Ordnung durch Teilung. Foto: Jeremy Bezanger | unsplash

Divide et impera

Spalten, um zu beherrschen, als anthropologisches Prinzip.

Es liegt wohl in der Na­tur des Men­schen, zu spal­ten. Sei­ne Er­fin­dung „Gott“ spal­tet ein Gan­zes in Tag und Nacht. Für den Men­schen gibt es rechts und links. Und Com­pu­ter, Men­schen­zeug, ar­bei­ten nach dem Prin­zip „Ent­we­der ‚1‘ oder ‚0‘“. Schließ­lich – doch da­für kön­nen wir nichts, oder doch? – gibt’s Männ­chen und Weib­chen.

Spal­tung, so kann ge­meint wer­den, schafft, wenn nicht Ord­nung, so doch min­des­tens Ori­en­tie­rung und vor al­len Din­gen: Die Mög­lich­keit zum Ver­hält­nis. Denn wo kä­men wir hin, wenn wir nicht du­al wä­ren, im Prin­zip, un­ser Den­ken, zu­min­dest? Wir wür­den uns wohl in ei­nem Kon­ti­nu­um eben nicht wie­der fin­den kön­nen. Wir wür­den wohl, un­ser Geist, zer­flie­ßen, wä­ren ganz und gar das Gan­ze.

Wir wol­len spal­ten, so ist wohl die Na­tur un­se­res Be­wusst­seins. Des­halb spal­ten sich Ge­sell­schaf­ten und der Mensch die Ato­me. Wir bre­chen stän­dig auf, bre­chen al­les aus­ein­an­der, um es be­grei­fen zu kön­nen. Un­ser Geist ist zu schwach, um als Gan­zes sein zu kön­nen. Und so bre­chen wir auch die Na­tur, nur um sie zu be­grei­fen, und letzt­lich will das: (be)herrschen. „di­vi­de and con­quer“, „di­vi­die­re und be­zwin­ge“ ist ein an­thro­po­lo­gi­sches Prin­zip, so scheint es auf.

Vie­le ge­hen nun eben da­von aus, so sei eben die Na­tur des Men­schen und sel­bi­ger ist ja Teil der Na­tur als Gan­zem. Dass der Pla­net, un­ser Ha­bi­tat, da­bei zu Bruch geht: so what? Wir kön­nen ja (in) neue Wel­ten auf­bre­chen, neue Ha­bi­ta­te schaf­fen, Ni­schen (er)finden, klaf­fen­de Brü­che, in de­nen wir exis­tie­ren kön­nen. Der Mensch ist nun mal ein durch Zer­stö­rung er­schaf­fen­des – die Zer­stö­rung aus­nut­zen­des, aus­beu­ten­des – We­sen, was will man ma­chen?

Schon scheint die Ge­gen­sei­te auf: Zu­sam­men! Zu­sam­men! Doch das heilt die Wun­den nicht, die der Mensch reißt. Das, was wohl hel­fen kann, die Auf­bruchs­wut zu bän­di­gen, ist die Un­ter­las­sung. Frei­lich er­fah­ren wir uns dann als ver­lo­ren in ei­nem Gan­zen. Weil uns der Mut fehlt, im Gan­zen zu sein, das Gan­ze zu sein, auch wenn wir nicht da­mit rech­nen kön­nen. Wir müss­ten uns dann hin­ge­ben, hät­ten kei­ne Kon­trol­le mehr, wä­ren Ge­trie­be­ne und nicht Trei­ben­de (oder, Wort­spiel: eben doch, ge­ra­de dann?), wä­ren Tie­re, nicht Men­schen. Gleich­wohl: Den­ken­de. Wür­de der Mensch sein Tier­sein mehr wa­gen, das ‚Schwim­men‘, wir hät­ten wohl we­der Kli­ma­wan­del noch Pan­de­mie (viel­leicht al­ler­dings auch: noch nicht). Doch der Mensch: Ein Tier, das denkt und fühlt, da­bei va­ge; und kein Ge­schöpf sei­ner selbst, das rech­net und auf­bricht, da­bei ein­deu­tig? Un­denk­bar!

