Perspektiven

Denk nicht, son­dern schau!
Lud­wig Witt­gen­stein

… sind sprach­lich ge­fass­te Spie­gel­bil­der au­to­ra­ler Wirk­lich­kei­ten, frei­lich un­ver­meid­lich ver­zerrt. Sie kom­men als An­sich­ten da­her, was kei­ne Wahr­hei­ten im lo­gi­schen Sinn sein kön­nen. Sie sind die Be­schrei­bung von An­schau­un­gen. Wie An­sichts­kar­ten kei­ne Wahr­hei­ten ver­kün­den, son­dern ei­nen Blick­win­kel auf et­was zei­gen.

Und sie kom­men als Be­trach­tun­gen da­her, wo­bei mehr oder we­ni­ger de­tail­lier­te, eher nicht-ra­tioï­de, so be­trach­tet: ver­nünf­tig in­tui­ti­ve, Ver­su­che der Be­schrei­bung von Ge­se­he­nem aus ei­ner sub­jek­ti­ven Po­si­ti­on, von de­nen her ei­ne Sa­che, An­ge­le­gen­heit, ein Ding, ein Sach­ver­halt, ge­ho­ben ver­all­ge­mei­nert: ei­ne En­ti­tät, in den Blick ge­nom­men, ge­schaut wird. Es sind Dar­le­gun­gen von Per­spek­ti­ven, Ar­te­fak­te aus ei­nem Ex-Pe­ri-Men­tal-La­bor (hier gr.-lat. ge­meint: aus dem um­fas­sen­den Geis­ti­gen her­aus ar­bei­tend.). Me­di­ta­tio­nen, auch, frei flie­ßend, Ein­sich­ten ver-suchend.

Und frei­lich kann es pas­sie­ren, dass sich An­sicht und Be­trach­tung mi­schen, ein Amal­gam bil­den, auch das letzt­lich: un­ver­meid­lich. Oder in­des auch: ge­wollt. Und es kann und darf auch pas­sie­ren, das die Ka­te­go­rien An­sicht oder Be­trach­tung gar nicht pas­sen wol­len.

Doch eben letzt­lich stets: Ein um­fas­sen­de­rer, un­ter Um­stän­den viel­fäl­ti­ger geis­ti­ger Re­flex auf et­was An­sto­ßen­des. Mit So­kra­tes in Wor­te ge­fasst: Auf ei­nen Stich. Wo sich die Denk­zet­tel meist dar­in üben, ei­nen Stich zu set­zen, üben sich die Per­spek­ti­ven vor­wie­gend dar­in, mit ei­nem Stich um­zu­ge­hen. Was in­des nun frei­lich eben wie­der nicht aus­schließt, dass ei­ne Per­spek­ti­ve zu­rück­ste­chen kann.

Die Verlegenheit vor dem Positiven

Dankbarkeit und Demut: Gefühle mit getrübter Unschuld?

Gu­te Ge­füh­le kön­nen ei­nen in die Fal­le füh­ren. Dank­bar­keit und De­mut gel­ten als Tu­gen­den der Be­schei­den­heit; doch hin­ter ih­rer all­täg­li­chen Form ver­birgt sich ei­ne Struk­tur, die ge­nau­er hin­se­hen lässt: Sie set­zen ei­ne Hier­ar­chie vor­aus, die sie selbst er­rich­ten. Der Es­say fragt, wel­ches Grund­ge­fühl bei­den zu­grun­de liegt — und wie man mit der Ver­le­gen­heit um­geht, die ent­steht, wenn man es oh­ne Adres­sa­ten ste­hen lässt.

Narziss und die andere Selbstliebe

Warum die Antike das Gelingen nicht erzählt, sondern gedacht hat.

Nar­ziss stirbt am Spie­gel. Die an­de­re Selbst­lie­be hat kein sol­ches En­de. Der My­thos lebt vom Schei­tern — und ge­nau dar­in liegt sei­ne Kraft: Was aus dem Gleich­ge­wicht ge­rät, be­kommt ei­ne Ge­schich­te. Was ge­lingt, be­kommt Be­grif­fe. Die­sem Ge­fäl­le zwi­schen Er­zäh­len und Den­ken geht der Es­say nach und fragt, was es be­deu­tet, dass das Ge­lin­gen so still bleibt.

Autorität und Autoritarismus: Über die Neigung zum Kippen

Wie eine orientierende Kraft beweglich bleibt — und wo die Erstarrung lauert. Über Meinung, Wunsch und Solidarität.

Ori­en­tie­rung kippt — wenn aus Be­weg­lich­keit Er­star­rung wird. Die­ser Es­say ver­folgt die Spur des Kip­pens durch drei Fel­der: im Spre­chen, wo die Mei­nung zur Über-Zeu­gung er­starrt; im Wün­schen, wo mo­ti­vie­ren­des Mo­men­tum in Tan­ha um­schlägt; in der So­li­da­ri­tät, die zur Pflicht wird, so­bald sie ver­gisst, dass auch sie kip­pen kann. Mit Fromm, Are­ndt und Ror­ty wird ei­ne Hal­tung skiz­ziert, die das Kip­pen nicht be­sei­tigt — aber un­wahr­schein­li­cher macht.

Narziss und Echo: Zur Dialektik von Autorität und Ironie

Eine Betrachtung von Charaktertypologien zwischen Selbstverliebtheit und Selbstauslöschung.

