Ich hatte einen Traum gehabt …

„AfD halbieren“? Ja, das ist möglich, doch anders als man wohl gemeinhin denkt.

Letz­te Nacht träum­te mir, ich wä­re Jour­na­list und nam­haf­ter de­mo­kra­tisch-links­li­be­ra­ler – mit ei­nem Hauch des An­ar­chi­schen – Pu­bli­zist, mit ei­nem mess­ba­ren Bei­trag zur je ei­ge­nen Mei­nungs­bil­dung sei­ner Rezepient_innen. Und in li­be­ral-kon­ser­va­ti­ven wie auch po­li­ti­sier­ten bür­ger­li­chen Krei­sen jeg­li­cher Schicht und Ori­en­tie­rung durch­aus – trotz oder we­gen Kon­tro­ver­sen – ge- wie be­ach­tet. Als sol­cher hät­te ich zu den ak­tu­el­len po­li­ti­schen Be­ge­ben­hei­ten ei­nen Ar­ti­kel ver­fas­sen wol­len. Frei­lich geht nichts oh­ne Re­cher­che und ich sah mich im Traum ex­ce­lie­ren, al­so ta­bel­len­kal­ku­la­to­risch han­tie­rend. Der Plot des Ar­ti­kels war „Was wä­re, wenn …“.

Nach­dem ich schweiß­ge­ba­det auf­ge­wacht war, weil ein Mons­ter mir ei­nen Zet­tel mit „37%“ ent­ge­gen­hielt, konn­te ich mich an den Text nicht mehr er­in­nern. Doch aus ei­nem mir un­er­find­li­chen Grund hat­te ich ei­ne im Traum er­stell­te Ta­bel­le noch sehr ge­nau im Kopf.

So mach­te mich noch vor dem Früh­stück dar­an, mir mal aus­zu­rech­nen (statt nur aus­zu­ma­len), was das denn nun ei­gent­lich be­deu­ten wür­de? Wenn bei der nächs­ten Bun­des­tags­wahl al­le Stimm­be­rech­tig­ten, die auch Par­tei­mit­glied ei­ner wähl­ba­ren Par­tei sind, ei­ne gül­ti­ge Zweit­stim­me für ih­re Par­tei, na­tür­lich, ab­ge­ge­ben hät­ten? Wenn der ge­sam­te Rest der Stimm­be­rech­tig­ten, die ei­ne Stim­me ab­ga­ben, es ge­wagt hät­te, al­le­samt ei­nen sog. „un­gül­ti­gen“ Stimm­zet­tel ab­zu­ge­ben, sich al­so de fac­to der Stim­me zu ent­hal­ten? Im Traum lag die Wahl­be­tei­li­gung bei schlap­pen 60%. Viel­leicht Aus­druck ei­ner po­li­ti­schen Mü­dig­keit, die die Mün­dig­keit nar­ko­ti­sier­te?

Wie auch im­mer, am End’ er­gab sich die­se Ta­bel­le:

Ein in­ter­es­san­tes Bild, das sich da zeig­te. Doch eben nur rei­ne Fik­ti­on, Uto­pie, es müss­te ja ein Wun­der ge­sche­hen, wenn die „schwei­gen­de Mehr­heit“ der­art ih­re Stim­me er­he­ben wür­de, un­über­hör­bar.

Doch erst­mal schritt ich zum Mor­gen­mahl, mit lee­rem Ma­gen zu frü­her Ta­ges­stun­de ist bei mir nicht zu spa­ßen. Wäh­rend ich das Mar­me­la­den­brot mit dem ob­li­ga­to­ri­schen Tee zu mir nahm, stell­te sich die Fra­ge ein: „Sag’ mal, wie ging ei­gent­lich die letz­te Bun­des­tags­wahl noch­mal aus?“ Nach ei­nem kur­zen Blick in die Zei­tung, die mal wie­der vom „Rechts­ruck“ in Deutsch­land be­rich­te­te, mach­te ich mich an die Ar­beit. Was soll man an ei­nem ver­reg­ne­ten Sonn­tag­mor­gen denn auch an­de­res tun? Nach kur­zer Zeit sah ich die­se Ta­bel­le auf mei­nem Bild­schirm:

Wow, dach­te ich, an dem „Rechts­ruck“ muss wirk­lich was dran sein. Wie schafft es ei­ne Par­tei wie die AfD ei­gent­lich, Wäh­ler­stim­men mit ei­nem Fak­tor von 200 je Par­tei­mit­glied zu ge­ne­rie­ren, mit­hin auf die na­he­zu glei­che An­zahl an zu­sätz­li­chen Wäh­ler­stim­men wie die mit­glie­der­stärks­te Par­tei zu kom­men? Im Ver­gleich zu den an­de­ren, na ja, das ist schon ex­trem auf­fäl­lig. Was für ein He­bel! Geht das mit rech­ten Din­gen zu? Sind das wo­mög­lich wirk­lich al­les ent­täusch­te CDU-Wäh­ler_in­nen? Ich will mir gar nicht vor­stel­len, was wä­re, wenn die al­le CDU wäh­len wür­den … An­de­rer­seits wä­re es mal in­ter­es­sant, die bis­he­ri­gen Wahl­er­geb­nis­se zu un­ter­su­chen, was sich da für ein Bild er­ge­ben wür­de. Sind’s viel­leicht gu­te sechs Mil­lio­nen, die der CDU ent­täuscht den Rü­cken ge­kehrt ha­ben und zur AfD ge­wan­dert sind?

Et­was ir­ri­tiert griff ich mir noch­mal die Zei­tung. Sie be­rich­te­te von „Pro­test­wäh­lern jeg­li­cher Iden­ti­tät“, al­so AfD-Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler, so­wie die da­zwi­schen und au­ßer­halb, die der Re­gie­rung ei­nen Denk­zet­tel ver­pas­sen wol­len. Na, dach­te ich, viel­leicht ge­ne­rie­ren die Par­tei­mit­glie­der der AfD gar nicht so vie­le Stim­men, son­dern es ist die Un­zu­frie­den­heit der Wäh­len­den, die sie die­se Par­tei wäh­len lässt — mit­hin die Schwä­che der an­de­ren Par­tei­en. Ih­re Un­fä­hig­keit, Po­li­tik für die Men­schen zu ma­chen — oder ih­re Po­li­tik, die sie für die Bür­ger­schaft rea­li­sie­ren, ad­äquat zu ver­mit­teln. Doch viel­leicht auch die­ses gan­ze Chi-Chi und Thea­ter auf der po­li­ti­schen Büh­ne, dass sich dann in Talk­shows mit lee­rem Ge­schwa­fel fort­setzt. Die­ses Ge­re­de, meist nur Ge­rau­ne, was man al­les ver­stan­den hät­te und nur mal ma­chen müss­te, was den Leu­ten mäch­tig auf den Zei­ger geht, an­ge­sichts von Krieg und Kli­ma­wan­del und Wirt­schafts­kri­se und über­haupt.

