Autorität und Autoritarismus: Über die Neigung zum Kippen

Wie eine orientierende Kraft beweglich bleibt — und wo die Erstarrung lauert. Über Meinung, Wunsch und Solidarität.

Das Wort hält noch stand — aber sei­ne Fa­mi­lie ver­rät es. »Au­to­ri­tät« meint im deut­schen Sprach­ge­brauch das auf Kom­pe­tenz und An­er­ken­nung be­ru­hen­de An­se­hen ei­ner Per­son oder In­sti­tu­ti­on: ei­ne ori­en­tie­ren­de Kraft, kei­ne er­zwun­ge­ne Un­ter­wer­fung. So­weit ist das Wort noch in­te­ger. Doch sein Ad­jek­tiv — »au­to­ri­tär« — hat längst die Sei­ten ge­wech­selt: Es be­zeich­net heu­te das Ge­gen­teil von Au­to­ri­tät im ei­gent­li­chen Sin­ne, näm­lich das Her­ri­sche, das Be­feh­leri­sche, das An­ti­de­mo­kra­ti­sche. Im Über­gang vom Sub­stan­tiv zum Ad­jek­tiv voll­zieht sich be­reits je­nes Kip­pen, das die­ser Es­say un­ter­su­chen will.1⇣Im Sprach­ge­brauch ist da­bei ei­ne be­mer­kens­wer­te Lü­cke ent­stan­den: Für »Au­to­ri­tät« im po­si­ti­ven Sin­ne gibt es kein ge­bräuch­li­ches Ad­jek­tiv. … Wei­ter­le­sen…

Die­ses Kip­pen im Ad­jek­tiv hat ei­ne lan­ge Vor­ge­schich­te. Das La­tei­ni­sche kann­te noch ei­ne schar­fe Un­ter­schei­dung: auc­to­ri­tas be­zeich­ne­te die Kraft des­sen, der et­was ins Werk ge­setzt hat, der Ur­he­ber ist — vom Verb au­gere, meh­ren, wach­sen las­sen. Es war die Gel­tung, die man ver­lieh, nicht die Macht, die man aus­üb­te. Der rö­mi­sche Se­nat hat­te auc­to­ri­tas, der Ma­gis­trat hat­te po­tes­tas — Amts­ge­walt, Zwangs­be­fug­nis. Die­se Un­ter­schei­dung war be­wusst: Au­to­ri­tät oh­ne Zwang auf der ei­nen, Macht oh­ne ei­gent­li­che Au­to­ri­tät auf der an­de­ren Sei­te. Schon im La­tei­ni­schen aber be­gann die Ero­si­on, wur­de auc­tor auch der­je­ni­ge, der an­ord­net und be­fiehlt. Das Kip­pen ist al­so alt — und viel­leicht des­halb so schwer zu fas­sen, weil es sich so un­auf­fäl­lig voll­zieht, weil es sich im Sprach­ge­brauch selbst ein­ge­nis­tet hat.

Der vor­lie­gen­de Es­say ver­folgt die­se Spur. Er fragt, was Au­to­ri­tät im ei­gent­li­chen, im ori­en­tie­ren­den Sin­ne meint — und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen sie in Au­to­ri­ta­ris­mus um­schlägt. Da­bei wird ein wei­tes Ver­ständ­nis von Au­to­ri­tät zu­grun­de ge­legt: Nicht nur Per­so­nen oder In­sti­tu­tio­nen kön­nen Au­to­ri­tät be­sit­zen, son­dern auch Re­geln, Wün­sche, Über­zeu­gun­gen. Doch die­se Au­to­ri­tät ist stets ei­ne kul­tu­rell ver­lie­he­ne — sie un­ter­schei­det sich da­mit grund­le­gend von der Wirk­kraft na­tür­li­cher Zwän­ge, die uns, ob wir wol­len oder nicht, in An­spruch neh­men. Ge­ra­de die­se Dif­fe­renz, so wird zu zei­gen sein, ist ent­schei­dend: Denn was ver­lie­hen ist, kann kip­pen.

Autorität als Konstruktion: Das weite Bedeutungsfeld

Verliehene Geltung

Au­to­ri­tät im hier ge­mein­ten Sin­ne ist im­mer kul­tu­rell — sie ist das Er­geb­nis ei­nes Akts der An­er­ken­nung, nicht ei­ner Na­tur­ge­ge­ben­heit. Das un­ter­schei­det sie grund­le­gend von der Wirk­kraft na­tür­li­cher Zwän­ge: Der Hun­ger zwingt, oh­ne dass wir ihm Gel­tung ver­lei­hen müss­ten. Kul­tu­rel­le Au­to­ri­tät da­ge­gen setzt ein Sub­jekt vor­aus, das an­er­kennt — und das eben des­halb auch ver­wei­gern, be­fra­gen, re­vi­die­ren kann. Re­geln, Ge­set­ze, In­sti­tu­tio­nen, mo­ra­li­sche Nor­men be­zie­hen ih­re ori­en­tie­ren­de Kraft nicht aus ei­ner na­tür­li­chen Po­tenz, son­dern aus die­sem Akt der An­er­ken­nung. Es gibt kei­ne »na­tür­li­che Au­to­ri­tät« wie es auch kei­ne me­ta­phy­si­sche gibt — auch wenn au­to­ri­tä­re Dis­kur­se bei­des ger­ne be­haup­ten, um Herr­schaft als un­ab­än­der­lich er­schei­nen zu las­sen.

Wir schrei­ben Re­geln, In­sti­tu­tio­nen und Nor­men Ver­bind­lich­keit zu, wir ver­lei­hen ih­nen Gel­tung — und eben des­halb kön­nen wir sie auch be­fra­gen, re­vi­die­ren, ver­wer­fen. Han­nah Are­ndt hat die­sen Ge­dan­ken in al­ler Schär­fe for­mu­liert: Au­to­ri­tät, die auf Zwang an­ge­wie­sen ist, hat ih­re ei­gent­li­che Sub­stanz be­reits ver­lo­ren. Sie ist dann schon nicht mehr Au­to­ri­tät, son­dern Macht — oder Ge­walt.

Die Gefährdung der verliehenen Autorität

Dar­in liegt zu­gleich ih­re Stär­ke und ih­re Ge­fähr­dung: Weil Au­to­ri­tät ver­lie­hen ist, muss sie sich im­mer wie­der neu be­wäh­ren, im­mer wie­der neu an­er­kannt wer­den. Sie ist le­ben­di­ger als je­de na­tur­ge­ge­be­ne Zwangs­läu­fig­keit — aber auch an­fäl­li­ger. Denn wer Au­to­ri­tät be­sitzt, kann ver­lei­tet wer­den, sie ge­gen den Wi­der­ruf ab­zu­si­chern — ei­nen An­spruch zu er­he­ben, statt ihn ent­ge­gen­zu­neh­men; wer Ori­en­tie­rung sucht, ist ver­sucht, die ver­lie­he­ne Ver­bind­lich­keit als ab­so­lu­te zu be­han­deln. In die­sem dop­pel­ten Druck liegt der Keim des Kip­pens.

Meinung und Überzeugung: Das Kippen im Sprechen

Meinung als Entwurf

Das Kip­pen voll­zieht sich nicht nur in po­li­ti­schen Struk­tu­ren oder psy­cho­lo­gi­schen Dis­po­si­tio­nen — es voll­zieht sich auch im Sprach­ge­brauch, im all­täg­li­chen Um­gang mit dem, was wir den­ken und sa­gen. Ei­ne der auf­schluss­reichs­ten Stel­len, an der sich die­ser Vor­gang be­ob­ach­ten lässt, ist die Un­ter­schei­dung zwi­schen Mei­nung und Über­zeu­gung.

Das Wort mei­nen trägt in sich die Be­deu­tung des Vor­läu­fi­gen, des Adres­sier­ten, des Of­fe­nen: et­was glau­ben oh­ne Ge­wiss­heit, et­was im Sinn ha­ben als Ent­wurf. Ei­ne Mei­nung ist im­mer an ei­nen An­de­ren ge­rich­tet, sie setzt ei­nen Dia­log vor­aus, sie ist auf Wi­der­spruch hin of­fen — ja, sie braucht den Wi­der­spruch, um sich zu schär­fen oder zu re­vi­die­ren. Man hat ei­ne Mei­nung, wie man ei­nen Ent­wurf hat: als et­was, das noch wer­den kann, das noch nicht fer­tig ist. Sie zeigt ei­ne Rich­tung an, mehr nicht.

Überzeugung als Schließung

An­ders die Über­zeu­gung. Man ist über­zeugt, man ist sei­ne Über­zeu­gung — im Sprach­ge­brauch selbst zeigt sich die Fu­si­on an. Die Über­zeu­gung hat sich vom Spre­cher nicht mehr di­stan­ziert, sie ist Teil sei­ner Iden­ti­tät ge­wor­den.

Doch hier ist ei­ne Un­ter­schei­dung nö­tig. Es gibt Über­zeu­gun­gen, die aus lan­ger Re­fle­xi­on ge­wach­sen sind, die Ge­wicht ha­ben und Ori­en­tie­rung ge­ben — und de­ren Trä­ger den­noch wis­sen, dass sie kein ge­si­cher­tes Wis­sen sind. Wer sei­ne Über­zeu­gun­gen so hält, schützt sich vor dem Um­schlag ins Ri­gi­de.

Die­se ri­gi­de Form ist dann die Ge­burt zur Über-Zeu­gung, wenn man so will: Hier ist die Über­zeu­gung nicht mehr be­frag­bar, oh­ne dass das Selbst be­droht wird. Sie hat sich von ei­ner ver­tief­ten Mei­nung in ei­ne Iden­ti­täts­fes­tung ver­wan­delt. Wer die Über­zeu­gung an­greift, greift den Men­schen an.

Die­se Un­ter­schei­dung ist kei­ne bloß aka­de­mi­sche. Au­to­ri­tä­re Dis­kur­se le­ben, oft ab­sicht­lich, von ih­rer Ver­wi­schung. Wer ei­ne Mei­nung äu­ßert — ei­nen Ent­wurf, ei­ne vor­läu­fi­ge Po­si­ti­on —, wird be­han­delt, als ha­be er ei­ne un­um­stöß­li­che Über­zeu­gung kund­ge­tan. Er muss die­se Über­zeu­gung nun ver­tei­di­gen oder von ihr ab­rü­cken; bei­des ist ei­ne Nie­der­la­ge. Der of­fe­ne Dis­kurs, den die Mei­nung er­mög­li­chen soll­te, wird so im Keim er­stickt. Das Ent­wurfs­haf­te wird zum Dog­ma er­klärt — und dann als Dog­ma wi­der­legt oder ver­tei­digt. In die­sem Me­cha­nis­mus liegt ei­ne der sub­tils­ten For­men, in der ori­en­tie­ren­de Au­to­ri­tät in au­to­ri­tä­ren Zwang kippt.

Der Kippmoment: Tanha und die Erstarrung des Wunsches

Der Wunsch als orientierende Kraft

Die trei­ben­de Kraft des Wun­sches ist ei­ne der ele­men­tars­ten mensch­li­chen Er­fah­run­gen. Wün­sche ge­ben Rich­tung, sie mo­bi­li­sie­ren En­er­gie, sie struk­tu­rie­ren Zeit — sie sa­gen uns, wo­hin wir wol­len, und un­ter­schei­den da­mit ei­ne Zu­kunft von ei­ner an­de­ren. In die­sem Sin­ne kann der Wunsch zu ei­ner der ur­sprüng­lichs­ten For­men von Au­to­ri­tät wer­den: Wir ver­lei­hen ihm Be­deu­tung, wir schrei­ben ihm Ge­wicht zu — und er gibt uns da­für Rich­tung.

So­lan­ge der Wunsch of­fen bleibt — so­lan­ge er Rich­tung gibt, oh­ne Er­fül­lung zu er­zwin­gen —, be­hält er sei­nen ori­en­tie­ren­den Cha­rak­ter. Er ist dann tat­säch­lich ein Ent­wurf: auf Zu­kunft hin, auf Mög­lich­keit hin, auf den An­de­ren hin of­fen. Die ori­en­tie­ren­de Kraft, die wir dem Wunsch ver­lei­hen, liegt nicht in sei­ner Ver­wirk­li­chung, son­dern in sei­ner Be­we­gung — in sei­nem mo­ti­vie­ren­den Mo­men­tum.

Tanha: Die Erstarrung und ihr Leiden

Das bud­dhis­ti­sche Kon­zept des Tan­ha — wört­lich: Durst, Ver­lan­gen — be­zeich­net ge­nau den Punkt, an dem die­ser be­weg­li­che, ori­en­tie­ren­de Wunsch zu kip­pen be­ginnt. Im bud­dhis­ti­schen Den­ken ent­steht Lei­den nicht aus dem Wunsch an sich, son­dern aus dem Fest­hal­ten an ihm: der Wei­ge­rung, sei­ne Kon­tin­genz an­zu­er­ken­nen, der Ver­wand­lung des Ent­wurfs in ei­ne For­de­rung, der For­de­rung in ei­nen An­spruch, des An­spruchs in ei­nen Zwang. Was als ori­en­tie­ren­de Kraft be­gann, wird zur Fes­sel — zu­erst für den­je­ni­gen, der fest­hält, dann für je­ne, die mit ihm zu­sam­men­le­ben.

Die­se Struk­tur ist struk­tu­rell iden­tisch mit dem, was Erich Fromm als ir­ra­tio­na­le Au­to­ri­tät be­schrie­ben hat. Fromm un­ter­schei­det scharf zwi­schen ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät, die im Dienst des Wachs­tums des An­de­ren steht, und ir­ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät, die dem An­de­ren Un­ter­wer­fung ab­ver­langt, weil sie aus ei­ge­nem Man­gel ge­speist wird. Der Un­ter­schied liegt nicht in der Stär­ke der Gel­tung, son­dern in ih­rer Rich­tung: Ra­tio­na­le Au­to­ri­tät öff­net, ir­ra­tio­na­le schließt. Ra­tio­na­le Au­to­ri­tät ist auf Über­flüs­sig­wer­den an­ge­legt — die gu­te Leh­re­rin, der gu­te Va­ter ar­bei­ten auf ih­re ei­ge­ne Ent­behr­lich­keit hin. Ir­ra­tio­na­le Au­to­ri­tät hin­ge­gen braucht Ab­hän­gig­keit, weil sie oh­ne sie auf­hört zu exis­tie­ren.

Die gegenseitige Fixierung

Hier liegt ein ent­schei­den­der Punkt, der leicht über­se­hen wird: Das Kip­pen in Au­to­ri­ta­ris­mus ist kein ein­sei­ti­ger Vor­gang. Es ent­steht nicht al­lein aus der Macht­gier des Au­to­ri­tä­ren — es ent­steht im Zu­sam­men­spiel zwei­er Man­gel­zu­stän­de. Auf der ei­nen Sei­te der­je­ni­ge, den man nicht los­las­sen kann: weil man nie ge­lernt hat, auf ei­ge­nen Bei­nen zu ste­hen, weil He­te­ro­no­mie zur zwei­ten Na­tur ge­wor­den ist, weil die Fä­hig­keit zur Au­to­no­mie — im ety­mo­lo­gi­schen Sin­ne: das Ver­mö­gen, sich selbst Ge­setz zu sein — nie ver­mit­telt wur­de. Auf der an­de­ren Sei­te der­je­ni­ge, der nicht los­las­sen will: weil er den An­de­ren als Spie­gel braucht, weil er sei­ne ei­ge­ne Gel­tung nur im Ge­hor­sam des An­de­ren spü­ren kann.

