Autorität und Autoritarismus: Über die Neigung zum Kippen

Wie eine orientierende Kraft beweglich bleibt — und wo die Erstarrung lauert. Über Meinung, Wunsch und Solidarität.

Das Wort hält noch stand — aber sei­ne Fa­mi­lie ver­rät es. »Au­to­ri­tät« meint im deut­schen Sprach­ge­brauch das auf Kom­pe­tenz und An­er­ken­nung be­ru­hen­de An­se­hen ei­ner Per­son oder In­sti­tu­ti­on: ei­ne ori­en­tie­ren­de Kraft, kei­ne er­zwun­ge­ne Un­ter­wer­fung. So­weit ist das Wort noch in­te­ger. Doch sein Ad­jek­tiv — »au­to­ri­tär« — hat längst die Sei­ten ge­wech­selt: Es be­zeich­net heu­te das Ge­gen­teil von Au­to­ri­tät im ei­gent­li­chen Sin­ne, näm­lich das Her­ri­sche, das Be­feh­leri­sche, das An­ti­de­mo­kra­ti­sche. Im Über­gang vom Sub­stan­tiv zum Ad­jek­tiv voll­zieht sich be­reits je­nes Kip­pen, das die­ser Es­say un­ter­su­chen will.1⇣Im Sprach­ge­brauch ist da­bei ei­ne be­mer­kens­wer­te Lü­cke ent­stan­den: Für »Au­to­ri­tät« im po­si­ti­ven Sin­ne gibt es kein ge­bräuch­li­ches Ad­jek­tiv. … Wei­ter­le­sen…

Die­ses Kip­pen im Ad­jek­tiv hat ei­ne lan­ge Vor­ge­schich­te. Das La­tei­ni­sche kann­te noch ei­ne schar­fe Un­ter­schei­dung: auc­to­ri­tas be­zeich­ne­te die Kraft des­sen, der et­was ins Werk ge­setzt hat, der Ur­he­ber ist — vom Verb au­gere, meh­ren, wach­sen las­sen. Es war die Gel­tung, die man ver­lieh, nicht die Macht, die man aus­üb­te. Der rö­mi­sche Se­nat hat­te auc­to­ri­tas, der Ma­gis­trat hat­te po­tes­tas — Amts­ge­walt, Zwangs­be­fug­nis. Die­se Un­ter­schei­dung war be­wusst: Au­to­ri­tät oh­ne Zwang auf der ei­nen, Macht oh­ne ei­gent­li­che Au­to­ri­tät auf der an­de­ren Sei­te. Schon im La­tei­ni­schen aber be­gann die Ero­si­on, wur­de auc­tor auch der­je­ni­ge, der an­ord­net und be­fiehlt. Das Kip­pen ist al­so alt — und viel­leicht des­halb so schwer zu fas­sen, weil es sich so un­auf­fäl­lig voll­zieht, weil es sich im Sprach­ge­brauch selbst ein­ge­nis­tet hat.

Der vor­lie­gen­de Es­say ver­folgt die­se Spur. Er fragt, was Au­to­ri­tät im ei­gent­li­chen, im ori­en­tie­ren­den Sin­ne meint — und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen sie in Au­to­ri­ta­ris­mus um­schlägt. Da­bei wird ein wei­tes Ver­ständ­nis von Au­to­ri­tät zu­grun­de ge­legt: Nicht nur Per­so­nen oder In­sti­tu­tio­nen kön­nen Au­to­ri­tät be­sit­zen, son­dern auch Re­geln, Wün­sche, Über­zeu­gun­gen. Doch die­se Au­to­ri­tät ist stets ei­ne kul­tu­rell ver­lie­he­ne — sie un­ter­schei­det sich da­mit grund­le­gend von der Wirk­kraft na­tür­li­cher Zwän­ge, die uns, ob wir wol­len oder nicht, in An­spruch neh­men. Ge­ra­de die­se Dif­fe­renz, so wird zu zei­gen sein, ist ent­schei­dend: Denn was ver­lie­hen ist, kann kip­pen.

Autorität als Konstruktion: Das weite Bedeutungsfeld

Verliehene Geltung

Au­to­ri­tät im hier ge­mein­ten Sin­ne ist im­mer kul­tu­rell — sie ist das Er­geb­nis ei­nes Akts der An­er­ken­nung, nicht ei­ner Na­tur­ge­ge­ben­heit. Das un­ter­schei­det sie grund­le­gend von der Wirk­kraft na­tür­li­cher Zwän­ge: Der Hun­ger zwingt, oh­ne dass wir ihm Gel­tung ver­lei­hen müss­ten. Kul­tu­rel­le Au­to­ri­tät da­ge­gen setzt ein Sub­jekt vor­aus, das an­er­kennt — und das eben des­halb auch ver­wei­gern, be­fra­gen, re­vi­die­ren kann. Re­geln, Ge­set­ze, In­sti­tu­tio­nen, mo­ra­li­sche Nor­men be­zie­hen ih­re ori­en­tie­ren­de Kraft nicht aus ei­ner na­tür­li­chen Po­tenz, son­dern aus die­sem Akt der An­er­ken­nung. Es gibt kei­ne »na­tür­li­che Au­to­ri­tät« wie es auch kei­ne me­ta­phy­si­sche gibt — auch wenn au­to­ri­tä­re Dis­kur­se bei­des ger­ne be­haup­ten, um Herr­schaft als un­ab­än­der­lich er­schei­nen zu las­sen.

Wir schrei­ben Re­geln, In­sti­tu­tio­nen und Nor­men Ver­bind­lich­keit zu, wir ver­lei­hen ih­nen Gel­tung — und eben des­halb kön­nen wir sie auch be­fra­gen, re­vi­die­ren, ver­wer­fen. Han­nah Are­ndt hat die­sen Ge­dan­ken in al­ler Schär­fe for­mu­liert: Au­to­ri­tät, die auf Zwang an­ge­wie­sen ist, hat ih­re ei­gent­li­che Sub­stanz be­reits ver­lo­ren. Sie ist dann schon nicht mehr Au­to­ri­tät, son­dern Macht — oder Ge­walt.

Die Gefährdung der verliehenen Autorität

Dar­in liegt zu­gleich ih­re Stär­ke und ih­re Ge­fähr­dung: Weil Au­to­ri­tät ver­lie­hen ist, muss sie sich im­mer wie­der neu be­wäh­ren, im­mer wie­der neu an­er­kannt wer­den. Sie ist le­ben­di­ger als je­de na­tur­ge­ge­be­ne Zwangs­läu­fig­keit — aber auch an­fäl­li­ger. Denn wer Au­to­ri­tät be­sitzt, kann ver­lei­tet wer­den, sie ge­gen den Wi­der­ruf ab­zu­si­chern — ei­nen An­spruch zu er­he­ben, statt ihn ent­ge­gen­zu­neh­men; wer Ori­en­tie­rung sucht, ist ver­sucht, die ver­lie­he­ne Ver­bind­lich­keit als ab­so­lu­te zu be­han­deln. In die­sem dop­pel­ten Druck liegt der Keim des Kip­pens.

Meinung und Überzeugung: Das Kippen im Sprechen

Meinung als Entwurf

Das Kip­pen voll­zieht sich nicht nur in po­li­ti­schen Struk­tu­ren oder psy­cho­lo­gi­schen Dis­po­si­tio­nen — es voll­zieht sich auch im Sprach­ge­brauch, im all­täg­li­chen Um­gang mit dem, was wir den­ken und sa­gen. Ei­ne der auf­schluss­reichs­ten Stel­len, an der sich die­ser Vor­gang be­ob­ach­ten lässt, ist die Un­ter­schei­dung zwi­schen Mei­nung und Über­zeu­gung.

Das Wort mei­nen trägt in sich die Be­deu­tung des Vor­läu­fi­gen, des Adres­sier­ten, des Of­fe­nen: et­was glau­ben oh­ne Ge­wiss­heit, et­was im Sinn ha­ben als Ent­wurf. Ei­ne Mei­nung ist im­mer an ei­nen An­de­ren ge­rich­tet, sie setzt ei­nen Dia­log vor­aus, sie ist auf Wi­der­spruch hin of­fen — ja, sie braucht den Wi­der­spruch, um sich zu schär­fen oder zu re­vi­die­ren. Man hat ei­ne Mei­nung, wie man ei­nen Ent­wurf hat: als et­was, das noch wer­den kann, das noch nicht fer­tig ist. Sie zeigt ei­ne Rich­tung an, mehr nicht.

Überzeugung als Schließung

An­ders die Über­zeu­gung. Man ist über­zeugt, man ist sei­ne Über­zeu­gung — im Sprach­ge­brauch selbst zeigt sich die Fu­si­on an. Die Über­zeu­gung hat sich vom Spre­cher nicht mehr di­stan­ziert, sie ist Teil sei­ner Iden­ti­tät ge­wor­den.

Doch hier ist ei­ne Un­ter­schei­dung nö­tig. Es gibt Über­zeu­gun­gen, die aus lan­ger Re­fle­xi­on ge­wach­sen sind, die Ge­wicht ha­ben und Ori­en­tie­rung ge­ben — und de­ren Trä­ger den­noch wis­sen, dass sie kein ge­si­cher­tes Wis­sen sind. Wer sei­ne Über­zeu­gun­gen so hält, schützt sich vor dem Um­schlag ins Ri­gi­de.

