Kunst und Kultur der Doxa

Christian Bermes: Meinungskrise und Meinungsbildung. Ein Lektüreeindruck.

Mit wach­sen­der Be­geis­te­rung las ich den, be­reits in zwei­ter Auf­la­ge er­schie­ne­nen, Es­say von Christian Bermes, Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor an der RPTU, Cam­pus Land­au. Wohl nicht zu­letzt des­halb, weil ich vie­le mei­ner ei­ge­nen Ge­dan­ken zu „Mei­nung“ dort wie­der­fand — durch­aus ei­ne Be­stä­ti­gung. Das er­freut ei­nen ja stets, die ei­ge­nen Ge­dan­ken bei frem­den Geis­tern wiederzuentdecken.

Das Buch konn­te ich kei­nes­falls als ei­nes le­sen, das mir sagt, was ich mei­nen soll oder wie ich mei­nen soll. Für mich war es eher ex­em­pla­risch für „wie ge­dacht wer­den kann“, da­bei nun eben ei­ne Wei­se – ne­ben an­de­ren, die da be­stimmt exis­tie­ren – darstellend.

„Ex­em­pla­risch“ ist denn auch ei­nes der Schlüs­sel­wor­te mei­ner Lek­tü­re. Ein Satz, der in ver­schie­de­nen Va­ria­tio­nen im­mer wie­der in Er­schei­nung tritt und sich zu Recht wie ein ro­ter Fa­den durch den Text zieht, lautet:

Ei­ne Mei­nung als Mei­nung ver­ste­hen heißt, mit Ex­em­pla­ri­schen als In-Sze­ne-set­zen un­ter den Be­din­gun­gen ei­ner teil­neh­men­den Er­pro­bung von Aspek­ti­vi­tät umzugehen.

Ein recht theo­re­ti­scher Satz, doch der Au­tor lässt das Prin­zip des Ex­em­pla­ri­schen auch in sei­nem Text wal­ten. Im­mer wie­der, ein zwei­ter ro­ter Fa­den, wer­den die sti­lis­tisch si­cher ge­setz­ten Wor­te der Theo­rie durch Bei­spie­le er­läu­tert („Kat­zen wach­sen nicht auf Bäu­men.“) und so auch den Un­be­hauch­te­ren von aka­de­mi­scher Phi­lo­so­phie ein Zu­gang zum Ge­dan­ken ver­schafft. Was schert es auch ei­nen Ge­dan­ken, wel­che Klei­der er trägt? Sicht­bar will er wer­den, ob nun in kö­nig­li­cher Ro­be der Theo­rie oder in den Lum­pen des Ex­em­pels. Un­ter bei­den Klei­dern steckt der glei­che Ge­dan­ke, um den es geht. Mei­ner Lek­tü­re nach: Die­ser Akt auf das We­sen des Ge­dan­kens zu ver­wei­sen ist auch gelungen.

Frei­lich merk­te ich dem Text schon auch an, es mit ei­nem Pro­fes­sor der Phi­lo­so­phie zu tun zu ha­ben, da wird bei­läu­fig ein Ver­ständ­nis­rah­men zur Phä­no­me­no­lo­gie und Phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie ver­mit­telt. Nicht zu tief, frei­lich, ge­ra­de das für’s Ver­ständ­nis des Tex­tes er­for­der­li­che Quan­tum, doch da­bei eben auch nicht seicht. Der Text stellt schon auch An­sprü­che an die Le­ser­schaft. Doch Professor*n sind nun mal eben auch, und so soll es ja wohl auch sein und der Job bringt es halt mit sich, Leh­ren­de1⇣Für In­si­der: Sen­s­ei-Prin­zip — und nicht nur be­am­tet be­atme­te Wissensverschaffer*n.

Doch Be­fürch­tun­gen ei­ner phi­lo­so­phisch un­aka­de­mi­sier­ten Le­ser­schaft, am Text zu schei­tern, sind schwer­lich aus­zu­ma­chen, auch wenn der Ti­tel als phi­lo­so­phi­scher und nicht als Wald-&-Wiesen-Essay fir­miert. Das nun frei­lich ein ge­wag­ter Zug im aka­de­mi­schen Spiel, sich mit li­te­ra­ri­scher Phi­lo­so­phie – nen­nen wir mal das Gen­re, un­ter der die­se Form der Es­say­is­tik wohl ein­ord­bar ist, so – in die Nie­de­run­gen des pro­fa­nen Den­kens zu be­ge­ben. Doch nicht aus Ver­se­hen ge­lang­te der Ti­tel auf die Short­list des trac­ta­tus-Prei­ses 20222⇣Link­samm­lung, ne­ben Ti­teln von Peter Sloterdijk und Jörg Scheller. Der trac­ta­tus Preis steht nach ei­ge­nen Be­kun­den des „Phi­lo­so­phi­cum Lech“ für ei­ne als Text ver­fass­te Phi­lo­so­phie, die sich am Ra­pun­zel­haar all­ge­mei­ner Ver­ständ­lich­keit vom El­fen­bein­turm her­ab­lässt und sich unter’s Volk mischt, um mit ihm zu den­ken3⇣Link­samm­lung. Durch­aus all­tags­taug­lich. Herr Wittgenstein lässt schön grü­ßen, wohl.

Mei­ne Lek­tü­re ver­miss­te ei­ne mich be­frie­di­gen­de Er­läu­te­rung zum Wort „Do­xa“, die­se re­zen­sio­na­le Kri­tik sei er­laubt, da­bei nicht aus­schlie­ßend, bei der ein­ma­li­gen Lek­tü­re et­was über­le­sen zu ha­ben. Bei Hanna Arendt konn­te ich fün­dig wer­den und zur Vo­ka­bel „schei­nen“ ge­lan­gen4⇣Link­samm­lung, was der Mei­nung wohl auch ih­ren zwei­fel­haf­ten Ruf be­scher­te als „Schall-und-Rauch-Äu­ße­rung“ und es so von ei­nem auf­klä­re­ri­schen Geist, dem es nach Wis­sen dürs­tet, auf dass er die Welt vor­her­sa­gen kön­ne, ger­ne in ei­ne Schmud­del­ecke gleich ne­ben dem Glau­ben ge­stellt wur­de. Doch „schei­nen“ im Sinn der Do­xa er­scheint mir nun als ein ganz we­sent­li­ches Mo­ment im Um­gang mit „Mei­nung“. Wo­mit nun, mit mei­nen Au­gen be­trach­tet, try to walk in my shoes, auf ei­ne zwei­te zen­tra­le Wen­dung hin­ge­wie­sen wer­den kann: »Ent­schie­de­ne Un­ent­schie­den­heit«. Die­se Hal­tung, die ei­ne Mei­nung eben als et­was Schwe­ben­des auf­fasst, Un­ent­schie­den eben, auf Pro­be, Aspek­te wä­gend, und stets in der Mü­he­wal­tung, die­se Schwe­be zu hal­ten. Letzt­lich: Ur­teils­ent­hal­tung. Durch­aus ein zen­tra­ler Be­griff der phä­no­me­no­lo­gi­schen Me­tho­de. Und aus die­ser Ur­teils­ent­hal­tung her­aus eben das Ge­viert ei­nes The­mas er­schlie­ßend. Mei­nen, der Ex­plo­ra­tor des Ge- wie Vermeinten.

Ein wei­te­rer Clou ist das Wort „Stel­lung“:

›Le­ben‹ ist, wie Pless­ner es pro­non­ciert aus­führt, si­cher­lich das er­lö­sen­de Wort im Über­gang zum 20. Jahr­hun­dert für die Phi­lo­so­phi­sche An­thro­po­lo­gie, viel­leicht so­gar auch noch heu­te. Die Schlüs­sel­wör­ter die­ser Dis­zi­plin sind je­doch ›Stel­lung‹ und ›Stel­lung­nah­me‹ bzw. ›Stel­lung­neh­men‹. Will man die Phi­lo­so­phi­sche An­thro­po­lo­gie nicht mit al­len mög­li­chen Vor­an­nah­men von au­ßen über­frach­ten – und die Fra­ge nach dem Men­schen bie­tet sich da­für wie kei­ne an­de­re an –, dann ist es rat­sam, das Vor­ha­ben we­ni­ger von au­ßen zu be­wer­ten als aus dem Ma­schi­nen­raum der Phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie her­aus zu be­grei­fen. Und hier zeigt sich, dass die Phi­lo­so­phi­sche An­thro­po­lo­gie zu­vör­derst als ei­ne Phi­lo­so­phie des Stel­lung­neh­mens ver­stan­den wer­den kann.