Die Ra­tio­na­li­sie­rung der Pro­ble­me zu be­wäl­tig­ba­ren Ra­tio­nen mag für die Ak­teu­re das ge­eig­ne­te Mit­tel sein, um ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu fin­den. Doch wie las ich ein­mal: »[.]De­mo­kra­tie ist nicht nur ein po­li­ti­sches Sys­tem – sie ist ei­ne Be­zie­hung.«1⇣https://www.fr.de/politik/warum-die-demokratie-den-kampf-um-politische-emotionen-verliert-94105274.html Und Be­zie­hun­gen sind mehr Bauch­an­ge­le­gen­heit denn Kopf­sa­che. Der aka­de­mi­sche Phi­lo­soph Jür­gen Ha­ber­mas sprach mal vom „ei­gen­tüm­lich zwang­lo­sen Zwang des bes­se­ren Ar­gu­ments“ — Traum al­ler Rationalist_innen. Doch Men­schen sind über­wie­gend Poet_innen. Be­vor Ar­gu­men­te nach­voll­zo­gen sind, hat bei den meis­ten der Bauch be­reits sei­ne Ent­schei­dung ge­fun­den. Das mag man kri­ti­sie­ren wol­len und dar­an er­in­nern, wie leicht da mit Emo­tio­nen ma­ni­pu­liert wer­den kann und die Ge­füh­le mit frag­wür­di­gen Ar­gu­men­ta­ti­ons­stre­cken ver­knüpft wer­den. Tja, es sind halt al­les Men­schen, nicht wahr. Ihr de­mo­kra­ti­schen Ak­tue­re auf der Par­la­ments­büh­ne und auf den Bret­tern der Hal­len und Stra­ßen, macht es halt ein­fach mal bes­ser! Zeigt euch nicht nur ra­tio­nal, son­dern auch glaub­haft emo­tio­nal, oh­ne Show, oh­ne Spiel, oh­ne Rol­le. Wer­det als Men­schen an­greif­bar, men­tal an­fass­bar. Dann wer­det ihr auch be­grif­fen. Schwie­rig, sich vor Über­grif­fig­keit zu schüt­zen, ja, doch nicht un­mög­lich. Die Au­to­ri­tä­ren ma­chen das wohl mit ei­nen un­sicht­ba­ren Stahl-Pan­zer aus Ar­ro­ganz und für sich ge­hal­te­ner Ver­ach­tung des ge­mei­nen Wahl­vol­kes, des Stimm­viehs, die sie teu­to­nisch ti­ta­nen­haft er­schei­nen lässt.

Vor Jah­ren (heißt: 2014), er­in­ner­te ich mich, ha­be ich ein­mal ei­ne Pe­ti­ti­on im Bun­des­tag ein­ge­bracht, mit der ich for­der­te, dass auf den Stimm­zet­teln die Mög­lich­keit der Ent­hal­tung ge­ge­ben wird, eben um der sich für mich da­mals schon ab­zeich­nen­den „Rechts­ten­denz“ et­was ent­ge­gen­zu­set­zen und den Protestwähler_innen ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu bie­ten. (Die na­tür­lich ab­ge­wie­sen wur­de: »Der Wäh­ler hat nach dem gel­ten­den Recht aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten, sei­ne in­dif­fe­ren­te oder ab­leh­nen­de Hal­tung ge­gen­über al­len Wahl­vor­schlä­gen durch das Fern­blei­ben von der Wahl oder durch ei­ne be­wusst un­gül­ti­ge Stimm­ab­ga­be zum Aus­druck zu brin­gen.«2⇣Schrift­li­che Ant­wort des Pe­ti­onsau­schus­ses zur Ein­ga­be Pet 1−18−06−111−007918 vom 27. Mai 2014). Denn „un­gül­ti­ger Stimm­zet­tel“ hört sich an, als spie­le die­ser kei­ne Rol­le. Doch so ist es ja nicht: Ein „un­gül­ti­ge“ Stim­me ist ei­ne ab­ge­ge­be­ne Stim­me, wird al­so als Stim­me re­gis­triert, ge­zählt, fließt in die Sta­tis­tik ein, auch wenn sie zur Sitz­ver­tei­lung im Bun­des­tag nichts bei­tra­gen kann. Ei­ne nicht ab­ge­ge­be­ne Stim­me da­ge­gen hat kei­ner­lei Wir­kung, Nicht-Wäh­ler_in­nen in­ter­es­sie­ren nie­mand. Man wer­tet wohl in je­der Par­tei die­ses Schwei­gen als Zu­stim­mung. Al­so macht es sehr wohl ei­nen Un­ter­schied, ob ge­schwie­gen oder sich der Stim­me ent­hal­ten wird. Und man stel­le sich mal vor, wenn in den Er­geb­nis­pro­gno­sen zu den Par­tei­pro­zen­ten ein wei­te­rer Bal­ken auf­tauch­te: „Ent­hal­tun­gen“. Wer da al­les ab drei Pro­zent bei ei­ner Wahl­be­tei­li­gung ab 70% auf ir­gend­was schie­ben will, bloß nicht auf die ei­ge­ne po­li­ti­sche Leis­tung, hat dann wirk­lich et­was über­haupt nicht ver­stan­den.

Nach ei­ner kur­zen Stär­kung mit Res­ten aus der Keks­do­se mach­te ich mich wie­der auf, an mei­nen Schreib­tisch. Wenn man ein Sze­na­rio ent­wirft, wo­bei Protestwähler_innen statt AfD zu wäh­len ei­nen „un­gül­ti­gen“ Stimm­zet­tel ab­gä­ben, um ih­rem Un­mut an der Wahl­ur­ne Aus­druck zu ge­ben, wie könn­te denn ein sol­ches Wahl­er­geb­nis aus­se­hen?

