Denkzettel 539

Oh­ne Schwä­che ist der Mensch kein Mensch. Erst die Schwä­che schafft Span­nung zur Stär­ke und da­mit En­er­gie, „élan vi­tal“. Men­schen, die nur stark sind (oder auch nur so sein wol­len) sind oh­ne En­er­gie, sie funk­tio­nie­ren wie ein Räd­chen in ei­nem Ge­trie­be, sind fremd­be­stimmt und oh­ne Au­to­no­mie. (Wes­we­gen sie sich die Selbst­be­stimmt­heit ex­trem­ra­di­kal wün­schen, wo­mög­lich.)

Denkzettel 522

Folgt man der The­se, der Sprach­ur­sprung sei in der Ges­tik zu fin­den, fällt ei­ne Spe­ku­la­ti­on dar­über, wes­halb es „Er­kennt­nis“ heißt, sehr leicht: wir „se­hen“, was der an­de­re meint, wir „se­hen“ die Na­tur mit un­se­rer Spra­che.

(Und wie Lud­wig Witt­gen­stein be­merk­te: »Die Gren­zen mei­ner Spra­che be­deu­ten die Gren­zen mei­ner Welt.« Ei­ne räum­li­che Äu­ße­rung, so­weit man se­hen kann …)

Denkzettel 512

Neh­men wir mal an, Ra­tio­na­li­tät und Emo­ti­on wä­ren wie zwei Au­gen oder Oh­ren. Aus ih­rem Ab­stand zu­ein­an­der er­gibt sich ein Raum­emp­fin­den. Und stel­len wir uns mal vor: Die Ver­nunft nutzt den Ab­stand von Ver­stand und Ge­fühl – hier durch Un­ter­schied­lich­keit ver­füg­bar –, um sich ei­nen ‚Raum‘ zu schaf­fen und dar­in ori­en­tiert zu sein.

Denkzettel 511

Un­ge­wiss­heit: Nicht be­stimm­ba­re, gar nicht ab­schätz­ba­re, Wahr­schein­lich­keit ei­ner Mög­lich­keit.

Ei­ne Mög­lich­keit ist ein Pro­dukt un­se­rer Vor­stel­lungs­kraft. Die Wahr­schein­lich­keit ei­ner Mög­lich­keit hin­ge­gen ei­ne un­se­rer Ur­teils­kraft. Bes­ten­falls. Oft un­ter­liegt auch die­se un­se­rer Phan­ta­sie. (Was die Mög­lich­keit, die ja nicht ver­schwin­det, zu­wei­len über­groß oder sehr klein er­schei­nen lässt — je nach ak­tu­el­ler Be­find­lich­keit.)