Die­se ge­gen­sei­ti­ge Fi­xie­rung ist das ei­gent­li­che We­sen des Au­to­ri­ta­ris­mus — nicht Stär­ke, son­dern ei­ne dop­pel­te Schwä­che, die sich wech­sel­sei­tig sta­bi­li­siert. Are­ndt hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Rück­griff auf Ge­walt im­mer schon ein Zei­chen des Au­to­ri­täts­ver­lusts ist: Wer wirk­lich an­er­kannt wird, braucht kei­nen Zwang. Au­to­ri­ta­ris­mus ist mit­hin die Si­mu­la­ti­on von Au­to­ri­tät durch Mit­tel, die Au­to­ri­tät per de­fi­ni­tio­nem aus­schlie­ßen.

Ironie und Autorität-Kritik von innen

Die ironische Haltung als Gegenmittel

Wie aber lässt sich das Kip­pen ver­mei­den? Wel­che Hal­tung er­laubt es, ori­en­tie­ren­de Au­to­ri­tät zu kul­ti­vie­ren, oh­ne in Au­to­ri­ta­ris­mus zu ver­fal­len? Ri­chard Ror­tys Ent­wurf der li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin bie­tet hier ei­nen be­mer­kens­wer­ten An­satz — nicht als fer­ti­ges Pro­gramm, son­dern als Be­schrei­bung ei­ner Hal­tung.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin lebt mit Über­zeu­gun­gen im mitt­le­ren Sin­ne — ver­tieft, ge­wich­tig, hand­lungs­lei­tend, aber oh­ne den An­spruch auf letz­te Wahr­heit. Sie weiß, dass ih­re Über­zeu­gun­gen kon­tin­gent sind: his­to­risch ge­wach­sen, durch Er­fah­rung ge­formt, durch an­de­re Er­fah­run­gen re­vi­dier­bar. Das schützt sie vor dem Um­schlag zur Über-Zeu­gung — nicht durch Gleich­gül­tig­keit, son­dern durch je­ne epis­te­mi­sche Be­schei­den­heit, die En­ga­ge­ment und Of­fen­heit zu­gleich er­laubt.

Strukturanalogie: Achtsamkeit und Ironie

Die­se Hal­tung weist ei­ne be­mer­kens­wer­te Struk­tur­ana­lo­gie zur bud­dhis­ti­schen Pra­xis der Acht­sam­keit auf. Auch Acht­sam­keit zielt nicht auf die Auf­lö­sung von Wün­schen und Über­zeu­gun­gen, son­dern auf ei­ne ver­än­der­te Hal­tung zu ih­nen: Das Fest­hal­ten wird durch ein be­wuss­tes Ge­wahr­sein er­setzt, das dem Wunsch sei­nen Platz lässt, oh­ne von ihm be­herrscht zu wer­den. Das ist kei­ne Gleich­gül­tig­keit — es ist ei­ne Form von in­ne­rem Zeu­gen, ei­ne Fä­hig­keit zur Selbst­di­stanz, die das Selbst nicht aus­löscht, son­dern schärft.

Ge­nau die­se Fä­hig­keit — die Au­to­ri­tät-Kri­tik von in­nen — ist die Be­din­gung der Mög­lich­keit für das, was Ror­ty So­li­da­ri­tät nennt. Denn wer sei­ne ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen für ab­so­lut hält, wer sei­ne Mei­nun­gen in Über­zeu­gun­gen ver­wan­delt hat und sei­ne Über­zeu­gun­gen in Iden­ti­tät, der kann den An­de­ren nur als Be­stä­ti­gung oder Be­dro­hung wahr­neh­men. So­li­da­ri­tät aber setzt vor­aus, dass ich den An­de­ren in sei­ner An­ders­heit wahr­neh­me — als je­man­den, des­sen Lei­den re­al ist, auch wenn sein Vo­ka­bu­lar ein an­de­res ist als mei­nes. Das ist nur mög­lich, wenn ich nicht glau­be, der Maß­stab al­ler Din­ge zu sein.

Solidarität als Autorität — und ihr Kippen

Verliehene Empathie

So­li­da­ri­tät ist bei Ror­ty kei­ne me­ta­phy­sisch be­grün­de­te Pflicht. Es gibt kein Na­tur­ge­setz, das uns zur Em­pa­thie zwingt, kein ka­te­go­ri­sches Ge­bot, das So­li­da­ri­tät aus rei­ner Ver­nunft ab­lei­tet. So­li­da­ri­tät ist statt­des­sen et­was, das kul­ti­viert wer­den muss — durch Li­te­ra­tur, durch Be­geg­nung, durch die Er­wei­te­rung der Vor­stel­lungs­kraft, durch die lang­sam wach­sen­de Fä­hig­keit, das Lei­den des An­de­ren als wirk­li­ches Lei­den zu er­ken­nen, auch wenn es sich in frem­den For­men äu­ßert.

In die­sem Sin­ne ist So­li­da­ri­tät ei­ne ver­lie­he­ne Au­to­ri­tät: wir schrei­ben ihr Ver­bind­lich­keit zu, wir er­ken­nen sie als hand­lungs­lei­tend an — nicht weil wir müs­sen, son­dern weil wir es ge­lernt ha­ben zu wol­len. Das ist ge­nau der Ge­gen­ent­wurf zur ir­ra­tio­na­len Au­to­ri­tät Fromms: Hier wird kei­ne Ab­hän­gig­keit er­zeugt, son­dern Hand­lungs­fä­hig­keit ge­stärkt; hier ist die Au­to­ri­tät auf ih­re ei­ge­ne Über­flüs­sig­keit hin an­ge­legt, weil ih­re Wir­kung dann am größ­ten ist, wenn sie in­ter­na­li­siert wur­de und kei­ner äu­ße­ren Ver­stär­kung mehr be­darf.

Die Gefahr der erstarrten Solidarität

Doch auch So­li­da­ri­tät kann kip­pen. Die Ge­schich­te eman­zi­pa­to­ri­scher Be­we­gun­gen kennt das Mus­ter zur Ge­nü­ge: Was als of­fe­ne, em­pa­thisch er­wor­be­ne Ver­bin­dung be­ginnt, er­starrt zur Pflicht, zur For­de­rung, zum Kon­for­mi­täts­druck. So­li­da­risch zu sein wird zur Norm, de­ren Ver­let­zung Aus­schluss nach sich zieht. Das Wir, das sich durch ge­mein­sa­mes Lei­den und ge­mein­sa­mes Wol­len ge­bil­det hat, schließt sich nach in­nen und au­ßen — und be­ginnt, ge­nau je­ne Me­cha­nis­men der Un­ter­wer­fung zu re­pro­du­zie­ren, ge­gen die es an­ge­tre­ten war.

Die Be­din­gung da­für, dass So­li­da­ri­tät nicht au­to­ri­tär wird, ist die­sel­be wie die Be­din­gung ih­rer Ent­ste­hung: die iro­ni­sche Di­stanz, die Fä­hig­keit zur Au­to­ri­tät-Kri­tik von in­nen. So­li­da­ri­tät muss sich selbst kon­tin­gent hal­ten — muss wis­sen, dass auch sie kip­pen kann, dass auch sie zum Tan­ha wer­den kann. Wer das weiß, hat noch nicht die Lö­sung — aber er hat ei­ne Hal­tung, die das Kip­pen un­wahr­schein­li­cher macht.

Autorität halten — das Kippen im Blick

Es gibt kei­ne Ga­ran­tie. Kein Me­cha­nis­mus, der das Kip­pen von ori­en­tie­ren­der Kraft in au­to­ri­tä­ren Zwang struk­tu­rell aus­schließt. Das ist un­be­quem — aber viel­leicht ist es die ehr­lichs­te Aus­kunft, die sich ge­ben lässt. Wer das Ge­gen­teil ver­spricht, hat be­reits be­gon­nen zu kip­pen.

Was es gibt, ist ei­ne Hal­tung. Sie lässt sich, nach al­lem Ge­sag­ten, so be­schrei­ben: Au­to­ri­tät — an Re­geln ver­lie­he­ne, an Per­so­nen ver­lie­he­ne, an Wün­sche und Über­zeu­gun­gen ver­lie­he­ne Gel­tung — bleibt ori­en­tie­rend, so­lan­ge sie sich ih­rer ei­ge­nen Kon­stru­iert­heit be­wusst ist. Ei­ne Au­to­ri­tät, die weiß, dass sie ver­lie­hen ist, muss sich im­mer neu be­wäh­ren. Sie kann nicht auf me­ta­phy­si­sche Ab­si­che­rung zu­rück­grei­fen, nicht auf Na­tur­not­wen­dig­keit, nicht auf gött­li­ches Recht. Sie ist des­halb nicht schwä­cher — sie ist le­ben­di­ger. Sie for­dert und er­mög­licht je­ne Form der Aus­ein­an­der­set­zung, in der Mei­nun­gen Ent­wür­fe blei­ben und Über­zeu­gun­gen re­vi­dier­bar.

Das Be­wusst­sein der ei­ge­nen Kipp­ge­fähr­dung ist da­bei nicht Zei­chen von Schwä­che, son­dern Zei­chen ei­ge­ner, rei­fer Au­to­ri­tät. Wer weiß, dass er kip­pen kann, hat be­reits ei­ne Hal­tung zu sich selbst ein­ge­nom­men, die Selbst­re­fle­xi­on vor­aus­setzt und er­mög­licht. Wer die­se Mög­lich­keit leug­net, hat sie da­mit nur un­sicht­bar ge­macht — nicht be­sei­tigt.

Ror­ty hat die­se Ein­sicht in den Be­griff der Iro­nie ge­fasst, das bud­dhis­ti­sche Den­ken in den Be­griff der Acht­sam­keit, Fromm in den der ra­tio­na­len Au­to­ri­tät. Die Be­grif­fe sind ver­schie­den, die Struk­tur ist ähn­lich: Es geht um ei­ne Hal­tung der Selbst­di­stanz: des Mei­nens oh­ne An­spruch, des En­ga­ge­ments oh­ne Fa­na­tis­mus, der Über­zeu­gung oh­ne Er­star­rung. Um, mit ei­nem Wort, des­sen Ad­jek­tiv längst die Sei­ten ge­wech­selt hat, das Sub­stan­tiv aber noch stand­hält: Au­to­ri­tät — die ori­en­tie­ren­de, die le­ben­di­ge, die sich selbst in Fra­ge stel­len kann, oh­ne sich da­bei zu ver­lie­ren.

Die Fra­ge, ob die­se Hal­tung kul­ti­vier­bar ist, ob Bil­dung und Er­fah­rung und Li­te­ra­tur tat­säch­lich ver­mö­gen, was Ror­ty ih­nen zu­traut, bleibt of­fen. Sie muss of­fen blei­ben. Denn auch hier gilt: Wer sie mit Ge­wiss­heit be­ant­wor­tet, hat die Ant­wort schon fal­si­fi­ziert.

Wer den im Es­say be­rühr­ten Ge­dan­ken wei­ter nach­ge­hen möch­te, fin­det hier ei­ni­ge Hin­wei­se – kei­ne er­schöp­fen­de Bi­blio­gra­phie, son­dern ei­ne klei­ne Ein­la­dung.
Die schärfs­te phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Au­to­ri­täts­be­griff – und der Aus­gangs­punkt für die hier ver­wen­de­te Un­ter­schei­dung von Au­to­ri­tät, Macht und Ge­walt – bie­tet Han­nah Are­ndt in ih­rem Es­say »Was ist Au­to­ri­tät?«, er­schie­nen in dem Band Zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft (Pi­per). Wer lie­ber mit ei­nem kür­ze­ren Text ein­steigt, fin­det Are­ndts Grund­ge­dan­ken zur Ge­walt auch in dem schma­len Band Macht und Ge­walt (eben­falls Pi­per) kon­zen­triert.

Erich Fromms Die Furcht vor der Frei­heit (dtv) ist trotz sei­nes Al­ters – es er­schien 1941 – er­staun­lich ge­gen­wär­tig. Fromm ent­wi­ckelt dort die Un­ter­schei­dung zwi­schen ra­tio­na­ler und ir­ra­tio­na­ler Au­to­ri­tät im Kon­text sei­ner Ana­ly­se, war­um Men­schen Frei­heit nicht sel­ten als Bür­de emp­fin­den und sich ihr zu ent­zie­hen su­chen. Ein Buch, das man ein­mal ge­le­sen ha­ben soll­te.

Ri­chard Ror­tys Kon­tin­genz, Iro­nie und So­li­da­ri­tät (Suhr­kamp) ist das Haupt­werk, aus dem der Be­griff der »li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin« und die Kon­zep­ti­on von So­li­da­ri­tät als kul­ti­vier­ter Hal­tung stam­men. Ror­ty schreibt un­ge­wöhn­lich le­ben­dig für ei­nen ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phen – der Ein­stieg ist leich­ter als be­fürch­tet.

Der bud­dhis­ti­sche Be­griff des Tan­ha – Ver­lan­gen, Fest­hal­ten, »Durst« – ent­stammt den Vier Ed­len Wahr­hei­ten und ist in je­der se­riö­sen Ein­füh­rung in den Bud­dhis­mus zu fin­den. Be­son­ders zu­gäng­lich ist Thich Nhat Hanhs Das Herz von Bud­dhas Leh­re (Her­der).

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Re­fe­ren­ces
1 Im Sprach­ge­brauch ist da­bei ei­ne be­mer­kens­wer­te Lü­cke ent­stan­den: Für »Au­to­ri­tät« im po­si­ti­ven Sin­ne gibt es kein ge­bräuch­li­ches Ad­jek­tiv. »Au­to­ri­ta­tiv« exis­tiert, klingt aber be­reits wie­der nach An­ord­nung. »Au­to­ri­tar« kennt nie­mand. Und »Au­to­ri­tä­ri­tät« als Sub­stan­tiv zum Ad­jek­tiv »au­to­ri­tär« hat nie­mand je ge­sagt — der Ge­brauch scheint es zu ver­wei­gern. Das Kip­pen hat sich still in die Gram­ma­tik ein­ge­schrie­ben.

Narziss und Echo: Zur Dialektik von Autorität und Ironie

Eine Betrachtung von Charaktertypologien zwischen Selbstverliebtheit und Selbstauslöschung.

Der an­ti­ke My­thos von Nar­ziss und Echo er­zählt nicht nur ei­ne Ge­schich­te un­er­füll­ter Lie­be, son­dern ar­ti­ku­liert ei­ne fun­da­men­ta­le Asym­me­trie mensch­li­cher Exis­ten­z­wei­sen. Nar­ziss, ge­fan­gen in sei­ner ei­ge­nen Spie­ge­lung, un­fä­hig zur An­er­ken­nung des An­de­ren; Echo, re­du­ziert auf blo­ße Re­so­nanz, un­fä­hig zur ei­ge­nen Ar­ti­ku­la­ti­on. Die­se my­tho­lo­gi­sche Kon­stel­la­ti­on lässt sich pro­duk­tiv auf zwei zen­tra­le Cha­rak­ter­ty­po­lo­gien der po­li­ti­schen Phi­lo­so­phie über­tra­gen: den au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter Theo­dor W. Ador­nos und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin Ri­chard Ror­tys. Was zu­nächst als psy­cho­ana­ly­ti­sche oder li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Be­ob­ach­tung er­scheint, er­weist sich als Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis fun­da­men­ta­ler Herr­schafts- und Frei­heits­ver­hält­nis­se.

Der vor­lie­gen­de Es­say un­ter­nimmt ei­ne dop­pel­te Be­we­gung: Zum ei­nen wird die struk­tu­rel­le Ana­lo­gie zwi­schen dem nar­ziss­ti­schen und dem au­to­ri­tä­ren Ty­pus her­aus­ge­ar­bei­tet, zum an­de­ren wer­den die je­wei­li­gen Ge­gen­ent­wür­fe – Echo und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin – in ih­rer Be­zie­hung zu­ein­an­der ana­ly­siert. Da­bei zeigt sich, dass bei­de Kon­stel­la­tio­nen nicht nur pa­tho­lo­gi­sche Ex­tre­me mar­kie­ren, son­dern auch auf die Mög­lich­keit und Not­wen­dig­keit ei­ner ver­mit­teln­den Po­si­ti­on ver­wei­sen, die we­der in Selbst­ver­liebt­heit noch in Selbst­aus­lö­schung mün­det.