Die­se ri­gi­de Form ist dann die Ge­burt zur Über-Zeu­gung, wenn man so will: Hier ist die Über­zeu­gung nicht mehr be­frag­bar, oh­ne dass das Selbst be­droht wird. Sie hat sich von ei­ner ver­tief­ten Mei­nung in ei­ne Iden­ti­täts­fes­tung ver­wan­delt. Wer die Über­zeu­gung an­greift, greift den Men­schen an.

Die­se Un­ter­schei­dung ist kei­ne bloß aka­de­mi­sche. Au­to­ri­tä­re Dis­kur­se le­ben, oft ab­sicht­lich, von ih­rer Ver­wi­schung. Wer ei­ne Mei­nung äu­ßert — ei­nen Ent­wurf, ei­ne vor­läu­fi­ge Po­si­ti­on —, wird be­han­delt, als ha­be er ei­ne un­um­stöß­li­che Über­zeu­gung kund­ge­tan. Er muss die­se Über­zeu­gung nun ver­tei­di­gen oder von ihr ab­rü­cken; bei­des ist ei­ne Nie­der­la­ge. Der of­fe­ne Dis­kurs, den die Mei­nung er­mög­li­chen soll­te, wird so im Keim er­stickt. Das Ent­wurfs­haf­te wird zum Dog­ma er­klärt — und dann als Dog­ma wi­der­legt oder ver­tei­digt. In die­sem Me­cha­nis­mus liegt ei­ne der sub­tils­ten For­men, in der ori­en­tie­ren­de Au­to­ri­tät in au­to­ri­tä­ren Zwang kippt.

Der Kippmoment: Tanha und die Erstarrung des Wunsches

Der Wunsch als orientierende Kraft

Die trei­ben­de Kraft des Wun­sches ist ei­ne der ele­men­tars­ten mensch­li­chen Er­fah­run­gen. Wün­sche ge­ben Rich­tung, sie mo­bi­li­sie­ren En­er­gie, sie struk­tu­rie­ren Zeit — sie sa­gen uns, wo­hin wir wol­len, und un­ter­schei­den da­mit ei­ne Zu­kunft von ei­ner an­de­ren. In die­sem Sin­ne kann der Wunsch zu ei­ner der ur­sprüng­lichs­ten For­men von Au­to­ri­tät wer­den: Wir ver­lei­hen ihm Be­deu­tung, wir schrei­ben ihm Ge­wicht zu — und er gibt uns da­für Rich­tung.

So­lan­ge der Wunsch of­fen bleibt — so­lan­ge er Rich­tung gibt, oh­ne Er­fül­lung zu er­zwin­gen —, be­hält er sei­nen ori­en­tie­ren­den Cha­rak­ter. Er ist dann tat­säch­lich ein Ent­wurf: auf Zu­kunft hin, auf Mög­lich­keit hin, auf den An­de­ren hin of­fen. Die ori­en­tie­ren­de Kraft, die wir dem Wunsch ver­lei­hen, liegt nicht in sei­ner Ver­wirk­li­chung, son­dern in sei­ner Be­we­gung — in sei­nem mo­ti­vie­ren­den Mo­men­tum.

Tanha: Die Erstarrung und ihr Leiden

Das bud­dhis­ti­sche Kon­zept des Tan­ha — wört­lich: Durst, Ver­lan­gen — be­zeich­net ge­nau den Punkt, an dem die­ser be­weg­li­che, ori­en­tie­ren­de Wunsch zu kip­pen be­ginnt. Im bud­dhis­ti­schen Den­ken ent­steht Lei­den nicht aus dem Wunsch an sich, son­dern aus dem Fest­hal­ten an ihm: der Wei­ge­rung, sei­ne Kon­tin­genz an­zu­er­ken­nen, der Ver­wand­lung des Ent­wurfs in ei­ne For­de­rung, der For­de­rung in ei­nen An­spruch, des An­spruchs in ei­nen Zwang. Was als ori­en­tie­ren­de Kraft be­gann, wird zur Fes­sel — zu­erst für den­je­ni­gen, der fest­hält, dann für je­ne, die mit ihm zu­sam­men­le­ben.

Die­se Struk­tur ist struk­tu­rell iden­tisch mit dem, was Erich Fromm als ir­ra­tio­na­le Au­to­ri­tät be­schrie­ben hat. Fromm un­ter­schei­det scharf zwi­schen ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät, die im Dienst des Wachs­tums des An­de­ren steht, und ir­ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät, die dem An­de­ren Un­ter­wer­fung ab­ver­langt, weil sie aus ei­ge­nem Man­gel ge­speist wird. Der Un­ter­schied liegt nicht in der Stär­ke der Gel­tung, son­dern in ih­rer Rich­tung: Ra­tio­na­le Au­to­ri­tät öff­net, ir­ra­tio­na­le schließt. Ra­tio­na­le Au­to­ri­tät ist auf Über­flüs­sig­wer­den an­ge­legt — die gu­te Leh­re­rin, der gu­te Va­ter ar­bei­ten auf ih­re ei­ge­ne Ent­behr­lich­keit hin. Ir­ra­tio­na­le Au­to­ri­tät hin­ge­gen braucht Ab­hän­gig­keit, weil sie oh­ne sie auf­hört zu exis­tie­ren.

Die gegenseitige Fixierung

Hier liegt ein ent­schei­den­der Punkt, der leicht über­se­hen wird: Das Kip­pen in Au­to­ri­ta­ris­mus ist kein ein­sei­ti­ger Vor­gang. Es ent­steht nicht al­lein aus der Macht­gier des Au­to­ri­tä­ren — es ent­steht im Zu­sam­men­spiel zwei­er Man­gel­zu­stän­de. Auf der ei­nen Sei­te der­je­ni­ge, den man nicht los­las­sen kann: weil man nie ge­lernt hat, auf ei­ge­nen Bei­nen zu ste­hen, weil He­te­ro­no­mie zur zwei­ten Na­tur ge­wor­den ist, weil die Fä­hig­keit zur Au­to­no­mie — im ety­mo­lo­gi­schen Sin­ne: das Ver­mö­gen, sich selbst Ge­setz zu sein — nie ver­mit­telt wur­de. Auf der an­de­ren Sei­te der­je­ni­ge, der nicht los­las­sen will: weil er den An­de­ren als Spie­gel braucht, weil er sei­ne ei­ge­ne Gel­tung nur im Ge­hor­sam des An­de­ren spü­ren kann.

Die­se ge­gen­sei­ti­ge Fi­xie­rung ist das ei­gent­li­che We­sen des Au­to­ri­ta­ris­mus — nicht Stär­ke, son­dern ei­ne dop­pel­te Schwä­che, die sich wech­sel­sei­tig sta­bi­li­siert. Are­ndt hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Rück­griff auf Ge­walt im­mer schon ein Zei­chen des Au­to­ri­täts­ver­lusts ist: Wer wirk­lich an­er­kannt wird, braucht kei­nen Zwang. Au­to­ri­ta­ris­mus ist mit­hin die Si­mu­la­ti­on von Au­to­ri­tät durch Mit­tel, die Au­to­ri­tät per de­fi­ni­tio­nem aus­schlie­ßen.

Ironie und Autorität-Kritik von innen

Die ironische Haltung als Gegenmittel

Wie aber lässt sich das Kip­pen ver­mei­den? Wel­che Hal­tung er­laubt es, ori­en­tie­ren­de Au­to­ri­tät zu kul­ti­vie­ren, oh­ne in Au­to­ri­ta­ris­mus zu ver­fal­len? Ri­chard Ror­tys Ent­wurf der li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin bie­tet hier ei­nen be­mer­kens­wer­ten An­satz — nicht als fer­ti­ges Pro­gramm, son­dern als Be­schrei­bung ei­ner Hal­tung.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin lebt mit Über­zeu­gun­gen im mitt­le­ren Sin­ne — ver­tieft, ge­wich­tig, hand­lungs­lei­tend, aber oh­ne den An­spruch auf letz­te Wahr­heit. Sie weiß, dass ih­re Über­zeu­gun­gen kon­tin­gent sind: his­to­risch ge­wach­sen, durch Er­fah­rung ge­formt, durch an­de­re Er­fah­run­gen re­vi­dier­bar. Das schützt sie vor dem Um­schlag zur Über-Zeu­gung — nicht durch Gleich­gül­tig­keit, son­dern durch je­ne epis­te­mi­sche Be­schei­den­heit, die En­ga­ge­ment und Of­fen­heit zu­gleich er­laubt.

Strukturanalogie: Achtsamkeit und Ironie

Die­se Hal­tung weist ei­ne be­mer­kens­wer­te Struk­tur­ana­lo­gie zur bud­dhis­ti­schen Pra­xis der Acht­sam­keit auf. Auch Acht­sam­keit zielt nicht auf die Auf­lö­sung von Wün­schen und Über­zeu­gun­gen, son­dern auf ei­ne ver­än­der­te Hal­tung zu ih­nen: Das Fest­hal­ten wird durch ein be­wuss­tes Ge­wahr­sein er­setzt, das dem Wunsch sei­nen Platz lässt, oh­ne von ihm be­herrscht zu wer­den. Das ist kei­ne Gleich­gül­tig­keit — es ist ei­ne Form von in­ne­rem Zeu­gen, ei­ne Fä­hig­keit zur Selbst­di­stanz, die das Selbst nicht aus­löscht, son­dern schärft.