Und das Mei­nen so dann flugs als grund­le­gen­de Dis­zi­plin des Mensch­seins in kul­tu­rel­ler und po­li­ti­scher Hin­sicht auf­ge­fasst, denn stets sind wir zu den Din­gen re­la­tio­niert, die uns um­ge­ben, sei’s als Sa­che, sei’s als An­sicht. Wir sind zum Stel­lung ein­neh­men ver­dammt – der mi­li­ta­ris­ti­sche An­klang sei nicht ver­hehlt, wie oft lau­fen De­bat­ten als Ge­fech­te, als gin­ge es um ei­nen Sieg, der zu er­rin­gen und der An­de­re als „Geg­ner“ zu eli­mi­nie­ren sei. Auf­ein­an­der be­zo­gen sein, als con­di­tio hu­ma­na ver­stan­den, wes­we­gen es nicht ge­lehrt wer­den kann, son­dern zu üben ist. Meint je­den­falls der Ver­fas­ser die­ser Zei­len hier.

Und, hier sei auf ein er­fri­schen­des Le­se­er­leb­nis hin­ge­wie­sen, wie leicht für ein as­so­zi­ier­freu­di­ges, äs­the­ti­sches Ge­müt es mit dem Text mög­lich ist, „In-Sze­ne-set­zen“ und „Stel­lung“ zu ver­knüp­fen. Und um das nun recht ein­zu­ord­nen, sei auf den Un­ter­schied zur In­sze­nie­rung hin­ge­wie­sen. In­sta­gramm5⇣»Kern des An­ge­bots ist ei­ne Mi­schung aus Mi­cro­blog und au­dio­vi­su­el­ler Platt­form. Nut­zer kön­nen ih­re Fo­tos und Vi­de­os be­ar­bei­ten und mit Fil­tern … Wei­ter­le­sen… ist In­sze­nie­rung, Be­Re­al6⇣»Ein­mal am Tag wer­den al­le Be­nut­zer gleich­zei­tig zu ei­ner täg­lich wech­seln­den Uhr­zeit auf­ge­for­dert, in­ner­halb von 2 Mi­nu­ten ein Fo­to so­wohl mit der … Wei­ter­le­sen… In-Sze­ne-sein — zu­min­dest wohl den Ideen die­ser Ak­teu­re „so­zia­ler Me­di­en“ (Bei­läu­fig: Wel­ches Me­di­um ist denn nicht so­zi­al?) nach. Im Text wird Be­zug ge­nom­men auf ei­nen Au­tor, Wolfram Hogrebe, der zur sze­ni­schen Ver­fasst­heit des Men­schen ei­ni­ges zu sa­gen hat7⇣Z.B. im Buch »Sze­ni­sche Me­ta­phy­sik«.

Wei­te­res be­mer­kens­wer­tes Lem­ma für den hier über das Buch sin­nie­ren­den Text ist „Re­zi­pro­zi­tät“. Kommt wie­der recht aka­de­misch da­her – doch wie ge­sagt: schon auch, wenn auch be­wäl­tig­ba­rer, An­spruch an die Le­ser­schaft – und der Du­den er­klärt: »Gegen‑, Wech­sel­sei­tig­keit, Wech­sel­be­züg­lich­keit«. Dies nun, man stau­ne, ein zen­tra­les Mo­ment manch’ bud­dhis­ti­scher Phi­lo­so­phie und Pra­xis. Wes­halb nun die­ser in­ter­kul­tu­rel­le Hin­weis? Zum ei­nen, weil es lohnt dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Au­tor des Es­says Be­rüh­rungs­punk­te mit Chi­na hat und ich als in­ter­kul­tu­rell be­schla­ge­ner Le­ser doch hin und wie­der den Blick über den ei­ge­nen Kul­tur­rand im Text mein­te be­mer­ken zu kön­nen, zwi­schen­zei­lig. Und weil der kul­tu­rell-tran­szen­den­te Fin­ger­zeig dem hier Sin­nie­ren­den als wert­voll er­scheint, denn „Mei­nen“, so kann aus dem Text ‚ge­le­sen‘ wer­den wie die Trau­ben im Wein­berg, ist et­was, das sich zwi­schen Men­schen er­eig­net. So ge­se­hen be­kommt der Schrei­ber die­ser Zei­len ur­plötz­lich Schwie­rig­kei­ten, noch von „mei­ner Mei­nung nach“ ver­nünf­tig re­den zu kön­nen. Wenn Mei­nen et­was ist, das zwi­schen Men­schen ent­steht und die Be­tei­lig­ten so je ih­re Mei­nung bil­den kön­nen — dann soll­te man die­ses Mei­nen schau­en und es un­ter das Dach der Theo­rie stel­len, wenn auch viel­leicht ir­gend­wo eher am Rand. Mei­nen als Theo­re­ti­sie­ren mit zu­min­dest in­ter­sub­jek­ti­ven An­spruch? Da staunt die Lai­en­schaft und der Fach­mensch­heit wun­dert sich!

Und für die­se Re­zi­pro­zi­tät ist es nun für al­le Sei­ten un­er­läss­lich, zum An­de­ren Di­stanz ein­zu­neh­men. Nicht zu nah, man will ja nie­man­den auf die Pel­le rü­cken, nicht zu weit, man will ja nie­man­dem in­dif­fe­rent über­se­hen. So fin­det der Text des Bu­ches das schö­ne Wort „Halb­di­stanz“, um der für das ge­mein­sa­me Mei­nen un­er­läss­li­chen Ach­tung Aus­druck und Raum zu ge­ben. Ein Zwi­schen­reich, ein Me­ta­xy, das sich da den Wil­li­gen eröffnet.

Über das Buch in sach­li­cher und fach­li­cher Hin­sicht zu ur­tei­len, über­las­se ich ge­trost je­nen, die sich da­zu be­ru­fen füh­len. Dem Sin­nie­ren­den hier ging es um die Schaf­fung ei­nes Hen­kels, der zur ei­ge­nen Lek­tü­re an­regt und den Text „an­fass­bar“ macht. Mich hat der Text dann auch da­zu an­ge­regt, mir Ge­dan­ken zu ma­chen zum Mei­nen, vor al­lem frei­lich zum ei­ge­nen An­teil an die­sem, letzt­lich po­li­ti­schen, al­so zwi­schen­mensch­li­chen Akt. Und es hat sich für mich mit die­ser re­flek­tie­ren­den Lek­türe­hal­tung ge­zeigt, wie wich­tig das gut ge­üb­te Mei­nen, die Kul­tur und Kunst der Do­xa, ist, um in Wirk­lich­kei­ten, de­ren Kom­ple­xi­tät – wie ver­mut­lich im­mer schon – Zu­wachs er­fährt in vie­ler­lei Hin­sicht, auch oh­ne Wis­sen und Glau­ben ori­en­tiert sein zu können.

Das Mei­nen, so mein auf we­ni­ge Wor­te ein­ge­dampf­tes Re­sü­mee für die­sen m. E. n. wirk­lich le­sens­wer­ten Es­say, ist ein un­ter­schätz­ter Kompass.

Ber­mes, Christian:
Mei­nungs­kri­se und Meinungbildung.
Ei­ne Phi­lo­so­phie der Doxa.