Narziss und der autoritäre Charakter: Die geschlossene Selbstreferenz

Die narzisstische Struktur

Der Nar­ziss­mus kon­sti­tu­iert sich durch die pa­tho­lo­gi­sche Un­fä­hig­keit, das ei­ge­ne Selbst vom An­de­ren zu un­ter­schei­den. Nar­ziss er­kennt in sei­nem Spie­gel­bild nicht den An­de­ren, son­dern pro­ji­ziert sein ei­ge­nes Be­geh­ren zu­rück auf sich selbst. Die­se Struk­tur ist fun­da­men­tal mo­no­lo­gisch: Die Welt wird zum blo­ßen Echo der ei­ge­nen In­ner­lich­keit, an­de­re Men­schen exis­tie­ren nur in­so­fern, als sie das gran­dio­se Selbst­bild be­stä­ti­gen oder be­dro­hen. Die nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keit kennt kei­ne ech­te Re­zi­pro­zi­tät, kei­ne wirk­li­che An­er­ken­nung des An­de­ren als An­de­ren — sie kennt nur Spie­ge­lun­gen, Be­wun­de­rung oder Krän­kung.

Die­se Struk­tur weist ei­ne er­staun­li­che Ho­mo­lo­gie zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter auf, wie ihn Ador­no und sei­ne Mit­ar­bei­ter in den »Stu­dies in Pre­ju­di­ce« be­schrie­ben ha­ben. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter ist ge­kenn­zeich­net durch ei­ne ri­gi­de Ich-Or­ga­ni­sa­ti­on, die auf der Ab­wehr in­ne­rer Schwä­che ba­siert. Das schwa­che Ich wird kom­pen­siert durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit äu­ße­rer Macht, durch die Pro­jek­ti­on ei­ge­ner ver­dräng­ter Im­pul­se auf Min­der­hei­ten und durch die Un­fä­hig­keit zur Am­bi­gui­täts­to­le­ranz.

Die autoritäre Weltordnung als narzisstische Projektion

Wie Nar­ziss nur sein ei­ge­nes Spie­gel­bild se­hen kann, sieht der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter die Welt aus­schließ­lich durch das Pris­ma von Macht und Un­ter­ord­nung. Die ri­gi­de Ka­te­go­ri­sie­rung in stark/schwach, oben/unten, rein/unrein ent­spricht der nar­ziss­ti­schen Un­fä­hig­keit zur Am­bi­va­lenz. Der An­de­re exis­tiert nicht in sei­ner Ei­gen­stän­dig­keit, son­dern nur als Pro­jek­ti­ons­flä­che: ent­we­der als idea­li­sier­te Au­to­ri­tät, mit der man sich iden­ti­fi­ziert, oder als ver­ach­te­te Grup­pe, auf die man ei­ge­ne Schwä­che und ver­bo­te­ne Im­pul­se pro­ji­ziert.

Ador­no be­schreibt, wie der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter un­fä­hig ist zu ech­ter Em­pa­thie und Selbst­re­fle­xi­on. Statt­des­sen herrscht ein Pseu­do-Den­ken, das in Ste­reo­ty­pen und Kli­schees ope­riert — ei­ne Form der Welt­erfah­rung, die der nar­ziss­ti­schen Pro­jek­ti­on struk­tu­rell äh­nelt. Die Welt wird nicht in ih­rer Kom­ple­xi­tät wahr­ge­nom­men, son­dern auf ein ver­ein­fach­tes Sche­ma re­du­ziert, das das fra­gi­le Selbst stützt.

Be­son­ders deut­lich wird die Ana­lo­gie in der Be­zie­hung zur Au­to­ri­tät. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter un­ter­wirft sich der Macht nicht trotz, son­dern we­gen sei­ner nar­ziss­ti­schen Struk­tur. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ag­gres­sor, die Ver­schmel­zung mit der all­mäch­ti­gen Va­ter­in­stanz, er­laubt es dem schwa­chen Ich, an der Gran­dio­si­tät teil­zu­ha­ben. Dies ist die po­li­ti­sche Ma­ni­fes­ta­ti­on der nar­ziss­ti­schen Spie­ge­lung: Statt im Teich das ei­ge­ne Ge­sicht zu se­hen, sieht der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter im Füh­rer, in der Na­ti­on, in der ras­si­schen Ge­mein­schaft sein idea­li­sier­tes Selbst.

Echo und die liberale Ironikerin: Zwischen Selbstauslöschung und reflektierter Kontingenz

Die Struktur der Selbstentleerung

Echo ver­kör­pert die Um­keh­rung des Nar­ziss­mus: Wo die­ser nur sich selbst sieht, kann sie nur den An­de­ren wie­der­ge­ben. Ver­flucht, kei­ne ei­ge­ne Stim­me mehr zu ha­ben, wird sie zur rei­nen Re­so­nanz frem­der Wor­te. Ih­re Lie­be zu Nar­ziss bleibt un­er­füllt, weil sie nicht ar­ti­ku­lie­ren kann, wer sie ist — sie kann nur zu­rück­wer­fen, was der an­de­re sagt. Die­se Struk­tur des Echo­is­mus be­schreibt ei­ne Exis­ten­z­wei­se, in der das Selbst sich voll­stän­dig in den Dienst des An­de­ren stellt, bis zur Selbst­aus­lö­schung.

Die­se Po­si­ti­on scheint zu­nächst das ra­di­ka­le Ge­gen­teil zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter dar­zu­stel­len. Wo die­ser durch ri­gi­de Selbst­be­haup­tung ge­kenn­zeich­net ist, herrscht beim echo­is­ti­schen Cha­rak­ter völ­li­ge Selbst­preis­ga­be. Doch die­se Ge­gen­über­stel­lung ist zu sim­pel. Denn so­wohl Nar­ziss­mus als auch Echo­is­mus tei­len ei­ne fun­da­men­ta­le Un­fä­hig­keit: die Un­fä­hig­keit zur ech­ten Re­zi­pro­zi­tät, zum dia­lo­gi­schen Ver­hält­nis zwi­schen Selbst und An­de­rem.

Ri­chard Ror­ty nun ent­wirft mit sei­ner „li­be­ra­len Iro­ni­ke­rin“ („li­be­ral iro­nist“) ei­nen Cha­rak­ter­ty­pus, der auf den ers­ten Blick Echos Po­si­ti­on na­he zu ste­hen scheint, tat­säch­lich aber ei­ne qua­li­ta­tiv an­de­re Hal­tung ar­ti­ku­liert. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ist de­fi­niert durch drei Merk­ma­le: Ers­tens hat sie ra­di­ka­le Zwei­fel an ih­rem ei­ge­nen Vo­ka­bu­lar, ih­ren ei­ge­nen tiefs­ten Über­zeu­gun­gen. Zwei­tens er­kennt sie, dass Ar­gu­men­te in ih­rem Vo­ka­bu­lar die­se Zwei­fel we­der auf­lö­sen noch ver­drän­gen kön­nen. Drit­tens – und hier liegt der ent­schei­den­de Un­ter­schied zu Echo – sieht sie ihr ei­ge­nes Vo­ka­bu­lar nicht als nä­her an der Rea­li­tät als an­de­re Vo­ka­bu­la­re.

Ironie versus Echoismus

Der ent­schei­den­de Un­ter­schied: Echo hat kei­ne ei­ge­ne Stim­me, die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin hat ei­ne Stim­me, weiß aber um de­ren Kon­tin­genz. Echo wie­der­holt zwang­haft die Wor­te an­de­rer, die Iro­ni­ke­rin wählt re­flek­tiert ih­re ei­ge­nen Wor­te im Be­wusst­sein, dass sie auch an­ders sein könn­ten. Wäh­rend der Echo­is­mus in pa­tho­lo­gi­scher Selbst­ent­lee­rung mün­det, stellt die li­be­ra­le Iro­nie ei­ne Form der Selbst­di­stanz dar, die das Selbst nicht aus­löscht, son­dern be­wusst re­la­ti­viert.

Ror­ty be­tont, dass die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin zwar an der Kon­tin­genz ih­rer ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht zwei­felt, aber den­noch an ih­nen fest­hält — nicht weil sie ab­so­lut wahr wä­ren, son­dern weil sie ih­re Über­zeu­gun­gen sind, his­to­risch ge­wach­sen, kon­tex­tu­ell ge­formt. Dies ist kei­ne Selbst­aus­lö­schung, son­dern ei­ne Form des Selbst­ver­hält­nis­ses, die Ernst und Di­stanz ver­bin­det.

Zu­gleich – und das macht die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin zum kla­ren Ge­gen­ent­wurf zum au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter – ist sie ge­prägt von dem Wunsch, Grau­sam­keit zu ver­mei­den. Wäh­rend der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter sei­ne ei­ge­ne Un­si­cher­heit durch Ag­gres­si­on ge­gen an­de­re kom­pen­siert, grün­det die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ih­re Po­li­tik ge­ra­de in der An­er­ken­nung der ei­ge­nen Kon­tin­genz. Wer weiß, dass die ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht ab­so­lut sind, hat kei­nen Grund, sie an­de­ren mit Ge­walt auf­zu­zwin­gen.

Symmetrien und Asymmetrien: Die Dialektik der Gegenentwürfe

Die gemeinsame Struktur: Unfähigkeit zur Anerkennung

Auf den ers­ten Blick schei­nen Narziss/Autoritärer und Echo/Ironikerin zwei voll­stän­dig ent­ge­gen­ge­setz­te Paa­re zu bil­den. Doch bei ge­naue­rer Be­trach­tung zei­gen sich kom­ple­xe­re Ver­hält­nis­se. So­wohl Nar­ziss als auch Echo schei­tern an der Mög­lich­keit ech­ter In­ter­sub­jek­ti­vi­tät. Nar­ziss kann den An­de­ren nicht als ei­gen­stän­di­ges Sub­jekt an­er­ken­nen, Echo kann sich selbst nicht als ei­gen­stän­di­ges Sub­jekt be­haup­ten. Bei­de blei­ben in ei­ner Form der Selbst­be­züg­lich­keit ge­fan­gen — Nar­ziss in der mo­no­lo­gi­schen, Echo in der re­ak­ti­ven.

Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin hin­ge­gen ste­hen nicht in sym­me­tri­scher Op­po­si­ti­on zu­ein­an­der, son­dern in ei­nem asym­me­tri­schen Ver­hält­nis. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter lehnt Am­bi­gui­tät, Kon­tin­genz und Plu­ra­li­tät ab — er sucht Ein­deu­tig­keit, Not­wen­dig­keit und Ein­heit. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ak­zep­tiert die­se Be­din­gun­gen, oh­ne in Be­lie­big­keit zu ver­fal­len. Sie ist nicht das Spie­gel­bild des Au­to­ri­tä­ren, son­dern des­sen Über­win­dung durch Re­fle­xi­on.

Die Frage der Macht

Ein zen­tra­les Pro­blem zeigt sich in der Be­zie­hung zur Macht. Der narzisstische/autoritäre Ty­pus ist durch ein fun­da­men­ta­les Macht­ver­hält­nis struk­tu­riert: die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Stär­ke, die Ver­ach­tung von Schwä­che, die Not­wen­dig­keit der Do­mi­nanz. Echo da­ge­gen scheint jeg­li­che Macht zu ne­gie­ren, sich selbst voll­stän­dig zu ent­mach­ten zu­guns­ten des An­de­ren.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin nun nimmt ei­ne ver­mit­teln­de Po­si­ti­on ein. Sie ne­giert Macht nicht, aber sie ab­so­lu­tiert sie auch nicht. Ih­re Po­li­tik grün­det in der Ein­sicht, dass es kei­ne me­ta­phy­si­sche Recht­fer­ti­gung für Macht­aus­übung gibt — und ge­ra­de des­halb muss Macht durch de­mo­kra­ti­sche Ver­fah­ren, durch Öf­fent­lich­keit, durch die stän­di­ge Mög­lich­keit der Re­vi­si­on ge­zähmt wer­den. Die Iro­nie ge­gen­über den ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen ist nicht Schwä­che, son­dern die Vor­aus­set­zung für ei­ne Macht­aus­übung, die nicht in Ge­walt um­schlägt.

Ador­nos au­to­ri­tä­rer Cha­rak­ter da­ge­gen ist un­fä­hig zu die­ser Re­fle­xi­on. Für ihn ist Macht ent­we­der ab­so­lut le­gi­tim (wenn sie von der idea­li­sier­ten Au­to­ri­tät aus­geht) oder ab­so­lut il­le­gi­tim (wenn sie von den ver­ach­te­ten Grup­pen be­an­sprucht wird). Die Kon­tin­genz von Macht­ver­hält­nis­sen, ihr his­to­ri­sches Ge­wor­den­sein, kann er nicht den­ken — oder muss sie ver­drän­gen, weil sie sein fra­gi­les Selbst be­dro­hen wür­de.

Die Möglichkeit des Dialogs

Am deut­lichs­ten zeigt sich der Un­ter­schied in der Fä­hig­keit zum Dia­log. Nar­ziss spricht nur zu sich selbst, auch wenn er glaubt, zu an­de­ren zu spre­chen. Echo kann nur die Wor­te an­de­rer wie­der­ho­len, auch wenn sie zu spre­chen glaubt. Bei­de ver­feh­len die Struk­tur des ech­ten Dia­logs, der we­der mo­no­lo­gi­sche Selbst­be­spie­ge­lung noch re­ak­ti­ve Wie­der­ho­lung ist, son­dern ein Wech­sel­ver­hält­nis von Spre­chen und Hö­ren, von Selbst­be­haup­tung und An­er­ken­nung.

Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter ist un­fä­hig zum Dia­log, weil für ihn je­de Aus­ein­an­der­set­zung ein Macht­kampf ist, der mit Sieg oder Nie­der­la­ge en­den muss. Kom­pro­miss er­scheint als Schwä­che, Mei­nungs­wan­del als Ver­rat. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen kann ge­ra­de des­halb dia­log­fä­hig sein, weil sie ih­re ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht als ab­so­lut an­sieht. Sie kann dem An­de­ren zu­hö­ren, oh­ne sich be­droht zu füh­len, kann ih­re Mei­nung än­dern, oh­ne ih­re Iden­ti­tät zu ver­lie­ren.

Al­ler­dings – und hier liegt ei­ne wich­ti­ge Ein­schrän­kung – darf die Iro­nie nicht so weit ge­hen, dass sie je­de ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung un­mög­lich macht. Ror­ty selbst be­tont, dass die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ih­re Iro­nie in der Pri­vat­sphä­re kul­ti­viert, in der Öf­fent­lich­keit aber für ih­re Über­zeu­gun­gen ein­tritt. Ei­ne voll­stän­di­ge Iro­ni­sie­rung al­ler Po­si­tio­nen wür­de in der Tat zur Echo-Struk­tur füh­ren: zur Un­fä­hig­keit, über­haupt noch et­was zu sa­gen, das über blo­ße – wenn auch iro­nisch ge­bro­che­ne statt na­iv ge­spie­gel­te – Wie­der­ho­lung hin­aus­geht.

Synthese: Die vermittelte Position

Jenseits der Extreme

Was zeigt die Ana­lo­gie zwi­schen den my­tho­lo­gi­schen und den phi­lo­so­phisch-po­li­ti­schen Cha­rak­ter­ty­pen? Zu­nächst dies: So­wohl der Narzissmus/Autoritarismus als auch der Echo­is­mus sind pa­tho­lo­gi­sche Ex­tre­me, die in ih­rer je ei­ge­nen Wei­se schei­tern. Der narzisstische/autoritäre Ty­pus schei­tert an sei­ner Un­fä­hig­keit, den An­de­ren an­zu­er­ken­nen; der echo­is­ti­sche Ty­pus schei­tert an sei­ner Un­fä­hig­keit, sich selbst zu be­haup­ten.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin Ror­tys ist nun nicht ein­fach das Ge­gen­teil des au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ters — ei­ne sol­che Ge­gen­über­stel­lung wür­de sie mit Echo gleich­set­zen. Viel­mehr stellt sie ei­ne Ver­mitt­lung dar, ei­ne Po­si­ti­on jen­seits der fal­schen Al­ter­na­ti­ve von Selbst­ver­liebt­heit und Selbst­aus­lö­schung.