Ge­nau die­se Fä­hig­keit — die Au­to­ri­tät-Kri­tik von in­nen — ist die Be­din­gung der Mög­lich­keit für das, was Ror­ty So­li­da­ri­tät nennt. Denn wer sei­ne ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen für ab­so­lut hält, wer sei­ne Mei­nun­gen in Über­zeu­gun­gen ver­wan­delt hat und sei­ne Über­zeu­gun­gen in Iden­ti­tät, der kann den An­de­ren nur als Be­stä­ti­gung oder Be­dro­hung wahr­neh­men. So­li­da­ri­tät aber setzt vor­aus, dass ich den An­de­ren in sei­ner An­ders­heit wahr­neh­me — als je­man­den, des­sen Lei­den re­al ist, auch wenn sein Vo­ka­bu­lar ein an­de­res ist als mei­nes. Das ist nur mög­lich, wenn ich nicht glau­be, der Maß­stab al­ler Din­ge zu sein.

Solidarität als Autorität — und ihr Kippen

Verliehene Empathie

So­li­da­ri­tät ist bei Ror­ty kei­ne me­ta­phy­sisch be­grün­de­te Pflicht. Es gibt kein Na­tur­ge­setz, das uns zur Em­pa­thie zwingt, kein ka­te­go­ri­sches Ge­bot, das So­li­da­ri­tät aus rei­ner Ver­nunft ab­lei­tet. So­li­da­ri­tät ist statt­des­sen et­was, das kul­ti­viert wer­den muss — durch Li­te­ra­tur, durch Be­geg­nung, durch die Er­wei­te­rung der Vor­stel­lungs­kraft, durch die lang­sam wach­sen­de Fä­hig­keit, das Lei­den des An­de­ren als wirk­li­ches Lei­den zu er­ken­nen, auch wenn es sich in frem­den For­men äu­ßert.

In die­sem Sin­ne ist So­li­da­ri­tät ei­ne ver­lie­he­ne Au­to­ri­tät: wir schrei­ben ihr Ver­bind­lich­keit zu, wir er­ken­nen sie als hand­lungs­lei­tend an — nicht weil wir müs­sen, son­dern weil wir es ge­lernt ha­ben zu wol­len. Das ist ge­nau der Ge­gen­ent­wurf zur ir­ra­tio­na­len Au­to­ri­tät Fromms: Hier wird kei­ne Ab­hän­gig­keit er­zeugt, son­dern Hand­lungs­fä­hig­keit ge­stärkt; hier ist die Au­to­ri­tät auf ih­re ei­ge­ne Über­flüs­sig­keit hin an­ge­legt, weil ih­re Wir­kung dann am größ­ten ist, wenn sie in­ter­na­li­siert wur­de und kei­ner äu­ße­ren Ver­stär­kung mehr be­darf.

Die Gefahr der erstarrten Solidarität

Doch auch So­li­da­ri­tät kann kip­pen. Die Ge­schich­te eman­zi­pa­to­ri­scher Be­we­gun­gen kennt das Mus­ter zur Ge­nü­ge: Was als of­fe­ne, em­pa­thisch er­wor­be­ne Ver­bin­dung be­ginnt, er­starrt zur Pflicht, zur For­de­rung, zum Kon­for­mi­täts­druck. So­li­da­risch zu sein wird zur Norm, de­ren Ver­let­zung Aus­schluss nach sich zieht. Das Wir, das sich durch ge­mein­sa­mes Lei­den und ge­mein­sa­mes Wol­len ge­bil­det hat, schließt sich nach in­nen und au­ßen — und be­ginnt, ge­nau je­ne Me­cha­nis­men der Un­ter­wer­fung zu re­pro­du­zie­ren, ge­gen die es an­ge­tre­ten war.

Die Be­din­gung da­für, dass So­li­da­ri­tät nicht au­to­ri­tär wird, ist die­sel­be wie die Be­din­gung ih­rer Ent­ste­hung: die iro­ni­sche Di­stanz, die Fä­hig­keit zur Au­to­ri­tät-Kri­tik von in­nen. So­li­da­ri­tät muss sich selbst kon­tin­gent hal­ten — muss wis­sen, dass auch sie kip­pen kann, dass auch sie zum Tan­ha wer­den kann. Wer das weiß, hat noch nicht die Lö­sung — aber er hat ei­ne Hal­tung, die das Kip­pen un­wahr­schein­li­cher macht.

Autorität halten — das Kippen im Blick

Es gibt kei­ne Ga­ran­tie. Kein Me­cha­nis­mus, der das Kip­pen von ori­en­tie­ren­der Kraft in au­to­ri­tä­ren Zwang struk­tu­rell aus­schließt. Das ist un­be­quem — aber viel­leicht ist es die ehr­lichs­te Aus­kunft, die sich ge­ben lässt. Wer das Ge­gen­teil ver­spricht, hat be­reits be­gon­nen zu kip­pen.

Was es gibt, ist ei­ne Hal­tung. Sie lässt sich, nach al­lem Ge­sag­ten, so be­schrei­ben: Au­to­ri­tät — an Re­geln ver­lie­he­ne, an Per­so­nen ver­lie­he­ne, an Wün­sche und Über­zeu­gun­gen ver­lie­he­ne Gel­tung — bleibt ori­en­tie­rend, so­lan­ge sie sich ih­rer ei­ge­nen Kon­stru­iert­heit be­wusst ist. Ei­ne Au­to­ri­tät, die weiß, dass sie ver­lie­hen ist, muss sich im­mer neu be­wäh­ren. Sie kann nicht auf me­ta­phy­si­sche Ab­si­che­rung zu­rück­grei­fen, nicht auf Na­tur­not­wen­dig­keit, nicht auf gött­li­ches Recht. Sie ist des­halb nicht schwä­cher — sie ist le­ben­di­ger. Sie for­dert und er­mög­licht je­ne Form der Aus­ein­an­der­set­zung, in der Mei­nun­gen Ent­wür­fe blei­ben und Über­zeu­gun­gen re­vi­dier­bar.

Das Be­wusst­sein der ei­ge­nen Kipp­ge­fähr­dung ist da­bei nicht Zei­chen von Schwä­che, son­dern Zei­chen ei­ge­ner, rei­fer Au­to­ri­tät. Wer weiß, dass er kip­pen kann, hat be­reits ei­ne Hal­tung zu sich selbst ein­ge­nom­men, die Selbst­re­fle­xi­on vor­aus­setzt und er­mög­licht. Wer die­se Mög­lich­keit leug­net, hat sie da­mit nur un­sicht­bar ge­macht — nicht be­sei­tigt.

Ror­ty hat die­se Ein­sicht in den Be­griff der Iro­nie ge­fasst, das bud­dhis­ti­sche Den­ken in den Be­griff der Acht­sam­keit, Fromm in den der ra­tio­na­len Au­to­ri­tät. Die Be­grif­fe sind ver­schie­den, die Struk­tur ist ähn­lich: Es geht um ei­ne Hal­tung der Selbst­di­stanz: des Mei­nens oh­ne An­spruch, des En­ga­ge­ments oh­ne Fa­na­tis­mus, der Über­zeu­gung oh­ne Er­star­rung. Um, mit ei­nem Wort, des­sen Ad­jek­tiv längst die Sei­ten ge­wech­selt hat, das Sub­stan­tiv aber noch stand­hält: Au­to­ri­tät — die ori­en­tie­ren­de, die le­ben­di­ge, die sich selbst in Fra­ge stel­len kann, oh­ne sich da­bei zu ver­lie­ren.

Die Fra­ge, ob die­se Hal­tung kul­ti­vier­bar ist, ob Bil­dung und Er­fah­rung und Li­te­ra­tur tat­säch­lich ver­mö­gen, was Ror­ty ih­nen zu­traut, bleibt of­fen. Sie muss of­fen blei­ben. Denn auch hier gilt: Wer sie mit Ge­wiss­heit be­ant­wor­tet, hat die Ant­wort schon fal­si­fi­ziert.

Wer den im Es­say be­rühr­ten Ge­dan­ken wei­ter nach­ge­hen möch­te, fin­det hier ei­ni­ge Hin­wei­se – kei­ne er­schöp­fen­de Bi­blio­gra­phie, son­dern ei­ne klei­ne Ein­la­dung.
Die schärfs­te phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Au­to­ri­täts­be­griff – und der Aus­gangs­punkt für die hier ver­wen­de­te Un­ter­schei­dung von Au­to­ri­tät, Macht und Ge­walt – bie­tet Han­nah Are­ndt in ih­rem Es­say »Was ist Au­to­ri­tät?«, er­schie­nen in dem Band Zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft (Pi­per). Wer lie­ber mit ei­nem kür­ze­ren Text ein­steigt, fin­det Are­ndts Grund­ge­dan­ken zur Ge­walt auch in dem schma­len Band Macht und Ge­walt (eben­falls Pi­per) kon­zen­triert.

Erich Fromms Die Furcht vor der Frei­heit (dtv) ist trotz sei­nes Al­ters – es er­schien 1941 – er­staun­lich ge­gen­wär­tig. Fromm ent­wi­ckelt dort die Un­ter­schei­dung zwi­schen ra­tio­na­ler und ir­ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät im Kon­text sei­ner Ana­ly­se, war­um Men­schen Frei­heit nicht sel­ten als Bür­de emp­fin­den und sich ihr zu ent­zie­hen su­chen. Ein Buch, das man ein­mal ge­le­sen ha­ben soll­te.

Ri­chard Ror­tys Kon­tin­genz, Iro­nie und So­li­da­ri­tät (Suhr­kamp) ist das Haupt­werk, aus dem der Be­griff der »li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin« und die Kon­zep­ti­on von So­li­da­ri­tät als kul­ti­vier­ter Hal­tung stam­men. Ror­ty schreibt un­ge­wöhn­lich le­ben­dig für ei­nen ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phen – der Ein­stieg ist leich­ter als be­fürch­tet.