Mei­ner, Blaue Rei­he, Ham­burg, ²2022.
126 S., kar­to­niert, 14,90€
e_book: 9,99€

Re­fe­ren­ces
1 Für In­si­der: Sensei-Prinzip
2 Link­samm­lung
3 Link­samm­lung
4 Link­samm­lung
5 »Kern des An­ge­bots ist ei­ne Mi­schung aus Mi­cro­blog und au­dio­vi­su­el­ler Platt­form. Nut­zer kön­nen ih­re Fo­tos und Vi­de­os be­ar­bei­ten und mit Fil­tern ver­se­hen.« [Link­samm­lung]
6 »Ein­mal am Tag wer­den al­le Be­nut­zer gleich­zei­tig zu ei­ner täg­lich wech­seln­den Uhr­zeit auf­ge­for­dert, in­ner­halb von 2 Mi­nu­ten ein Fo­to so­wohl mit der Front- als auch der Haupt­ka­me­ra des Mo­bil­te­le­fons auf­zu­neh­men. Die­se Fo­tos kön­nen (und sol­len) nicht be­ar­bei­tet wer­den, um den Be­nut­zer so „re­al“ wie mög­lich dar­zu­stel­len.« [Link­samm­lung]
7 Z.B. im Buch »Sze­ni­sche Metaphysik«
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Sollen sie doch Heuschrecken essen!

Gedankenfragmente zum Beitrag »Wir werden eben Nüsse suchen oder sowas« von Charlotte Szász in der FAZ v. 2·XI·22, einem kurzen Bericht zur vom „Zentrum für postkantische Philosophie“ der Universität Potsdam veranstalteten Tagung „Politik der Natur“ in Berlin.

Ers­ter Ab­satz, »Wir be­fin­den uns[…]« Ja, was denn nun? Be­herr­schen wir die Na­tur oder zwingt sie uns? Und wenn wir sie »qua­si beherrsch[.]en«, wie kommt die Na­tur da­zu ei­ne ei­ge­ne Dy­na­mik an den Tag zu le­gen und die »Prä­mis­se [ih­rer] Vor­her­seh­bar­keit« zu un­ter­mi­nie­ren? Frech­heit! Und dann legt sie auch noch die­se »ei­ge­ne Dy­na­mik an den Tag, für die der Mensch ver­ant­wort­lich ge­macht wird« Mit Ver­laub: Hä?

Der Satz will mir Sinn ge­ben, wenn Mensch als Teil der Na­tur auf­ge­fasst wird. Wenn wir al­ler­dings ein sol­cher sind, wer­den wir wohl kaum uns selbst be­herr­schen kön­nen. Auf die Idee kam, me­ta­pho­risch, schon ein ge­wis­ser Herr Münch­hau­sen, der be­haup­te­te, sich selbst an den Haa­ren aus dem Sumpf ge­zo­gen zu ha­ben. Samt Pferd, so­weit mir be­kannt. Und wer die »dy­na­mi­sche Sub­stanz der Na­tur zu be­grün­den« sucht will sie ja wohl letzt­lich, ganz im Kolonialist*n‑Stil, be­herr­schen, der Vor­her­sag­bar­keit we­gen. Und un­ser pro­ak­ti­ves Han­deln als auch un­ser re­agie­ren­des Ver­hal­ten, al­so un­ser ge­sam­tes Agie­ren, ver­än­dert nun mal das Gan­ze, die Har­mo­nie, wie wir sie se­hen (und viel­leicht nur wir; sieht ein Hund ir­gend­wel­che Har­mo­nie?), mit­hin in­klu­si­ve. Dass die Na­tur har­mo­nisch sei ist ein An­nah­me, die ich mal in un­se­rer Mu­si­ka­li­tät ver­or­ten wür­de und die­ses Kon­zept schon mit Platons Sphä­ren­mu­sik auf das Ge­sche­hen, in das wir nicht nur in­vol­viert sind, son­dern als mäch­ti­ge Ak­teu­re mit­ge­stal­ten, über­tra­gen wur­de. Und wer als Mensch in sich selbst, mit­hin nicht nur in sei­ne, son­dern der Na­tur als sol­cher, hin­ein­sieht, wird fest­stel­len: Al­les Rhyth­mus. Wes­we­gen Mensch wohl auf die Idee kam, es gä­be Re­geln. We­gen re­gel­mä­ßig, und so.

»Gleich­zei­tig ist auch die men­schen­ge­mach­te Kul­tur, als Ge­gen­teil[…]« Das nun wie­der ty­pisch christ­lich-FAZ-ko­lo­nia­lis­ti­sches, mit­hin, Herr Nietzsche, nicht wahr, all­zu­mensch­li­ches Ver­ständ­nis des Men­schen, der sich Na­tur mit­tels Kul­tur un­ter­tan ma­chen möch­te. Im­mer­hin er­scheint im Kon­text die­ses zwei­ten Ab­sat­zes das Wort »frag­lich« und, end­lich, wes­halb nicht gleich zu An­fang: »kann die dua­lis­ti­sche Tren­nung von Na­tur und Kul­tur nicht mehr auf­recht er­hal­ten wer­den«. Kei­ne In­di­ge­nen, ob al­pen­län­di­sche Berg­bäue­rin­nen oder in den Un­tie­fen bra­si­lia­ni­scher Ur­wäl­der kul­tu­rende Män­ner brau­chen ei­ne «post­kan­ti­sche Phi­lo­so­phie« um zu die­ser Ein­sicht zu ge­lan­gen. Das Aus­ge­setzt­sein in und der Na­tur, und so auch in und der ei­ge­nen, reicht da völ­lig. Raum und Zeit für die nö­ti­ge Re­fle­xi­on bie­tet da wohl al­lein schon die kur­ze Pau­se beim Heu­en oder der Blick ins Feu­er in der Nacht.

»Wir ha­ben Sa­chen an­ge­sto­ßen, über die wir die Kon­trol­le ver­lo­ren ha­ben.« So kann man das frei­lich se­hen, wenn man sich als Krö­nung der Schöp­fung und über der Na­tur ste­hend ver­or­tet. Was nun, in­des, wenn das, was wir tun, Teil des Na­tur­ge­sche­hens ist, wie auch das gro­ße Fres­sen der Di­no­sau­ri­er, in ih­rer un­er­sätt­li­chen Gier, ih­rer Grö­ße ge­schul­det, wohl auch zu ih­rem Aus­ster­ben bei­getra­gen hat? Frei­lich fällt es schwer sich vor­zu­stel­len, Dinosaurier*innen wä­ren selbst­re­fle­xiv ge­we­sen. Doch mal an­ge­nom­men, das Spiel sei er­laubt, sie hät­ten es ge­konnt: Wä­ren sie je auf die Idee ge­kom­men, sie hät­ten mit ih­rer Fres­se­rei et­was an­ge­fan­gen, über das sie die Kon­trol­le ver­lo­ren hät­ten? Und ab­ge­se­hen da­von: Wer Kon­trol­le ver­liert, muss sie zu­vor ha­ben. Und Mensch als sol­cher mag ob dem Acker- und Ka­nal­bau, der Atom­spal­tung, der Raum­fahrt u. dgl. m. mei­nen, es kon­trol­lie­re ir­gend­was. Letzt­lich ist es nur am Spie­len und, ein ge­wis­ser J. aus N. soll das als be­rühm­te letz­te Wor­te wohl ge­äu­ßert ha­ben, wis­se gar nicht, was es tut. Wer nicht weiß, was sie tut, kann auch kei­ne Kon­trol­le ver­lie­ren. Er hat sie ja gar nicht. Denn dann wüss­te sie, was er tut. Und wer weiß, was sie tut, wird Hand­lun­gen un­ter­las­sen, die ihm scha­den. Al­les an­de­re wä­re pu­re Dummheit.

Der zwei­te Ab­satz en­det mit der Fra­ge: »Was will die Na­tur?« Die Fra­ge ist wohl ei­ne pan­theïs­ti­sche und hin­ter ihr steht die al­te Idee ei­nes per­so­na­len Got­tes. Der Na­tur ein Wol­len zu un­ter­stel­len ist denn auch wie­der so ei­ne mo­no­theïs­tisch-ko­lo­nia­lis­ti­sche Grund­hal­tung, wie die­se eben auch das, was mit „Gott“ be­zeich­net wird, ei­nen Wil­len un­ter­stellt — um den ei­ge­nen zu recht­fer­ti­gen. Das „Dein Wil­le ge­sche­he“ im Va­ter­un­ser be­deu­tet für den in­na­tu­rier­ten Men­schen schlicht nichts an­de­res als: „Mein Wil­le ge­sche­he“. Schopenhauer und Nietzsche las­sen herz­lich grüßen.