Die­se ver­mit­tel­te Po­si­ti­on ist cha­rak­te­ri­siert durch: (1) Die An­er­ken­nung der ei­ge­nen Kon­tin­genz oh­ne Ver­lust der Hand­lungs­fä­hig­keit. (2) Die Fä­hig­keit zu fes­ten Über­zeu­gun­gen bei gleich­zei­ti­ger Be­reit­schaft zur Re­vi­si­on. (3) Die Ver­bin­dung von Selbst­be­haup­tung und Em­pa­thie. (4) Die Trans­for­ma­ti­on der Angst vor Am­bi­gui­tät in pro­duk­ti­ve Un­si­cher­heit.

Die politischen Implikationen

Die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen die­ser Cha­rak­ter­ty­po­lo­gien sind evi­dent. Ei­ne De­mo­kra­tie kann we­der von au­to­ri­tä­ren Cha­rak­te­ren noch von echo­is­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten ge­tra­gen wer­den. Die au­to­ri­tä­ren ten­die­ren zum Fa­schis­mus, zur Sehn­sucht nach dem star­ken Füh­rer, zur In­to­le­ranz ge­gen­über Plu­ra­li­tät. Die echo­is­ti­schen da­ge­gen wür­den in voll­stän­di­ger po­li­ti­scher Hand­lungs­un­fä­hig­keit en­den, in der Un­fä­hig­keit, über­haupt Po­si­tio­nen zu ver­tre­ten.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen ver­kör­pert ei­nen de­mo­kra­ti­schen Cha­rak­ter­ty­pus. Sie kann die Span­nung aus­hal­ten zwi­schen der Not­wen­dig­keit, Po­si­tio­nen zu be­zie­hen, und dem Be­wusst­sein, dass die­se Po­si­tio­nen kon­tin­gent sind. Sie kann für ih­re Über­zeu­gun­gen kämp­fen, oh­ne glau­ben zu müs­sen, dass die­se ab­so­lut wahr sind. Sie kann Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, oh­ne sich ver­ra­ten zu füh­len.

Zu­gleich zeigt sich hier ei­ne Gren­ze der Ana­lo­gie. Wäh­rend Echo und Nar­ziss my­tho­lo­gi­sche Fi­gu­ren sind, die in ih­rer Ab­so­lut­heit ver­har­ren, sind der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter und die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin so­zia­le Ty­pen, die durch Bil­dung, durch Er­fah­rung, durch Selbst­re­fle­xi­on ver­än­dert wer­den kön­nen. Ador­nos Stu­di­en wa­ren ja ge­ra­de mo­ti­viert durch die Fra­ge, wie dem Au­to­ri­ta­ris­mus ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den kann. Ror­ty wie­der­um sieht in der Li­te­ra­tur, in der Kon­fron­ta­ti­on mit frem­den Le­bens­for­men, in der Er­wei­te­rung der Vor­stel­lungs­kraft We­ge zur Kul­ti­vie­rung der li­be­ra­len Iro­nie.

Die Frage nach dem Selbst

Letzt­lich geht es in all die­sen Kon­stel­la­tio­nen um ver­schie­de­ne For­men des Selbst­ver­hält­nis­ses. Nar­ziss ist ge­fan­gen in ei­nem Selbst, das nur Selbst ist, oh­ne Be­zug zum An­de­ren. Echo hat ein Selbst ver­lo­ren, das nur noch Re­so­nanz des An­de­ren ist. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter kom­pen­siert ein schwa­ches Selbst durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit äu­ße­rer Macht. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin kul­ti­viert ein Selbst, das sich sei­ner ei­ge­nen Kon­tin­genz be­wusst ist, oh­ne des­halb auf­zu­hö­ren, ein Selbst zu sein.

Viel­leicht liegt hier der tiefs­te Ein­blick, den die Ana­lo­gie er­mög­licht: Ein ge­sun­des, ein de­mo­kra­ti­sches Selbst ist we­der nar­ziss­tisch-au­to­ri­tär noch echo­is­tisch-auf­ge­löst, son­dern iro­nisch im Ror­ty­schen Sin­ne. Es ist ein Selbst, das stark ge­nug ist, um sei­ne ei­ge­ne Schwä­che zu­zu­ge­ben; ein Selbst, das fest­ge­fügt ge­nug ist, um sei­ne ei­ge­ne Kon­tin­genz zu er­tra­gen; ein Selbst, das sei­ner selbst si­cher ge­nug ist, um den An­de­ren nicht als Be­dro­hung er­le­ben zu müs­sen.

Das Ende des Mythos und die Fortsetzung der Politik

Der My­thos en­det tra­gisch: Nar­ziss stirbt, fi­xiert auf sein ei­ge­nes Bild; Echo ver­schwin­det, bis nur noch ih­re Stim­me üb­rig ist, kör­per­los und leer. Die­se Tra­gö­die ist nicht nur in­di­vi­du­ell, son­dern auch po­li­tisch les­bar. Die nar­ziss­tisch-au­to­ri­tä­re Kon­stel­la­ti­on führt in Ge­walt und Selbst­zer­stö­rung — die Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts hat dies über­deut­lich ge­zeigt. Die echo­is­ti­sche Selbst­auf­lö­sung führt zur po­li­ti­schen Hand­lungs­un­fä­hig­keit, zur Un­mög­lich­keit des Wi­der­stands.

Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin da­ge­gen ver­weist auf ei­ne Mög­lich­keit jen­seits der my­tho­lo­gi­schen Not­wen­dig­keit. Sie zeigt, dass es mög­lich ist, fes­te Über­zeu­gun­gen zu ha­ben und sie zu ver­tre­ten, oh­ne in Au­to­ri­ta­ris­mus zu ver­fal­len; dass es mög­lich ist, die ei­ge­ne Kon­tin­genz an­zu­er­ken­nen, oh­ne in Hand­lungs­un­fä­hig­keit zu ver­sin­ken; dass es mög­lich ist, so­wohl ein Selbst zu ha­ben als auch den An­de­ren an­zu­er­ken­nen.

Dies ist kei­ne Syn­the­se im He­gel­schen Sin­ne, die die Wi­der­sprü­che auf­hebt. Es ist viel­mehr ei­ne Pra­xis des Le­bens-mit-Wi­der­sprü­chen, ei­ne Kunst der Ba­lan­ce zwi­schen Not­wen­dig­kei­ten. Die po­li­ti­sche Ord­nung der li­be­ra­len De­mo­kra­tie, wie Ror­ty sie ver­steht, ist ge­nau dies: nicht die Lö­sung al­ler Wi­der­sprü­che, son­dern die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Form, mit ih­nen zu le­ben.

Der My­thos von Nar­ziss und Echo er­in­nert uns dar­an, wie leicht das Selbst sei­ne Ba­lan­ce ver­lie­ren kann — sei es in die Selbst­ver­liebt­heit oder in die Selbst­aus­lö­schung. Die Phi­lo­so­phie Ador­nos warnt uns vor den au­to­ri­tä­ren Ver­su­chun­gen, die aus ei­nem schwa­chen Ich er­wach­sen. Die Phi­lo­so­phie Ror­tys zeigt uns ei­nen Weg, der we­der in Gran­dio­si­tät noch in Re­si­gna­ti­on mün­det. Die­ser Weg ist müh­sam, un­ge­si­chert, oh­ne me­ta­phy­si­sche Ga­ran­tien. Aber viel­leicht ist ge­ra­de das sei­ne Stär­ke: dass er nicht auf Wahr­heit, son­dern auf Frei­heit ge­grün­det ist; nicht auf Not­wen­dig­keit, son­dern auf Kon­tin­genz; nicht auf Iden­ti­tät, son­dern auf Dif­fe­renz.

Die Fra­ge, die bleibt, ist nicht, ob wir den My­thos über­win­den kön­nen — das kön­nen wir nicht, denn Nar­ziss und Echo sind Struk­tu­ren, kei­ne his­to­ri­schen Er­eig­nis­se. Die Fra­ge ist viel­mehr, ob wir ei­ne Form des Selbst- und Welt­ver­hält­nis­ses kul­ti­vie­ren kön­nen, die die Ex­tre­me mei­det oh­ne in Mit­tel­mä­ßig­keit zu ver­fal­len; die ernst ist oh­ne dog­ma­tisch zu wer­den; die en­ga­giert ist oh­ne fa­na­tisch zu sein. Die li­be­ra­le Iro­ni­ke­rin ist Ror­tys Ant­wort auf die­se Fra­ge. Ob sie ei­ne zu­rei­chen­de Ant­wort ist, muss je­de Ge­ne­ra­ti­on neu ver­han­deln — iro­ni­scher­wei­se.

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Die Wahrheit leben: Mark Carneys Davos-Rede als pragmatische Ironie

Wenn der Premierminister Kanadas zum Ironiker wird

Als Mark Car­ney am 20. Ja­nu­ar 2026 in Da­vos sprach, be­dien­te er sich ei­ner un­ge­wöhn­li­chen phi­lo­so­phi­schen Re­fe­renz: Vá­clav Ha­vels Es­say »Die Macht der Macht­lo­sen« aus dem Jahr 1978. Die Ge­schich­te vom tsche­chi­schen Ge­mü­se­händ­ler, der täg­lich ein Schild mit der Lo­sung „Pro­le­ta­ri­er al­ler Län­der, ver­ei­nigt euch!“ ins Schau­fens­ter stellt, oh­ne dar­an zu glau­ben, wur­de zur zen­tra­len Me­ta­pher für Car­neys Dia­gno­se der in­ter­na­tio­na­len Ord­nung. Doch wer ge­nau hin­hört, er­kennt in die­ser Re­de mehr als nur po­li­ti­schen Rea­lis­mus – sie ist durch­zo­gen von Mo­ti­ven, die an Ri­chard Ror­tys phi­lo­so­phi­sches Pro­jekt in »Kon­tin­genz, Iro­nie und So­li­da­ri­tät« er­in­nern.

Die Kontingenz der regelbasierten Ordnung

Ror­tys Phi­lo­so­phie be­ginnt mit der ra­di­ka­len Ein­sicht in die Kon­tin­genz – die Zu­fäl­lig­keit und Grund­lo­sig­keit – un­se­rer fun­da­men­tals­ten Über­zeu­gun­gen und Vo­ka­bu­la­re. Es gibt kei­ne me­ta­phy­si­sche Wahr­heit hin­ter un­se­ren Be­schrei­bun­gen der Welt, son­dern nur his­to­risch ge­wach­se­ne Sprach­spie­le, die sich be­währt ha­ben oder eben nicht.
Car­neys Re­de nimmt ge­nau die­se Hal­tung ge­gen­über der in­ter­na­tio­na­len Ord­nung ein. Was Jahr­zehn­te lang als „re­gel­ba­sier­te in­ter­na­tio­na­le Ord­nung“ be­zeich­net wur­de, ent­larvt er als ei­ne nütz­li­che Fik­ti­on. Die­se Ord­nung war nie­mals das, als was sie sich prä­sen­tier­te — nie wirk­lich uni­ver­sal, nie wirk­lich re­gel­ba­siert im strik­ten Sin­ne. Die Mäch­ti­gen ex­em­tier­ten1⇣Ex­em­ti­on: Rechts­üb­li­che oder ge­setz­li­che ge­ne­rel­le Frei­stel­lung (be­son­de­rer Per­so­nen­krei­se, In­sti­tu­tio­nen usw.) von be­stimm­ten Las­ten und Pflich­ten … Wei­ter­le­sen… sich, Han­dels­re­geln wur­den asym­me­trisch durch­ge­setzt, in­ter­na­tio­na­les Recht un­ter­schied­lich an­ge­wandt. Car­ney for­mu­liert dies mit be­mer­kens­wer­ter Klar­heit: „Wir wuss­ten, dass die Ge­schich­te der re­gel­ba­sier­ten in­ter­na­tio­na­len Ord­nung teil­wei­se falsch war.“
Die­se Ein­sicht ist zu­tiefst ror­tysch. Es geht nicht dar­um, ei­ne „wah­re“ Ord­nung hin­ter der fal­schen zu ent­de­cken, son­dern an­zu­er­ken­nen, dass die al­te Be­schrei­bung ih­re Nütz­lich­keit ver­lo­ren hat. Die Ord­nung war ein Vo­ka­bu­lar, ei­ne Wei­se, in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen zu be­schrei­ben und zu or­ga­ni­sie­ren — und die­ses Vo­ka­bu­lar funk­tio­niert nicht mehr. Car­ney spricht von ei­nem „Bruch, nicht ei­nem Über­gang“. Das ist die An­er­ken­nung ra­di­ka­ler Kon­tin­genz: Die Struk­tu­ren, die wir für sta­bil hiel­ten, er­wei­sen sich als his­to­risch ver­gäng­lich.

Der Ironiker in der Politik

Ror­ty de­fi­niert den/die Ironiker/in als je­man­den, die/der drei Be­din­gun­gen er­füllt: ers­tens ra­di­ka­le und fort­wäh­ren­de Zwei­fel an dem fi­na­len Vo­ka­bu­lar2⇣Ein „fi­na­les Vo­ka­bu­lar“ in die­sem Sin­ne ist z.B. die christ­li­che Bi­bel; das „letz­te Wort“ hat, das er/sie ge­gen­wär­tig be­nutzt; zwei­tens rea­li­siert, dass Ar­gu­men­te in ihrem/seinem ge­gen­wär­ti­gen Vo­ka­bu­lar we­der sei­ne Zwei­fel un­ter­mau­ern noch auf­lö­sen kön­nen; drit­tens nicht denkt, dass sein/ihr Vo­ka­bu­lar nä­her an der Rea­li­tät ist als an­de­re.
Car­ney agiert in sei­ner Re­de als po­li­ti­scher Iro­ni­ker. Er zwei­felt am Vo­ka­bu­lar der al­ten Ord­nung („re­gel­ba­siert“, „mul­ti­la­te­ral“, „ame­ri­ka­ni­sche He­ge­mo­nie als öf­fent­li­ches Gut“), er­kennt aber gleich­zei­tig, dass die­se Be­grif­fe nicht mehr tra­gen. Sei­ne Lö­sung ist nicht, ei­ne „wah­re­re“ Ord­nung zu for­dern, son­dern ein neu­es Vo­ka­bu­lar zu ent­wi­ckeln: „wer­te­ba­sier­ter Rea­lis­mus“, „va­ria­ble Geo­me­trie“, „stra­te­gi­sche Au­to­no­mie durch Ko­ope­ra­ti­on“.
Be­son­ders be­mer­kens­wert ist Car­neys Selbst­re­fle­xi­vi­tät. Er gibt zu, dass auch Ka­na­da und an­de­re mitt­le­re Mäch­te an der al­ten Fik­ti­on mit­ge­wirkt ha­ben: „Wir ha­ben das Schild ins Fens­ter ge­stellt. Wir ha­ben an den Ri­tua­len teil­ge­nom­men.“ Die­se Selbst­kri­tik ist cha­rak­te­ris­tisch für den Iro­ni­ker, der sich sei­ner ei­ge­nen Kon­tin­genz be­wusst ist und nicht vor­gibt, auf ei­nem ar­chi­me­di­schen Punkt zu ste­hen.

