Text hier will kei­nen Un­ter­richt im Ja­pa­ni­schen er­tei­len, son­dern sich um ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on der Zei­chen be­mü­hen. Das Tri­ple ist ja viel­deu­tig und mit­hin klä­rungs­be­dürf­tig. Wo­bei vor­ne­weg zu sa­gen ist: ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on — ge­wiss nicht die. Kann es ei­ne sol­che ge­ben? Wie auch im­mer, die Aus­füh­run­gen hier ver­wer­fen die gän­gi­ge In­ter­pre­ta­ti­on nicht.

Das ers­te An­zei­chen, wor­um es im Ai­ki­do ge­hen kann, ist be­reits die Aus­spra­che. Denn wür­de statt Ai­ki­do Ai­ki-Do ge­schrie­ben wer­den, wür­de sich schon an­zei­gen, um was es bei die­ser Kampf­kunst geht: Um Har­mo­nie. Um En­er­gie. Und die Kom­bi­na­ti­on von bei­dem (er)gibt dann ei­nen Weg.

Schon geht es los mit der In­ter­pre­ta­ti­on, zu­mal, wenn man des Ja­pa­ni­schen eben nicht mäch­tig ist und sich dann so sei­ne Ge­dan­ken um das ir­gend­wie omi­nö­se Tri­ple macht. Wo­mög­lich wä­re den Japaner/innen sol­che Über­le­gun­gen, wie sie hier an­ge­stellt wer­den, voll­kom­men fremd: schon Ludwig Wittgenstein mein­te ja, die Be­deu­tung ei­nes Wor­tes be­stim­me sich meist aus sei­nem Ge­brauch2⇣Witt­gen­stein, Lud­wig: Phi­lo­so­phi­sche Un­ter­su­chun­gen, §43.. Ein sol­cher Satz ei­nes Sprach­phi­lo­so­phen will frei­lich auf al­le Spra­chen an­wend­bar sein, soll es Phi­lo­so­phie sein.

Be­trach­ten wir al­so das al­les hier ein­mal als ein Spiel. Ein Spiel, das kein Wis­sen ver­mit­teln will oder et­was leh­ren, son­dern ein Spiel, das die Welt wei­ter ma­chen will.

Zu­rück zur In­ter­pre­ta­ti­on: Ai und KI ge­ben ein DO, ei­nen Weg. (Und nein, hier ist we­der von ‚ar­ti­fi­ci­al in­tel­li­gence‘ noch von ‚künst­li­cher In­tel­li­genz‘ die Re­de, der mensch­li­che Geist (gibt es ei­gent­lich noch ei­nen an­de­ren?) reicht voll­kom­men, um dem Spiel zu fol­gen.) Das KI wird ger­ne mit „En­er­gie“ über­tra­gen, doch schau­en wir uns die Über­set­zung oben an, gibt das Kan­ji das ei­gent­lich gar nicht her. Al­ler­dings klingt es so schön ‚fremd‘, ge­heim­nis­voll, klan­des­tin und um­gibt das Gan­ze mit ei­nen Hauch des Eso­te­ri­schen, der über­haupt nicht nö­tig ist, um dem, na: ei­nem mög­li­chen Prin­zip, ne­ben an­de­ren, ei­ner Aus­le­gung des Ai­ki­do nä­her zu kom­men.

Ich möch­te KI hier ein­mal mit „We­sen“ über­tra­gen. Und an­ders, als es zu­nächst an­mu­ten mag, spre­che ich hier da­mit ein sub­stan­ti­vier­tes Verb aus. Ein Verb? Ja, wirk­lich, die­ses Verb „we­sen“ gibt es, der Du­den kennt sich da ja aus:

[als le­ben­de Kraft] vor­han­den sein

Auch sei ein Blick auf die Her­kunft ge­wor­fen, um die Ähn­lich­keit, Ver­wandt­schaft mit den Be­deu­tun­gen des „気“, KI, an- und aus­zu­deu­ten:

mit­tel­hoch­deutsch we­sen, alt­hoch­deutsch we­san = sein; sich auf­hal­ten; dau­ern; ge­sche­hen, ur­sprüng­lich = ver­wei­len, woh­nen