Eher: Un­be­re­chen­bar, des­halb zu ver­wer­fen. Manch­mal auch: zu zer­stö­ren.

Die Ge­sell­schaf­ten, in de­nen wir le­ben, exis­tie­ren, die wir schaf­fen, wer­den nicht ge­spal­ten. Sie wa­ren es im­mer schon. In Kri­sen­zei­ten wird die Spal­tung, die­se Or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­sell­schaft als Gan­zes, sicht­ba­rer, spür­ba­rer. Über­win­den kön­nen wir sie nicht: wir wä­ren ori­en­tie­rungs­los, wüss­ten nicht mehr wer hier­ar­chisch oben und wer un­ten, wer po­li­tisch rechts und wer links, wel­che wis­sen­schaft­lich und tech­nisch vor­ne und hin­ten sind.

Und auch nicht, wer wir wa­ren und wer wir sein möch­ten. Ge­gen­wart, Ver­ge­gen­wär­ti­gung: Der Spalt­pilz in der Zeit.

So tun wir uns auch schwer in und mit in­dis­kre­ten Kon­ti­nua, aus dem Schei­nen von Wah­rem ge­bo­ren, zu den­ken, in der un­ab­zähl­ba­re Qua­li­tät wal­tet und nicht das Quan­tum, son­dern wol­len mit di­stink­ten Wer­ten rech­nen. Mit Zah­len spal­ten wir das Gan­ze auf, quan­ti­fi­zie­ren es, um es zu be­grei­fen. Wenn da­bei nur nicht im­mer die­ser ver­ma­le­dei­te, sich je­der Be­re­chen­bar­keit wi­der­set­zen­de Rest blie­be. Pi, 3,14…: un­fass­bar. Mit­hin ist der Um­fang ei­nes Krei­ses, die Gren­ze ei­nes Lan­des, die Flä­che des Pla­ne­ten nicht ex­akt be­re­chen­bar. Es bleibt ei­ne Un­ge­nau­ig­keit üb­rig. Ein un­be­stimm­ba­rer Rest, wir kön­nen nur nä­he­rungs­wei­se rech­nen. Prin­zi­pi­ell, frei­lich. Um die Um­lauf­bahn des Mon­des zu be­rech­nen und vor­her­sa­gen zu kön­nen, wann er wo sein wird um auf ihm zu lan­den, da­für ist’s ge­nau ge­nug. Das Uni­ver­sum scheint groß ge­nug da­für zu sein, der Feh­ler mit­hin läss­lich. Un­auf­fäl­lig.

Und so, um die­sen Rest doch noch fass­bar, ding­fest, zu be­kom­men, spal­ten wir mun­ter wei­ter. Denn ir­gend­wann, so sagt’s uns un­se­re Lo­gik, muss der Rest ja mal 0 sein. Ver­schwun­den. Das Gan­ze voll­kom­men auf­ge­löst, voll­stän­dig er­klärt; al­so auf­ge­klärt, der Fall „Sein“ ge­löst. Und mit­hin die letz­te me­ta­phy­si­sche, gar: mys­ti­sche, Bas­ti­on ver­schwun­den. Ja, wo is­ses denn nu hin, datt Jan­ze? Hat es es je­mals ge­ge­ben?

Hält der un­auf­klär­ba­re Rest, nen­nen wir es mal: das Ro­man­ti­sche, am En­de die Welt zu­sam­men, be­wahrt sie vor dem Ver­fall? Ist das Un­lo­gi­sche, das Ir­ra­tio­na­le, das, was die »Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält«? Das In­tui­ti­ve der Leim in der dis­kur­siv zer­stü­ckel­ten Welt?