Solidarität ohne metaphysische Grundlage

Für Ror­ty ist So­li­da­ri­tät nicht in ei­ner uni­ver­sel­len mensch­li­chen Na­tur oder ra­tio­na­len Prin­zi­pi­en be­grün­det, son­dern in der Fä­hig­keit, un­ser „Wir-Ge­fühl“ zu er­wei­tern. So­li­da­ri­tät ent­steht durch ge­teil­te Hoff­nun­gen und Ängs­te, nicht durch ge­teil­te me­ta­phy­si­sche Über­zeu­gun­gen.
Car­neys Vi­si­on für mitt­le­re Mäch­te folgt ge­nau die­sem Mus­ter. Er for­dert kei­ne Rück­kehr zu uni­ver­sel­len Prin­zi­pi­en oder ei­ne Wie­der­her­stel­lung me­ta­phy­si­scher Wahr­hei­ten über in­ter­na­tio­na­le Ord­nung. Statt­des­sen pro­pa­giert er prag­ma­ti­sche Ko­ali­tio­nen auf Grund­la­ge kon­kre­ter ge­mein­sa­mer In­ter­es­sen: „va­ria­ble Geo­me­trie – un­ter­schied­li­che Ko­ali­tio­nen für un­ter­schied­li­che The­men ba­sie­rend auf ge­mein­sa­men Wer­ten und In­ter­es­sen.“
Die­se So­li­da­ri­tät ist nicht na­iv uni­ver­sa­lis­tisch. Car­ney spricht von „wer­te­ba­sier­tem Rea­lis­mus“ – prin­zi­pi­en­treu in fun­da­men­ta­len Wer­ten, aber prag­ma­tisch in der Er­kennt­nis, dass nicht je­der Part­ner al­le Wer­te teilt. Das ist Ror­tys Eth­no­zen­tris­mus oh­ne Scham: Wir hal­ten an un­se­ren Wer­ten fest (Men­schen­rech­te, Sou­ve­rä­ni­tät, ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät), aber wir be­haup­ten nicht, dass die­se me­ta­phy­sisch fun­diert sind. Sie sind die Wer­te, an de­nen wir fest­hal­ten wol­len, und wir su­chen Ko­ali­tio­nen mit de­nen, die ge­nug ge­mein ha­ben, um ge­mein­sam zu han­deln.

Die performative Dimension: Wahrheit leben statt sie entdecken

Ha­vels Kon­zept des „Le­bens in der Wahr­heit“, das Car­ney auf­greift, hat ei­ne stark per­for­ma­ti­ve Di­men­si­on. Es geht nicht dar­um, ei­ne ob­jek­ti­ve Wahr­heit zu er­ken­nen, son­dern au­then­tisch zu han­deln, das Schild aus dem Fens­ter zu neh­men, auf­zu­hö­ren, an Ri­tua­len teil­zu­neh­men, an die man nicht glaubt.
Dies ent­spricht Ror­tys Be­to­nung des Han­delns vor dem Er­ken­nen. Für Ror­ty ist Phi­lo­so­phie kei­ne Su­che nach ewi­gen Wahr­hei­ten, son­dern ein Werk­zeug zur Neu­ge­stal­tung un­se­rer so­zia­len Prak­ti­ken. Car­ney über­setzt dies in po­li­ti­sches Han­deln: „Wir neh­men das Schild aus dem Fens­ter.“ Ka­na­da wird auf­hö­ren, so zu tun, als ob die al­te Ord­nung noch funk­tio­nie­re.
Die Re­de ist vol­ler per­for­ma­ti­ver Aus­sa­gen: Ka­na­da hat be­reits zwölf Han­dels- und Si­cher­heits­ab­kom­men un­ter­zeich­net, ver­han­delt neue Frei­han­dels­ab­kom­men, ver­dop­pelt Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben, baut stra­te­gi­sche Part­ner­schaf­ten auf. Dies ist kei­ne Theo­rie über in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen, son­dern de­ren ak­ti­ve Um­ge­stal­tung durch neue Vo­ka­bu­la­re und Prak­ti­ken.

Neubeschreibung statt Revolution

Ein zen­tra­les Kon­zept bei Ror­ty ist die „Re­de­scrip­ti­on“ — die Neu­be­schrei­bung ver­trau­ter Din­ge in neu­em Vo­ka­bu­lar, was neue Hand­lungs­mög­lich­kei­ten er­öff­net. Car­ney leis­tet ge­nau dies für die Po­si­ti­on mitt­le­rer Mäch­te.
Die al­te Be­schrei­bung: Mitt­le­re Mäch­te sind ab­hän­gig von mul­ti­la­te­ra­len In­sti­tu­tio­nen und der Sta­bi­li­tät durch He­ge­mo­ni­al­mäch­te. Die neue Be­schrei­bung: Mitt­le­re Mäch­te ha­ben ein­zig­ar­ti­ge Stär­ken — sie kön­nen Ko­ali­tio­nen bil­den, ha­ben Le­gi­ti­mi­tät, be­sit­zen be­gehr­te Res­sour­cen, kön­nen ge­teil­te Re­si­li­enz güns­ti­ger auf­bau­en als Fes­tun­gen.
Die­se Neu­be­schrei­bung ist nicht nur rhe­to­risch, son­dern hat ma­te­ri­el­le Kon­se­quen­zen. Sie er­öff­net neue Hand­lungs­op­tio­nen: plu­ri­la­te­ra­len Han­del statt mul­ti­la­te­ra­ler Pa­ra­ly­se, va­ria­ble Ko­ali­tio­nen statt fes­ter Al­li­an­zen, stra­te­gi­sche Au­to­no­mie durch Ko­ope­ra­ti­on statt durch Iso­la­ti­on.

Die Grenzen der Ironie: Vom Privatironiker zum öffentlichen Liberalen

Ror­ty un­ter­schei­det zwi­schen dem Pri­va­ti­ro­ni­ker und dem öf­fent­li­chen Li­be­ra­len. Wäh­rend Iro­nie im pri­va­ten Be­reich le­gi­tim und so­gar wün­schens­wert ist, braucht die öf­fent­li­che Sphä­re So­li­da­ri­tät und ge­mein­sa­mes En­ga­ge­ment. Ein Iro­ni­ker kann sei­ne fun­da­men­ta­len Über­zeu­gun­gen in Fra­ge stel­len, aber in der po­li­ti­schen Are­na muss er sich den­noch ent­schie­den für ge­wis­se Wer­te ein­set­zen.
Car­neys Re­de na­vi­giert die­se Span­nung ge­schickt. Er ist iro­nisch ge­gen­über den Struk­tu­ren und Be­schrei­bun­gen der in­ter­na­tio­na­len Ord­nung, aber ein­deu­tig nicht-iro­nisch ge­gen­über be­stimm­ten Grund­wer­ten: Men­schen­rech­te, Sou­ve­rä­ni­tät, das Ver­bot der Ge­walt­an­wen­dung au­ßer im Ein­klang mit der UN-Char­ta. Die­se Wer­te wer­den nicht re­la­ti­viert, auch wenn ih­re in­sti­tu­tio­nel­le Ein­bet­tung als kon­tin­gent er­kannt wird.
Hier zeigt sich ei­ne mög­li­che Span­nung: Kann man gleich­zei­tig iro­nisch ge­gen­über den Grund­la­gen sein und den­noch mit der Ent­schie­den­heit han­deln, die po­li­ti­sches Füh­rung er­for­dert? Car­ney löst dies prag­ma­tisch: Die Iro­nie gilt dem „wie“ (den in­sti­tu­tio­nel­len Ar­ran­ge­ments, den Be­schrei­bun­gen), nicht dem „was“ (den fun­da­men­ta­len Wer­ten). Dies ist viel­leicht die ein­zi­ge Wei­se, wie Iro­nie und po­li­ti­sche Füh­rung ver­ein­bar sind.

Realismus ohne Zynismus

Ein be­mer­kens­wer­ter Aspekt der Re­de ist ihr Ton: rea­lis­tisch, doch nicht zy­nisch; prag­ma­tisch, doch nicht op­por­tu­nis­tisch. Dies ent­spricht Ror­tys Ab­leh­nung so­wohl von me­ta­phy­si­schem Idea­lis­mus als auch von ni­hi­lis­ti­schem Zy­nis­mus. Wenn es kei­ne me­ta­phy­si­schen Grund­la­gen gibt, heißt das nicht, dass al­les gleich­gül­tig wä­re.
Car­ney be­schreibt die in­ter­na­tio­na­le Rea­li­tät nüch­tern – Macht­po­li­tik, wirt­schaft­li­che Zwangs­maß­nah­men, das En­de der al­ten Ord­nung –, aber er zieht dar­aus kei­ne zy­ni­schen Schlüs­se. Sei­ne Ant­wort ist kon­struk­tiv: neue Ko­ali­tio­nen bil­den, Stär­ke auf­bau­en, Al­ter­na­ti­ven schaf­fen. Dies ist Ror­tys „li­be­ra­le Hoff­nung“ in Ak­ti­on: Auch oh­ne me­ta­phy­si­sche Ga­ran­tien kön­nen wir ei­ne bes­se­re Welt ge­stal­ten, wenn wir prag­ma­tisch zu­sam­men­ar­bei­ten.

Pragmatismus als Außenpolitik

Mark Car­neys Da­vos-Re­de liest sich wie ei­ne an­ge­wand­te Lek­ti­on in Ror­ty­schem Prag­ma­tis­mus. Sie er­kennt die Kon­tin­genz in­ter­na­tio­na­ler Ord­nun­gen an, agiert mit der Selbst­re­fle­xi­vi­tät des Iro­ni­kers, pro­pa­giert So­li­da­ri­tät oh­ne me­ta­phy­si­sche Grund­la­gen, be­tont per­for­ma­ti­ves Han­deln vor theo­re­ti­schem Er­ken­nen und voll­zieht ei­ne Neu­be­schrei­bung in­ter­na­tio­na­ler Po­li­tik, die neue Hand­lungs­mög­lich­kei­ten er­öff­net.
Ob Car­ney Ror­ty ge­le­sen hat, ist letzt­lich ir­rele­vant. Die Re­de zeigt, wie prag­ma­ti­sches Den­ken in der rea­len Po­li­tik aus­se­hen kann: Nicht die Su­che nach ab­so­lu­ten Wahr­hei­ten oder ewi­gen Prin­zi­pi­en, son­dern das fle­xi­ble Ent­wi­ckeln neu­er Vo­ka­bu­la­re und Prak­ti­ken als Ant­wort auf ver­än­der­te Um­stän­de. Das Schild aus dem Fens­ter neh­men heißt: auf­hö­ren, an Be­schrei­bun­gen fest­zu­hal­ten, die nicht mehr nütz­lich sind, und mu­tig neue zu ent­wi­ckeln.
In ei­ner Zeit, in der vie­le nach ver­lo­re­nen Ge­wiss­hei­ten ru­fen oder in zy­ni­sche Macht­po­li­tik ver­fal­len, bie­tet Car­neys ror­ty­sche Hal­tung ei­nen drit­ten Weg: ehr­lich über die Kon­tin­genz un­se­rer Ord­nun­gen sein, aber den­noch ent­schlos­sen an Wer­ten fest­hal­ten und prag­ma­tisch an bes­se­ren Ar­ran­ge­ments ar­bei­ten. Dies ist viel­leicht die ein­zi­ge Form von Idea­lis­mus, die der ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­ti­on an­ge­mes­sen ist — ein Idea­lis­mus oh­ne Il­lu­sio­nen, ei­ne Hoff­nung oh­ne me­ta­phy­si­sche Ga­ran­tien.

Dies ist KI-ge­ne­rier­ter Text, leicht re­di­giert. Die Re­de Car­neys gibt es hier in deutsch auf faz.net und hier fin­det sich das die­sem Text zu Grun­de ge­leg­te Tran­skript auf weforum.org der Re­de.

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Re­fe­ren­ces
1 Ex­em­ti­on: Rechts­üb­li­che oder ge­setz­li­che ge­ne­rel­le Frei­stel­lung (be­son­de­rer Per­so­nen­krei­se, In­sti­tu­tio­nen usw.) von be­stimm­ten Las­ten und Pflich­ten oder von der nor­ma­len Ge­richts­bar­keit
Her­kunft: la­tei­nisch ex­emp­tio = das Her­aus­neh­men
(Du­den)
2 Ein „fi­na­les Vo­ka­bu­lar“ in die­sem Sin­ne ist z.B. die christ­li­che Bi­bel; das „letz­te Wort“

Ich hatte einen Traum gehabt …

„AfD halbieren“? Ja, das ist möglich, doch anders als man wohl gemeinhin denkt.

Letz­te Nacht träum­te mir, ich wä­re Jour­na­list und nam­haf­ter de­mo­kra­tisch-links­li­be­ra­ler – mit ei­nem Hauch des An­ar­chi­schen – Pu­bli­zist, mit ei­nem mess­ba­ren Bei­trag zur je ei­ge­nen Mei­nungs­bil­dung sei­ner Rezepient_innen. Und in li­be­ral-kon­ser­va­ti­ven wie auch po­li­ti­sier­ten bür­ger­li­chen Krei­sen jeg­li­cher Schicht und Ori­en­tie­rung durch­aus – trotz oder we­gen Kon­tro­ver­sen – ge- wie be­ach­tet. Als sol­cher hät­te ich zu den ak­tu­el­len po­li­ti­schen Be­ge­ben­hei­ten ei­nen Ar­ti­kel ver­fas­sen wol­len. Frei­lich geht nichts oh­ne Re­cher­che und ich sah mich im Traum ex­ce­lie­ren, al­so ta­bel­len­kal­ku­la­to­risch han­tie­rend. Der Plot des Ar­ti­kels war „Was wä­re, wenn …“.

Nach­dem ich schweiß­ge­ba­det auf­ge­wacht war, weil ein Mons­ter mir ei­nen Zet­tel mit „37%“ ent­ge­gen­hielt, konn­te ich mich an den Text nicht mehr er­in­nern. Doch aus ei­nem mir un­er­find­li­chen Grund hat­te ich ei­ne im Traum er­stell­te Ta­bel­le noch sehr ge­nau im Kopf.

So mach­te mich noch vor dem Früh­stück dar­an, mir mal aus­zu­rech­nen (statt nur aus­zu­ma­len), was das denn nun ei­gent­lich be­deu­ten wür­de? Wenn bei der nächs­ten Bun­des­tags­wahl al­le Stimm­be­rech­tig­ten, die auch Par­tei­mit­glied ei­ner wähl­ba­ren Par­tei sind, ei­ne gül­ti­ge Zweit­stim­me für ih­re Par­tei, na­tür­lich, ab­ge­ge­ben hät­ten? Wenn der ge­sam­te Rest der Stimm­be­rech­tig­ten, die ei­ne Stim­me ab­ga­ben, es ge­wagt hät­te, al­le­samt ei­nen sog. „un­gül­ti­gen“ Stimm­zet­tel ab­zu­ge­ben, sich al­so de fac­to der Stim­me zu ent­hal­ten? Im Traum lag die Wahl­be­tei­li­gung bei schlap­pen 60%. Viel­leicht Aus­druck ei­ner po­li­ti­schen Mü­dig­keit, die die Mün­dig­keit nar­ko­ti­sier­te?

Wie auch im­mer, am End’ er­gab sich die­se Ta­bel­le:

Ein in­ter­es­san­tes Bild, das sich da zeig­te. Doch eben nur rei­ne Fik­ti­on, Uto­pie, es müss­te ja ein Wun­der ge­sche­hen, wenn die „schwei­gen­de Mehr­heit“ der­art ih­re Stim­me er­he­ben wür­de, un­über­hör­bar.