Oh! 10,4% für die AfD (im rea­len Sze­na­rio stan­den sie auf 20,8% …), wenn sich der Fak­tor um 88 (Aha …) Punk­te de­kre­men­tie­ren wür­de, mit­hin auf 112 ein­ge­stellt wä­re. Im Ver­gleich zu den an­de­ren im­mer noch ein be­acht­li­cher Wert! Der ge­wiss Fra­gen auf­wirft, die ernst zu neh­men sind. Man muss den Men­schen, die ei­ne il­li­be­ral-au­to­ri­tä­re Ge­sell­schafts­form ei­ner li­be­ral-de­mo­kra­ti­schen vor­zie­hen – viel­leicht weil es für die Ein­zel­nen we­ni­ger Ver­ant­wor­tung und in die­sem Sin­ne mehr Frei­heit be­deu­ten wür­de? – ja schon ge­recht wer­den. Es gibt sie nun mal, gab sie schon im­mer, sie sind nur sicht­ba­rer ge­wor­den, und es wird sie im­mer ge­ben. Sie weg­dis­ku­tie­ren zu wol­len, statt sich mit den Grün­den für den Wunsch ei­nes In­di­vi­du­ums nach au­to­ri­tä­rer Füh­rer­schaft zu be­fas­sen – die ge­sell­schaft­lich ver­or­tet sein kön­nen … –, ist wohl kein gu­ter Weg.

Den rest­li­chen Tag über war ich dann mit al­ler­lei Din­gen be­schäf­tigt und er­wach­te am nächs­ten Mor­gen nach ei­nem wei­te­ren Traum. Er han­del­te von Lu­kas, dem Lo­ko­mo­tiv­füh­rer und Jim Knopf. Al­les ist mir nicht mehr er­in­ner­lich, nur ei­ne Sze­ne blieb hän­gen: Die mit dem Schein­rie­sen Tur Tur. Al­ler­dings hieß der im Traum „Tor­tur“ und war ein ziem­lich un­freund­li­cher Ge­sel­le, der sehr wohl et­was da­für konn­te, dass er an­de­ren so rie­sig und be­droh­lich er­schien. „Wirk­lich?“, über­leg­te ich: Sind es denn nicht viel­mehr die an­de­ren, die ihn groß ma­chen, weil sie ihn fürch­ten und des­halb stän­dig über ihn re­den, wenn er da laut brül­lend die Welt in den Ab­grund pro­pa­gan­diert? Tor­tur wird nicht klei­ner, wenn er sich nä­hert. Er wird grö­ßer, im Ge­gen­satz zu Tur Tur. Doch auch die­se wahr­ge­nom­me­ne Grö­ße könn­te nur das Pro­dukt ei­ner wohl­kal­ku­lier­ten In­sze­nie­rung die­ses dunk­len Ma­gi­ers sein. Al­so: Schein.

Der We­cker klin­gel­te. Ein Traum im Traum im Traum, ein wahr­li­ches Traum­ge­spinst, ver­wir­rend, ir­ri­tie­rend, ver­stö­rend oder ir­gend­wie so, ver­we­gen, kom­pli­ziert, gar plus­quam­per­fek­tesk. Der Ra­dio­we­cker, Früh­nach­rich­ten, be­en­de­te ge­ra­de sei­nen Be­richt über die Ver­kün­dung von Fried­rich Merz, die „AfD hal­bie­ren“ zu wol­len — so in et­wa, ge­nau er­in­ne­re ich mich nicht.

Hal­bie­ren geht schon, doch halt nicht durch Fried­rich Merz und die CDU und den an­de­ren Par­tei­en. Son­dern durch ge­nü­gend Wähler_innen, die es wa­gen, sich an der Wahl­ur­ne ih­rer Stim­me be­wusst zu ent­hal­ten. Und mit al­ler­lei Mit­teln Ab­ge­ord­ne­te wis­sen las­sen, dass ih­re Stimm­ent­hal­tung kei­ne Ver­le­gen­heit, kein Es­ka­pis­mus, kei­ne Re­si­gna­ti­on oder Gleich­gül­tig­keit ist, denn dann wä­ren sie wohl gar nicht wäh­len ge­gan­gen, nicht wahr. Son­dern als ent­schie­de­ner Pro­test ge­gen herr­schen­de Ver­hält­nis­se zu in­ter­pre­tie­ren ist. Ein Aus­druck der Un­zu­frie­den­heit und da­mit ver­bun­den die Auf­for­de­rung, für Ab­hil­fe zu sor­gen. Und zwar pres­to!

Es be­darf kei­ner lin­ken oder rech­ten Re­vo­lu­ti­on, um die Ver­hält­nis­se zum Bes­se­ren für vie­le zu wen­den. Jede/r hat die Mög­lich­keit, an der Wahl­ur­ne de­mo­kra­tisch für den Er­halt der De­mo­kra­tie in die­sem Land zu stim­men, auch wenn die ei­ge­ne Wahl­stim­me für kei­ne Par­tei er­ho­ben wird.

Das mag man­chen ir­ra­tio­nal er­schei­nen. Doch es geht um das Ge­fühl, sei­ne Stim­me er­ho­ben zu ha­ben, sei­nen Un­mut de­mons­triert zu ha­ben. Sich ge­hört, ge­se­hen, ver­stan­den füh­len zu kön­nen.

Re­fe­ren­ces
1 https://www.fr.de/politik/warum-die-demokratie-den-kampf-um-politische-emotionen-verliert-94105274.html
2 Schrift­li­che Ant­wort des Pe­ti­onsau­schus­ses zur Ein­ga­be Pet 1−18−06−111−007918 vom 27. Mai 2014

„Menschenbild“

Wer vom „Stadtbild“ spricht, will von Menschen sprechen.

Sehr ge­ehr­ter Herr Merz,

Ih­re „Stadtbild“-Äußerung und de­ren Be­kräf­ti­gung schlägt ho­he Wel­len. Las­sen Sie mich Ih­nen ganz kurz von mei­nen Ge­dan­ken be­rich­ten:
„Stadt­bild“ und „Mi­gran­ten“ ist ei­ne As­so­zia­ti­on, die von der AfD als Nar­ra­tiv ge­setzt wur­de, von da­her ist „Stadt­bild“ mit AfD as­so­zi­iert.

Die AfD hat in den letz­ten Jah­ren ei­ne Un­men­ge sol­cher Leim­ru­ten aus­ge­bracht und Be­grif­fe und The­men mit sich ver­knüpft. Egal wer Wor­te wie z. B. „Stadt­bild“ oder „Mi­gra­ti­on“ in den Mund nimmt („ge­sun­der Men­schen­ver­stand“ ge­hört auch da­zu …), sagt des­we­gen letzt­lich „AfD“ resp. es ist eben das, was ‚ge­hört‘ wird. Es kann wohl als All­ge­mein­wis­sen an­ge­se­hen wer­den, dass es ein rhe­to­ri­scher Trick ist, durch stän­di­ge Wie­der­ho­lung ei­ne Mar­ke und de­ren ‚Mes­sa­ge‘ zu eta­blie­ren. Mar­ke­ting-Ba­sis­wis­sen.

