Die Verlegenheit vor dem Positiven

Gute Gefühle können einen in die Falle führen. Dankbarkeit und Demut gelten als Tugenden der Bescheidenheit; doch hinter ihrer alltäglichen Form verbirgt sich eine Struktur, die genauer hinsehen lässt: Sie setzen eine Hierarchie voraus, die sie selbst errichten. Der Essay fragt, welches Grundgefühl beiden zugrunde liegt — und wie man mit der Verlegenheit umgeht, die entsteht, wenn man es ohne Adressaten stehen lässt.

Narziss und die andere Selbstliebe

Narziss stirbt am Spiegel. Die andere Selbstliebe hat kein solches Ende. Der Mythos lebt vom Scheitern — und genau darin liegt seine Kraft: Was aus dem Gleichgewicht gerät, bekommt eine Geschichte. Was gelingt, bekommt Begriffe. Diesem Gefälle zwischen Erzählen und Denken geht der Essay nach und fragt, was es bedeutet, dass das Gelingen so still bleibt.

Autorität und Autoritarismus: Über die Neigung zum Kippen

Orientierung kippt — wenn aus Beweglichkeit Erstarrung wird. Dieser Essay verfolgt die Spur des Kippens durch drei Felder: im Sprechen, wo die Meinung zur Über-Zeugung erstarrt; im Wünschen, wo motivierendes Momentum in Tanha umschlägt; in der Solidarität, die zur Pflicht wird, sobald sie vergisst, dass auch sie kippen kann. Mit Fromm, Arendt und Rorty wird eine Haltung skizziert, die das Kippen nicht beseitigt — aber unwahrscheinlicher macht.

Narziss und Echo: Zur Dialektik von Autorität und Ironie

Zwischen Selbstverliebtheit und Selbstauslöschung liegen die Extreme des Ich. Der Mythos von Narziss und Echo artikuliert diese Asymmetrie: monologische Selbstbespiegelung gegen reaktive Wiederholung. Dieser Essay überträgt die mythologische Konstellation auf politische Philosophie – Adornos autoritären Charakter und Rortys liberale Ironikerin. Während der Autoritäre seine Schwäche durch Identifikation mit Macht kompensiert, kultiviert die Ironikerin Kontingenz ohne Handlungsunfähigkeit. Eine Untersuchung demokratischer Subjektivität jenseits der pathologischen Pole.

Die Wahrheit leben: Mark Carneys Davos-Rede als pragmatische Ironie

Mark Carney als pragmatischer Ironiker im Geiste Rortys. Als Carney am 20. Januar 2026 in Davos Havels Gemüsehändler beschwor, der täglich ein Schild ins Schaufenster stellt, an das er nicht glaubt, lieferte er mehr als politischen Realismus: Er beschrieb eine Haltung, die Richard Rortys Philosophie des Pragmatismus nahesteht — Kontingenz anerkennen, ohne in Zynismus zu verfallen. Die regelbasierte internationale Ordnung war eine nützliche Fiktion; wer das ausspricht und dennoch an Werten festhält, hat das Schild aus dem Fenster genommen.