Zwi­schen Selbst­ver­liebt­heit und Selbst­aus­lö­schung lie­gen die Ex­tre­me des Ich. Der My­thos von Nar­ziss und Echo ar­ti­ku­liert die­se Asym­me­trie: mo­no­lo­gi­sche Selbst­be­spie­ge­lung ge­gen re­ak­ti­ve Wie­der­ho­lung. Die­ser Es­say über­trägt die my­tho­lo­gi­sche Kon­stel­la­ti­on auf po­li­ti­sche Phi­lo­so­phie – Ador­nos au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter und Ror­tys li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin. Wäh­rend der Au­to­ri­tä­re sei­ne Schwä­che durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Macht kom­pen­siert, kul­ti­viert die Iro­ni­ke­rin Kon­tin­genz oh­ne Hand­lungs­un­fä­hig­keit. Ei­ne Un­ter­su­chung de­mo­kra­ti­scher Sub­jek­ti­vi­tät jen­seits der pa­tho­lo­gi­schen Po­le.

Die Wahrheit leben: Mark Carneys Davos-Rede als pragmatische Ironie

Wenn der Premierminister Kanadas zum Ironiker wird

Mark Car­ney als prag­ma­ti­scher Iro­ni­ker im Geis­te Ror­tys. Als Car­ney am 20. Ja­nu­ar 2026 in Da­vos Ha­vels Ge­mü­se­händ­ler be­schwor, der täg­lich ein Schild ins Schau­fens­ter stellt, an das er nicht glaubt, lie­fer­te er mehr als po­li­ti­schen Rea­lis­mus: Er be­schrieb ei­ne Hal­tung, die Ri­chard Ror­tys Phi­lo­so­phie des Prag­ma­tis­mus na­he­steht — Kon­tin­genz an­er­ken­nen, oh­ne in Zy­nis­mus zu ver­fal­len. Die re­gel­ba­sier­te in­ter­na­tio­na­le Ord­nung war ei­ne nütz­li­che Fik­ti­on; wer das aus­spricht und den­noch an Wer­ten fest­hält, hat das Schild aus dem Fens­ter ge­nom­men.

Vergeltung

Der gescheiterte Versuch, die Lage zu erklären, der ein Bekenntnis hervorbringt.

Ein Be­kennt­nis, das aus dem Schei­tern an der Er­klä­rung ent­steht. Wer ver­ste­hen will, war­um ein Pu­tin in die Ukrai­ne ein­mar­schiert, Quer­den­ker Ver­schwö­run­gen glau­ben und Ideo­lo­gen sich in Herr­schafts­phan­ta­sien ver­lie­ren, stößt auf ei­ne ge­mein­sa­me Wur­zel: das Gel­tungs­be­dürf­nis — je­ne Kraft, die we­der durch ra­tio­na­le Wi­der­le­gung noch durch tech­ni­schen Fort­schritt zu bän­di­gen ist. Der Text führt die­se Spur bis in die ei­ge­ne Bio­gra­fie: auch der Ra­tio­na­lis­mus ist ein Glau­be, und wer das er­kennt, be­ginnt, Ver­nunft und Ver­stand nicht ge­gen­ein­an­der, son­dern mit­ein­an­der zu den­ken.

Quell der Rationalität

Versuch einer kurzen Mediation zwischen Rationalität und Irrationalität.

Wer Ra­tio­na­li­tät und Ir­ra­tio­na­li­tät als Ge­gen­sät­ze denkt, hat den Quell ver­fehlt. Die ei­ne ist er­kal­te­te Form der an­de­ren — und Ver­nunft ent­steht erst, wo bei­de in Wech­sel­wir­kung tre­ten. Phi­lo­so­phie, so die knap­pe The­se, ist we­der Wis­sen­schaft noch Kunst, son­dern das Ver­mit­teln­de zwi­schen bei­den.

Divide et impera

Spalten, um zu beherrschen, als anthropologisches Prinzip.

Der Mensch teilt, was er be­grei­fen will — und be­herrscht, was er ge­teilt hat. Spal­tung ist kein po­li­ti­sches In­stru­ment al­lein, son­dern tief in der Ver­fas­sung des Be­wusst­seins an­ge­legt: Wir den­ken du­al, rech­nen mit Di­stink­tio­nen, quan­ti­fi­zie­ren das Flie­ßen­de. Doch je­de Tei­lung lässt ei­nen Rest, der sich nicht auf­geht — das Ir­ra­tio­na­lis­ti­sche, das Pi, das In­di­vi­du­um im Wort­sinn. Die­ser un­be­re­chen­ba­re Rest, so die stil­le The­se des Tex­tes, ist nicht Man­gel, son­dern Be­din­gung: So­lan­ge er bleibt, ist die Welt nicht tot.

Weltbild, egozentrisches

Eine kurze Meditation zur akademischen Philosophie, Wissen und Ethik, Weisheit und Moral. Mit einem Seitenblick auf aktuelle Verhaltensweisen.

Wis­sen und Weis­heit trennt mehr als ein Buch­sta­be. Mo­ral ist kei­ne Ethik — sie lässt sich üben, nicht leh­ren, und folgt kei­nem Ge­setz, son­dern ei­nem Ge­spür. Wer das Gu­te auf Re­geln grün­den will, träumt vom de­ter­mi­nier­ten Men­schen. Der Schluss ist knapp: Ethik ist Sa­che des Ver­stan­des, Mo­ral ei­ne An­ge­le­gen­heit der Ver­nunft.

Alles neu macht der … November

Eine kleine Etymogelei. Über das Unbestimmte.

Wer Wör­ter auf­bricht, fin­det Ge­dan­ken. No­vem, la­tei­nisch neun und zu­gleich „ich er­neue­re“ — der No­vem­ber trägt im Na­men, was sein Ne­bel ver­hüllt: nicht Trau­er, son­dern Po­ten­tia­li­tät. Wo Un­be­stimmt­heit schwin­det, hört Wan­del auf; ei­ne Welt oh­ne Ne­bel bringt kei­ne Wirk­lich­keit mehr her­vor.