Der bud­dhis­ti­sche Be­griff des Tan­ha – Ver­lan­gen, Fest­hal­ten, »Durst« – ent­stammt den Vier Ed­len Wahr­hei­ten und ist in je­der se­riö­sen Ein­füh­rung in den Bud­dhis­mus zu fin­den. Be­son­ders zu­gäng­lich ist Thich Nhat Hanhs Das Herz von Bud­dhas Leh­re (Her­der).

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Re­fe­ren­ces
1 Im Sprach­ge­brauch ist da­bei ei­ne be­mer­kens­wer­te Lü­cke ent­stan­den: Für »Au­to­ri­tät« im po­si­ti­ven Sin­ne gibt es kein ge­bräuch­li­ches Ad­jek­tiv. »Au­to­ri­ta­tiv« exis­tiert, klingt aber be­reits wie­der nach An­ord­nung. »Au­to­ri­tar« kennt nie­mand. Und »Au­to­ri­tä­ri­tät« als Sub­stan­tiv zum Ad­jek­tiv »au­to­ri­tär« hat nie­mand je ge­sagt — der Ge­brauch scheint es zu ver­wei­gern. Das Kip­pen hat sich still in die Gram­ma­tik ein­ge­schrie­ben.

Narziss und Echo: Zur Dialektik von Autorität und Ironie

Eine Betrachtung von Charaktertypologien zwischen Selbstverliebtheit und Selbstauslöschung.

Der an­ti­ke My­thos von Nar­ziss und Echo er­zählt nicht nur ei­ne Ge­schich­te un­er­füll­ter Lie­be, son­dern ar­ti­ku­liert ei­ne fun­da­men­ta­le Asym­me­trie mensch­li­cher Exis­ten­z­wei­sen. Nar­ziss, ge­fan­gen in sei­ner ei­ge­nen Spie­ge­lung, un­fä­hig zur An­er­ken­nung des An­de­ren; Echo, re­du­ziert auf blo­ße Re­so­nanz, un­fä­hig zur ei­ge­nen Ar­ti­ku­la­ti­on. Die­se my­tho­lo­gi­sche Kon­stel­la­ti­on lässt sich pro­duk­tiv auf zwei zen­tra­le Cha­rak­ter­ty­po­lo­gien der po­li­ti­schen Phi­lo­so­phie über­tra­gen: den au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter Theo­dor W. Ador­nos und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin Ri­chard Ror­tys. Was zu­nächst als psy­cho­ana­ly­ti­sche oder li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Be­ob­ach­tung er­scheint, er­weist sich als Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis fun­da­men­ta­ler Herr­schafts- und Frei­heits­ver­hält­nis­se.

Der vor­lie­gen­de Es­say un­ter­nimmt ei­ne dop­pel­te Be­we­gung: Zum ei­nen wird die struk­tu­rel­le Ana­lo­gie zwi­schen dem nar­ziss­ti­schen und dem au­to­ri­tä­ren Ty­pus her­aus­ge­ar­bei­tet, zum an­de­ren wer­den die je­wei­li­gen Ge­gen­ent­wür­fe – Echo und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin – in ih­rer Be­zie­hung zu­ein­an­der ana­ly­siert. Da­bei zeigt sich, dass bei­de Kon­stel­la­tio­nen nicht nur pa­tho­lo­gi­sche Ex­tre­me mar­kie­ren, son­dern auch auf die Mög­lich­keit und Not­wen­dig­keit ei­ner ver­mit­teln­den Po­si­ti­on ver­wei­sen, die we­der in Selbst­ver­liebt­heit noch in Selbst­aus­lö­schung mün­det.

Narziss und der autoritäre Charakter: Die geschlossene Selbstreferenz

Die narzisstische Struktur

Der Nar­ziss­mus kon­sti­tu­iert sich durch die pa­tho­lo­gi­sche Un­fä­hig­keit, das ei­ge­ne Selbst vom An­de­ren zu un­ter­schei­den. Nar­ziss er­kennt in sei­nem Spie­gel­bild nicht den An­de­ren, son­dern pro­ji­ziert sein ei­ge­nes Be­geh­ren zu­rück auf sich selbst. Die­se Struk­tur ist fun­da­men­tal mo­no­lo­gisch: Die Welt wird zum blo­ßen Echo der ei­ge­nen In­ner­lich­keit, an­de­re Men­schen exis­tie­ren nur in­so­fern, als sie das gran­dio­se Selbst­bild be­stä­ti­gen oder be­dro­hen. Die nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keit kennt kei­ne ech­te Re­zi­pro­zi­tät, kei­ne wirk­li­che An­er­ken­nung des An­de­ren als An­de­ren — sie kennt nur Spie­ge­lun­gen, Be­wun­de­rung oder Krän­kung.

Die­se Struk­tur weist ei­ne er­staun­li­che Ho­mo­lo­gie zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter auf, wie ihn Ador­no und sei­ne Mit­ar­bei­ter in den »Stu­dies in Pre­ju­di­ce« be­schrie­ben ha­ben. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter ist ge­kenn­zeich­net durch ei­ne ri­gi­de Ich-Or­ga­ni­sa­ti­on, die auf der Ab­wehr in­ne­rer Schwä­che ba­siert. Das schwa­che Ich wird kom­pen­siert durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit äu­ße­rer Macht, durch die Pro­jek­ti­on ei­ge­ner ver­dräng­ter Im­pul­se auf Min­der­hei­ten und durch die Un­fä­hig­keit zur Am­bi­gui­täts­to­le­ranz.

Die autoritäre Weltordnung als narzisstische Projektion

Wie Nar­ziss nur sein ei­ge­nes Spie­gel­bild se­hen kann, sieht der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter die Welt aus­schließ­lich durch das Pris­ma von Macht und Un­ter­ord­nung. Die ri­gi­de Ka­te­go­ri­sie­rung in stark/schwach, oben/unten, rein/unrein ent­spricht der nar­ziss­ti­schen Un­fä­hig­keit zur Am­bi­va­lenz. Der An­de­re exis­tiert nicht in sei­ner Ei­gen­stän­dig­keit, son­dern nur als Pro­jek­ti­ons­flä­che: ent­we­der als idea­li­sier­te Au­to­ri­tät, mit der man sich iden­ti­fi­ziert, oder als ver­ach­te­te Grup­pe, auf die man ei­ge­ne Schwä­che und ver­bo­te­ne Im­pul­se pro­ji­ziert.

Ador­no be­schreibt, wie der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter un­fä­hig ist zu ech­ter Em­pa­thie und Selbst­re­fle­xi­on. Statt­des­sen herrscht ein Pseu­do-Den­ken, das in Ste­reo­ty­pen und Kli­schees ope­riert — ei­ne Form der Welt­erfah­rung, die der nar­ziss­ti­schen Pro­jek­ti­on struk­tu­rell äh­nelt. Die Welt wird nicht in ih­rer Kom­ple­xi­tät wahr­ge­nom­men, son­dern auf ein ver­ein­fach­tes Sche­ma re­du­ziert, das das fra­gi­le Selbst stützt.

Be­son­ders deut­lich wird die Ana­lo­gie in der Be­zie­hung zur Au­to­ri­tät. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter un­ter­wirft sich der Macht nicht trotz, son­dern we­gen sei­ner nar­ziss­ti­schen Struk­tur. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ag­gres­sor, die Ver­schmel­zung mit der all­mäch­ti­gen Va­ter­in­stanz, er­laubt es dem schwa­chen Ich, an der Gran­dio­si­tät teil­zu­ha­ben. Dies ist die po­li­ti­sche Ma­ni­fes­ta­ti­on der nar­ziss­ti­schen Spie­ge­lung: Statt im Teich das ei­ge­ne Ge­sicht zu se­hen, sieht der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter im Füh­rer, in der Na­ti­on, in der ras­si­schen Ge­mein­schaft sein idea­li­sier­tes Selbst.

Echo und die liberale Ironikerin: Zwischen Selbstauslöschung und reflektierter Kontingenz

Die Struktur der Selbstentleerung

Echo ver­kör­pert die Um­keh­rung des Nar­ziss­mus: Wo die­ser nur sich selbst sieht, kann sie nur den An­de­ren wie­der­ge­ben. Ver­flucht, kei­ne ei­ge­ne Stim­me mehr zu ha­ben, wird sie zur rei­nen Re­so­nanz frem­der Wor­te. Ih­re Lie­be zu Nar­ziss bleibt un­er­füllt, weil sie nicht ar­ti­ku­lie­ren kann, wer sie ist — sie kann nur zu­rück­wer­fen, was der an­de­re sagt. Die­se Struk­tur des Echo­is­mus be­schreibt ei­ne Exis­ten­z­wei­se, in der das Selbst sich voll­stän­dig in den Dienst des An­de­ren stellt, bis zur Selbst­aus­lö­schung.

Die­se Po­si­ti­on scheint zu­nächst das ra­di­ka­le Ge­gen­teil zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter dar­zu­stel­len. Wo die­ser durch ri­gi­de Selbst­be­haup­tung ge­kenn­zeich­net ist, herrscht beim echo­is­ti­schen Cha­rak­ter völ­li­ge Selbst­preis­ga­be. Doch die­se Ge­gen­über­stel­lung ist zu sim­pel. Denn so­wohl Nar­ziss­mus als auch Echo­is­mus tei­len ei­ne fun­da­men­ta­le Un­fä­hig­keit: die Un­fä­hig­keit zur ech­ten Re­zi­pro­zi­tät, zum dia­lo­gi­schen Ver­hält­nis zwi­schen Selbst und An­de­rem.

