Denkzettel 530

Mit ei­ner Spra­che (Laut­spra­chen, Ma­the­ma­tik, Küns­te, …) wird nicht von ei­nem Ab­bild er­zählt, son­dern et­was dar­ge­stellt. Al­lein des­halb taucht wohl die Fra­ge nach der Wahr­heit (ei­ner dar­ge­stell­ten Wirk­lich­keit) auf.

(Ist „Be­wusst­sein“, so ge­dacht, auch nur ei­ne Spra­che? Und was wir so re­den dann die Dar­stel­lung die­ses Be­wusst­seins, das selbst et­was dar­stellt? Un­ser Spre­chen al­so ei­ne Dar­stel­lung ei­ner Dar­stel­lung?)

(Man be­den­ke zu­dem: Spra­che ist ein Werk­zeug des Di­vi­du­ums, um sich mit­zu­tei­len. Muss ein In­di­vi­du­um zu sich selbst spre­chen kön­nen — kann es nicht auch ganz oh­ne Dar­stel­lun­gen sein? Oder wüss­te die­ses In­di­vi­du­um dann gar nichts von sei­ner Exis­tenz? So be­trach­tet: Spricht ei­ne KI? Kann sie das über­haupt? Stellt sie et­was dar — oder bil­det sie le­dig­lich mensch­li­che Spra­che ab?)

Denkzettel 355

Be­wusst­sein ist und „be­wusst sein“ heißt da sein, prä­sent sein, ge­gen­wär­tig sein. Ein Martin Heidegger macht aus die­sem Ver­bum ein Sub­stan­tiv und be­zeich­net den Men­schen so: Da­sein. Doch die­se Sub­stan­ti­vie­rung täuscht leicht dar­über hin­weg, dass Be­wusst­sein nichts Sta­ti­sches ist, son­dern sich in stän­di­ger Ver­än­de­rung be­fin­det. Was heißt al­so: Ein Mensch ist sich sei­ner be­wusst?

Denkzettel 354

„Ich“ ist ei­ne Kon­struk­ti­on, mit­tels der „Lei­den“ über­haupt erst mög­lich wird. Das Be­wusst­sein selbst kann nicht lei­den — wie das Or­gan Ge­hirn kei­nen Schmerz evo­ziert, wird an ihm her­um­ge­schnip­pelt. Um Lei­den in Er­fah­rung zu brin­gen, schafft es sich „Ich“. Ei­ne sol­che The­se kann z.B. im christ­li­chen Mo­tiv des neu­en Tes­ta­men­tes grün­den: So an­ge­schaut und als Me­ta­pher ver­stan­den, ist „Je­sus“ das „Ich“ ei­nes Be­wusst­seins, des­sen ma­te­ri­el­le Trä­ger­schaft mit „Gott“ be­zeich­net wird.

Denkzettel 353

„Ich“ als Trä­ger der vom Be­wusst­sein ge­schöpf­ten Über­zeu­gun­gen etc. den­ken. „Ich“ zu­gleich auch vom Be­wusst­sein kre­iert, zum Be­hu­fe eben die­ser Trä­ger­schaft. Wie Be­wusst­sein ei­nen Le­be­we­sen als Trä­ger hat, trägt „Ich“ die Emp­fin­dun­gen des Le­be­we­sens. Wo kein „Ich“, da kein Leid — mit­hin auch kei­ne Freud’. (Was nicht heißt, ein Kör­per kön­ne kei­ne Schmer­zen oder kei­ne Lust ha­ben.)

Denkzettel 352

Mensch hat kein Be­wusst­sein von ei­nem „Ich“ oder ein „Ich“ mit Be­wusst­sein — das Be­wusst­sein ist das „Ich“.

Mit ei­ner sol­chen An­nah­me ver­schwin­det das Sta­ti­sche, Über­dau­ern­de am „Ich“; es wird zu ei­ner an­dau­ern­den Kon­sti­tu­ti­on (was ei­nen stän­di­gen Wan­del be­deu­tet) des Le­be­we­sens sei­ner selbst für sich. Zu wel­chem Be­huf auch im­mer. (Das „Ich“ von eben mit­hin das Glei­che, doch nicht das Sel­be wie je­nes in Kür­ze.)

Denkzettel 116

Der Mensch – an, und für, sich – ist ein Di­vi­du­um, das sich selbst ab ei­nem ge­wis­sen Zeit­punkt als Indi­vi­du­um ver­nimmt.

(Der Mensch be­greift sich mit dem An­de­ren, und so durch die­ses, wel­ches er nicht ist. Könn­te er sich an­ders um‑, er‑, be­grei­fen als auf die­sem Um­weg?)

Mit der In­di­vi­dua­ti­on wird die mensch­li­che Di­vi­dua­li­tät be­wusst: Mit dem er­wach­ten Selbst­be­wusst­sein geht not­wen­dig das Be­wusst­sein von dem ein­her, was nicht-Selbst ist. (Mit dem eng­li­schen Ad­jek­tiv für „be­wusst“ kann’s ge­zeigt wer­den: con­scious, „mit­wis­send“.)