Drit­ter Ab­satz, da wird jetzt ge­holzt. »[S]äkulare Na­tur­phi­lo­so­phie«? Noch­mal mit Ver­laub: Im Kon­text des Bei­trags klingt das völ­lig lä­cher­lich. Mich deucht eher: Wo Kul­tur, da ist auch im­mer ein Kle­rus. Meis­tens ist wohl der all­zu­mensch­li­che Wil­le zum Glau­ben an sich selbst die trei­ben­de Kraft, Kul­tur sprie­ßen zu las­sen. Das wird sich seit Prometheus nicht groß ge­än­dert ha­ben. Und in die­sem Ab­satz nun taucht der Ter­mi­nus »gott­lo­se[.] Na­tur­wis­sen­schaft[..]« auf. Oben ist vom Wil­len der Na­tur und von pri­mor­dia­ler Vor­her­sag­bar­keit der­sel­ben die Re­de. Ja, um Him­mels Wil­len, wie kann den Na­tur­wis­sen­schaft be­trie­ben wer­den, wenn nicht der Na­tur ein Ziel un­ter­stellt wird? Wie man „Gott“ ger­ne Zie­le un­ter­stellt, um Theo­lo­gie be­trei­ben zu kön­nen. Die gan­ze Na­tur­wis­sen­schaft mäch­te gar kei­nen Sinn, wenn ihr nicht ei­ne Te­leo­lo­gie un­ter­stellt wird, denn oh­ne ei­ne sol­che wä­re die Haupt­auf­ga­be der Na­tur­wis­sen­schaft, Na­tur­ge­sche­hen vor­her­zu­sa­gen, um den ge­styl­ten Men­schen vor der wil­den Na­tur zu ret­ten, ja gar nicht mög­lich, nicht wahr. So be­trach­tet ist die Na­tur­wis­sen­schaft al­les an­de­re als gott­los. Sie nennt ih­ren Gott nur ein­fach: Lo­gik. Oh, Ver­zei­hung, Ra­tio­na­li­tät, na­tür­lich. (Für wel­che sich die FAZ in den Au­gen des Ver­fas­sers die­ser herä­ti­schen Zei­len ja ge­ra­de­zu be­ru­fen fühlt, ob von Gott oder der Mensch­heit, weiß ich jetzt auch nicht. Ist ja al­ler­dings auch nicht Thema.)

Die Fra­ge »Soll man die Aut­ar­kie der Na­tur stark ma­chen oder der De­na­tu­ra­li­sie­rung der Na­tur ins Au­ge bli­cken?« fin­det sich im vier­ten Ab­satz. Was, bit­te, soll die­se Fra­ge be‑, al­so an­deu­ten, wor­auf will sie hin­deu­ten? Ge­währt der Mensch der Na­tur et­wa Aut­ar­kie? Oh, wie groß­zü­gig! Na­tur, lasst es euch ge­sagt sein, ist al­lei­ne groß. Sie be­darf der Sor­ge des Men­schen nicht. Und so ge­se­hen, ist es dem Men­schen als Mensch­heit of­fen­bar mög­lich, Na­tur zu De­na­tu­ra­li­sie­ren. Aha. Er mag die mit ihm in die Welt ge­kom­me­ne Kul­tur de­kul­tu­ra­li­sie­ren kön­nen und al­so ver­kom­men las­sen (und wenn man sich ge­wis­se Her­ren und wohl auch Da­men des Cha­rak­ters ei­nes ge­wis­sen Herrn P. aus M. so an­sieht, ist der Ge­dan­ke die­ser Macht ein­zel­ner Men­schen über die Mensch­heit wohl nicht all­zu­weit her­ge­holt) — doch die Na­tur ih­res We­sens ent­he­ben? Mit Ver­laub: Da ent­hebt sich der Mensch dann wohl sei­ner selbst und wird: un­mensch­lich. Und das ist ziem­lich unnatürlich.

Fünf­ter und sechs­ter Ab­satz, zur Po­li­tik. Po­li­tik ist ei­ne Kul­tur­leis­tung des Men­schen, es meint die Kunst, in ei­ner Po­lis so zu hau­sen, dass es zum Woh­nen wird. (Man mag über Heidegger den­ken was man will, doch sol­che For­mu­lie­run­gen sind doch ehr­lich herr­lich, oder?) Po­lis nun ist kei­ne Kul­tur­leis­tung, son­dern schlicht ein Phä­no­men des So­zia­len im Men­schen, das na­tür­lich in ihn hin­ein­ge­legt wur­de — ha­ha, der Schrei­ber ist nun selbst auf die Ver­su­chung ei­ner wol­len­den Na­tur her­ein­ge­fal­len, die da dann ir­gend­was in den Men­schen hin­ein­ge­legt hät­te. Viel­mehr ist es dann doch wohl so, dass das So­zia­le zur Na­tur des Men­schen und auch zu so manch an­de­ren Tie­ren ge­hört. Und es sind ja nun nicht nur Men­schen, die sich in Po­li­cen (Das ist ein Witz! Ver­si­che­rung; Mensch, un­si­cher, ver­ste­hen Sie?) zu­sam­men fin­den, Ter­mi­ten ma­chen das auch. Und Erd­männ­chen (samt Weib­chen, frei­lich; der Art­erhal­tung we­gen, sehr na­tür­lich). Was nun al­ler­dings, zu­rück zum The­ma, Kul­tur ist, ist das Wie, die Kunst im Sin­ne von be­fä­hi­gen­dem Kön­nen, die­ses so­zia­len Zu­sam­men­kom­mens. Es gibt al­so wohl Kul­tu­ren der Po­lis, die recht un­ter­schied­lich auf­tau­chen kön­nen. Und die­se Kul­tu­ren un­ter­schei­den sich dann auch noch in den Er­schei­nungs­for­men von den in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen hoch­ge­lob­ten Fa­mi­lie (hier ge­zählt ab zwei Per­so­nen) bis zu pro­gres­siv an­mu­te­ten Größt­städ­ten. Doch es sei ein­ge­dacht: Die­se Kunst, téch­ne im Alt­grie­chi­schen, hier la­ti­ni­siert ge­setzt, ge­hört zum na­tür­li­chen Re­per­toire des Men­schen. Man mag nun po­li­tisch da­zu kom­men, der Mensch tra­ge da­für auch die Ver­ant­wor­tung, mit­hin für al­les, was Kul­tur her­vor­bringt. Doch, ehr­lich: Tut er das? Letzt­lich doch wohl nur, wenn er sich hy­bri­sant über die Na­tur stellt. Un­ter­lässt er dies, er­liegt er die­ser Ver­su­chung nicht, braucht er sich über Ver­ant­wor­tung auch kei­nen Kopf zu machen.

Doch, es ist wohl eben schon seit Prometheus’ Zei­ten für den Men­schen zu spät. Es gin­ge ja viel­leicht doch wohl an, der Mensch sei da­zu da, sein Ha­bi­tat schnellst­mög­lichst zu zer­stö­ren, auf dass er sich auf­ma­chen müs­se, pflicht­en­gleich, in fer­ne Wel­ten, Ga­la­xien, die nie ein Mensch zu­vor ge­se­hen hat. Wohl­an, die­ser Akt ret­te die Mensch­heit! Na­tür­lich ist es dann so, das mensch­li­che Kul­tur die al­ler­höchs­te ist und der Rest des Uni­ver­sums in die­sem Sin­ne zu ko­lo­ni­sie­ren ist — wir sind ja al­le gleich, nicht wahr, des Uni­ver­sal­frie­dens we­gen. Ach Mensch, Dei­ne na­tür­li­che Kul­tur macht Dich zu nichts an­de­rem als zu ei­ner Pla­ge. Doch wohl­an, „Gott“ er­schuf dies al­les und hat sich ja wohl da­bei was ge­dacht! Und wir wis­sen zwar noch nicht wo­zu Heu­schre­cken­schwär­me gut sein sol­len, doch wir wer­den es ir­gend­wann wis­sen. Flei­scher­satz? Ja, dann hur­tig ein für die Vie­cher güns­ti­ges Kli­ma schaf­fen und sie die letz­ten Res­te kahl­fres­sen las­sen, so ge­mäs­tet ein­fan­gen mit al­ler­lei tech­ni­schem Ge­rät und dann: Ver­spei­sen. Oder als platz­spa­ren­de Nah­rung für Raumfahrer*n ver­wurs­ten. Man muss ja gu­cken, dass man wegkommt.