Schon schwin­det die omi­nö­se „En­er­gie“, die­ser Be­griff, un­ter dem sich wohl je­der et­was vor­stel­len kann, und wohl kei­ner nun sa­gen kann, was ge­nau es denn sei, sub­stan­ti­ell, es­sen­ti­ell. Üben wir uns al­so auch hier im ety­mo­lo­gi­schen Spiel; das Wort En­er­gie stammt aus dem Alt­grie­chi­schen:

en­érgeia (ἐνέργεια) ‘Wirk­sam­keit, wir­ken­de Kraft’, zum Ad­jek­tiv griech. en­er­gḗs (ἐνεργής) ‘wir­kend, kräf­tig’, ei­ner Bil­dung zu griech. érgon (ἔργον) ‘Werk, Sa­che’

So gibt das »Di­gi­ta­le Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che« (DWDS) Aus­kunft. Schon ban­delt die En­er­gie mit dem We­sen an: schließ­lich ge­schieht da et­was, da, wo En­er­gie sich auf­hält, „wohnt“. Und wem nun die Ver­bin­dung zur Wirk­sam­keit fehlt, mö­ge dar­an den­ken: auch „we­sen“ ist ein Tun, wie rech­nen, spre­chen, schrei­ben, Kar­tof­feln schä­len, Feu­er­holz schlep­pen und Was­ser tra­gen. Flie­ßen­de, al­so in Be­we­gung ge­kom­me­ne, Kraft. Ver­wirk­lich­tes Po­ten­ti­al.

Wen­den wir uns dem „合“ zu, Ai, a(u), wie auch im­mer. Wie beim KI die En­er­gie, taucht für das Ai die „Har­mo­nie“ im Re­per­toire der Über­tra­gun­gen auf. Auch die­ses Wort stammt sei­ner Her­kunft nach aus dem Grie­chi­schen:

‘Wohl­klang, Über­ein­stim­mung, in­ne­re Ge­schlos­sen­heit, Eben­maß’. Lat. har­mo­nia, aus griech. har­monía (ἁρμονία) ‘Ver­bin­dung, Bund, pas­sen­des Ver­hält­nis, Über­ein­stim­mung, Ein­klang, Me­lo­die’

wie DWDS kund­tut. Wo­mit die Be­deu­tung auch auf et­was hin­weist, das un­aus­ge­spro­chen ist: Es be­darf min­des­tens zwei­er Din­ge, um ei­ne Har­mo­nie, a(u), Ai, über­haupt in die Welt brin­gen zu kön­nen. Denn es ist ja nun mal so: ei­ne Sa­che, mit sich selbst ins Ver­hält­nis ge­setzt, sagt über­haupt nichts, au­ßer, dass da et­was ist. Rech­ne­risch for­mu­liert: Das Er­geb­nis ei­nes Selbst­ver­hält­nis­ses ist im­mer 1.

Wor­auf al­so be­zieht sich nun das Ai im Tri­ple Ai/KI/DO? Na, das ist doch evi­dent, of­fen­sicht­lich, sagt der Au­gen­schein: Frei­lich hat man in Har­mo­nie mit der En­er­gie zu sein, das ist der Weg, al­so eben Ai­ki-Do. Ein fei­ner Satz, der der In­ter­pre­ta­ti­on be­darf, da­mit sich zei­gen kann, was er zu sa­gen ver­mag.

Was bei sol­cher­lei, durch­aus gän­gi­gen und mit Si­cher­heit be­rech­tig­ten Be­trach­tun­gen dann ger­ne au­ßer Acht ge­las­sen wird: das Tri­ple steht in ei­nem dy­na­mi­schen Ver­hält­nis zu­ein­an­der. Und zu­dem will der fol­gen­de Ge­dan­ke auf ei­ne Per­spek­ti­ve hin­wei­sen, die den Be­zug, den Weg, nicht in der Har­mo­nie ei­nes un­aus­ge­spro­che­nen Selbst mit ir­gend­ei­ner mys­te­riö­sen En­er­gie sieht, die die Ge­schi­cke die­ser Welt lenkt. Son­dern will da­zu an­bie­ten, den Auf­ruf zur Har­mo­nie, zur Stim­mig­keit, zwi­schen KI und DO an­zu­set­zen. Al­so, ins Schrift­bild ge­setzt: Ai-Ki­do.