Doch erst­mal schritt ich zum Mor­gen­mahl, mit lee­rem Ma­gen zu frü­her Ta­ges­stun­de ist bei mir nicht zu spa­ßen. Wäh­rend ich das Mar­me­la­den­brot mit dem ob­li­ga­to­ri­schen Tee zu mir nahm, stell­te sich die Fra­ge ein: „Sag’ mal, wie ging ei­gent­lich die letz­te Bun­des­tags­wahl noch­mal aus?“ Nach ei­nem kur­zen Blick in die Zei­tung, die mal wie­der vom „Rechts­ruck“ in Deutsch­land be­rich­te­te, mach­te ich mich an die Ar­beit. Was soll man an ei­nem ver­reg­ne­ten Sonn­tag­mor­gen denn auch an­de­res tun? Nach kur­zer Zeit sah ich die­se Ta­bel­le auf mei­nem Bild­schirm:

Wow, dach­te ich, an dem „Rechts­ruck“ muss wirk­lich was dran sein. Wie schafft es ei­ne Par­tei wie die AfD ei­gent­lich, Wäh­ler­stim­men mit ei­nem Fak­tor von 200 je Par­tei­mit­glied zu ge­ne­rie­ren, mit­hin auf die na­he­zu glei­che An­zahl an zu­sätz­li­chen Wäh­ler­stim­men wie die mit­glie­der­stärks­te Par­tei zu kom­men? Im Ver­gleich zu den an­de­ren, na ja, das ist schon ex­trem auf­fäl­lig. Was für ein He­bel! Geht das mit rech­ten Din­gen zu? Sind das wo­mög­lich wirk­lich al­les ent­täusch­te CDU-Wäh­ler_in­nen? Ich will mir gar nicht vor­stel­len, was wä­re, wenn die al­le CDU wäh­len wür­den … An­de­rer­seits wä­re es mal in­ter­es­sant, die bis­he­ri­gen Wahl­er­geb­nis­se zu un­ter­su­chen, was sich da für ein Bild er­ge­ben wür­de. Sind’s viel­leicht gu­te sechs Mil­lio­nen, die der CDU ent­täuscht den Rü­cken ge­kehrt ha­ben und zur AfD ge­wan­dert sind?

Et­was ir­ri­tiert griff ich mir noch­mal die Zei­tung. Sie be­rich­te­te von „Pro­test­wäh­lern jeg­li­cher Iden­ti­tät“, al­so AfD-Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler, so­wie die da­zwi­schen und au­ßer­halb, die der Re­gie­rung ei­nen Denk­zet­tel ver­pas­sen wol­len. Na, dach­te ich, viel­leicht ge­ne­rie­ren die Par­tei­mit­glie­der der AfD gar nicht so vie­le Stim­men, son­dern es ist die Un­zu­frie­den­heit der Wäh­len­den, die sie die­se Par­tei wäh­len lässt — mit­hin die Schwä­che der an­de­ren Par­tei­en. Ih­re Un­fä­hig­keit, Po­li­tik für die Men­schen zu ma­chen — oder ih­re Po­li­tik, die sie für die Bür­ger­schaft rea­li­sie­ren, ad­äquat zu ver­mit­teln. Doch viel­leicht auch die­ses gan­ze Chi-Chi und Thea­ter auf der po­li­ti­schen Büh­ne, dass sich dann in Talk­shows mit lee­rem Ge­schwa­fel fort­setzt. Die­ses Ge­re­de, meist nur Ge­rau­ne, was man al­les ver­stan­den hät­te und nur mal ma­chen müss­te, was den Leu­ten mäch­tig auf den Zei­ger geht, an­ge­sichts von Krieg und Kli­ma­wan­del und Wirt­schafts­kri­se und über­haupt.

Die Ra­tio­na­li­sie­rung der Pro­ble­me zu be­wäl­tig­ba­ren Ra­tio­nen mag für die Ak­teu­re das ge­eig­ne­te Mit­tel sein, um ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu fin­den. Doch wie las ich ein­mal: »[.]De­mo­kra­tie ist nicht nur ein po­li­ti­sches Sys­tem – sie ist ei­ne Be­zie­hung.«1⇣https://www.fr.de/politik/warum-die-demokratie-den-kampf-um-politische-emotionen-verliert-94105274.html Und Be­zie­hun­gen sind mehr Bauch­an­ge­le­gen­heit denn Kopf­sa­che. Der aka­de­mi­sche Phi­lo­soph Jür­gen Ha­ber­mas sprach mal vom „ei­gen­tüm­lich zwang­lo­sen Zwang des bes­se­ren Ar­gu­ments“ — Traum al­ler Rationalist_innen. Doch Men­schen sind über­wie­gend Poet_innen. Be­vor Ar­gu­men­te nach­voll­zo­gen sind, hat bei den meis­ten der Bauch be­reits sei­ne Ent­schei­dung ge­fun­den. Das mag man kri­ti­sie­ren wol­len und dar­an er­in­nern, wie leicht da mit Emo­tio­nen ma­ni­pu­liert wer­den kann und die Ge­füh­le mit frag­wür­di­gen Ar­gu­men­ta­ti­ons­stre­cken ver­knüpft wer­den. Tja, es sind halt al­les Men­schen, nicht wahr. Ihr de­mo­kra­ti­schen Ak­tue­re auf der Par­la­ments­büh­ne und auf den Bret­tern der Hal­len und Stra­ßen, macht es halt ein­fach mal bes­ser! Zeigt euch nicht nur ra­tio­nal, son­dern auch glaub­haft emo­tio­nal, oh­ne Show, oh­ne Spiel, oh­ne Rol­le. Wer­det als Men­schen an­greif­bar, men­tal an­fass­bar. Dann wer­det ihr auch be­grif­fen. Schwie­rig, sich vor Über­grif­fig­keit zu schüt­zen, ja, doch nicht un­mög­lich. Die Au­to­ri­tä­ren ma­chen das wohl mit ei­nen un­sicht­ba­ren Stahl-Pan­zer aus Ar­ro­ganz und für sich ge­hal­te­ner Ver­ach­tung des ge­mei­nen Wahl­vol­kes, des Stimm­viehs, die sie teu­to­nisch ti­ta­nen­haft er­schei­nen lässt.

Vor Jah­ren (heißt: 2014), er­in­ner­te ich mich, ha­be ich ein­mal ei­ne Pe­ti­ti­on im Bun­des­tag ein­ge­bracht, mit der ich for­der­te, dass auf den Stimm­zet­teln die Mög­lich­keit der Ent­hal­tung ge­ge­ben wird, eben um der sich für mich da­mals schon ab­zeich­nen­den „Rechts­ten­denz“ et­was ent­ge­gen­zu­set­zen und den Protestwähler_innen ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu bie­ten. (Die na­tür­lich ab­ge­wie­sen wur­de: »Der Wäh­ler hat nach dem gel­ten­den Recht aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten, sei­ne in­dif­fe­ren­te oder ab­leh­nen­de Hal­tung ge­gen­über al­len Wahl­vor­schlä­gen durch das Fern­blei­ben von der Wahl oder durch ei­ne be­wusst un­gül­ti­ge Stimm­ab­ga­be zum Aus­druck zu brin­gen.«2⇣Schrift­li­che Ant­wort des Pe­ti­onsau­schus­ses zur Ein­ga­be Pet 1−18−06−111−007918 vom 27. Mai 2014). Denn „un­gül­ti­ger Stimm­zet­tel“ hört sich an, als spie­le die­ser kei­ne Rol­le. Doch so ist es ja nicht: Ein „un­gül­ti­ge“ Stim­me ist ei­ne ab­ge­ge­be­ne Stim­me, wird al­so als Stim­me re­gis­triert, ge­zählt, fließt in die Sta­tis­tik ein, auch wenn sie zur Sitz­ver­tei­lung im Bun­des­tag nichts bei­tra­gen kann. Ei­ne nicht ab­ge­ge­be­ne Stim­me da­ge­gen hat kei­ner­lei Wir­kung, Nicht-Wäh­ler_in­nen in­ter­es­sie­ren nie­mand. Man wer­tet wohl in je­der Par­tei die­ses Schwei­gen als Zu­stim­mung. Al­so macht es sehr wohl ei­nen Un­ter­schied, ob ge­schwie­gen oder sich der Stim­me ent­hal­ten wird. Und man stel­le sich mal vor, wenn in den Er­geb­nis­pro­gno­sen zu den Par­tei­pro­zen­ten ein wei­te­rer Bal­ken auf­tauch­te: „Ent­hal­tun­gen“. Wer da al­les ab drei Pro­zent bei ei­ner Wahl­be­tei­li­gung ab 70% auf ir­gend­was schie­ben will, bloß nicht auf die ei­ge­ne po­li­ti­sche Leis­tung, hat dann wirk­lich et­was über­haupt nicht ver­stan­den.

Nach ei­ner kur­zen Stär­kung mit Res­ten aus der Keks­do­se mach­te ich mich wie­der auf, an mei­nen Schreib­tisch. Wenn man ein Sze­na­rio ent­wirft, wo­bei Protestwähler_innen statt AfD zu wäh­len ei­nen „un­gül­ti­gen“ Stimm­zet­tel ab­gä­ben, um ih­rem Un­mut an der Wahl­ur­ne Aus­druck zu ge­ben, wie könn­te denn ein sol­ches Wahl­er­geb­nis aus­se­hen?

Oh! 10,4% für die AfD (im rea­len Sze­na­rio stan­den sie auf 20,8% …), wenn sich der Fak­tor um 88 (Aha …) Punk­te de­kre­men­tie­ren wür­de, mit­hin auf 112 ein­ge­stellt wä­re. Im Ver­gleich zu den an­de­ren im­mer noch ein be­acht­li­cher Wert! Der ge­wiss Fra­gen auf­wirft, die ernst zu neh­men sind. Man muss den Men­schen, die ei­ne il­li­be­ral-au­to­ri­tä­re Ge­sell­schafts­form ei­ner li­be­ral-de­mo­kra­ti­schen vor­zie­hen – viel­leicht weil es für die Ein­zel­nen we­ni­ger Ver­ant­wor­tung und in die­sem Sin­ne mehr Frei­heit be­deu­ten wür­de? – ja schon ge­recht wer­den. Es gibt sie nun mal, gab sie schon im­mer, sie sind nur sicht­ba­rer ge­wor­den, und es wird sie im­mer ge­ben. Sie weg­dis­ku­tie­ren zu wol­len, statt sich mit den Grün­den für den Wunsch ei­nes In­di­vi­du­ums nach au­to­ri­tä­rer Füh­rer­schaft zu be­fas­sen – die ge­sell­schaft­lich ver­or­tet sein kön­nen … –, ist wohl kein gu­ter Weg.

Den rest­li­chen Tag über war ich dann mit al­ler­lei Din­gen be­schäf­tigt und er­wach­te am nächs­ten Mor­gen nach ei­nem wei­te­ren Traum. Er han­del­te von Lu­kas, dem Lo­ko­mo­tiv­füh­rer und Jim Knopf. Al­les ist mir nicht mehr er­in­ner­lich, nur ei­ne Sze­ne blieb hän­gen: Die mit dem Schein­rie­sen Tur Tur. Al­ler­dings hieß der im Traum „Tor­tur“ und war ein ziem­lich un­freund­li­cher Ge­sel­le, der sehr wohl et­was da­für konn­te, dass er an­de­ren so rie­sig und be­droh­lich er­schien. „Wirk­lich?“, über­leg­te ich: Sind es denn nicht viel­mehr die an­de­ren, die ihn groß ma­chen, weil sie ihn fürch­ten und des­halb stän­dig über ihn re­den, wenn er da laut brül­lend die Welt in den Ab­grund pro­pa­gan­diert? Tor­tur wird nicht klei­ner, wenn er sich nä­hert. Er wird grö­ßer, im Ge­gen­satz zu Tur Tur. Doch auch die­se wahr­ge­nom­me­ne Grö­ße könn­te nur das Pro­dukt ei­ner wohl­kal­ku­lier­ten In­sze­nie­rung die­ses dunk­len Ma­gi­ers sein. Al­so: Schein.

Der We­cker klin­gel­te. Ein Traum im Traum im Traum, ein wahr­li­ches Traum­ge­spinst, ver­wir­rend, ir­ri­tie­rend, ver­stö­rend oder ir­gend­wie so, ver­we­gen, kom­pli­ziert, gar plus­quam­per­fek­tesk. Der Ra­dio­we­cker, Früh­nach­rich­ten, be­en­de­te ge­ra­de sei­nen Be­richt über die Ver­kün­dung von Fried­rich Merz, die „AfD hal­bie­ren“ zu wol­len — so in et­wa, ge­nau er­in­ne­re ich mich nicht.

Hal­bie­ren geht schon, doch halt nicht durch Fried­rich Merz und die CDU und den an­de­ren Par­tei­en. Son­dern durch ge­nü­gend Wähler_innen, die es wa­gen, sich an der Wahl­ur­ne ih­rer Stim­me be­wusst zu ent­hal­ten. Und mit al­ler­lei Mit­teln Ab­ge­ord­ne­te wis­sen las­sen, dass ih­re Stimm­ent­hal­tung kei­ne Ver­le­gen­heit, kein Es­ka­pis­mus, kei­ne Re­si­gna­ti­on oder Gleich­gül­tig­keit ist, denn dann wä­ren sie wohl gar nicht wäh­len ge­gan­gen, nicht wahr. Son­dern als ent­schie­de­ner Pro­test ge­gen herr­schen­de Ver­hält­nis­se zu in­ter­pre­tie­ren ist. Ein Aus­druck der Un­zu­frie­den­heit und da­mit ver­bun­den die Auf­for­de­rung, für Ab­hil­fe zu sor­gen. Und zwar pres­to!

Es be­darf kei­ner lin­ken oder rech­ten Re­vo­lu­ti­on, um die Ver­hält­nis­se zum Bes­se­ren für vie­le zu wen­den. Jede/r hat die Mög­lich­keit, an der Wahl­ur­ne de­mo­kra­tisch für den Er­halt der De­mo­kra­tie in die­sem Land zu stim­men, auch wenn die ei­ge­ne Wahl­stim­me für kei­ne Par­tei er­ho­ben wird.

Das mag man­chen ir­ra­tio­nal er­schei­nen. Doch es geht um das Ge­fühl, sei­ne Stim­me er­ho­ben zu ha­ben, sei­nen Un­mut de­mons­triert zu ha­ben. Sich ge­hört, ge­se­hen, ver­stan­den füh­len zu kön­nen.

Re­fe­ren­ces
1 https://www.fr.de/politik/warum-die-demokratie-den-kampf-um-politische-emotionen-verliert-94105274.html
2 Schrift­li­che Ant­wort des Pe­ti­onsau­schus­ses zur Ein­ga­be Pet 1−18−06−111−007918 vom 27. Mai 2014

„Menschenbild“

Wer vom „Stadtbild“ spricht, will von Menschen sprechen.

Sehr ge­ehr­ter Herr Merz,

Ih­re „Stadtbild“-Äußerung und de­ren Be­kräf­ti­gung schlägt ho­he Wel­len. Las­sen Sie mich Ih­nen ganz kurz von mei­nen Ge­dan­ken be­rich­ten:
„Stadt­bild“ und „Mi­gran­ten“ ist ei­ne As­so­zia­ti­on, die von der AfD als Nar­ra­tiv ge­setzt wur­de, von da­her ist „Stadt­bild“ mit AfD as­so­zi­iert.

Die AfD hat in den letz­ten Jah­ren ei­ne Un­men­ge sol­cher Leim­ru­ten aus­ge­bracht und Be­grif­fe und The­men mit sich ver­knüpft. Egal wer Wor­te wie z. B. „Stadt­bild“ oder „Mi­gra­ti­on“ in den Mund nimmt („ge­sun­der Men­schen­ver­stand“ ge­hört auch da­zu …), sagt des­we­gen letzt­lich „AfD“ resp. es ist eben das, was ‚ge­hört‘ wird. Es kann wohl als All­ge­mein­wis­sen an­ge­se­hen wer­den, dass es ein rhe­to­ri­scher Trick ist, durch stän­di­ge Wie­der­ho­lung ei­ne Mar­ke und de­ren ‚Mes­sa­ge‘ zu eta­blie­ren. Mar­ke­ting-Ba­sis­wis­sen.