Ri­chard Ror­ty nun ent­wirft mit sei­ner „li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin“ („li­be­ral iro­nist“) ei­nen Cha­rak­ter­ty­pus, der auf den ers­ten Blick Echos Po­si­ti­on na­he zu ste­hen scheint, tat­säch­lich aber ei­ne qua­li­ta­tiv an­de­re Hal­tung ar­ti­ku­liert. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ist de­fi­niert durch drei Merk­ma­le: Ers­tens hat sie ra­di­ka­le Zwei­fel an ih­rem ei­ge­nen Vo­ka­bu­lar, ih­ren ei­ge­nen tiefs­ten Über­zeu­gun­gen. Zwei­tens er­kennt sie, dass Ar­gu­men­te in ih­rem Vo­ka­bu­lar die­se Zwei­fel we­der auf­lö­sen noch ver­drän­gen kön­nen. Drit­tens – und hier liegt der ent­schei­den­de Un­ter­schied zu Echo – sieht sie ihr ei­ge­nes Vo­ka­bu­lar nicht als nä­her an der Rea­li­tät als an­de­re Vo­ka­bu­la­re.

Ironie versus Echoismus

Der ent­schei­den­de Un­ter­schied: Echo hat kei­ne ei­ge­ne Stim­me, die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin hat ei­ne Stim­me, weiß aber um de­ren Kon­tin­genz. Echo wie­der­holt zwang­haft die Wor­te an­de­rer, die Iro­ni­ke­rin wählt re­flek­tiert ih­re ei­ge­nen Wor­te im Be­wusst­sein, dass sie auch an­ders sein könn­ten. Wäh­rend der Echo­is­mus in pa­tho­lo­gi­scher Selbst­ent­lee­rung mün­det, stellt die li­be­ra­le Iro­nie ei­ne Form der Selbst­di­stanz dar, die das Selbst nicht aus­löscht, son­dern be­wusst re­la­ti­viert.

Ror­ty be­tont, dass die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin zwar an der Kon­tin­genz ih­rer ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht zwei­felt, aber den­noch an ih­nen fest­hält — nicht weil sie ab­so­lut wahr wä­ren, son­dern weil sie ih­re Über­zeu­gun­gen sind, his­to­risch ge­wach­sen, kon­tex­tu­ell ge­formt. Dies ist kei­ne Selbst­aus­lö­schung, son­dern ei­ne Form des Selbst­ver­hält­nis­ses, die Ernst und Di­stanz ver­bin­det.

Zu­gleich – und das macht die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin zum kla­ren Ge­gen­ent­wurf zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter – ist sie ge­prägt von dem Wunsch, Grau­sam­keit zu ver­mei­den. Wäh­rend der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter sei­ne ei­ge­ne Un­si­cher­heit durch Ag­gres­si­on ge­gen an­de­re kom­pen­siert, grün­det die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ih­re Po­li­tik ge­ra­de in der An­er­ken­nung der ei­ge­nen Kon­tin­genz. Wer weiß, dass die ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht ab­so­lut sind, hat kei­nen Grund, sie an­de­ren mit Ge­walt auf­zu­zwin­gen.

Symmetrien und Asymmetrien: Die Dialektik der Gegenentwürfe

Die gemeinsame Struktur: Unfähigkeit zur Anerkennung

Auf den ers­ten Blick schei­nen Narziss/Autoritärer und Echo/Ironikerin zwei voll­stän­dig ent­ge­gen­ge­setz­te Paa­re zu bil­den. Doch bei ge­naue­rer Be­trach­tung zei­gen sich kom­ple­xe­re Ver­hält­nis­se. So­wohl Nar­ziss als auch Echo schei­tern an der Mög­lich­keit ech­ter In­ter­sub­jek­ti­vi­tät. Nar­ziss kann den An­de­ren nicht als ei­gen­stän­di­ges Sub­jekt an­er­ken­nen, Echo kann sich selbst nicht als ei­gen­stän­di­ges Sub­jekt be­haup­ten. Bei­de blei­ben in ei­ner Form der Selbst­be­züg­lich­keit ge­fan­gen — Nar­ziss in der mo­no­lo­gi­schen, Echo in der re­ak­ti­ven.

Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin hin­ge­gen ste­hen nicht in sym­me­tri­scher Op­po­si­ti­on zu­ein­an­der, son­dern in ei­nem asym­me­tri­schen Ver­hält­nis. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter lehnt Am­bi­gui­tät, Kon­tin­genz und Plu­ra­li­tät ab — er sucht Ein­deu­tig­keit, Not­wen­dig­keit und Ein­heit. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ak­zep­tiert die­se Be­din­gun­gen, oh­ne in Be­lie­big­keit zu ver­fal­len. Sie ist nicht das Spie­gel­bild des Au­to­ri­tä­ren, son­dern des­sen Über­win­dung durch Re­fle­xi­on.

Die Frage der Macht

Ein zen­tra­les Pro­blem zeigt sich in der Be­zie­hung zur Macht. Der narzisstische/autoritäre Ty­pus ist durch ein fun­da­men­ta­les Macht­ver­hält­nis struk­tu­riert: die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Stär­ke, die Ver­ach­tung von Schwä­che, die Not­wen­dig­keit der Do­mi­nanz. Echo da­ge­gen scheint jeg­li­che Macht zu ne­gie­ren, sich selbst voll­stän­dig zu ent­mach­ten zu­guns­ten des An­de­ren.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin nun nimmt ei­ne ver­mit­teln­de Po­si­ti­on ein. Sie ne­giert Macht nicht, aber sie ab­so­lu­tiert sie auch nicht. Ih­re Po­li­tik grün­det in der Ein­sicht, dass es kei­ne me­ta­phy­si­sche Recht­fer­ti­gung für Macht­aus­übung gibt — und ge­ra­de des­halb muss Macht durch de­mo­kra­ti­sche Ver­fah­ren, durch Öf­fent­lich­keit, durch die stän­di­ge Mög­lich­keit der Re­vi­si­on ge­zähmt wer­den. Die Iro­nie ge­gen­über den ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen ist nicht Schwä­che, son­dern die Vor­aus­set­zung für ei­ne Macht­aus­übung, die nicht in Ge­walt um­schlägt.

Ador­nos au­to­ri­tä­rer Cha­rak­ter da­ge­gen ist un­fä­hig zu die­ser Re­fle­xi­on. Für ihn ist Macht ent­we­der ab­so­lut le­gi­tim (wenn sie von der idea­li­sier­ten Au­to­ri­tät aus­geht) oder ab­so­lut il­le­gi­tim (wenn sie von den ver­ach­te­ten Grup­pen be­an­sprucht wird). Die Kon­tin­genz von Macht­ver­hält­nis­sen, ihr his­to­ri­sches Ge­wor­den­sein, kann er nicht den­ken — oder muss sie ver­drän­gen, weil sie sein fra­gi­les Selbst be­dro­hen wür­de.

Die Möglichkeit des Dialogs

Am deut­lichs­ten zeigt sich der Un­ter­schied in der Fä­hig­keit zum Dia­log. Nar­ziss spricht nur zu sich selbst, auch wenn er glaubt, zu an­de­ren zu spre­chen. Echo kann nur die Wor­te an­de­rer wie­der­ho­len, auch wenn sie zu spre­chen glaubt. Bei­de ver­feh­len die Struk­tur des ech­ten Dia­logs, der we­der mo­no­lo­gi­sche Selbst­be­spie­ge­lung noch re­ak­ti­ve Wie­der­ho­lung ist, son­dern ein Wech­sel­ver­hält­nis von Spre­chen und Hö­ren, von Selbst­be­haup­tung und An­er­ken­nung.

Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter ist un­fä­hig zum Dia­log, weil für ihn je­de Aus­ein­an­der­set­zung ein Macht­kampf ist, der mit Sieg oder Nie­der­la­ge en­den muss. Kom­pro­miss er­scheint als Schwä­che, Mei­nungs­wan­del als Ver­rat. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen kann ge­ra­de des­halb dia­log­fä­hig sein, weil sie ih­re ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht als ab­so­lut an­sieht. Sie kann dem An­de­ren zu­hö­ren, oh­ne sich be­droht zu füh­len, kann ih­re Mei­nung än­dern, oh­ne ih­re Iden­ti­tät zu ver­lie­ren.

Al­ler­dings – und hier liegt ei­ne wich­ti­ge Ein­schrän­kung – darf die Iro­nie nicht so weit ge­hen, dass sie je­de ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung un­mög­lich macht. Ror­ty selbst be­tont, dass die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ih­re Iro­nie in der Pri­vat­sphä­re kul­ti­viert, in der Öf­fent­lich­keit aber für ih­re Über­zeu­gun­gen ein­tritt. Ei­ne voll­stän­di­ge Iro­ni­sie­rung al­ler Po­si­tio­nen wür­de in der Tat zur Echo-Struk­tur füh­ren: zur Un­fä­hig­keit, über­haupt noch et­was zu sa­gen, das über blo­ße – wenn auch iro­nisch ge­bro­che­ne statt na­iv ge­spie­gel­te – Wie­der­ho­lung hin­aus­geht.