Zum letz­ten Ab­satz des Zei­tungs­be­rich­tes er­lau­be ich mir zu kom­men­tie­ren: Die na­tür­li­che Kul­tur des Men­schen bie­tet auch die Be­din­gung zur Mög­lich­keit sich in der Kunst der Un­ter­las­sung zu üben.

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Jaspers Geist

Karl Jaspers: Vom europäischen Geist. Über Achtung und Freundschaft.

Ein gu­ter Freund hat mir die ge­druck­te Ver­si­on – ein merk­wür­di­ges Ge­fühl, ein Büch­lein in der Hand zu hal­ten, das 1947 in Nörd­lin­gen ge­druckt und in Mün­chen her­aus­ge­ge­ben wur­de; als hiel­te man Ge­schich­te in den Hän­den – ei­nes Vor­tra­ges von Karl Jaspers im Jahr 1946 zu­kom­men las­sen: »Vom eu­ro­päi­schen Geist«. Ein ge­halt­vol­ler Text, den Jaspers da ge­setzt hat. Sehr be­den­kens- und mehr­ma­li­ger Lek­tü­re wert, und sei­en es nur ein­zel­ne Ka­pi­tel. Da ist so man­ches zu le­sen und das nun aus ei­ner Per­spek­ti­ve, die die An­nah­men, die dort ge­macht wur­den, prü­fen kann. Sehr auf­schluss­reich, wie ich finde.

Vor dem ers­ten Welt­krieg galt die Ge­mein­schaft der eu­ro­päi­schen Na­tio­nen, die Ein­heit Eu­ro­pas als selbst­ver­ständ­lich. Es er­scheint uns wie ei­ne pa­ra­die­si­sche Zeit, als man oh­ne Paß aus Deutsch­land nach Rom fuhr und nur die Merk­wür­dig­keit fest­stell­te, daß, wenn man nach St. Pe­ters­burg fah­ren woll­te, man ei­nen Paß brau­che. (S. 5)

Die­se Be­trach­tung hier be­schäf­tigt sich nicht mit die­sem In­halt son­dern gibt ei­nen Ge­dan­ken wie­der, der bei der Lek­tü­re auf­tauch­te, und be­ginnt mit ei­nem „Al­ler­dings“: Die gro­ße Hür­de mei­nes Zu­gangs zu Jaspers sind des­sen Re­den von Gott, sein für mich et­was sehr un­durch­sich­ti­ges Ver­hält­nis zum Chris­ten­tum, und sei­ne Idee vom „lie­ben­den Kampf“. Es mag ein span­nungs­rei­ches Oxy­mo­ron sein, gut ge­meint, dem Men­schen in Sum­ma ge­recht wer­dend. Doch mir ge­fällt es nicht; ich den­ke: Wie kann man Krieg in ei­nen sol­chen Eu­phe­mis­mus set­zen? Ist das nicht et­was na­iv? Oder, in An­be­tracht der Jah­res­zahl des Druck­werks: Aus­druck ei­ner Ver­zweif­lung? Ein Ver­such das Gu­te im und des Men­schen ret­ten zu wol­len, und das im An­ge­sicht der phy­si­schen wie psy­chi­schen Trümmerhaufen?

Statt ei­nes Got­tes — wo­mit ich ei­nen hö­he­ren Wil­len im­pli­ziert se­he — ver­langt mir nach et­was wie „hei­li­ge Of­fen­heit“. Statt „lie­ben­den Kampf“ möch­te ich so et­was wie ein „wohl­wol­len­des, ver­bin­den­des Spiel“ se­hen. Und statt der „Lie­be“ – ein von Jaspers auch ger­ne ge­brauch­tes Wort, wie mich dünkt – schließ­lich, je­ner so schreck­lich über­la­de­nen Be­griff­lich­keit, die eben des­halb nicht mehr zu ver­ste­hen ist und in sei­ner Viel­deu­tig­keit nichts­sa­gend wird, wä­re mir die Re­de von „ach­ten­der Freund­schaft“ wün­schens­wert. Was ein Pleo­nas­mus wä­re, der da dem Oxy­mo­ron ent­ge­gen­ge­stellt wird.

De­ren dia­lek­ti­sches Ge­gen­stück mit­nich­ten die „ver­ach­ten­de Feind­schaft“ ist, son­dern hier mir ei­ne „gleich­gül­ti­ge Zu­ge­wandt­heit“ er­stre­bens­wert scheint und un­ter Men­schen – man kann ja nicht al­le mö­gen und von al­len ge­mocht wer­den – wohl un­aus­weich­lich. Ein Mensch, der nicht ge­ach­tet wird, wird so nicht ver­ach­tet, wenn er nicht be­ach­tet wird. Er soll, aus gu­ten per­sön­li­chen und pri­va­ten Grün­den wün­schens­wert, halt nur für’s ei­ge­ne Da­sein kei­ne Rol­le spielen.

Zu­wei­len ein sehr schwie­rig zu rea­li­sie­ren­der Anspruch.

Ver­ach­tung und Feind­schaft sind da­ge­gen sim­pel, die Lie­be al­ler­dings hal­te ich da für verlogen.

Der An­spruch der Frei­heit ist da­her, nicht aus Will­kür, nicht aus blin­dem Ge­hor­sam, nicht aus äu­ße­rem Zwang zu han­deln, son­dern aus ei­ge­ner Ver­ge­wis­se­rung, aus Ein­sicht. Da­her der An­spruch, selbst zu er­fah­ren, ge­gen­wär­tig zu ver­wirk­li­chen, aus ei­ge­nem Ur­sprung zu wol­len durch Su­chen des An­kers im Ur­sprung al­ler Din­ge. (S. 10)

Wer sich dem Selbst­sein (ganz un­iro­nisch sei schon hier, dem nächs­ten Zi­tat vor­grei­fend, dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ „Uni­kat“ steckt) ver­wei­gert (al­so: sei­nem Lei­den und des­sen Über­win­dung, d. i. Exis­tenz), und so (es hie­ße, sich sei­ner Exis­tenz be­rau­ben zu müs­sen) das Lei­den ver­nich­ten will (z. B. durch Preis­ga­be des in­di­vi­du­el­len Selbst in ei­ne Her­de Unselbst(ändiger)iger, Un­mün­di­ger, an­ge­führt von ei­nem ir­rea­len, ideo­lo­gi­schen, kol­lek­ti­schen, über­grif­fig al­les ver­ein­nah­men wol­len­den „Über­selbst“, das al­le Schuld für’s je ei­ge­ne Lei­den auf all je­ne An­de­ren lädt, die sich ei­ner sol­cher Ideo­lo­gie nicht un­ter­stel­len wol­len, ihr nicht die­nen wol­len, die, die sich der Ver­skla­vung durch eit­le Dumm­heit wi­der­set­zen), kann von mei­ner Sei­te her nichts Bes­se­res er­war­ten als mür­ri­sche In­dif­fe­renz, im Schlech­tes­ten ent­nerv­te Ab­ge­wandt­heit. Das Übel nur: Die­se Ges­ten wer­den von je­nen – für mich letzt­lich: eben auch, nicht nur, selbst­ver­schul­det Elen­den, Mi­se­ra­blen – nicht ver­stan­den. Denn, oh ihr blin­den Que­ren, ihr ver­blen­de­ten Ver­schwö­rungs­gläu­bi­gen und al­le de­ren An­ver­wand­te, al­so all ihr Fröm­meln­den, gleich wel­chen Glau­bens: Ihr schafft euch selbst die Welt, die ihr nicht wollt. Die ihr ver­ach­tet. Doch ihr seid of­fen­bar der­art da­mit be­schäf­tigt, eu­er per­sön­li­ches Lei­den zu ver­nich­ten, dass ihr den Blick auf je­ne, die euch be­nut­zen für ih­re ei­ge­ne Ver­nich­tung ih­res per­sön­li­chen Lei­des, mit ei­ner ro­sa­ro­ten Bril­le ver­klärt, zu Wis­sen­den er­hebt und so blind in eu­er selbst ge­schaf­fe­nes Un­glück lauft. Frei­lich be­rauscht vom Mor­phi­um des Glücks­ge­fühls, nun end­lich was zu gel­ten in die­ser Welt, Be­scheid zu wis­sen, be­ach­tet zu wer­den, wenn auch nur ver­ach­tend. Der Ka­ter wird furcht­bar, ihr wer­det es wohl selbst in Er­fah­rung brin­gen — wollen.