Wol­len Sie Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler für sich ge­win­nen, ist es viel­leicht nicht die schlech­tes­te Idee, ei­ne ei­ge­ne Spra­che zu spre­chen, statt sich in den aus­ge­leg­ten Leim­ru­ten zu ver­fan­gen. So könn­te man ja mal an­denken, statt von Rück­füh­run­gen u. ä. (AfD-ge­setz­te As­so­zia­ti­on: „Re­mi­gra­ti­on“) zu spre­chen, ein Nar­ra­tiv des „Mi­gra­ti­ons­ma­nage­ments“ zu eta­blie­ren und da­mit den In­halt ei­ner durch­aus nicht ein­fa­chen, je­doch pro­duk­tiv ge­stalt­ba­ren Staats­auf­ga­be zu as­so­zi­ie­ren. Pro­ble­me – und je­des Pro­jekt hat sei­ne Pro­blem­zo­nen, im Grun­de weiß das auch Je­de und Je­der – gibt es im­mer, mal mehr, mal we­ni­ger, ir­gend­was is‘ ja im­mer — „Kein Pro­jekt oh­ne Dra­ma“ ist der ak­tu­el­le Cla­im ei­nes be­kann­ten Bau­markt­un­ter­neh­mens mei­ner Re­gi­on.

Die CDU und die an­de­ren li­be­ral­de­mo­kra­tisch ori­en­tier­ten Par­tei­en soll­ten die Chan­ce nut­zen, die ih­nen ei­ne AfD bie­tet: Die ei­ge­ne Spra­che zu re­no­vie­ren, in der Wort­wahl in ei­ne Re­nais­sance zu ge­hen. Und da­mit Stim­men zu ge­win­nen statt mit Re­den, die ex­tre­mis­ti­sche Pa­ro­len wie­der­ho­len und ver­su­chen, sie mit den „rich­ti­gen“, „wah­ren“ In­hal­ten fül­len. Was beim Men­schen zu­erst an­kommt, ist die Hül­le. Wer schaut schon so ge­nau beim In­halt hin, ge­ra­de in ei­ner Welt, die im­mer un­durch­schau­ba­rer wird? Soll­te man, ja, frei­lich …

KI, der klei­ne Ex­kurs sei er­laubt, ba­siert auf Spra­che, weil Mensch­sein auch auf Spra­che ba­siert — Un­mensch sein da­mit auch. Was al­ler­dings ein Wi­der­spruch in sich ist: Kein Mensch kann sich un­mensch­lich ver­hal­ten, da­zu müss­te er kein Mensch sein, mit­hin al­so un­be­leb­te Ma­te­rie, Pflan­ze oder Tier oder ir­gend­was da­zwi­schen oder au­ßer­halb. Doch das kann Mensch eben nicht. Wer von Un­men­schen spricht, spricht dem Mensch­li­chen das Mensch­li­che ab. In der Rhe­to­rik oft ge­braucht, um Gräu­el und Schan­de an­zu­zei­gen, doch fak­tisch letzt­lich falsch: Mensch bleibt Mensch, egal was er als Ein­zel­ner, in so­zia­len En­ti­tä­ten oder als Gat­tung tut.

Und ge­nau dar­auf zielt ei­ne AfD ab: Sie re­det von Un­men­schen, um selbst un­mensch­lich ge­nannt zu wer­den, um sich dann als „nor­ma­le Men­schen“ zu in­sze­nie­ren, de­nen ja nur Un­recht ge­tan wird.

Hü­ten Sie sich vor den Leim­ru­ten! Fin­den Sie ih­ren Kurs da­zwi­schen und mah­nen Sie Ih­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, es Ih­nen gleich zu tun! Die AfD will wie al­le po­pu­lis­ti­schen Ex­tre­mis­ten Macht, kei­ne Ver­ant­wor­tung. Ma­chen Sie das im po­li­ti­schen All­tag durch Ih­re Re­den klar, un­miss­ver­ständ­lich, auch wenn das be­deu­tet, ‚red­lich‘ aus ge­wohn­ten Fahr­was­sern des po­li­ti­schen All­tags­be­triebs aus­zu­sche­ren.

In der Pra­xis hie­ße das: Nicht von „Stadt­bild“ re­den, son­dern da­von, dass die­ses Land in al­len so­zia­len Ebe­nen auf Ar­beits­kräf­te aus dem Aus­land an­ge­wie­sen ist und da­her ein Mi­gra­ti­ons­ma­nage­ment braucht. Kri­mi­nel­le, Fau­le, … gibt es nun mal lei­der über­all, wie die Ge­gen­tei­le da­von auch, es sind halt al­les Men­schen — doch die we­nigs­ten da­von sind kri­mi­nell oder faul oder …

Mit bes­ten Grü­ßen

Vol­ker Ho­mann

––

Die­ser Brief ging am 23. Ok­to­ber 2025 per e‑Mail an Fried­rich Merz MdB.
(, mit CC an und ).

29. Januar 2025, Deutscher Bundestag

Ein grobes Kurzprotokoll und eine sehr persönliche Empörung über das sehr überlegte, sehr bewusste Handeln des MdB Friedrich Merz an diesem Tag.

Am Vor­mit­tag im Par­la­ment: Ge­denk­fei­er zur Be­frei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz. Über­le­ben­de des Ho­lo­caust sind Gäs­te, ein Be­trof­fe­ner Ukrai­ner spricht.

Am Nach­mit­tag im Par­la­ment: Ab­stim­mung über ei­nen An­trag der CDU/C­SU-Frak­ti­on, ein­ge­bracht von Fried­rich Merz, MdB, Par­tei­vor­sit­zen­der der CDU, mit dem Ti­tel »Fünf Punk­te für si­che­re Gren­zen und das En­de der il­le­ga­len Mi­gra­ti­on«.

Der An­trag er­hält ei­ne Mehr­heit, die durch die in Tei­len er­wie­se­ner­ma­ßen rechts­extre­mis­ti­sche AfD, in der auch Holocaustleugner/innen und ‑relativist/innen ei­ne po­li­ti­sche Hei­mat ge­fun­den ha­ben, zu­stan­de­kommt. Herr Merz ver­laut­bar­te im kom­mu­ni­ka­to­ri­schen Vor­feld, es sei ihm egal, wo­her ei­ne Mehr­heit für ei­nen An­trag von, wie er an die­sem Tag be­kräf­tig­te, de­mo­kra­tisch ins Par­la­ment ge­wähl­ten Par­tei­en kommt.

Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Herr Merz über den Ter­min­plan des Vor­mit­tags bei der Pla­nung sei­nes Wahl­kampf­ma­nö­vers, mit dem er nach ei­ge­nem Be­kun­den ver­sucht, die AfD zu schrump­fen, im vol­len Bil­de war.


Der par­la­men­ta­ri­sche Tag des 29. Ja­nu­ar 2025 nö­tigt mir ein Zi­tat ab: »Die Scham muss das La­ger wech­seln.«

Schä­men Sie sich doch bit­te selbst, Herr Merz.

Und be­den­ken Sie da­bei: Das Reis­pa­pier ver­zeiht nicht. Sie kön­nen nichts kor­ri­gie­ren.

Die Mehr­heit der Syrer/innen, nicht nur in Deutsch­land, schämt sich we­gen EINEM Sy­rer. Die Mehr­heit der Afghanen/innen, nicht nur in Deutsch­land, schämt sich we­gen EINEM Af­gha­nen. Ei­ne Mehr­heit der Men­schen, nicht nur in ei­nem Land, kön­nen sich al­so we­gen EINES Men­schen schä­men.

Nicht, weil es die­sen Men­schen über­haupt gibt oder er in ei­nem für ihn frem­den Land weilt, für des­sen Bewohner/Innen er ein Frem­der ist. Son­dern weil die­ser Mensch tat, was er tat, aus wel­chen Grün­den oder Ur­sa­chen auch im­mer.

Ta­bus ha­ben in al­len Kul­tu­ren ih­ren sach­li­chen Zweck, Herr Merz. Auch wenn nicht al­le zu­stim­men.

Und mer­ken Sie sich ei­nes: Die Welt be­steht nicht nur aus Sa­chen. Wenn Sie dar­an glau­ben, dass et­was in der Sa­che rich­tig bleibt, auch wenn die Fal­schen zu­stim­men und sich da­bei je­doch nicht fra­gen, von wel­cher Sa­che Sie ei­gent­lich re­den und ob die Rich­tig­keit ih­rer Sa­che ei­ner kri­ti­schen Prü­fung fern­ab von Wahl­kampf­ge­tö­se stand­hält, sind Sie viel­leicht ein her­vor­ra­gen­der Ge­schäfts­mann, doch als Po­li­ti­ker mei­nes Er­ach­tens nach völ­lig un­ge­eig­net und als Kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht zu emp­feh­len. Ich möch­te von Ih­nen nicht in der Welt ver­tre­ten wer­den. Ich möch­te nicht, dass Sie zum Ge­sicht die­ses Staa­tes und der Bür­ger, die für ihn als li­be­ra­le De­mo­kra­tie bür­gen wol­len, wer­den.

Sie ver­sach­li­chen die Welt und wer­den so, ob frü­her oder spä­ter, das tun, was die AfD pro­pa­giert: Sie ver­sach­li­chen Men­schen. Ge­nau die­se Ent­mensch­li­chung war es, die den Ho­lo­caust über­haupt erst mög­lich mach­te.

So­weit mir be­kannt ist, gel­ten Sie als Mil­lio­när. Geld macht of­fen­bar scham­los, ver­dirbt al­so den Cha­rak­ter. Und die Aus­sicht auf Macht wo­mög­lich auch.

Sie, Herr Merz, ha­ben am 29. Ja­nu­ar 2025 dem Gauland’schen „Vo­gel­schiss“ sa­lon­fä­hig ge­macht und die AfD be­stä­tigt, was die ja auch so­fort im Ple­nar­saal ge­fei­ert hat. Sie, Herr Merz, sind der Steig­bü­gel­hal­ter für ei­ne mög­li­che Zu­kunft, die ge­schätzt 75 bis 80 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten nicht wol­len. Sonst wür­den 100% der Wahl­be­rech­tig­ten die AfD wäh­len. Sie, Herr Merz, ha­ben scham­los ge­han­delt, sich wahr­schein­lich ver­kal­ku­liert und wer­den kei­ner­lei Kon­se­quen­zen selbst zie­hen oder zu be­fürch­ten ha­ben. Und es ist mir nun völ­lig egal, ob sich für die­se in der Sa­che wohl rich­ti­gen Be­ob­ach­tung ei­ne Mehr­heit fin­det oder nicht.

Ein Han­deln wird nicht des­halb gut, weil man meint über­zeugt zu sein, et­was Gu­tes zu tun, Herr Merz.

Mir, als Bür­ger die­ses Staa­tes und Bür­ge für ei­ne li­be­ra­le De­mo­kra­tie und Wi­der­sa­cher jed­we­der au­to­ri­ta­ris­ti­schen Ten­den­zen, und sei­en sich noch so un­schein­bar, bleibt nur, die CDU/CSU und ih­re na­hen An­ver­wand­ten, AfD und FDP, und al­len Par­tei­en, die den Ruch des Kon­ser­va­ti­ven ha­ben, völ­lig egal ob ‚rechts‘ oder ‚links‘, bei der an­ste­hen­den Bun­des­tags­wahl nicht mei­ne Stim­me zu ge­ben und die­se, mei­ne Stim­me, ge­gen sie zu er­he­ben. Mich zu em­pö­ren über Un­sen­si­bi­li­tät, mich zu em­pö­ren über ein po­li­ti­sches Ge­ba­ren wie an ei­nem Po­ker­tisch, über ein Ge­ba­ren wie ei­ne Re­chen­ma­schi­ne, die eis­kalt und skru­pel­los kal­ku­liert und die Er­geb­nis­se ge­gen­ein­an­der ver­rech­net und den ma­xi­ma­len per­sön­li­chen Ge­winn an­strebt. Das ist völ­lig falsch ver­stan­de­ner Prag­ma­tis­mus.

Die Po­li­tik sei ein schmut­zi­ges Ge­schäft, heißt es. Ge­schäf­te sind schmut­zig, weil die, die sie be­trei­ben, sie schmut­zig ma­chen, Herr Merz, Frau Wei­del, Herr Lind­ner und all Ihr an­de­ren, die Ihr meint, zum Woh­le des Staa­tes zu han­deln, wenn Ihr eu­re Ge­schäf­te im Par­la­ment macht.

Die­se Wor­te hier wer­den al­ler Vor­aus­sicht nach nie ih­re Adres­sa­ten er­rei­chen, und den­noch woll­ten sie ge­setzt, ge­schrie­ben sein. Um nicht ta­ten­los da­zu­ste­hen und mich ge­gen die Scham, die in mir auf­kommt, zur Wehr zu set­zen und sie dort­hin zu ver­or­ten, wo sie mei­ner Mei­nung nach hin­ge­hört. Denn nicht ich ha­be mich zu schä­men, son­dern je­ne, die skru­pel­los ih­re Macht­in­ter­es­sen durch­zu­set­zen ver­su­chen. Die, die kein Ge­wis­sen der Welt zu pla­gen ver­mag. Die, die mit der Re­prä­sen­ta­ti­on der Bür­ger ei­nes Staa­tes be­auf­tragt wur­den, und sich da­für kei­nen Deut in­ter­es­sie­ren und statt­des­sen von ego­is­ti­schen Wün­schen und Träu­men ge­trie­ben sind. Die, die sich von je­nen wäh­len las­sen, de­nen sie Ver­spre­chun­gen ma­chen, die sich nicht ein­hal­ten. All die ha­ben sich zu schä­men.

Ei­gent­lich. Doch das ‚po­li­ti­sche Ge­schäft‘ hat sie und sich of­fen­bar ei­nes Teils be­raubt, der sie für Scham zu­gäng­lich macht. Sie ha­ben of­fen­bar kein Ge­wis­sen mehr.

Statt­des­sen wird die­se Scham auf an­de­re über­tra­gen, denn ir­gend­wo muss sie sich nie­der­schla­gen, soll noch ir­gend­wo ein Ge­wis­sen wal­ten kön­nen.

Schä­men SIE sich doch, Herr Merz, und al­le, die für Sie spre­chen, Ih­nen zu­stim­men, Sie un­ter­stüt­zen. Ja, spü­ren Sie’s? So fühlt es sich an, wenn ein ein­zel­nes Ge­sicht zum Ge­sicht vie­ler, gar al­ler, wird. Sie spü­ren nichts? Eben, des­halb kön­nen Sie so han­deln, wie Sie ge­han­delt ha­ben. Ich nen­ne sol­ches Han­deln „trumpeln“. Als USA-er­fah­re­ner Black­ro­cker und Mil­lio­när fällt es Ih­nen ja be­stimmt leicht, sich mit dem am­tie­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten ge­mein zu ma­chen. It’s just ‚busi­ness‘, so what?

Hört al­le mit­ein­an­der auf, ihr, die ihr meint, die Zu­kunft liegt in der Ver­gan­gen­heit ge­bor­gen und ist von dort zu er­he­ben, mei­ne Ver­nunft zu be­su­deln und mei­nen Ver­stand zu be­lei­di­gen.

Ihr wi­dert mich an, ihr pro­vo­ziert mei­nen Ekel. Schämt ge­fäl­ligst Ihr Euch auch da­für, al­le mit­ein­an­der!

Doch Ihr habt nach mei­ner Be­ob­ach­tung of­fen­bar kei­nen Fun­ken An­stand mehr im Leib, wenn Ihr ‚Po­li­tik‘ be­treibt. Ihr wollt ‚Politik‘-Geschäfte ma­chen, doch es fehlt da­für am Min­dest­maß der Kaufleut’sehre.

Des­we­gen wird es Euch nicht ge­lin­gen, zu er­rö­ten und den Blick zu sen­ken. Doch was schert Euch das, Ihr un­an­stän­di­gen Krä­mer­see­len …


Denkzettel 279

Der Mo­no­the­is­mus war kei­ne gu­te Er­fin­dung: Er ist das schlei­chen­de Gift ei­ner plu­ra­len För­de­ra­li­tät.

(Die Idee der fremd or­di­nier­ten, au­to­kra­ti­schen Ein­heit­lich­keit (d.i.: Ein­falt) wen­det sich ge­gen das Fak­tum der sich selbst ko­or­di­nie­ren­den, au­to­poie­ti­schen Viel­falt.)