Oben wur­de ja schon dar­ge­legt, dass KI hier mit „We­sen“ über­tra­gen wird. Und das DO soll nun hier in sei­nem Sin­ne als Me­tho­de auf­ge­fasst wer­den, wo sich im ei­gent­li­chen grie­chi­schen Ur­sprung „Nach­ge­hen“ der „Weg“ auf­fin­den lässt:

mé­tho­dos (μέθοδος) f. ‘nach be­stimm­ten Re­geln ge­ord­ne­tes Ver­fah­ren’, ei­gent­lich ‘das Nach­ge­hen, Ver­fol­gen, Nach­for­schen, Un­ter­su­chen’

Die Kunst in der Kampf­kunst Ai­ki­do be­stün­de al­so, so be­trach­tet, in der Har­mo­nie des We­sens mit sei­nen Me­tho­den. Gän­gig ist die In­ter­pre­ta­ti­on die Kunst (= Me­tho­de) der Har­mo­nie mit der En­er­gie. Mir ist das zu ab­ge­ho­ben, „En­er­gie“ zu un­klar, ir­gend­et­was dun­kel an­deu­tend. Und nicht zu­letzt ruft Ernst Tugendhat da­zu auf »An­thro­po­lo­gie statt Me­ta­phy­sik«3⇣Tu­gend­hat, Ernst: An­thro­po­lo­gie statt Me­ta­phy­sik, Mün­chen 2007. zu be­trei­ben.

Ein wich­ti­ger Aspekt fehlt nun hier noch, ein Vier­tes, dass das Tri­ple er­gänzt, bzw., das ist ja ei­gent­lich der Witz, durch sel­bi­ges ent­steht: das Ge­sche­hen. Wo sich We­sen tref­fen, und al­so: in ein Ver­hält­nis tre­ten, wal­tet Ge­sche­hen. Zwei Wei­sen des We­sens, al­so in Sum­ma Ge­stal­tun­gen des Ver­wei­lens, des Woh­nens (im über­tra­ge­nen Sin­ne frei­lich), der Na­tür­lich­keit, zwei For­men des be­wusst Seins, un­ter­schied­li­che Ab­sich­ten, Sor­gen, Ge­füh­le, Stim­mun­gen, u. dgl. mehr tref­fen auf­ein­an­der. Und stö­ren sich un­ter Um­stän­den, über­kreu­zen sich, ver­stri­cken sich — schon ist der Kampf da. Der Frömms­te kann nicht in Frie­den le­ben, wenn’s ei­nem Nach­barn nicht ge­fällt, rä­so­nier­te Schil­ler4⇣Wil­helm Tell IV, 3. (Tell)..

Ein „Kampf“ al­ler­dings, der leicht in Krieg aus­ar­tet, mehr oder we­ni­ger. Denn gin­ge es um ei­nen Kampf, so wä­re es das beid­sei­ti­ge Rin­gen um Har­mo­nie — denn: wer will nicht in Frie­den le­ben? Auch das, so den­ke ich, hat Karl Jaspers in die Wen­dung »lie­ben­der Kampf«5⇣Z.B.: Jas­pers, Karl: Ein­füh­rung in die Phi­lo­so­phie, München/Berlin 332019, S. 22. ge­setzt:

Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht bloß von Ver­stand zu Ver­stand, von Geist zu Geist, son­dern von Exis­tenz zu Exis­tenz hat al­le un­per­sön­li­chen Ge­hal­te und Gel­tun­gen nur als ein Me­di­um. Recht­fer­ti­gen und An­grei­fen sind dann Mit­tel, nicht um Macht zu ge­win­nen, son­dern um sich na­he zu kom­men. Der Kampf ist ein lie­ben­der Kampf.