Wol­len Sie Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler für sich ge­win­nen, ist es viel­leicht nicht die schlech­tes­te Idee, ei­ne ei­ge­ne Spra­che zu spre­chen, statt sich in den aus­ge­leg­ten Leim­ru­ten zu ver­fan­gen. So könn­te man ja mal an­denken, statt von Rück­füh­run­gen u. ä. (AfD-ge­setz­te As­so­zia­ti­on: „Re­mi­gra­ti­on“) zu spre­chen, ein Nar­ra­tiv des „Mi­gra­ti­ons­ma­nage­ments“ zu eta­blie­ren und da­mit den In­halt ei­ner durch­aus nicht ein­fa­chen, je­doch pro­duk­tiv ge­stalt­ba­ren Staats­auf­ga­be zu as­so­zi­ie­ren. Pro­ble­me – und je­des Pro­jekt hat sei­ne Pro­blem­zo­nen, im Grun­de weiß das auch Je­de und Je­der – gibt es im­mer, mal mehr, mal we­ni­ger, ir­gend­was is‘ ja im­mer — „Kein Pro­jekt oh­ne Dra­ma“ ist der ak­tu­el­le Cla­im ei­nes be­kann­ten Bau­markt­un­ter­neh­mens mei­ner Re­gi­on.

Die CDU und die an­de­ren li­be­ral­de­mo­kra­tisch ori­en­tier­ten Par­tei­en soll­ten die Chan­ce nut­zen, die ih­nen ei­ne AfD bie­tet: Die ei­ge­ne Spra­che zu re­no­vie­ren, in der Wort­wahl in ei­ne Re­nais­sance zu ge­hen. Und da­mit Stim­men zu ge­win­nen statt mit Re­den, die ex­tre­mis­ti­sche Pa­ro­len wie­der­ho­len und ver­su­chen, sie mit den „rich­ti­gen“, „wah­ren“ In­hal­ten fül­len. Was beim Men­schen zu­erst an­kommt, ist die Hül­le. Wer schaut schon so ge­nau beim In­halt hin, ge­ra­de in ei­ner Welt, die im­mer un­durch­schau­ba­rer wird? Soll­te man, ja, frei­lich …

KI, der klei­ne Ex­kurs sei er­laubt, ba­siert auf Spra­che, weil Mensch­sein auch auf Spra­che ba­siert — Un­mensch sein da­mit auch. Was al­ler­dings ein Wi­der­spruch in sich ist: Kein Mensch kann sich un­mensch­lich ver­hal­ten, da­zu müss­te er kein Mensch sein, mit­hin al­so un­be­leb­te Ma­te­rie, Pflan­ze oder Tier oder ir­gend­was da­zwi­schen oder au­ßer­halb. Doch das kann Mensch eben nicht. Wer von Un­men­schen spricht, spricht dem Mensch­li­chen das Mensch­li­che ab. In der Rhe­to­rik oft ge­braucht, um Gräu­el und Schan­de an­zu­zei­gen, doch fak­tisch letzt­lich falsch: Mensch bleibt Mensch, egal was er als Ein­zel­ner, in so­zia­len En­ti­tä­ten oder als Gat­tung tut.

Und ge­nau dar­auf zielt ei­ne AfD ab: Sie re­det von Un­men­schen, um selbst un­mensch­lich ge­nannt zu wer­den, um sich dann als „nor­ma­le Men­schen“ zu in­sze­nie­ren, de­nen ja nur Un­recht ge­tan wird.

Hü­ten Sie sich vor den Leim­ru­ten! Fin­den Sie ih­ren Kurs da­zwi­schen und mah­nen Sie Ih­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, es Ih­nen gleich zu tun! Die AfD will wie al­le po­pu­lis­ti­schen Ex­tre­mis­ten Macht, kei­ne Ver­ant­wor­tung. Ma­chen Sie das im po­li­ti­schen All­tag durch Ih­re Re­den klar, un­miss­ver­ständ­lich, auch wenn das be­deu­tet, ‚red­lich‘ aus ge­wohn­ten Fahr­was­sern des po­li­ti­schen All­tags­be­triebs aus­zu­sche­ren.

In der Pra­xis hie­ße das: Nicht von „Stadt­bild“ re­den, son­dern da­von, dass die­ses Land in al­len so­zia­len Ebe­nen auf Ar­beits­kräf­te aus dem Aus­land an­ge­wie­sen ist und da­her ein Mi­gra­ti­ons­ma­nage­ment braucht. Kri­mi­nel­le, Fau­le, … gibt es nun mal lei­der über­all, wie die Ge­gen­tei­le da­von auch, es sind halt al­les Men­schen — doch die we­nigs­ten da­von sind kri­mi­nell oder faul oder …

Mit bes­ten Grü­ßen

Vol­ker Ho­mann

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Die­ser Brief ging am 23. Ok­to­ber 2025 per e‑Mail an Fried­rich Merz MdB.
(, mit CC an und ).

29. Januar 2025, Deutscher Bundestag

Ein grobes Kurzprotokoll und eine sehr persönliche Empörung über das sehr überlegte, sehr bewusste Handeln des MdB Friedrich Merz an diesem Tag.

Am Vor­mit­tag im Par­la­ment: Ge­denk­fei­er zur Be­frei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz. Über­le­ben­de des Ho­lo­caust sind Gäs­te, ein Be­trof­fe­ner Ukrai­ner spricht.

Am Nach­mit­tag im Par­la­ment: Ab­stim­mung über ei­nen An­trag der CDU/C­SU-Frak­ti­on, ein­ge­bracht von Fried­rich Merz, MdB, Par­tei­vor­sit­zen­der der CDU, mit dem Ti­tel »Fünf Punk­te für si­che­re Gren­zen und das En­de der il­le­ga­len Mi­gra­ti­on«.

Der An­trag er­hält ei­ne Mehr­heit, die durch die in Tei­len er­wie­se­ner­ma­ßen rechts­extre­mis­ti­sche AfD, in der auch Holocaustleugner/innen und ‑relativist/innen ei­ne po­li­ti­sche Hei­mat ge­fun­den ha­ben, zu­stan­de­kommt. Herr Merz ver­laut­bar­te im kom­mu­ni­ka­to­ri­schen Vor­feld, es sei ihm egal, wo­her ei­ne Mehr­heit für ei­nen An­trag von, wie er an die­sem Tag be­kräf­tig­te, de­mo­kra­tisch ins Par­la­ment ge­wähl­ten Par­tei­en kommt.

Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Herr Merz über den Ter­min­plan des Vor­mit­tags bei der Pla­nung sei­nes Wahl­kampf­ma­nö­vers, mit dem er nach ei­ge­nem Be­kun­den ver­sucht, die AfD zu schrump­fen, im vol­len Bil­de war.


Der par­la­men­ta­ri­sche Tag des 29. Ja­nu­ar 2025 nö­tigt mir ein Zi­tat ab: »Die Scham muss das La­ger wech­seln.«

Schä­men Sie sich doch bit­te selbst, Herr Merz.

Und be­den­ken Sie da­bei: Das Reis­pa­pier ver­zeiht nicht. Sie kön­nen nichts kor­ri­gie­ren.

Die Mehr­heit der Syrer/innen, nicht nur in Deutsch­land, schämt sich we­gen EINEM Sy­rer. Die Mehr­heit der Afghanen/innen, nicht nur in Deutsch­land, schämt sich we­gen EINEM Af­gha­nen. Ei­ne Mehr­heit der Men­schen, nicht nur in ei­nem Land, kön­nen sich al­so we­gen EINES Men­schen schä­men.

Nicht, weil es die­sen Men­schen über­haupt gibt oder er in ei­nem für ihn frem­den Land weilt, für des­sen Bewohner/Innen er ein Frem­der ist. Son­dern weil die­ser Mensch tat, was er tat, aus wel­chen Grün­den oder Ur­sa­chen auch im­mer.

Ta­bus ha­ben in al­len Kul­tu­ren ih­ren sach­li­chen Zweck, Herr Merz. Auch wenn nicht al­le zu­stim­men.

Und mer­ken Sie sich ei­nes: Die Welt be­steht nicht nur aus Sa­chen. Wenn Sie dar­an glau­ben, dass et­was in der Sa­che rich­tig bleibt, auch wenn die Fal­schen zu­stim­men und sich da­bei je­doch nicht fra­gen, von wel­cher Sa­che Sie ei­gent­lich re­den und ob die Rich­tig­keit ih­rer Sa­che ei­ner kri­ti­schen Prü­fung fern­ab von Wahl­kampf­ge­tö­se stand­hält, sind Sie viel­leicht ein her­vor­ra­gen­der Ge­schäfts­mann, doch als Po­li­ti­ker mei­nes Er­ach­tens nach völ­lig un­ge­eig­net und als Kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht zu emp­feh­len. Ich möch­te von Ih­nen nicht in der Welt ver­tre­ten wer­den. Ich möch­te nicht, dass Sie zum Ge­sicht die­ses Staa­tes und der Bür­ger, die für ihn als li­be­ra­le De­mo­kra­tie bür­gen wol­len, wer­den.

Sie ver­sach­li­chen die Welt und wer­den so, ob frü­her oder spä­ter, das tun, was die AfD pro­pa­giert: Sie ver­sach­li­chen Men­schen. Ge­nau die­se Ent­mensch­li­chung war es, die den Ho­lo­caust über­haupt erst mög­lich mach­te.

So­weit mir be­kannt ist, gel­ten Sie als Mil­lio­när. Geld macht of­fen­bar scham­los, ver­dirbt al­so den Cha­rak­ter. Und die Aus­sicht auf Macht wo­mög­lich auch.

Sie, Herr Merz, ha­ben am 29. Ja­nu­ar 2025 dem Gauland’schen „Vo­gel­schiss“ sa­lon­fä­hig ge­macht und die AfD be­stä­tigt, was die ja auch so­fort im Ple­nar­saal ge­fei­ert hat. Sie, Herr Merz, sind der Steig­bü­gel­hal­ter für ei­ne mög­li­che Zu­kunft, die ge­schätzt 75 bis 80 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten nicht wol­len. Sonst wür­den 100% der Wahl­be­rech­tig­ten die AfD wäh­len. Sie, Herr Merz, ha­ben scham­los ge­han­delt, sich wahr­schein­lich ver­kal­ku­liert und wer­den kei­ner­lei Kon­se­quen­zen selbst zie­hen oder zu be­fürch­ten ha­ben. Und es ist mir nun völ­lig egal, ob sich für die­se in der Sa­che wohl rich­ti­gen Be­ob­ach­tung ei­ne Mehr­heit fin­det oder nicht.

Ein Han­deln wird nicht des­halb gut, weil man meint über­zeugt zu sein, et­was Gu­tes zu tun, Herr Merz.

Mir, als Bür­ger die­ses Staa­tes und Bür­ge für ei­ne li­be­ra­le De­mo­kra­tie und Wi­der­sa­cher jed­we­der au­to­ri­ta­ris­ti­schen Ten­den­zen, und sei­en sich noch so un­schein­bar, bleibt nur, die CDU/CSU und ih­re na­hen An­ver­wand­ten, AfD und FDP, und al­len Par­tei­en, die den Ruch des Kon­ser­va­ti­ven ha­ben, völ­lig egal ob ‚rechts‘ oder ‚links‘, bei der an­ste­hen­den Bun­des­tags­wahl nicht mei­ne Stim­me zu ge­ben und die­se, mei­ne Stim­me, ge­gen sie zu er­he­ben. Mich zu em­pö­ren über Un­sen­si­bi­li­tät, mich zu em­pö­ren über ein po­li­ti­sches Ge­ba­ren wie an ei­nem Po­ker­tisch, über ein Ge­ba­ren wie ei­ne Re­chen­ma­schi­ne, die eis­kalt und skru­pel­los kal­ku­liert und die Er­geb­nis­se ge­gen­ein­an­der ver­rech­net und den ma­xi­ma­len per­sön­li­chen Ge­winn an­strebt. Das ist völ­lig falsch ver­stan­de­ner Prag­ma­tis­mus.

Die Po­li­tik sei ein schmut­zi­ges Ge­schäft, heißt es. Ge­schäf­te sind schmut­zig, weil die, die sie be­trei­ben, sie schmut­zig ma­chen, Herr Merz, Frau Wei­del, Herr Lind­ner und all Ihr an­de­ren, die Ihr meint, zum Woh­le des Staa­tes zu han­deln, wenn Ihr eu­re Ge­schäf­te im Par­la­ment macht.

