Denkzettel 332

Die Fra­ge nach der ei­ge­nen Wahr­heit wirft dann schon die Fra­ge auf, ob wir, um so­zi­al sein zu kön­nen, Ur­tei­le fäl­len müs­sen. Ei­ne völ­li­ge Ur­teils­ent­hal­tung führt doch wohl zu ei­nem Sub­jekt, wel­ches sämt­li­cher Re­la­tio­nen ent­ho­ben ist — wie je­ner, der aus der pla­to­ni­schen Höh­le ge­tre­ten ist, oder je­ne, die völ­li­ge Er­leuch­tung er­langt hat.

Doch: Ver­schwin­det nicht in bei­den Fäl­len eben die­ses Sub­jekt? Doch wenn kein Sub­jekt mehr da ist — wer oder was sieht die Welt der Ideen, wer oder was ist erleuchtet?

(Die Lö­sung die­ses Rät­sels liegt viel­leicht dar­in, dass eben nicht das Sub­jekt ver­schwin­det, son­dern das Ego — al­so das, was uns zu so­zia­len We­sen macht.)

Zitat 40

Die Welt, die uns et­was an­geht, ist falsch d.h. ist kein That­be­stand, son­dern ei­ne Aus­dich­tung und Run­dung über ei­ner ma­ge­ren Sum­me von Be­ob­ach­tun­gen; sie ist „im Flus­se“, als et­was Wer­den­des, als ei­ne sich im­mer neu ver­schie­ben­de Falsch­heit, die sich nie­mals der Wahr­heit nä­hert: denn — es giebt kei­ne „Wahr­heit“.

Fried­rich Nietzsche

Denkzettel 172

Wahr­heit ist ein Pro­dukt des mensch­li­chen Ver­stan­des und hat mit Ma­te­ria­li­tät nichts zu tun. Oh­ne den Men­schen gibt es nichts Wah­res, nichts Fal­sches, nichts Rich­ti­ges. Wohl in­des gibt es – zu­min­dest ist die­se An­sicht aus gu­ten Grün­den glaub­wür­dig – auch oh­ne Men­schen ei­ne Wirk­lich­keit des Ma­te­ri­el­len. Was al­ler­dings für den Men­schen auch nur ei­ne un­be­weis­ba­re Idee ist, al­so ei­ne me­ta­phy­si­sche An­nah­me. Und was wür­de es ei­ner Welt oh­ne Men­schen aus­ma­chen, wenn die­se un­wahr wä­re? Nichts — denn ei­ne Welt oh­ne Men­schen ist für den Men­schen sinn­los: so kann für den Men­schen ei­ne Welt nur aus rei­ner Ma­te­ria­li­tät nicht exis­tie­ren. Die Welt der Men­schen ver­schwin­det mit dem Tod des letz­ten Men­schen, wie mit dem Tod ei­nes Men­schen des­sen Welt er­lischt. Was dann noch ist, ob dann noch et­was ist, kön­nen wir ein­fach nicht wis­sen. Wir kön­nen es nur glau­ben. Denn wir kön­nen es we­der fal­si­fi­zie­ren noch ve­ri­fi­zie­ren. Wo­zu auch?