Das Prin­zip Ai­ki­do, das hier ver­tre­ten sein will – Ai-Ki­do
–, will sich dar­in üben, hier nun den ‚gu­ten‘ Weg zu fin­den, eben den im Ein­klang, in Stim­mig­keit mit dem ei­ge­nen We­sen. Die Fra­ge ist nun nur: Wenn We­sen und Me­tho­de sich in ei­ner Dis­har­mo­nie be­fin­den, so ist die­se mit min­des­tens ei­ner Ver­än­de­rung her­bei­ge­führt bzw. auf­zu­he­ben: Ei­ne Ver­än­de­rung des We­sens (Wittgenstein wür­de hier wohl sa­gen: der Le­bens­form) oder ei­ner Ver­än­de­rung der Me­tho­de.

Und das Schwie­ri­ge nun an die­sem Kampf, die­ser Ar­beit an und mit sich selbst: Ver­än­dert sich die Me­tho­de, ver­än­dert sich das We­sen, ver­än­dert sich das We­sen, ver­än­dert sich die Me­tho­de: Was da, bei die­ser Sicht hier, in Har­mo­nie ge­bracht wer­den will, steht in ei­ner Wech­sel­wir­kung. Wie, in ei­ne Ana­lo­gie ge­packt, bei ei­ner zwei­ar­mi­gen Waa­ge — die be­stän­dig nach Aus­gleich strebt, die­se je­doch nicht er­langt. Die Dy­na­mik, die Be­we­gung ist nicht zum Still­stand zu brin­gen, ei­ne sta­ti­sche Har­mo­nie un­mög­lich: die ‚ab­so­lu­te Har­mo­nie‘ ist im­mer ein Punkt, ein Mo­ment, das in der Dy­na­mik durch­schrit­ten, nie aber dar­auf ver­weilt wer­den kann. Die al­le­go­ri­sche Waa­ge er­starrt nicht im Gleich­ge­wicht, son­dern fällt so­gleich wie­der in ein Un­gleich­ge­wicht. Man könn­te mei­nen, sie lebt durch und vom Im­puls, der von der Ba­lan­ce aus­geht.

Es gibt al­so die­sen Punkt ab­so­lu­ter Aus­ge­gli­chen­heit — doch er ver­schwin­det in dem Mo­ment, mit dem er auf­scheint. Die­sen „Punkt“, die­ses Mo­ment, könn­te nun als ein „Zwi­schen“ auf­ge­fasst wer­den. Es ist wohl so, wie es sich auch mit der Ge­gen­wart wohl ver­hält: Sich die Fra­ge ge­stellt, wie lan­ge denn Ge­gen­wart bit­te daue­re, müss­te, re­so­lut ge­dacht, „0 Se­kun­den“ ge­ant­wor­tet wer­den: Ge­gen­wart, oder, schär­fer ins Wort ge­setzt: Jetzt, das Zwi­schen von Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft, exis­tiert nicht für sich (kann al­so nicht in ein Selbst­ver­hält­nis ge­setzt wer­den), son­dern eben nur als Zwi­schen von Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft (ist ein Kind des Ver­hält­nis­ses die­ser bei­den mensch­li­chen Tem­po­ral­quan­ti­tä­ten). Wir kön­nen die­ses Zwi­schen ver­ge­gen­wär­ti­gen und da­bei, bei­läu­fig be­merkt, sehr frei von Zu­kunft und Ver­gan­gen­heit sein, was den Ein­druck er­weckt, es mit ‚Et­was‘ zu tun zu ha­ben; doch die­ses Et­was ist qua­si leer, wes­halb wir Men­schen es ver­neh­men, in­des nicht mes­sen kön­nen wie z.B. die Luft­tem­pe­ra­tur. Wä­re un­ser Geist, un­ser We­sen, nicht zur Ver­ge­gen­wär­ti­gung fä­hig, zum Schaf­fen ei­nes ‚Jetzt‘, es gä­be für uns we­der Ver­gan­gen­heit noch Zu­kunft, und da­mit gä­be es wo­mög­lich uns selbst nicht, will mei­nen: das Be­wusst­sein un­ser Selbst.