Die­se Wor­te hier wer­den al­ler Vor­aus­sicht nach nie ih­re Adres­sa­ten er­rei­chen, und den­noch woll­ten sie ge­setzt, ge­schrie­ben sein. Um nicht ta­ten­los da­zu­ste­hen und mich ge­gen die Scham, die in mir auf­kommt, zur Wehr zu set­zen und sie dort­hin zu ver­or­ten, wo sie mei­ner Mei­nung nach hin­ge­hört. Denn nicht ich ha­be mich zu schä­men, son­dern je­ne, die skru­pel­los ih­re Macht­in­ter­es­sen durch­zu­set­zen ver­su­chen. Die, die kein Ge­wis­sen der Welt zu pla­gen ver­mag. Die, die mit der Re­prä­sen­ta­ti­on der Bür­ger ei­nes Staa­tes be­auf­tragt wur­den, und sich da­für kei­nen Deut in­ter­es­sie­ren und statt­des­sen von ego­is­ti­schen Wün­schen und Träu­men ge­trie­ben sind. Die, die sich von je­nen wäh­len las­sen, de­nen sie Ver­spre­chun­gen ma­chen, die sich nicht ein­hal­ten. All die ha­ben sich zu schä­men.

Ei­gent­lich. Doch das ‚po­li­ti­sche Ge­schäft‘ hat sie und sich of­fen­bar ei­nes Teils be­raubt, der sie für Scham zu­gäng­lich macht. Sie ha­ben of­fen­bar kein Ge­wis­sen mehr.

Statt­des­sen wird die­se Scham auf an­de­re über­tra­gen, denn ir­gend­wo muss sie sich nie­der­schla­gen, soll noch ir­gend­wo ein Ge­wis­sen wal­ten kön­nen.

Schä­men SIE sich doch, Herr Merz, und al­le, die für Sie spre­chen, Ih­nen zu­stim­men, Sie un­ter­stüt­zen. Ja, spü­ren Sie’s? So fühlt es sich an, wenn ein ein­zel­nes Ge­sicht zum Ge­sicht vie­ler, gar al­ler, wird. Sie spü­ren nichts? Eben, des­halb kön­nen Sie so han­deln, wie Sie ge­han­delt ha­ben. Ich nen­ne sol­ches Han­deln „trumpeln“. Als USA-er­fah­re­ner Black­ro­cker und Mil­lio­när fällt es Ih­nen ja be­stimmt leicht, sich mit dem am­tie­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten ge­mein zu ma­chen. It’s just ‚busi­ness‘, so what?

Hört al­le mit­ein­an­der auf, ihr, die ihr meint, die Zu­kunft liegt in der Ver­gan­gen­heit ge­bor­gen und ist von dort zu er­he­ben, mei­ne Ver­nunft zu be­su­deln und mei­nen Ver­stand zu be­lei­di­gen.

Ihr wi­dert mich an, ihr pro­vo­ziert mei­nen Ekel. Schämt ge­fäl­ligst Ihr Euch auch da­für, al­le mit­ein­an­der!

Doch Ihr habt nach mei­ner Be­ob­ach­tung of­fen­bar kei­nen Fun­ken An­stand mehr im Leib, wenn Ihr ‚Po­li­tik‘ be­treibt. Ihr wollt ‚Politik‘-Geschäfte ma­chen, doch es fehlt da­für am Min­dest­maß der Kaufleut’sehre.

Des­we­gen wird es Euch nicht ge­lin­gen, zu er­rö­ten und den Blick zu sen­ken. Doch was schert Euch das, Ihr un­an­stän­di­gen Krä­mer­see­len …


Denkzettel 279

Der Mo­no­the­is­mus war kei­ne gu­te Er­fin­dung: Er ist das schlei­chen­de Gift ei­ner plu­ra­len För­de­ra­li­tät.

(Die Idee der fremd or­di­nier­ten, au­to­kra­ti­schen Ein­heit­lich­keit (d.i.: Ein­falt) wen­det sich ge­gen das Fak­tum der sich selbst ko­or­di­nie­ren­den, au­to­poie­ti­schen Viel­falt.)

Staatsmacht?

Von einer tatsächlichen Begebenheit. Über situativ angemessenen Vollzug besonderer Anordnungen. Über Autoritarismus.

Die kleins­ten Un­ter­of­fi­zie­re sind die stol­zes­ten.

Ge­org Chris­toph Lich­ten­berg

Wir schrei­ben Diens­tag, den 2. Ju­ni an­no 2020. Es ist der Diens­tag nach Pfings­ten, so um 11 Uhr des Vor­mit­tags, strah­len­der Son­nen­schein, 25°C, be­stimmt schon, ge­fühlt al­le­mal. Wo­chen­markt in Land­au in der Pfalz, Bun­des­land Rhein­land-Pfalz, Deutsch­land, auf dem so­ge­nann­ten al­ten Mess­platz. We­gen Co­ro­na-Pan­de­mie vom zen­tra­le­ren Rat­haus­platz ver­legt, um die Stän­de auf ei­ne grö­ße­re Flä­che zu ver­tei­len, ge­schätzt wohl dop­pelt so groß. Die Stän­de in der Flä­che groß­zü­gig auf­ge­stellt und viel we­ni­ger Stän­de als sonst, eben we­gen Pfings­ten; Marktbeschicker/innen möch­ten auch mal Pau­se ha­ben. So zwei Drit­tel bis Drei­vier­tel der sonst üb­li­chen Be­le­gung des Diens­tags, wo oh­ne­hin we­ni­ger Stän­de zu­ge­gen sind, grob ge­schätzt frei­lich nur. Das Haupt­ge­schäft läuft am sams­täg­li­chen Markt an glei­cher Stel­le. Und auch heu­te deut­lich we­ni­ger Pu­bli­kum als an den Sams­ta­gen, aber auch we­ni­ger als sonst an Diens­ta­gen. Al­les al­so sehr über­sicht­lich und fried­lich, mei­ne Ein­käu­fe konn­te ich oh­ne War­te­zei­ten er­le­di­gen. Sonst ist das ei­gent­lich nur mög­lich, wenn das Wet­ter nicht so das Wah­re ist.

Die Be­schrei­bung die­ses Markt­idylls ist für das Fol­gen­de wich­tig. Denn es kon­tu­riert noch ein­mal, auf was mit die­sem Text hin­ge­wie­sen wer­den will. Ich war so­eben auf dem Weg vom Platz weg, doch noch auf die­sem. In der Lich­te war nie­mand in Sicht, dem ich auf dem Weg zum Fahr­rad au­ßer­halb des Plat­zes, viel­leicht noch 50m, hät­te be­geg­nen kön­nen, oh­ne dass ich aus­wei­chen hät­te kön­nen. Dies um den der­zeit vor al­len an­de­ren Din­gen ge­bo­te­nen Ab­stand zu den Mit­men­schen, die mir be­geg­nen, ein­zu­hal­ten.