Synthese: Die vermittelte Position

Jenseits der Extreme

Was zeigt die Ana­lo­gie zwi­schen den my­tho­lo­gi­schen und den phi­lo­so­phisch-po­li­ti­schen Cha­rak­ter­ty­pen? Zu­nächst dies: So­wohl der Narzissmus/Autoritarismus als auch der Echo­is­mus sind pa­tho­lo­gi­sche Ex­tre­me, die in ih­rer je ei­ge­nen Wei­se schei­tern. Der narzisstische/autoritäre Ty­pus schei­tert an sei­ner Un­fä­hig­keit, den An­de­ren an­zu­er­ken­nen; der echo­is­ti­sche Ty­pus schei­tert an sei­ner Un­fä­hig­keit, sich selbst zu be­haup­ten.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin Ror­tys ist nun nicht ein­fach das Ge­gen­teil des au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ters — ei­ne sol­che Ge­gen­über­stel­lung wür­de sie mit Echo gleich­set­zen. Viel­mehr stellt sie ei­ne Ver­mitt­lung dar, ei­ne Po­si­ti­on jen­seits der fal­schen Al­ter­na­ti­ve von Selbst­ver­liebt­heit und Selbst­aus­lö­schung.

Die­se ver­mit­tel­te Po­si­ti­on ist cha­rak­te­ri­siert durch: (1) Die An­er­ken­nung der ei­ge­nen Kon­tin­genz oh­ne Ver­lust der Hand­lungs­fä­hig­keit. (2) Die Fä­hig­keit zu fes­ten Über­zeu­gun­gen bei gleich­zei­ti­ger Be­reit­schaft zur Re­vi­si­on. (3) Die Ver­bin­dung von Selbst­be­haup­tung und Em­pa­thie. (4) Die Trans­for­ma­ti­on der Angst vor Am­bi­gui­tät in pro­duk­ti­ve Un­si­cher­heit.

Die politischen Implikationen

Die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen die­ser Cha­rak­ter­ty­po­lo­gien sind evi­dent. Ei­ne De­mo­kra­tie kann we­der von au­to­ri­tä­ren Cha­rak­te­ren noch von echo­is­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten ge­tra­gen wer­den. Die au­to­ri­tä­ren ten­die­ren zum Fa­schis­mus, zur Sehn­sucht nach dem star­ken Füh­rer, zur In­to­le­ranz ge­gen­über Plu­ra­li­tät. Die echo­is­ti­schen da­ge­gen wür­den in voll­stän­di­ger po­li­ti­scher Hand­lungs­un­fä­hig­keit en­den, in der Un­fä­hig­keit, über­haupt Po­si­tio­nen zu ver­tre­ten.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen ver­kör­pert ei­nen de­mo­kra­ti­schen Cha­rak­ter­ty­pus. Sie kann die Span­nung aus­hal­ten zwi­schen der Not­wen­dig­keit, Po­si­tio­nen zu be­zie­hen, und dem Be­wusst­sein, dass die­se Po­si­tio­nen kon­tin­gent sind. Sie kann für ih­re Über­zeu­gun­gen kämp­fen, oh­ne glau­ben zu müs­sen, dass die­se ab­so­lut wahr sind. Sie kann Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, oh­ne sich ver­ra­ten zu füh­len.

Zu­gleich zeigt sich hier ei­ne Gren­ze der Ana­lo­gie. Wäh­rend Echo und Nar­ziss my­tho­lo­gi­sche Fi­gu­ren sind, die in ih­rer Ab­so­lut­heit ver­har­ren, sind der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin so­zia­le Ty­pen, die durch Bil­dung, durch Er­fah­rung, durch Selbst­re­fle­xi­on ver­än­dert wer­den kön­nen. Ador­nos Stu­di­en wa­ren ja ge­ra­de mo­ti­viert durch die Fra­ge, wie dem Au­to­ri­ta­ris­mus ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den kann. Ror­ty wie­der­um sieht in der Li­te­ra­tur, in der Kon­fron­ta­ti­on mit frem­den Le­bens­for­men, in der Er­wei­te­rung der Vor­stel­lungs­kraft We­ge zur Kul­ti­vie­rung der li­be­ra­len Iro­nie.

Die Frage nach dem Selbst

Letzt­lich geht es in all die­sen Kon­stel­la­tio­nen um ver­schie­de­ne For­men des Selbst­ver­hält­nis­ses. Nar­ziss ist ge­fan­gen in ei­nem Selbst, das nur Selbst ist, oh­ne Be­zug zum An­de­ren. Echo hat ein Selbst ver­lo­ren, das nur noch Re­so­nanz des An­de­ren ist. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter kom­pen­siert ein schwa­ches Selbst durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit äu­ße­rer Macht. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin kul­ti­viert ein Selbst, das sich sei­ner ei­ge­nen Kon­tin­genz be­wusst ist, oh­ne des­halb auf­zu­hö­ren, ein Selbst zu sein.

Viel­leicht liegt hier der tiefs­te Ein­blick, den die Ana­lo­gie er­mög­licht: Ein ge­sun­des, ein de­mo­kra­ti­sches Selbst ist we­der nar­ziss­tisch-au­to­ri­tär noch echo­is­tisch-auf­ge­löst, son­dern iro­nisch im Ror­ty­schen Sin­ne. Es ist ein Selbst, das stark ge­nug ist, um sei­ne ei­ge­ne Schwä­che zu­zu­ge­ben; ein Selbst, das fest­ge­fügt ge­nug ist, um sei­ne ei­ge­ne Kon­tin­genz zu er­tra­gen; ein Selbst, das sei­ner selbst si­cher ge­nug ist, um den An­de­ren nicht als Be­dro­hung er­le­ben zu müs­sen.

Das Ende des Mythos und die Fortsetzung der Politik

Der My­thos en­det tra­gisch: Nar­ziss stirbt, fi­xiert auf sein ei­ge­nes Bild; Echo ver­schwin­det, bis nur noch ih­re Stim­me üb­rig ist, kör­per­los und leer. Die­se Tra­gö­die ist nicht nur in­di­vi­du­ell, son­dern auch po­li­tisch les­bar. Die nar­ziss­tisch-au­to­ri­tä­re Kon­stel­la­ti­on führt in Ge­walt und Selbst­zer­stö­rung — die Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts hat dies über­deut­lich ge­zeigt. Die echo­is­ti­sche Selbst­auf­lö­sung führt zur po­li­ti­schen Hand­lungs­un­fä­hig­keit, zur Un­mög­lich­keit des Wi­der­stands.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen ver­weist auf ei­ne Mög­lich­keit jen­seits der my­tho­lo­gi­schen Not­wen­dig­keit. Sie zeigt, dass es mög­lich ist, fes­te Über­zeu­gun­gen zu ha­ben und sie zu ver­tre­ten, oh­ne in Au­to­ri­ta­ris­mus zu ver­fal­len; dass es mög­lich ist, die ei­ge­ne Kon­tin­genz an­zu­er­ken­nen, oh­ne in Hand­lungs­un­fä­hig­keit zu ver­sin­ken; dass es mög­lich ist, so­wohl ein Selbst zu ha­ben als auch den An­de­ren an­zu­er­ken­nen.

Dies ist kei­ne Syn­the­se im He­gel­schen Sin­ne, die die Wi­der­sprü­che auf­hebt. Es ist viel­mehr ei­ne Pra­xis des Le­bens-mit-Wi­der­sprü­chen, ei­ne Kunst der Ba­lan­ce zwi­schen Not­wen­dig­kei­ten. Die po­li­ti­sche Ord­nung der li­be­ra­len De­mo­kra­tie, wie Ror­ty sie ver­steht, ist ge­nau dies: nicht die Lö­sung al­ler Wi­der­sprü­che, son­dern die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Form, mit ih­nen zu le­ben.

Der My­thos von Nar­ziss und Echo er­in­nert uns dar­an, wie leicht das Selbst sei­ne Ba­lan­ce ver­lie­ren kann — sei es in die Selbst­ver­liebt­heit oder in die Selbst­aus­lö­schung. Die Phi­lo­so­phie Ador­nos warnt uns vor den au­to­ri­tä­ren Ver­su­chun­gen, die aus ei­nem schwa­chen Ich er­wach­sen. Die Phi­lo­so­phie Ror­tys zeigt uns ei­nen Weg, der we­der in Gran­dio­si­tät noch in Re­si­gna­ti­on mün­det. Die­ser Weg ist müh­sam, un­ge­si­chert, oh­ne me­ta­phy­si­sche Ga­ran­tien. Aber viel­leicht ist ge­ra­de das sei­ne Stär­ke: dass er nicht auf Wahr­heit, son­dern auf Frei­heit ge­grün­det ist; nicht auf Not­wen­dig­keit, son­dern auf Kon­tin­genz; nicht auf Iden­ti­tät, son­dern auf Dif­fe­renz.

Die Fra­ge, die bleibt, ist nicht, ob wir den My­thos über­win­den kön­nen — das kön­nen wir nicht, denn Nar­ziss und Echo sind Struk­tu­ren, kei­ne his­to­ri­schen Er­eig­nis­se. Die Fra­ge ist viel­mehr, ob wir ei­ne Form des Selbst- und Welt­ver­hält­nis­ses kul­ti­vie­ren kön­nen, die die Ex­tre­me mei­det oh­ne in Mit­tel­mä­ßig­keit zu ver­fal­len; die ernst ist oh­ne dog­ma­tisch zu wer­den; die en­ga­giert ist oh­ne fa­na­tisch zu sein. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ist Ror­tys Ant­wort auf die­se Fra­ge. Ob sie ei­ne zu­rei­chen­de Ant­wort ist, muss je­de Ge­ne­ra­ti­on neu ver­han­deln — iro­ni­scher­wei­se.