Das Stre­ben nach Har­mo­nie, Ai, von KI und DO ist durch­aus ver­gleich­bar mit dem Stre­ben nach Weis­heit in der Phi­lo­so­phie. Ob­gleich sie nicht er­reich­bar ist – al­lein schon des­halb, weil wohl kei­ner weiß, was ge­nau das ist bzw. es für Jede/n – im Ex­trem­fall – et­was an­de­res ist, in ei­nen an­de­ren Be­griff ge­packt ist – stre­ben wir da­nach, zu­min­dest hat Jede/r prin­zi­pi­ell die Mög­lich­keit da­zu. Die Me­tho­de des Ai­KI, oder eben die Har­mo­nie des KIDO, sind Idea­le. Des­halb sind kein/e ab­so­lu­ten Meister/innen, Hei­li­ge, Gu­rus des Ai­ki-Do zu fin­den, ge­nau­so we­nig ei­ner oder ei­ne ei­nes Ai-Ki­do — wohl aber je­ne Ai­ki­do-Leh­ren­den, die schon lan­ge auf die­sem Weg sind, die­se Me­tho­de üben und da­mit Wis­sen ge­schaf­fen ha­ben. Wis­sen um Tech­ni­ken, gleich­wohl Er­fah­run­gen der Pra­xis, die nicht als Wis­sen ver­mit­telt wer­den kön­nen, da die­se Er­fah­run­gen nur von Sub­jek­ten ge­macht wer­den kön­nen. Ganz ge­nau­so, im Grun­de, wie das Stre­ben nach Weis­heit nicht nur des­halb sinn­voll ist, weil bei die­sem Stre­ben Wis­sen ent­steht, et­was iro­nisch ge­fasst: ab­fällt, son­dern auch we­gen der Le­bens­er­fah­rung, die an­fällt. Und so er­scheint dann eben auch ob der Un­er­reich­bar­keit der Weis­heit die Un­end­lich­keit des Wis­sens und die an­dau­ern­de Rät­sel­haf­tig­keit des Le­bens. Auf Ai­ki­do über­tra­gen: Der Weg fin­det kein En­de, führt nir­gend­wo hin, in das Zen­trum des Nir­gend­wo, das über­all ist.

Nur un­se­re Le­bens­span­ne be­grenzt den Weg der Su­che nach der Har­mo­nie, der Ba­lan­ce von We­sen und Me­tho­de, dem Mo­ment, und wäh­rend un­se­res We­ges ver­än­dern wir uns fort­lau­fend: Wir ler­nen uns (zu) ken­nen und wer­den doch nie wis­sen, wer wir sind. Mit Ernst Bloch:

Ich bin. Aber ich ha­be mich nicht. Dar­um wer­den wir erst.

Es gibt da­für ein Wort, nicht nur im Ai­ki­do: An­fän­ger­geist. Auf Ja­pa­nisch: Sho­shin 初心6⇣Shun­ryu Su­zu­kis sag­te da­zu: »In the beginner’s mind the­re are ma­ny pos­si­bi­li­ties, in the expert’s mind the­re are few.« … Wei­ter­le­sen….

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Re­fe­ren­ces
1 https://mpi-lingweb.shh.mpg.de/kanji/ — die im Ja­pa­ni­schen ver­wen­de­ten Schrift­zei­chen chi­ne­si­schen Ur­sprungs wer­den Kan­ji ge­nannt.
2 Witt­gen­stein, Lud­wig: Phi­lo­so­phi­sche Un­ter­su­chun­gen, §43.
3 Tu­gend­hat, Ernst: An­thro­po­lo­gie statt Me­ta­phy­sik, Mün­chen 2007.
4 Wil­helm Tell IV, 3. (Tell).
5 Z.B.: Jas­pers, Karl: Ein­füh­rung in die Phi­lo­so­phie, München/Berlin 332019, S. 22.
6 Shun­ryu Su­zu­kis sag­te da­zu: »In the beginner’s mind the­re are ma­ny pos­si­bi­li­ties, in the expert’s mind the­re are few.« https://street-philosophy.de/shoshin-anfaengergeist .