Weil der Mensch nur frei sein kann, wenn sei­ne Mit­men­schen frei sind, muß er die sich iso­lie­ren­de, kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­se Frei­heit ver­wer­fen. Über­all, und auch in Eu­ro­pa, gab es das Aus­bre­chen der ein­zel­nen als Ere­mi­ten, Phi­lo­so­phen, Hei­li­ge, die, von der Welt nicht mehr be­trof­fen, ei­ne ho­he, be­wun­de­rungs­wür­di­ge per­sön­li­che Sou­ve­rä­ni­tät er­ran­gen. Aber kon­kre­te Frei­heit er­wächst nur im Mit­ein­an­der als Ver­wand­lung des Men­schen mit sei­ner Welt. (S. 14)

Doch wie ge­sagt: An­spruchs­voll. Stets lockt der ein­fa­che Weg der Ver­ach­tung. Dies letzt­lich die Spie­ge­lung des­sen, was mir da – wo­mög­lich aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den und den­noch nicht ak­zep­ta­bel und to­le­rier­bar – ent­ge­gen­ge­bracht wird von sol­cher­lei mir un­er­wünsch­ten Cha­rak­te­ren: die „dunk­le Sei­te der Macht“.

Der phi­lo­so­phisch erns­te Eu­ro­pä­er steht heu­te vor der Ent­schei­dung zwi­schen ent­ge­gen­ge­setz­ten phi­lo­so­phi­schen Mög­lich­kei­ten. Will er in die Be­schrän­kung fi­xier­ter Wahr­heit, der am En­de nur zu ge­hor­chen ist — oder will er in die gren­zen­los of­fe­ne Wahr­heit? (S. 30)

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Indie-Genialität

Andreas Weber: Indigenialität. Ein paar Gedanken zu etwas zutiefst Menschlichem.

Als Re­zen­si­on zu u.g. Buch des Dr. phil. und als Schrift­stel­ler und Jour­na­list so­wie als Hoch­schul­do­zent tä­ti­gen Au­tors An­dre­as We­ber kann die­ser Bei­trag wohl nicht an­ge­se­hen wer­den. Viel­mehr ist er ein Pro­to­koll ei­nes Ge­dan­ken­gan­ges, zu dem die Lek­tü­re des Tex­tes an­ge­regt hat.

Den In­halt des Bu­ches möch­te ich ger­ne mit „Was Sie schon im­mer über Weis­heit wis­sen woll­ten, aber nie zu fra­gen wag­ten.“ il­lus­trie­rend zu­sam­men­fas­sen. Das Buch kam mir manch­mal et­was arg pan­psy­chis­tisch, ir­gend­wie welt­fremd, ir­gend­wie eso­te­risch, viel­leicht für man­che auch schlicht­weg kin­disch, da­her. Und so hat­te ich mich in die­sen Mo­men­ten zu er­in­nern, dass es der Mensch ist, der den Din­gen Psy­che, See­le, Sub­jek­ti­vi­tät, al­so In­ner­lich­keit, zu ge­ben ver­mag und die­se selbst sie nicht ha­ben müs­sen. Dar­an ist nichts falsch, ge­nau­so we­nig wie dar­an et­was nur rich­tig ist. Die Fra­ge nach der Sinn­haf­tig­keit ei­nes sol­chen Den­kens, ei­ner sol­chen Welt­an­schau­ung, ei­ner sol­chen Hal­tung, ist zu stellen.

Die Ant­wort auf ei­ne sol­che Fra­ge ist ei­ne öko­lo­gi­sche und kei­ne öko­no­mi­sche und gip­felt schließ­lich in der al­ten phi­lo­so­phi­schen Fra­ge nach dem Glück des Men­schen als In­di­vi­du­um ge­nau­so wie die nach dem Glück der Men­schen als Spe­zi­es. Das, manch’ Glau­ben nun fol­gend, da­von ab­hängt mit wel­chem Glück er über die Na­tur ob­wal­tet, die ihm zu be­herr­schen auf­ge­ge­ben wur­de, die er sich zum Un­ter­tan ma­chen sol­le – in den Wor­ten des Au­tors könn­te ge­sagt wer­den: Die zu ko­lo­nia­li­sie­ren Mensch von hö­he­rer Macht be­auf­tragt wur­de. Bzw. er sich da­zu be­ru­fen fühlt, sich selbst (als) hö­he­re Macht ge­bend. Die­se Per­spek­ti­ve kann öko­no­misch ge­nannt wer­den, die des Ge­gen­ein­an­ders, der Kon­kur­renz um Gü­ter, der Angst vor Man­gel und Tod. Die Öko­lo­gi­sche ist die der Ge­gen­sei­tig­keit, der »Ge­mein­gü­ter­wirt­schaft«, der Freu­de am Ge­nü­gen und am Leben.

Der Ge­dan­ke der Ge­gen­sei­tig­keit des Men­schen mit ei­ner be­leb­ten Na­tur – wo­zu auch Stei­ne zu zäh­len sind – durch­zieht den gan­zen Text. Stets mach­te er mich dar­auf auf­merk­sam, Na­tur und Kul­tur nicht in ei­ner Geg­ner­schaft, son­dern in ei­ner All­men­de, ei­ner Ver­sor­gung auf Ge­gen­sei­tig­keit ba­sie­rend, zu ver­ste­hen. Kul­tur ge­hört zur mensch­li­chen Na­tur, der Mensch ge­hört zur Na­tur, mit­hin ist An­thro­po-Kul­tur als Na­tur auf­zu­fas­sen. Ein für mich äu­ßerst sym­pa­thi­scher Gedanke.

Der mich zum Sin­nie­ren brach­te. In­wie­weit ist ein sol­ches Ge­gen­sei­tig­keits­prin­zip in der Po­li­tik, na­ment­lich des­sen, was im All­ge­mei­nen mit De­mo­kra­tie be­zeich­net wird, an­wend­bar? Ver­ste­hen wir Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on nicht mehr als ei­ne Geg­ner­schaft, de­ren Sinn dar­in be­steht, den an­de­ren, die Po­si­ti­on, zu be­sie­gen, al­so mit ei­ner ge­ne­rel­len Ko­lo­nia­li­sie­rungs­idee. Son­dern in ei­ner Ge­gen­sei­tig­keit, de­ren Sinn dar­in be­steht, den an­de­ren, die Po­si­ti­on, auf­zu­klä­ren. Wie sä­he dann das Wech­sel­spiel der Mäch­te in ei­ner De­mo­kra­tie aus?

Zu­nächst ein­mal ist der Preis der Macht, des Re­gie­rens, der Po­si­ti­on, die der Auf­klä­rung durch die Op­po­si­ti­on, die ach­tungs­voll hin­zu­neh­men ist. Op­po­si­ti­on er­hellt das Trei­ben der Re­gie­ren­den und stellt so­mit für die Wäh­ler­schaft die Fra­ge: „Wollt ihr das?“ Vor­nehm­lich die­se Auf­ga­be soll­te in ei­ner all­men­die­ren­den De­mo­kra­tie die der Op­po­si­ti­on sein. Kon­rad Ade­nau­er for­mu­lier­te es so:

Ich hal­te ei­ne gu­te Op­po­si­ti­on in ei­nem Par­la­ment für ei­ne ab­so­lu­te Not­wen­dig­keit; oh­ne ei­ne wirk­lich gu­te Op­po­si­ti­on ent­steht Stick­luft und Unfruchtbarkeit.

Wil­ly Brandt fass­te es noch kürzer:

Mehr De­mo­kra­tie wagen.