Und auch drei Män­ner in Uni­form sind auf dem Platz un­ter­wegs. Auf den ers­ten Blick hielt ich sie für Po­li­zei, was ja viel­leicht auch be­ab­sich­tigt ist. Mit Schutz­wes­te, aber oh­ne Kopf­be­de­ckung. Ich wur­de von ei­nem der drei Män­ner mit Schutz­mas­ke und Son­nen­bril­le deut­lich er­mahnt Mund und Na­se zu be­de­cken, mit ver­tief­ter, an­herr­schen­der Stimm­la­ge. Ich hat­te die Mas­ke ja da­bei, doch eben ge­ra­de ele­gant als Dop­pel­kinn­hal­ter tra­gend – Körb­chen­grö­ße A, geht g’rad noch so – und bei den Stän­den auch vor Mund und Na­se ge­scho­ben. Wie es viel­leicht der­zeit an­ge­zeigt ist, wenn Men­schen re­la­tiv dicht ste­hen und ih­re An­ge­le­gen­hei­ten, im­mer be­glei­tet von münd­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on, er­le­di­gen. Doch auf der frei­en Ver­kehrs­flä­che, auf dem Weg von ei­nem Stand zum an­de­ren, da bin ich dann doch schon froh, den pri­mär ge­bo­te­nen Ab­stand pro­blem­los ein­hal­ten zu kön­nen und un­ge­fil­ter­te, fri­sche Luft at­men zu kön­nen, wie es die Na­tur für den Men­schen ja vor­ge­se­hen hat. An­sons­ten wä­ren wir mit ir­gend­ei­ner Art fle­xi­bler Mund-Na­sen-Be­de­ckung ge­bo­ren wor­den, die auch bei ei­ner sol­chen Wit­te­rung nicht un­an­ge­nehm wä­re. Na, in 200.000 Jah­ren viel­leicht, Mensch passt sich ja an. Zu­min­dest ta­ten wir das in den letz­ten paar Mil­lio­nen Jah­ren.

So schob ich al­so für die letz­ten 25 Me­ter die Mas­ke noch ein­mal hoch, frei­es Feld vor mir ha­bend, das Fahr­rad schon fast zum Grei­fen nah. Mür­risch in­dif­fe­rent pack­te ich mei­ne Ein­käu­fe in die Sat­tel­ta­schen, ent­rie­gel­te das Fahr­rad­schloss und woll­te mich schon auf den Weg ma­chen, hielt dann je­doch in­ne. „Was war da ei­gent­lich ge­ra­de pas­siert?“, frag­te ich mich.

So ent­schloss ich mich, die drei po­li­zei­lich auf­ge­mach­ten Her­ren zu be­ob­ach­ten und frag­te mich: „Ist das Po­li­zei? Ist das nicht et­was über­trie­ben?“ Ich späh­te, um mich ver­ge­wis­sern zu kön­nen, denn mir lag im Kopf, dass Po­li­zis­ten im Dienst ja ih­re Kopf­be­de­ckung zu tra­gen ha­ben, was hier nicht der Fall war. Co­ro­na-Ab­zo­cke? Ver­klei­de­te, die im Schutz von Mas­ke und Son­nen­bril­le ihr Un­we­sen trei­ben und un­be­schol­te­ne Bürger/innen ab­zie­hen? Da­ge­gen sprach das Na­mens­schild, des­sen ich aus dem Au­gen­win­kel ge­wahr war, als ich zur Ord­nung ge­ru­fen wur­de. Gut, wer’s d’rauf an­legt, will frei­lich recht au­then­tisch ’rü­ber­kom­men.

Al­so die Mas­ke doch noch ein­mal auf­ge­setzt und für Ge­wiss­heit ge­sorgt. Am Är­mel ei­nes der Män­ner ein Sti­cker mit Stadt­wap­pen, so­weit ich das se­hen konn­te, der Schrift­zug „Voll­zugs­dienst“ dar­über. Man sei vom Ord­nungs­amt, eben­falls recht mür­risch in­dif­fe­rent zur Aus­spra­che ge­bracht, auf mei­ne klä­ren­de Fra­ge hin, wäh­rend eif­rig et­was no­tiert wur­de. „Wohl doch al­les rech­tens.“ den­kend, troll­te ich mich wie­der zum Fahr­rad. „Wirk­lich?“ Ich ent­schloss mich, je­nes sich mir bie­ten­de Thea­ter noch et­was zu stu­die­ren.

Ei­ne Wei­le al­so das Ak­ti­ons­feld be­ob­ach­tend, konn­te ich se­hen wie bin­nen ei­ner ge­fühl­ten Mi­nu­te, oder so, drei Per­so­nen zur Kas­se ge­be­ten wur­den, weil oh­ne Mund-Na­sen-Be­de­ckung un­ter­wegs bzw. nicht im ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­satz. 10 Eu­ro, wie sich spä­ter her­aus­stel­len soll­te, zu­min­dest für ei­nen der zur Kas­se be­stell­ten.

Die aus­führ­li­che Be­schrei­bung der Sze­ne­rie un­ter blau­em Him­mel mag ge­hol­fen ha­ben, sich in die Si­tua­ti­on hin­ein­zu­ver­set­zen. Und dann kann hier, darf und soll, ja: muss viel­leicht so­gar die Fra­ge nach der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ge­stellt sein, oh­ne so­gleich in die rechts-lin­ke, mehr oder we­ni­ger ex­tre­mis­ti­sche pseu­do­kri­ti­sche Ecke mit oder oh­ne Alu­hut ge­stellt zu wer­den. Auch an­ge­sichts der Schutz­wes­ten stellt sich die­se Fra­ge, denn da keimt ei­nem ja so­fort der Ge­dan­ke auf, dass das wohl ein hoch­ge­fähr­li­cher Ein­satz ist, den die drei Män­ner da durch­füh­ren. Of­fen­bar traut man den Besucher_innen des Mark­tes an die­sem Diens­tag­mor­gen al­les zu, hin bis zum Ge­brauch von Stich- oder gar Schuss­waf­fen. Ich fühl­te mich, als ich von ei­nem die­ser Uni­for­mier­ten an­ge­spro­chen wur­de, so­fort als üb­lich ver­däch­tig. Kein schö­nes Ge­fühl. Und in kei­ner Wei­se för­der­lich, mein Ver­trau­en in den Voll­zugs­dienst zu stär­ken. Denn ge­wiss ist das Tra­gen ei­ner Mund-Na­sen-Be­de­ckung zu­min­dest in ge­rin­gem Um­fang hilf­reich, wenn sich in ge­schlos­se­nen Räu­men auf­ge­hal­ten wird oder über län­ge­re Zeit an un­be­lüf­te­tem Ort kom­mu­ni­zie­rend zu­sam­men­ge­stan­den wird. Doch so­viel Mün­dig­keit soll­te mir sei­tens des städ­ti­schen Ord­nungs­de­zer­na­tes oder der Lan­des­re­gie­rung oder gar Bun­des­re­gie­rung schon zu­ge­stan­den wer­den, wann es nach der­zei­ti­gem Stand des All­ge­mein­wis­sens über Tröpf­chen­in­fek­ti­on, Ae­ro­so­le und Ab­stand ge­bo­ten ist, Mund und Na­se zu be­de­cken und wann die­se Maß­nah­me schlicht un­nö­tig ist und leicht als Gän­ge­lei auf­ge­fasst wer­den kann. Ei­ne sol­che ver­nunft­ge­lei­te­te Ab­wä­gung kann man mir schon zu­mu­ten und zu­trau­en, wie be­stimmt 80% der Mitbürger/innen auch. Für die rest­li­chen 20% ist dann das Ord­nungs­amt zu­stän­dig. Lei­der. Doch man­che sind eben ein­fach re­ni­tent, aus wel­chen Grün­den auch im­mer, oder an­der­wei­tig un­wil­lig, Vor­schrif­ten ein­zu­hal­ten. Ger­ne mit dem Po­chen auf De­mo­kra­tie und Frei­heit und so.