Wer Fort­schritt will, braucht ei­nen Plan. Wer ei­nen Plan ha­ben will, braucht Quan­ti­tä­ten, die ei­ne Ra­tio (hier ist das nicht nur ein An­gli­zis­mus!) bil­den kön­nen. Und wer ei­nen Plan hat, ist ori­en­tiert. Und ori­en­tiert zu sein ist für den Men­schen wich­tig: dann sieht er die Welt in Be­greif­lich­kei­ten vor sich, sie ist für ihn be­greif­bar und kein Flui­dum, wel­ches ihm zwi­schen den Fin­gern zer­rinnt, un­fass­bar, un­halt­bar. In dem er schwimmt und sich manch­mal müh­sam, manch­mal leicht, an der Ober­flä­che hält, weil er das Ver­sin­ken fürch­tet. Dann kann er Ant­wor­ten ge­ben auf die Fra­gen, die ihn so be­we­gen. Man­che Ex­em­pla­re zu­min­dest, meist die jün­ge­ren: Wo bin ich? Wo ge­he ich hin? Wer bin ich? Was will ich?

Doch weg­ge­hen, fort­schrei­ten, heißt: es ver­fällt et­was, wird nicht mehr zu­sam­men­ge­hal­ten, ist auf­ge­bro­chen wor­den. Das Ro­man­ti­sche scheint ge­gen die­sen Ver­fall (der Sit­ten, des Frü­her,…) et­was zu ha­ben. Es will auf der un­ge­bro­che­nen Schol­le ver­har­ren, sie be­wah­ren vor ih­rer Ver­gäng­lich­keit. „Oh Au­gen­blick, ver­wei­le doch!«

Doch eben­so lässt die­ser Fort­schritt, schau­en wir doch in die Welt!, die Er­star­rung un­se­res Geis­tes fort­schrei­ten. Der Fluss kommt zum Er­lie­gen. Das Flui­dum zwi­schen den Bruch­stü­cken ver­schwin­det. Der Rest ist 0, die Welt als ein Gan­zes be­re­chen­bar, vor­her­sag­bar, voll­kom­men er­klär­bar. Das Vor­her und das Nach­her zur Gän­ze auf­ge­klärt. Tot.

Nun ist ge­gen Fort­schritt frei­lich nichts ein­zu­wen­den und es liegt ja nun eben wohl auch in der Na­tur des Men­schen. Die Fra­ge nur: Wie vor der Er­star­rung, der Kris­tal­li­sa­ti­on, schüt­zen? Wie im Fluss blei­ben, da­mit auch wei­ter­hin gel­ten kann: »pan­ta rhei«? Wie die Welt nicht als Di­vi­du­um be­grei­fen, be­greif­bar ma­chen, al­so als ein er­starr­tes, aus­ein­an­der­ge­bro­che­nes, kris­tal­li­sier­tes Et­was? Wie die Le­ben­dig­keit am Le­ben, im Fluss, hal­ten — und den­noch fort­schrei­ten? Wie im Gan­zen tau­chen?

Nun, der Au­gen­schein legt es nah: In-Di­vi­du­um! Das Un­teil­ba­re, Un­spalt­ba­re, der ver­ma­le­dei­te Rest! Das, was mit nichts iden­tisch ist, sich nicht tei­len lässt. Das Da­zwi­schen, das al­les zu­sam­men­hält, ein Me­ta­xy. Die Welt wird, so­lan­ge es min­des­tens ein In-Divi­du­um gibt, nicht als Gan­zes be­re­chen­bar sein, mö­gen es auch nur zwei Tei­le sein! Frei­heit! Unfassbar(keit)!

Der Mensch braucht, of­fen­bar, ein Zwi­schen-sein, ein „in­ter es­se“. Es ist die Le­bens­welt, die er sich mit sei­ner Kraft zur Spal­tung ge­schaf­fen hat. Er kann an­ders nicht über­le­ben.

Wirk­lich? Nun: Er wüss­te nur nichts über sei­ne Exis­tenz lo­gisch aus­zu­sa­gen, gleich­wohl mehr von ihr sinn­voll zu er­zäh­len. Oder auch, die Wor­te Ver­stand und Ver­nunft ins Spiel ge­bracht: Er wür­de we­ni­ger ver­ste­hen wol­len und so wo­mög­lich mehr ver­neh­men kön­nen.

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