Denkzettel 296

„Nor­mal“ ist ei­ne lieb ge­won­ne­ne, und des­halb wohl hart ver­tei­dig­te, Il­lu­si­on von so­ge­nann­ten Durch­schnitts­men­schen (und sol­chen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Men­ta­li­tä­ten, die die­se als nütz­li­che Idio­ten be- wie aus­nut­zen wol­len). Es ist nie­man­dem vor­werf­bar, un­ter dem Ra­dar blei­ben zu wol­len und we­der über noch un­ter ei­nem Durch­schnitt auf­zu­tau­chen, re­gis­triert zu wer­den. Das be­freit in­des nicht von Ver­ant­wor­tung für das Ganze.

Denkzettel 291

(Aka­de­mi­sche Leh­re.) Ein Wetz­stein ist et­was an­de­res als ei­ne Guss­form. Ein·e Jede·r hat ein ei­ge­nes Mes­ser, es muss nichts ge­ge­ben wer­den. Doch ei­nen här­te­ren Stein, um das zu An­be­ginn völ­lig stump­fe Mes­ser im­mer schär­fer zu ma­chen, taug­li­cher, tüch­ti­ger, in die­sem Sinn: tu­gend­haf­ter, um dif­fe­ren­ziert und den­noch – oder des­halb – ori­en­tiert in die Welt schau­en zu kön­nen — das ist ein wah­res Bil­dungs­an­ge­bot. (Und dies ist ge­wiss nicht nur der Aka­de­mie vorbehalten.)

Der Guss ist Aus­bil­dung. Sie geht dem Wet­zen vor­an. Aus­bil­dung en­det ir­gend­wann, Bil­dung nicht. (Frei­lich nur, wenn das Mes­ser auch ge­braucht wird.) Und mag ein Mes­ser nach dem Guss auch noch so stumpf sein — es ge­winnt an Schär­fe. Doch noch nie ist ein schar­fes Mes­ser aus dem Guss ent­sprun­gen, egal, wie lan­ge die Aus­bil­dung dauerte.

Denkzettel 288

Ver­all­ge­mei­ne­run­gen sind Lügen.

Ger­hart Hauptmann

Die gan­ze Aka­de­mie ist ein Macht­ap­pa­rat, wie die Po­li­tik und die Kir­chen und die Un­ter­neh­men auch.
Es geht um „Wis­sen ist Macht“.
(Das all so all­ge­mein ge­spro­chen und da­mit ei­ne Lü­ge — in­des nur im Hin­blick auf die all­ge­mei­ne An­wend­bar­keit, nicht wo­mög­lich hin­sicht­lich des trei­ben­den Prin­zips. Und Prin­zi­pi­en müs­sen ja wohl nicht in­stan­ziert wer­den, um zu wirken.)

(Und es mag an­ge­merkt sein: „Wis­sen schaf­fen ist mächtiger.“)

Denkzettel 279

Der Mo­no­the­is­mus war kei­ne gu­te Er­fin­dung: Er ist das schlei­chen­de Gift ei­ner plu­ra­len Förderalität.

(Die Idee der fremd or­di­nier­ten, au­to­kra­ti­schen Ein­heit­lich­keit (d.i.: Ein­falt) wen­det sich ge­gen das Fak­tum der sich selbst ko­or­di­nie­ren­den, au­to­poie­ti­schen Vielfalt.)