Die An­spra­che ei­ner der Be­lang­ten, eben ge­nau we­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, gab ne­ben der Aus­kunft über die Hö­he des Ord­nungs­gel­des ei­ne über­ra­schen­de Ant­wort be­züg­lich der auf­ge­rüs­te­ten Ord­nungs­hü­ter: „Die kön­nen ei­nem leid tun.“ Recht hat er. Und Leid an­tun kön­nen sie ei­nem auch. Un­nö­ti­ger­wei­se. Doch eben: Im Auf­trag.

Um es zum Schluss noch mal ganz klar zu stel­len: All­tags­mas­ken kön­nen hel­fen, das In­fek­ti­ons­ge­sche­hen zu kon­trol­lie­ren. Doch die stu­re Durch­set­zung ei­ner Pflicht oh­ne si­tua­ti­ve An­pas­sung, ge­gen die ich mich hier aus­drück­lich stel­le, das ist Ent­mün­di­gung, zu­min­dest kann ich leicht ei­nen sol­chen Ver­such ver­mu­ten. Un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen sinn­vol­le Vor­schrif­ten oh­ne An­ge­mes­sen­heits­er­wä­gung re­ni­tent zu ahn­den, das neh­me ich als ei­ne Form von will­kür­li­cher Ge­walt wahr. Ja, das ist wohl über die Spit­ze ge­trie­ben und soll ver­deut­li­chen, dass ein Po­li­zei­staat nicht von heu­te auf mor­gen in der Welt ist, son­dern sich in die Ge­sell­schaft ein­schleicht, und ge­wis­se äu­ße­re Be­din­gun­gen das be­güns­ti­gen kön­nen. Und die der­zei­ti­ge Co­ro­na-Si­tua­ti­on scheint mir bei ei­ni­gen da­hin­ge­hend in den Kopf zu stei­gen. Ei­ne ver­nünf­ti­ge He­gung von Pflich­ten sieht zu­min­dest für mei­ne li­be­ral-so­zia­le Grund­ein­stel­lung völ­lig an­ders aus. Und wer denkt, an­ge­sichts der Pu­tins und Trumps und wie sie al­le hei­ßen, in Deutsch­land, und in der schö­nen Pfalz kön­ne so­was ja schon über­haupt gar nicht pas­sie­ren, der irrt sich wo­mög­lich ge­wal­tig. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter1⇣vgl. Theo­dor W. Ador­no. ist je­der­zeit und über­all und wir soll­ten al­le auf der Hut sein und kleins­te An­zei­chen so­fort zur Spra­che brin­gen, da­mit ist schon viel ge­tan. Wie bei Sars-Co­V‑2 auf der po­li­ti­schen Sei­te ist auch im Um­gang mit den po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen und de­ren Ent­schei­dun­gen auf der ge­sell­schaft­li­chen Sei­te um­sich­ti­ge, viel­leicht manch­mal über­trie­be­ne, Vor­sicht bes­ser denn reu­ige Nach­sicht.

Lie­ber las­se ich mir ein paar mal ei­ne ab­sur­de Un­ter­stel­lung vor­wer­fen, mir auch vor­wer­fen, ich ge­hö­re ja auch nur zu die­sen 20% über­be­sorg­ten Bürger_innen, die nur da­ge­gen sind, um ge­gen et­was sein zu kön­nen, als – am End’ noch we­gen eben je­ner 20% – un­ter ei­nem Dik­tat le­ben zu müs­sen, weil ei­ne Min­der­heit den Ton an­ge­ge­ben hat und die Po­li­tik es an Ver­trau­en in die Bür­ger­schaft hat feh­len las­sen. Die­ses aber von eben je­nen ver­langt bzw. still­schwei­gend vor­aus­setzt, denn man ist ja schließ­lich ge­wählt wor­den. Und in ei­nem au­to­ri­ta­ris­ti­schen Staats­kli­ma dann wo­mög­lich noch mit ei­nem schlech­ten Ge­wis­sen, wel­ches mir mein Schwei­gen ein­ge­bracht hät­te, ein gu­tes Le­ben zu füh­ren hät­te, was dann wohl un­mög­lich wä­re, zu­min­dest für mich. Denn ich ha­be die An­fän­ge ja ge­se­hen und mir mei­ne Ge­dan­ken ge­macht. Und den Rest mei­nes so­la­la ge­führ­ten Le­bens müss­te ich dann mit Ei­nem zu­sam­men­le­ben, der ge­schwie­gen hat, wo es bes­ser ge­we­sen wä­re, die Stim­me zu er­he­ben. Nur weil er in kei­ne Ecke ge­stellt wer­den woll­te, wo er nicht hin­ge­hört.

Ak­tua­li­sie­run­gen
12.6.2020:
Sie­he auch den Bei­trag von Nils Mark­wardt auf philomag.de vom 9.6.2020: In vie­len Län­dern mi­li­ta­ri­siert sich die Po­li­zei. Das führt zu ei­ner ge­fähr­li­chen Um­stül­pung der Freund-Feind-Lo­gik nach in­nen — und ver­stärkt da­mit je­nen Ras­sis­mus, ge­gen den ge­ra­de welt­weit pro­tes­tiert wird.

Re­fe­ren­ces
1 vgl. Theo­dor W. Ador­no.