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Die Wahrheit leben: Mark Carneys Davos-Rede als pragmatische Ironie

Wenn der Premierminister Kanadas zum Ironiker wird

Als Mark Car­ney am 20. Ja­nu­ar 2026 in Da­vos sprach, be­dien­te er sich ei­ner un­ge­wöhn­li­chen phi­lo­so­phi­schen Re­fe­renz: Vá­clav Ha­vels Es­say »Die Macht der Macht­lo­sen« aus dem Jahr 1978. Die Ge­schich­te vom tsche­chi­schen Ge­mü­se­händ­ler, der täg­lich ein Schild mit der Lo­sung „Pro­le­ta­ri­er al­ler Län­der, ver­ei­nigt euch!“ ins Schau­fens­ter stellt, oh­ne dar­an zu glau­ben, wur­de zur zen­tra­len Me­ta­pher für Car­neys Dia­gno­se der in­ter­na­tio­na­len Ord­nung. Doch wer ge­nau hin­hört, er­kennt in die­ser Re­de mehr als nur po­li­ti­schen Rea­lis­mus – sie ist durch­zo­gen von Mo­ti­ven, die an Ri­chard Ror­tys phi­lo­so­phi­sches Pro­jekt in »Kon­tin­genz, Iro­nie und So­li­da­ri­tät« er­in­nern.

Die Kontingenz der regelbasierten Ordnung

Ror­tys Phi­lo­so­phie be­ginnt mit der ra­di­ka­len Ein­sicht in die Kon­tin­genz – die Zu­fäl­lig­keit und Grund­lo­sig­keit – un­se­rer fun­da­men­tals­ten Über­zeu­gun­gen und Vo­ka­bu­la­re. Es gibt kei­ne me­ta­phy­si­sche Wahr­heit hin­ter un­se­ren Be­schrei­bun­gen der Welt, son­dern nur his­to­risch ge­wach­se­ne Sprach­spie­le, die sich be­währt ha­ben oder eben nicht.
Car­neys Re­de nimmt ge­nau die­se Hal­tung ge­gen­über der in­ter­na­tio­na­len Ord­nung ein. Was Jahr­zehn­te lang als „re­gel­ba­sier­te in­ter­na­tio­na­le Ord­nung“ be­zeich­net wur­de, ent­larvt er als ei­ne nütz­li­che Fik­ti­on. Die­se Ord­nung war nie­mals das, als was sie sich prä­sen­tier­te — nie wirk­lich uni­ver­sal, nie wirk­lich re­gel­ba­siert im strik­ten Sin­ne. Die Mäch­ti­gen ex­em­tier­ten1⇣Ex­em­ti­on: Rechts­üb­li­che oder ge­setz­li­che ge­ne­rel­le Frei­stel­lung (be­son­de­rer Per­so­nen­krei­se, In­sti­tu­tio­nen usw.) von be­stimm­ten Las­ten und Pflich­ten … Wei­ter­le­sen… sich, Han­dels­re­geln wur­den asym­me­trisch durch­ge­setzt, in­ter­na­tio­na­les Recht un­ter­schied­lich an­ge­wandt. Car­ney for­mu­liert dies mit be­mer­kens­wer­ter Klar­heit: „Wir wuss­ten, dass die Ge­schich­te der re­gel­ba­sier­ten in­ter­na­tio­na­len Ord­nung teil­wei­se falsch war.“
Die­se Ein­sicht ist zu­tiefst ror­tysch. Es geht nicht dar­um, ei­ne „wah­re“ Ord­nung hin­ter der fal­schen zu ent­de­cken, son­dern an­zu­er­ken­nen, dass die al­te Be­schrei­bung ih­re Nütz­lich­keit ver­lo­ren hat. Die Ord­nung war ein Vo­ka­bu­lar, ei­ne Wei­se, in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen zu be­schrei­ben und zu or­ga­ni­sie­ren — und die­ses Vo­ka­bu­lar funk­tio­niert nicht mehr. Car­ney spricht von ei­nem „Bruch, nicht ei­nem Über­gang“. Das ist die An­er­ken­nung ra­di­ka­ler Kon­tin­genz: Die Struk­tu­ren, die wir für sta­bil hiel­ten, er­wei­sen sich als his­to­risch ver­gäng­lich.

Der Ironiker in der Politik

Ror­ty de­fi­niert den/die Ironiker/in als je­man­den, die/der drei Be­din­gun­gen er­füllt: ers­tens ra­di­ka­le und fort­wäh­ren­de Zwei­fel an dem fi­na­len Vo­ka­bu­lar2⇣Ein „fi­na­les Vo­ka­bu­lar“ in die­sem Sin­ne ist z.B. die christ­li­che Bi­bel; das „letz­te Wort“ hat, das er/sie ge­gen­wär­tig be­nutzt; zwei­tens rea­li­siert, dass Ar­gu­men­te in ihrem/seinem ge­gen­wär­ti­gen Vo­ka­bu­lar we­der sei­ne Zwei­fel un­ter­mau­ern noch auf­lö­sen kön­nen; drit­tens nicht denkt, dass sein/ihr Vo­ka­bu­lar nä­her an der Rea­li­tät ist als an­de­re.
Car­ney agiert in sei­ner Re­de als po­li­ti­scher Iro­ni­ker. Er zwei­felt am Vo­ka­bu­lar der al­ten Ord­nung („re­gel­ba­siert“, „mul­ti­la­te­ral“, „ame­ri­ka­ni­sche He­ge­mo­nie als öf­fent­li­ches Gut“), er­kennt aber gleich­zei­tig, dass die­se Be­grif­fe nicht mehr tra­gen. Sei­ne Lö­sung ist nicht, ei­ne „wah­re­re“ Ord­nung zu for­dern, son­dern ein neu­es Vo­ka­bu­lar zu ent­wi­ckeln: „wer­te­ba­sier­ter Rea­lis­mus“, „va­ria­ble Geo­me­trie“, „stra­te­gi­sche Au­to­no­mie durch Ko­ope­ra­ti­on“.
Be­son­ders be­mer­kens­wert ist Car­neys Selbst­re­fle­xi­vi­tät. Er gibt zu, dass auch Ka­na­da und an­de­re mitt­le­re Mäch­te an der al­ten Fik­ti­on mit­ge­wirkt ha­ben: „Wir ha­ben das Schild ins Fens­ter ge­stellt. Wir ha­ben an den Ri­tua­len teil­ge­nom­men.“ Die­se Selbst­kri­tik ist cha­rak­te­ris­tisch für den Iro­ni­ker, der sich sei­ner ei­ge­nen Kon­tin­genz be­wusst ist und nicht vor­gibt, auf ei­nem ar­chi­me­di­schen Punkt zu ste­hen.

Solidarität ohne metaphysische Grundlage

Für Ror­ty ist So­li­da­ri­tät nicht in ei­ner uni­ver­sel­len mensch­li­chen Na­tur oder ra­tio­na­len Prin­zi­pi­en be­grün­det, son­dern in der Fä­hig­keit, un­ser „Wir-Ge­fühl“ zu er­wei­tern. So­li­da­ri­tät ent­steht durch ge­teil­te Hoff­nun­gen und Ängs­te, nicht durch ge­teil­te me­ta­phy­si­sche Über­zeu­gun­gen.
Car­neys Vi­si­on für mitt­le­re Mäch­te folgt ge­nau die­sem Mus­ter. Er for­dert kei­ne Rück­kehr zu uni­ver­sel­len Prin­zi­pi­en oder ei­ne Wie­der­her­stel­lung me­ta­phy­si­scher Wahr­hei­ten über in­ter­na­tio­na­le Ord­nung. Statt­des­sen pro­pa­giert er prag­ma­ti­sche Ko­ali­tio­nen auf Grund­la­ge kon­kre­ter ge­mein­sa­mer In­ter­es­sen: „va­ria­ble Geo­me­trie – un­ter­schied­li­che Ko­ali­tio­nen für un­ter­schied­li­che The­men ba­sie­rend auf ge­mein­sa­men Wer­ten und In­ter­es­sen.“
Die­se So­li­da­ri­tät ist nicht na­iv uni­ver­sa­lis­tisch. Car­ney spricht von „wer­te­ba­sier­tem Rea­lis­mus“ – prin­zi­pi­en­treu in fun­da­men­ta­len Wer­ten, aber prag­ma­tisch in der Er­kennt­nis, dass nicht je­der Part­ner al­le Wer­te teilt. Das ist Ror­tys Eth­no­zen­tris­mus oh­ne Scham: Wir hal­ten an un­se­ren Wer­ten fest (Men­schen­rech­te, Sou­ve­rä­ni­tät, ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät), aber wir be­haup­ten nicht, dass die­se me­ta­phy­sisch fun­diert sind. Sie sind die Wer­te, an de­nen wir fest­hal­ten wol­len, und wir su­chen Ko­ali­tio­nen mit de­nen, die ge­nug ge­mein ha­ben, um ge­mein­sam zu han­deln.