Staatsmacht?

Von einer tatsächlichen Begebenheit. Über situativ angemessenen Vollzug besonderer Anordnungen. Über Autoritarismus.

Die kleins­ten Un­ter­of­fi­zie­re sind die stol­zes­ten.

Ge­org Chris­toph Lich­ten­berg

Wir schrei­ben Diens­tag, den 2. Ju­ni an­no 2020. Es ist der Diens­tag nach Pfings­ten, so um 11 Uhr des Vor­mit­tags, strah­len­der Son­nen­schein, 25°C, be­stimmt schon, ge­fühlt al­le­mal. Wo­chen­markt in Land­au in der Pfalz, Bun­des­land Rhein­land-Pfalz, Deutsch­land, auf dem so­ge­nann­ten al­ten Mess­platz. We­gen Co­ro­na-Pan­de­mie vom zen­tra­le­ren Rat­haus­platz ver­legt, um die Stän­de auf ei­ne grö­ße­re Flä­che zu ver­tei­len, ge­schätzt wohl dop­pelt so groß. Die Stän­de in der Flä­che groß­zü­gig auf­ge­stellt und viel we­ni­ger Stän­de als sonst, eben we­gen Pfings­ten; Marktbeschicker/innen möch­ten auch mal Pau­se ha­ben. So zwei Drit­tel bis Drei­vier­tel der sonst üb­li­chen Be­le­gung des Diens­tags, wo oh­ne­hin we­ni­ger Stän­de zu­ge­gen sind, grob ge­schätzt frei­lich nur. Das Haupt­ge­schäft läuft am sams­täg­li­chen Markt an glei­cher Stel­le. Und auch heu­te deut­lich we­ni­ger Pu­bli­kum als an den Sams­ta­gen, aber auch we­ni­ger als sonst an Diens­ta­gen. Al­les al­so sehr über­sicht­lich und fried­lich, mei­ne Ein­käu­fe konn­te ich oh­ne War­te­zei­ten er­le­di­gen. Sonst ist das ei­gent­lich nur mög­lich, wenn das Wet­ter nicht so das Wah­re ist.

Die Be­schrei­bung die­ses Markt­idylls ist für das Fol­gen­de wich­tig. Denn es kon­tu­riert noch ein­mal, auf was mit die­sem Text hin­ge­wie­sen wer­den will. Ich war so­eben auf dem Weg vom Platz weg, doch noch auf die­sem. In der Lich­te war nie­mand in Sicht, dem ich auf dem Weg zum Fahr­rad au­ßer­halb des Plat­zes, viel­leicht noch 50m, hät­te be­geg­nen kön­nen, oh­ne dass ich aus­wei­chen hät­te kön­nen. Dies um den der­zeit vor al­len an­de­ren Din­gen ge­bo­te­nen Ab­stand zu den Mit­men­schen, die mir be­geg­nen, ein­zu­hal­ten.

Und auch drei Män­ner in Uni­form sind auf dem Platz un­ter­wegs. Auf den ers­ten Blick hielt ich sie für Po­li­zei, was ja viel­leicht auch be­ab­sich­tigt ist. Mit Schutz­wes­te, aber oh­ne Kopf­be­de­ckung. Ich wur­de von ei­nem der drei Män­ner mit Schutz­mas­ke und Son­nen­bril­le deut­lich er­mahnt Mund und Na­se zu be­de­cken, mit ver­tief­ter, an­herr­schen­der Stimm­la­ge. Ich hat­te die Mas­ke ja da­bei, doch eben ge­ra­de ele­gant als Dop­pel­kinn­hal­ter tra­gend – Körb­chen­grö­ße A, geht g’rad noch so – und bei den Stän­den auch vor Mund und Na­se ge­scho­ben. Wie es viel­leicht der­zeit an­ge­zeigt ist, wenn Men­schen re­la­tiv dicht ste­hen und ih­re An­ge­le­gen­hei­ten, im­mer be­glei­tet von münd­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on, er­le­di­gen. Doch auf der frei­en Ver­kehrs­flä­che, auf dem Weg von ei­nem Stand zum an­de­ren, da bin ich dann doch schon froh, den pri­mär ge­bo­te­nen Ab­stand pro­blem­los ein­hal­ten zu kön­nen und un­ge­fil­ter­te, fri­sche Luft at­men zu kön­nen, wie es die Na­tur für den Men­schen ja vor­ge­se­hen hat. An­sons­ten wä­ren wir mit ir­gend­ei­ner Art fle­xi­bler Mund-Na­sen-Be­de­ckung ge­bo­ren wor­den, die auch bei ei­ner sol­chen Wit­te­rung nicht un­an­ge­nehm wä­re. Na, in 200.000 Jah­ren viel­leicht, Mensch passt sich ja an. Zu­min­dest ta­ten wir das in den letz­ten paar Mil­lio­nen Jah­ren.

So schob ich al­so für die letz­ten 25 Me­ter die Mas­ke noch ein­mal hoch, frei­es Feld vor mir ha­bend, das Fahr­rad schon fast zum Grei­fen nah. Mür­risch in­dif­fe­rent pack­te ich mei­ne Ein­käu­fe in die Sat­tel­ta­schen, ent­rie­gel­te das Fahr­rad­schloss und woll­te mich schon auf den Weg ma­chen, hielt dann je­doch in­ne. „Was war da ei­gent­lich ge­ra­de pas­siert?“, frag­te ich mich.

So ent­schloss ich mich, die drei po­li­zei­lich auf­ge­mach­ten Her­ren zu be­ob­ach­ten und frag­te mich: „Ist das Po­li­zei? Ist das nicht et­was über­trie­ben?“ Ich späh­te, um mich ver­ge­wis­sern zu kön­nen, denn mir lag im Kopf, dass Po­li­zis­ten im Dienst ja ih­re Kopf­be­de­ckung zu tra­gen ha­ben, was hier nicht der Fall war. Co­ro­na-Ab­zo­cke? Ver­klei­de­te, die im Schutz von Mas­ke und Son­nen­bril­le ihr Un­we­sen trei­ben und un­be­schol­te­ne Bürger/innen ab­zie­hen? Da­ge­gen sprach das Na­mens­schild, des­sen ich aus dem Au­gen­win­kel ge­wahr war, als ich zur Ord­nung ge­ru­fen wur­de. Gut, wer’s d’rauf an­legt, will frei­lich recht au­then­tisch ’rü­ber­kom­men.

Al­so die Mas­ke doch noch ein­mal auf­ge­setzt und für Ge­wiss­heit ge­sorgt. Am Är­mel ei­nes der Män­ner ein Sti­cker mit Stadt­wap­pen, so­weit ich das se­hen konn­te, der Schrift­zug „Voll­zugs­dienst“ dar­über. Man sei vom Ord­nungs­amt, eben­falls recht mür­risch in­dif­fe­rent zur Aus­spra­che ge­bracht, auf mei­ne klä­ren­de Fra­ge hin, wäh­rend eif­rig et­was no­tiert wur­de. „Wohl doch al­les rech­tens.“ den­kend, troll­te ich mich wie­der zum Fahr­rad. „Wirk­lich?“ Ich ent­schloss mich, je­nes sich mir bie­ten­de Thea­ter noch et­was zu stu­die­ren.

Ei­ne Wei­le al­so das Ak­ti­ons­feld be­ob­ach­tend, konn­te ich se­hen wie bin­nen ei­ner ge­fühl­ten Mi­nu­te, oder so, drei Per­so­nen zur Kas­se ge­be­ten wur­den, weil oh­ne Mund-Na­sen-Be­de­ckung un­ter­wegs bzw. nicht im ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­satz. 10 Eu­ro, wie sich spä­ter her­aus­stel­len soll­te, zu­min­dest für ei­nen der zur Kas­se be­stell­ten.

Die aus­führ­li­che Be­schrei­bung der Sze­ne­rie un­ter blau­em Him­mel mag ge­hol­fen ha­ben, sich in die Si­tua­ti­on hin­ein­zu­ver­set­zen. Und dann kann hier, darf und soll, ja: muss viel­leicht so­gar die Fra­ge nach der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ge­stellt sein, oh­ne so­gleich in die rechts-lin­ke, mehr oder we­ni­ger ex­tre­mis­ti­sche pseu­do­kri­ti­sche Ecke mit oder oh­ne Alu­hut ge­stellt zu wer­den. Auch an­ge­sichts der Schutz­wes­ten stellt sich die­se Fra­ge, denn da keimt ei­nem ja so­fort der Ge­dan­ke auf, dass das wohl ein hoch­ge­fähr­li­cher Ein­satz ist, den die drei Män­ner da durch­füh­ren. Of­fen­bar traut man den Besucher_innen des Mark­tes an die­sem Diens­tag­mor­gen al­les zu, hin bis zum Ge­brauch von Stich- oder gar Schuss­waf­fen. Ich fühl­te mich, als ich von ei­nem die­ser Uni­for­mier­ten an­ge­spro­chen wur­de, so­fort als üb­lich ver­däch­tig. Kein schö­nes Ge­fühl. Und in kei­ner Wei­se för­der­lich, mein Ver­trau­en in den Voll­zugs­dienst zu stär­ken. Denn ge­wiss ist das Tra­gen ei­ner Mund-Na­sen-Be­de­ckung zu­min­dest in ge­rin­gem Um­fang hilf­reich, wenn sich in ge­schlos­se­nen Räu­men auf­ge­hal­ten wird oder über län­ge­re Zeit an un­be­lüf­te­tem Ort kom­mu­ni­zie­rend zu­sam­men­ge­stan­den wird. Doch so­viel Mün­dig­keit soll­te mir sei­tens des städ­ti­schen Ord­nungs­de­zer­na­tes oder der Lan­des­re­gie­rung oder gar Bun­des­re­gie­rung schon zu­ge­stan­den wer­den, wann es nach der­zei­ti­gem Stand des All­ge­mein­wis­sens über Tröpf­chen­in­fek­ti­on, Ae­ro­so­le und Ab­stand ge­bo­ten ist, Mund und Na­se zu be­de­cken und wann die­se Maß­nah­me schlicht un­nö­tig ist und leicht als Gän­ge­lei auf­ge­fasst wer­den kann. Ei­ne sol­che ver­nunft­ge­lei­te­te Ab­wä­gung kann man mir schon zu­mu­ten und zu­trau­en, wie be­stimmt 80% der Mitbürger/innen auch. Für die rest­li­chen 20% ist dann das Ord­nungs­amt zu­stän­dig. Lei­der. Doch man­che sind eben ein­fach re­ni­tent, aus wel­chen Grün­den auch im­mer, oder an­der­wei­tig un­wil­lig, Vor­schrif­ten ein­zu­hal­ten. Ger­ne mit dem Po­chen auf De­mo­kra­tie und Frei­heit und so.

Die An­spra­che ei­ner der Be­lang­ten, eben ge­nau we­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, gab ne­ben der Aus­kunft über die Hö­he des Ord­nungs­gel­des ei­ne über­ra­schen­de Ant­wort be­züg­lich der auf­ge­rüs­te­ten Ord­nungs­hü­ter: „Die kön­nen ei­nem leid tun.“ Recht hat er. Und Leid an­tun kön­nen sie ei­nem auch. Un­nö­ti­ger­wei­se. Doch eben: Im Auf­trag.

Um es zum Schluss noch mal ganz klar zu stel­len: All­tags­mas­ken kön­nen hel­fen, das In­fek­ti­ons­ge­sche­hen zu kon­trol­lie­ren. Doch die stu­re Durch­set­zung ei­ner Pflicht oh­ne si­tua­ti­ve An­pas­sung, ge­gen die ich mich hier aus­drück­lich stel­le, das ist Ent­mün­di­gung, zu­min­dest kann ich leicht ei­nen sol­chen Ver­such ver­mu­ten. Un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen sinn­vol­le Vor­schrif­ten oh­ne An­ge­mes­sen­heits­er­wä­gung re­ni­tent zu ahn­den, das neh­me ich als ei­ne Form von will­kür­li­cher Ge­walt wahr. Ja, das ist wohl über die Spit­ze ge­trie­ben und soll ver­deut­li­chen, dass ein Po­li­zei­staat nicht von heu­te auf mor­gen in der Welt ist, son­dern sich in die Ge­sell­schaft ein­schleicht, und ge­wis­se äu­ße­re Be­din­gun­gen das be­güns­ti­gen kön­nen. Und die der­zei­ti­ge Co­ro­na-Si­tua­ti­on scheint mir bei ei­ni­gen da­hin­ge­hend in den Kopf zu stei­gen. Ei­ne ver­nünf­ti­ge He­gung von Pflich­ten sieht zu­min­dest für mei­ne li­be­ral-so­zia­le Grund­ein­stel­lung völ­lig an­ders aus. Und wer denkt, an­ge­sichts der Pu­tins und Trumps und wie sie al­le hei­ßen, in Deutsch­land, und in der schö­nen Pfalz kön­ne so­was ja schon über­haupt gar nicht pas­sie­ren, der irrt sich wo­mög­lich ge­wal­tig. Der au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter1⇣vgl. Theo­dor W. Ador­no. ist je­der­zeit und über­all und wir soll­ten al­le auf der Hut sein und kleins­te An­zei­chen so­fort zur Spra­che brin­gen, da­mit ist schon viel ge­tan. Wie bei Sars-Co­V‑2 auf der po­li­ti­schen Sei­te ist auch im Um­gang mit den po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen und de­ren Ent­schei­dun­gen auf der ge­sell­schaft­li­chen Sei­te um­sich­ti­ge, viel­leicht manch­mal über­trie­be­ne, Vor­sicht bes­ser denn reu­ige Nach­sicht.

Lie­ber las­se ich mir ein paar mal ei­ne ab­sur­de Un­ter­stel­lung vor­wer­fen, mir auch vor­wer­fen, ich ge­hö­re ja auch nur zu die­sen 20% über­be­sorg­ten Bürger_innen, die nur da­ge­gen sind, um ge­gen et­was sein zu kön­nen, als – am End’ noch we­gen eben je­ner 20% – un­ter ei­nem Dik­tat le­ben zu müs­sen, weil ei­ne Min­der­heit den Ton an­ge­ge­ben hat und die Po­li­tik es an Ver­trau­en in die Bür­ger­schaft hat feh­len las­sen. Die­ses aber von eben je­nen ver­langt bzw. still­schwei­gend vor­aus­setzt, denn man ist ja schließ­lich ge­wählt wor­den. Und in ei­nem au­to­ri­ta­ris­ti­schen Staats­kli­ma dann wo­mög­lich noch mit ei­nem schlech­ten Ge­wis­sen, wel­ches mir mein Schwei­gen ein­ge­bracht hät­te, ein gu­tes Le­ben zu füh­ren hät­te, was dann wohl un­mög­lich wä­re, zu­min­dest für mich. Denn ich ha­be die An­fän­ge ja ge­se­hen und mir mei­ne Ge­dan­ken ge­macht. Und den Rest mei­nes so­la­la ge­führ­ten Le­bens müss­te ich dann mit Ei­nem zu­sam­men­le­ben, der ge­schwie­gen hat, wo es bes­ser ge­we­sen wä­re, die Stim­me zu er­he­ben. Nur weil er in kei­ne Ecke ge­stellt wer­den woll­te, wo er nicht hin­ge­hört.

Ak­tua­li­sie­run­gen
12.6.2020:
Sie­he auch den Bei­trag von Nils Mark­wardt auf philomag.de vom 9.6.2020: In vie­len Län­dern mi­li­ta­ri­siert sich die Po­li­zei. Das führt zu ei­ner ge­fähr­li­chen Um­stül­pung der Freund-Feind-Lo­gik nach in­nen — und ver­stärkt da­mit je­nen Ras­sis­mus, ge­gen den ge­ra­de welt­weit pro­tes­tiert wird.

Re­fe­ren­ces
1 vgl. Theo­dor W. Ador­no.