Die performative Dimension: Wahrheit leben statt sie entdecken

Ha­vels Kon­zept des „Le­bens in der Wahr­heit“, das Car­ney auf­greift, hat ei­ne stark per­for­ma­ti­ve Di­men­si­on. Es geht nicht dar­um, ei­ne ob­jek­ti­ve Wahr­heit zu er­ken­nen, son­dern au­then­tisch zu han­deln, das Schild aus dem Fens­ter zu neh­men, auf­zu­hö­ren, an Ri­tua­len teil­zu­neh­men, an die man nicht glaubt.
Dies ent­spricht Ror­tys Be­to­nung des Han­delns vor dem Er­ken­nen. Für Ror­ty ist Phi­lo­so­phie kei­ne Su­che nach ewi­gen Wahr­hei­ten, son­dern ein Werk­zeug zur Neu­ge­stal­tung un­se­rer so­zia­len Prak­ti­ken. Car­ney über­setzt dies in po­li­ti­sches Han­deln: „Wir neh­men das Schild aus dem Fens­ter.“ Ka­na­da wird auf­hö­ren, so zu tun, als ob die al­te Ord­nung noch funk­tio­nie­re.
Die Re­de ist vol­ler per­for­ma­ti­ver Aus­sa­gen: Ka­na­da hat be­reits zwölf Han­dels- und Si­cher­heits­ab­kom­men un­ter­zeich­net, ver­han­delt neue Frei­han­dels­ab­kom­men, ver­dop­pelt Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben, baut stra­te­gi­sche Part­ner­schaf­ten auf. Dies ist kei­ne Theo­rie über in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen, son­dern de­ren ak­ti­ve Um­ge­stal­tung durch neue Vo­ka­bu­la­re und Prak­ti­ken.

Neubeschreibung statt Revolution

Ein zen­tra­les Kon­zept bei Ror­ty ist die „Re­de­scrip­ti­on“ — die Neu­be­schrei­bung ver­trau­ter Din­ge in neu­em Vo­ka­bu­lar, was neue Hand­lungs­mög­lich­kei­ten er­öff­net. Car­ney leis­tet ge­nau dies für die Po­si­ti­on mitt­le­rer Mäch­te.
Die al­te Be­schrei­bung: Mitt­le­re Mäch­te sind ab­hän­gig von mul­ti­la­te­ra­len In­sti­tu­tio­nen und der Sta­bi­li­tät durch He­ge­mo­ni­al­mäch­te. Die neue Be­schrei­bung: Mitt­le­re Mäch­te ha­ben ein­zig­ar­ti­ge Stär­ken — sie kön­nen Ko­ali­tio­nen bil­den, ha­ben Le­gi­ti­mi­tät, be­sit­zen be­gehr­te Res­sour­cen, kön­nen ge­teil­te Re­si­li­enz güns­ti­ger auf­bau­en als Fes­tun­gen.
Die­se Neu­be­schrei­bung ist nicht nur rhe­to­risch, son­dern hat ma­te­ri­el­le Kon­se­quen­zen. Sie er­öff­net neue Hand­lungs­op­tio­nen: plu­ri­la­te­ra­len Han­del statt mul­ti­la­te­ra­ler Pa­ra­ly­se, va­ria­ble Ko­ali­tio­nen statt fes­ter Al­li­an­zen, stra­te­gi­sche Au­to­no­mie durch Ko­ope­ra­ti­on statt durch Iso­la­ti­on.

Die Grenzen der Ironie: Vom Privatironiker zum öffentlichen Liberalen

Ror­ty un­ter­schei­det zwi­schen dem Pri­va­ti­ro­ni­ker und dem öf­fent­li­chen Li­be­ra­len. Wäh­rend Iro­nie im pri­va­ten Be­reich le­gi­tim und so­gar wün­schens­wert ist, braucht die öf­fent­li­che Sphä­re So­li­da­ri­tät und ge­mein­sa­mes En­ga­ge­ment. Ein Iro­ni­ker kann sei­ne fun­da­men­ta­len Über­zeu­gun­gen in Fra­ge stel­len, aber in der po­li­ti­schen Are­na muss er sich den­noch ent­schie­den für ge­wis­se Wer­te ein­set­zen.
Car­neys Re­de na­vi­giert die­se Span­nung ge­schickt. Er ist iro­nisch ge­gen­über den Struk­tu­ren und Be­schrei­bun­gen der in­ter­na­tio­na­len Ord­nung, aber ein­deu­tig nicht-iro­nisch ge­gen­über be­stimm­ten Grund­wer­ten: Men­schen­rech­te, Sou­ve­rä­ni­tät, das Ver­bot der Ge­walt­an­wen­dung au­ßer im Ein­klang mit der UN-Char­ta. Die­se Wer­te wer­den nicht re­la­ti­viert, auch wenn ih­re in­sti­tu­tio­nel­le Ein­bet­tung als kon­tin­gent er­kannt wird.
Hier zeigt sich ei­ne mög­li­che Span­nung: Kann man gleich­zei­tig iro­nisch ge­gen­über den Grund­la­gen sein und den­noch mit der Ent­schie­den­heit han­deln, die po­li­ti­sches Füh­rung er­for­dert? Car­ney löst dies prag­ma­tisch: Die Iro­nie gilt dem „wie“ (den in­sti­tu­tio­nel­len Ar­ran­ge­ments, den Be­schrei­bun­gen), nicht dem „was“ (den fun­da­men­ta­len Wer­ten). Dies ist viel­leicht die ein­zi­ge Wei­se, wie Iro­nie und po­li­ti­sche Füh­rung ver­ein­bar sind.

Realismus ohne Zynismus

Ein be­mer­kens­wer­ter Aspekt der Re­de ist ihr Ton: rea­lis­tisch, doch nicht zy­nisch; prag­ma­tisch, doch nicht op­por­tu­nis­tisch. Dies ent­spricht Ror­tys Ab­leh­nung so­wohl von me­ta­phy­si­schem Idea­lis­mus als auch von ni­hi­lis­ti­schem Zy­nis­mus. Wenn es kei­ne me­ta­phy­si­schen Grund­la­gen gibt, heißt das nicht, dass al­les gleich­gül­tig wä­re.
Car­ney be­schreibt die in­ter­na­tio­na­le Rea­li­tät nüch­tern – Macht­po­li­tik, wirt­schaft­li­che Zwangs­maß­nah­men, das En­de der al­ten Ord­nung –, aber er zieht dar­aus kei­ne zy­ni­schen Schlüs­se. Sei­ne Ant­wort ist kon­struk­tiv: neue Ko­ali­tio­nen bil­den, Stär­ke auf­bau­en, Al­ter­na­ti­ven schaf­fen. Dies ist Ror­tys „li­be­ra­le Hoff­nung“ in Ak­ti­on: Auch oh­ne me­ta­phy­si­sche Ga­ran­tien kön­nen wir ei­ne bes­se­re Welt ge­stal­ten, wenn wir prag­ma­tisch zu­sam­men­ar­bei­ten.

Pragmatismus als Außenpolitik

Mark Car­neys Da­vos-Re­de liest sich wie ei­ne an­ge­wand­te Lek­ti­on in Ror­ty­schem Prag­ma­tis­mus. Sie er­kennt die Kon­tin­genz in­ter­na­tio­na­ler Ord­nun­gen an, agiert mit der Selbst­re­fle­xi­vi­tät des Iro­ni­kers, pro­pa­giert So­li­da­ri­tät oh­ne me­ta­phy­si­sche Grund­la­gen, be­tont per­for­ma­ti­ves Han­deln vor theo­re­ti­schem Er­ken­nen und voll­zieht ei­ne Neu­be­schrei­bung in­ter­na­tio­na­ler Po­li­tik, die neue Hand­lungs­mög­lich­kei­ten er­öff­net.
Ob Car­ney Ror­ty ge­le­sen hat, ist letzt­lich ir­rele­vant. Die Re­de zeigt, wie prag­ma­ti­sches Den­ken in der rea­len Po­li­tik aus­se­hen kann: Nicht die Su­che nach ab­so­lu­ten Wahr­hei­ten oder ewi­gen Prin­zi­pi­en, son­dern das fle­xi­ble Ent­wi­ckeln neu­er Vo­ka­bu­la­re und Prak­ti­ken als Ant­wort auf ver­än­der­te Um­stän­de. Das Schild aus dem Fens­ter neh­men heißt: auf­hö­ren, an Be­schrei­bun­gen fest­zu­hal­ten, die nicht mehr nütz­lich sind, und mu­tig neue zu ent­wi­ckeln.
In ei­ner Zeit, in der vie­le nach ver­lo­re­nen Ge­wiss­hei­ten ru­fen oder in zy­ni­sche Macht­po­li­tik ver­fal­len, bie­tet Car­neys ror­ty­sche Hal­tung ei­nen drit­ten Weg: ehr­lich über die Kon­tin­genz un­se­rer Ord­nun­gen sein, aber den­noch ent­schlos­sen an Wer­ten fest­hal­ten und prag­ma­tisch an bes­se­ren Ar­ran­ge­ments ar­bei­ten. Dies ist viel­leicht die ein­zi­ge Form von Idea­lis­mus, die der ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­ti­on an­ge­mes­sen ist — ein Idea­lis­mus oh­ne Il­lu­sio­nen, ei­ne Hoff­nung oh­ne me­ta­phy­si­sche Ga­ran­tien.

Dies ist KI-ge­ne­rier­ter Text, leicht re­di­giert. Die Re­de Car­neys gibt es hier in deutsch auf faz.net und hier fin­det sich das die­sem Text zu Grun­de ge­leg­te Tran­skript auf weforum.org der Re­de.

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Re­fe­ren­ces
1 Ex­em­ti­on: Rechts­üb­li­che oder ge­setz­li­che ge­ne­rel­le Frei­stel­lung (be­son­de­rer Per­so­nen­krei­se, In­sti­tu­tio­nen usw.) von be­stimm­ten Las­ten und Pflich­ten oder von der nor­ma­len Ge­richts­bar­keit
Her­kunft: la­tei­nisch ex­emp­tio = das Her­aus­neh­men
(Du­den)
2 Ein „fi­na­les Vo­ka­bu­lar“ in die­sem Sin­ne ist z.B. die christ­li­che Bi­bel; das „letz­te Wort“