Frei­lich ge­hört zu ei­ner frucht­ba­ren Op­po­si­ti­on – »Frucht­bar­keit« ist im Üb­ri­gen auch im Buch ein Wort, das mir auf­ge­fal­len ist – nicht nur zu me­ckern, son­dern ei­ne Al­ter­na­ti­ve für die­ses po­si­tio­nel­le Tun auf­zu­zei­gen. Und da­für zu wer­ben, die­sen an­de­ren Weg doch zu ge­hen mit dem Re­gie­rungs­auf­trag an die ak­tu­el­le Op­po­si­ti­on durch die Wäh­ler­schaft bei der nächs­ten Wahl.

Wo­mit die Sei­ten ge­wech­selt wer­den und nun je­ne, die es an­ders ma­chen wol­len, im Licht der Auf­klä­rung durch die neue Op­po­si­ti­on ste­hen, die vor­mals die Po­si­ti­on ver­tra­ten. Op­po­si­ti­ons­ar­beit ist so nicht Mist, son­dern ein Ga­rant für die Gü­te des Re­gie­rens. So ent­steht ei­ne Ge­gen­sei­tig­keit. Um nicht zu sa­gen: ei­ne Fürsorge.

Nun sind hier Wor­te ge­fal­len, »Al­ter­na­ti­ve«, »die­sen an­de­ren Weg«, die die Her­zen man­cher Gesell*n, vor­nehm­lich am mehr oder we­ni­ger po­pu­lis­ti­schen rech­ten Rand, wo­mög­lich hö­her schla­gen las­sen. Die Na­tür­lich­keit ih­res Tuns näm­lich als hin­rei­chend be­grün­det an­zu­se­hen und nun zu sa­gen: „Ja! Ge­nau das ma­chen wir ja! Das ist ge­sun­der Men­schen­ver­stand, das ist vernünftig!“

Mit­nich­ten.

Op­po­si­ti­on be­deu­tet stets, ei­nem wirk­lich an­de­rem Kon­zept zu fol­gen, das sich aus ei­ner an­de­ren Hal­tung er­gibt und so über­haupt erst ein­mal in die La­ge ver­setzt zu wer­den, Auf­klä­rungs­ar­beit zu leis­ten. Um es räum­lich zu for­mu­lie­ren: Re­giert ei­ne ‚rech­te‘ Welt­auf­fas­sung, ist ‚rechts‘ Po­si­ti­on, ist ei­ne noch ‚rech­te­re‘ kei­ne Op­po­si­ti­on da­zu. Ei­ne ‚lin­ke‘ Hal­tung ist da­zu in Op­po­si­ti­on zu set­zen, nichts an­de­res, will das Wort „Op­po­si­ti­on“ der Be­deu­tung, die ich ihm hier ge­ben möch­te, ge­recht werden.

Ver­su­chen wir es mit Far­ben, in ei­nem ge­wis­sen Sin­ne das Kom­ple­men­tär­prin­zip der Ge­gen­sei­tig­keit auf­zei­gend: Noch schwär­zer, bis ins Braun fal­lend (was nun frei­lich nur et­was ver­deut­li­chen soll), ist kei­ne Ge­gen­sei­tig­keit, son­dern Ein­sei­tig­keit. Die Op­po­si­ti­on zu schwarz, das Kom­ple­men­tär eben, ist weiß, in die­sem Ge­dan­ken­gang. Und frei­lich gilt auch hier: Bei ei­ner wei­ßen Po­si­ti­on ist das noch wei­ße­re kei­ne Op­po­si­ti­on, son­dern eher Blen­dung. Wie das noch schwär­z­e­re als Ver­dun­ke­lung an­ge­se­hen wer­den kann. Bei­des trübt die Klar­heit ein.

Der Grund­ge­dan­ke ei­ner all­men­die­ren­den De­mo­kra­tie ist nicht Macht, son­dern Ver­ant­wor­tung. Ver­ant­wor­tung auch da­für, dass das Prin­zip der Ge­gen­sei­tig­keit auf­recht er­hal­ten wird.

Ei­ne Auf­wei­chung die­ses Prin­zips, in­dem schwarz und weiß sich zu ei­nem grau ver­ei­ni­gen, ver­dun­kelt das Re­gie­rungs­ge­sche­hen. Die Kraft, die nun noch op­po­si­tio­nell wir­ken kann und so­gar muss, will das Prin­zip ge­ret­tet wer­den, ist die Öf­fent­lich­keit. Die Me­di­en, die Bür­ger selbst, gar. So wer­den je­doch die Me­di­en und die Bür­ger in das Macht­spiel hin­ein­ge­zo­gen und letzt­lich zum Geg­ner der Re­gie­rung, den es zu be­sie­gen gilt. Die Me­di­en ver­lie­ren so ih­ren Sta­tus, über das Ge­sche­hen in ei­ner all­men­die­ren­den De­mo­kra­tie zu be­rich­ten, auch kom­men­tie­rend. Auf dass der Wäh­ler­schaft klar wer­den kann, ob die ak­tu­el­le Kon­zep­ti­on noch trägt oder durch ei­nen Wech­sel der Spiel­rol­len das Prin­zip der po­li­ti­schen All­men­de auf­zu­fri­schen ist. In Er­in­ne­rung ge­ru­fen wer­den soll.

Die Me­di­en ver­lie­ren den Sta­tus neu­tra­ler, re­flek­tie­ren­der Be­ob­ach­ter, die Bür­ger­schaft ver­liert den Sta­tus der Frei­heit. Weil je­ne, die in Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on be­auf­tragt wur­den, für eben je­ne Frei­heit von Macht­kämp­fen der Bür­ger­schaft zu sor­gen, da­mit die­se für sich sor­gen kann, ver­sa­gen. Sinn der Re­prä­sen­ta­ti­on ist es, statt selbst kämp­fen zu müs­sen, po­li­ti­sche Ak­teu­re zu be­auf­tra­gen, mit de­mo­kra­ti­schem Rin­gen Sor­ge für und um die Ge­sell­schaft zu tra­gen. Und für die Klar­heit zu sor­gen, die es der Wäh­ler­schaft er­mög­licht zu be­ur­tei­len, ob ein Wech­sel in den Spiel­rol­len an­ge­zeigt ist. Ei­ne Klar­heit, die dann durch die Me­di­en ins Land ge­tra­gen wird.

So ent­steht ein Wech­sel­spiel von Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on, das dann eben als Wech­sel­wir­kung Kraft ent­fal­tet; ein Land, ei­ne Ge­sell­schaft, wei­ter­bringt, oh­ne dass da­bei die Sach­the­men, z.B. Kli­ma, Mi­gra­ti­on, sog. Di­gi­ta­li­sie­rung, ver­nach­läs­sigt wer­den. Denn sach­lich, ver­nünf­tig be­trach­tet sind die­se Pro­ble­me kei­ne ei­ner po­li­ti­schen Hal­tung. Son­dern Fra­gen, die wis­sen­schaft­li­ches Trei­ben auf­zu­hel­len ver­mag. Ob die Lö­sun­gen zu die­sen Pro­ble­men mit wei­ßen oder schwar­zen Hand­schu­hen an­ge­gan­gen wer­den, mit ro­ten oder grü­nen, gel­ben oder blau­en,… ist den The­men und wohl auch der Wäh­ler­schaft völ­lig egal: Die Ge­sell­schaft hat sich zu die­sen Pro­ble­men zu verhalten.

Nicht egal dürf­te der Wäh­ler­schaft al­ler­dings sein, mit wel­cher Stim­mung, grund­le­gen­den Hal­tung die Lö­sung die­ser Pro­ble­me an­ge­gan­gen wird. Mit der Wahl von Par­tei­en wird die­se Stim­mung ge­schaf­fen – so denn über­haupt Hal­tun­gen zur Wahl ste­hen und nicht viel­mehr ei­ne, ver­meint­lich kon­ser­va­ti­ve, so laut brüllt, dass die nicht-kon­ser­va­ti­ve er­schro­cken in ei­nen Mu­tis­mus fällt und man so mei­nen könn­te, es gä­be nur die­se, sich ra­tio­nal-prag­ma­tisch ge­ben­de, Stim­me, letzt­end­lich. Und die­se dann ‚wählt‘, auch wenn man sie nicht ha­ben will. Um mit ei­nem sol­chen Pro­test dar­auf auf­merk­sam zu ma­chen, dass die Stim­mung, die Hal­tung, die die Wäh­ler­schaft sich wünscht, nicht er­kenn­bar ist, eben nicht wähl­bar ist. Ei­ne Hal­tung der All­men­de, sicht­bar durch das An­ge­bot, Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on in ei­nem de­mo­kra­ti­schen Par­la­ment in ih­ren Rol­len neu be­set­zen zu können.

Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on, nicht Po­si­ti­on und Re­po­si­ti­on. Und schon gar nicht ei­ne ‚Mit­te‘, die jeg­li­che Po­si­ti­on ver­mis­sen lässt und so­mit Op­po­si­ti­on ver­un­mög­licht. Po­li­tik hat auch die­sen Frei­raum für die Bür­ger­schaft zu schaf­fen, ei­ne ent­spann­te, po­li­tisch un­be­setz­te Mit­te, aus de­ren neu­tra­ler Per­spek­ti­ve her­aus das Trei­ben der sich all­men­die­ren­den De­mo­kra­tie durch die Wäh­ler­schaft be­trach­tet, be­ur­teilt und ge­steu­ert wer­den kann.

Im Üb­ri­gen möch­te ich ab­schlie­ßend noch all je­ne, die sich als Pro­test­wäh­ler ver­ste­hen, da­zu auf­ru­fen, statt frag­wür­di­ge und un­durch­sich­ti­ge Hal­tun­gen zur Macht zu ver­hel­fen, ih­ren Wunsch nach ei­ner frei­en Mit­te durch die Ab­ga­be ei­nes sog. un­gül­ti­gen Stimm­zet­tels zu be­zeu­gen. Ein un­gül­tig ge­nann­ter Stimm­zet­tel heißt nicht, dass die Stim­me un­gül­tig ist, er heißt nur, dass die ab­ge­ge­be­ne und al­so ge­zähl­te Stim­me bei der Zu­sam­men­set­zung des Par­la­ments kei­ne Rol­le spielt.

14% ‚un­gül­ti­ge‘ Stimmzettel
soll­ten die Po­li­tik wohl dar­an er­in­nern kön­nen, dass sie aus Sicht des Sou­ve­räns an ih­rem de­mo­kra­ti­schen Ver­ständ­nis zu ar­bei­ten hat.

Lit.:
We­ber, An­dre­as: In­di­ge­nia­li­tät
Ni­co­lai, Ber­lin 2018. 120 S., 20,00€
(auch als e‑Book erhältlich)

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Zwei Jäger treffen sich im Wald

Anmerkungen zu Zorn, Daniel-Pascal: „Shooting Stars“. Philosophie zwischen Pop und Akademie.

Um es vor­weg zu neh­men: Der Ver­fas­ser die­ser Zei­len hier über oder zu o.g. Ti­tel, im fol­gen­den schlicht „ich“, ist auf’s An­ge­nehms­te über­rascht: Zwei Stun­den er­hel­len­de Lek­tü­re oh­ne aka­de­misch-ela­bo­rier­tes Ge­re­de, son­dern lu­zid und kon­zis vor­ge­tra­ge­ne Per­spek­ti­ven auf das, was als „Po­pu­lär­phi­lo­so­phie“ und das, was als „aka­de­mi­sche Phi­lo­so­phie“ be­zeich­net wird. Ein an­ge­neh­mer Text, der sich vor al­len Din­gen dar­in übt, das im Text Ge­for­der­te selbst zu er­fül­len: Vor­aus­set­zun­gen zu klä­ren. Und das we­der in sim­pli­fi­zie­ren­der po­pu­lis­ti­scher Ma­nier noch in ver­kom­pli­zie­ren­der Eli­tär-At­ti­tü­de. Son­dern in der An­stren­gung, leicht und den­noch prä­zi­se dar­zu­le­gen, um was es (ei­gent­lich) geht. Oder ge­hen sollte.

Auf ei­ne In­halts­an­ga­be sei hier ver­zich­tet und die dar­an In­ter­es­sier­ten auf­ge­for­dert, selbst zu ei­nem Ur­teil zu ge­lan­gen, ist denn ein sol­ches ge­sucht. Und ei­ne Zu­sam­men­fas­sung ei­ner Zu­sam­men­fas­sung hat noch nie zu et­was Bes­se­rem ge­führt. Die­ser, mein Bei­trag will sich ein we­nig mit dem Ge­le­se­nen be­schäf­ti­gen, frei von und frei zu; und vor al­len Din­gen ein­mal be­leuch­ten, wie es im Lich­te der Über­le­gun­gen Zorns um das steht, was als „Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis“ al­lent­hal­ben kur­siert. Kurz drauf­leuch­ten, wir sind ja im Internet.

Vor­ne­weg ist fest­zu­stel­len und das „ich“ bzw. das feh­len­de Heid­eg­ger’sche „man“, in die­sem Bei­trag hier auch zu be­grün­den: D I E Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis gibt es ge­nau­so we­nig wie D I E phi­lo­so­phi­sche Pra­xis oder D I E Phi­lo­so­phie: (»Was ›die Phi­lo­so­phie‹ ist, ist ein phi­lo­so­phi­sches Pro­blem.« (S. 11)). Der Bei­trag ist al­so ein rein sub­jek­ti­ver und er­hebt kei­ner­lei An­spruch auf Allgemeingültigkeit. 

Das Wah­re fin­det sich in der Dif­fe­renz zu et­was An­de­rem, nicht in sich selbst. Des­halb ist die ge­gen­sei­ti­ge Op­po­si­tio­na­li­sie­rung von Po­pu­lär­phi­lo­so­phie und aka­de­mi­scher Phi­lo­so­phie auch so wich­tig und hilf­reich, um her­aus­zu­stel­len, wor­um es Phi­lo­so­phie als sol­cher, un­ab­hän­gig ih­rer Er­schei­nungs­for­men, geht oder zu­min­dest ge­hen soll oder auch soll­te. Frei­lich gin­ge das wohl auch an­ders, ein Win­kel zwi­schen den Po­si­tio­nen reicht ja auch schon aus, um ei­ne Sa­che von min­des­tens zwei Per­spek­ti­ven aus zu be­trach­ten. 180° sind auch mach­bar. „Schau mir in die Au­gen, Kleines.“

Wer schreibt hier? Das ist un­ter Um­stän­den wich­tig, um den Bei­trag ein­ord­nen zu kön­nen. Ich ha­be we­der ein ‚an­stän­di­ges‘ Phi­lo­so­phie­stu­di­um noch ziert mei­nen Na­men ein aka­de­mi­scher Dok­tor-Grad oder über­haupt ir­gend­ei­ne aka­de­mi­sche Aus­zeich­nung. Mich hat ne­ben ei­nem ‚ge­fühl­ten Phi­lo­so­phen in mir‘, des­sen aka­de­mi­sches Exis­tenz­recht die Le­bens­um­stän­de ver­un­mög­licht ha­ben, in der Tat Prechts Buch »Wer bin ich…« und die dar­auf fol­gen­de Lek­tü­re von Ernst Tu­gend­hat, und im fol­gen­den dann Häpp­chen­wei­se He­gel, Kant, Blu­men­berg, … bis hin zu ‚mei­nem‘ Phi­lo­so­phen, ei­nem Bru­der im Geis­te, ei­nem See­len­ver­wand­ten, wie mich deucht, Lud­wig Witt­gen­stein ge­führt. Die in­ten­si­ve Lek­tü­re sei­nes Den­kens und Le­bens be­gin­ne ich nun und bin da­mit min­des­tens die nächs­ten 2 – 3 Jah­re be­schäf­tigt, wenn nicht gar noch viel, viel län­ger — ha­be ich doch mit die­sem Phi­lo­so­phen mei­nen ‚ar­chi­me­di­schen Punkt‘ im Phi­lo­so­phie­uni­ver­sum ent­deckt. Und im Zu­ge die­ser Ent­wick­lung nut­ze ich seit 2015 die Mög­lich­keit, als Gast­hö­rer am In­sti­tut für Phi­lo­so­phie der Uni­ver­si­tät Ko­blenz-Land­au, Cam­pus Land­au wei­len zu dür­fen (Wer­be­block: Ende).

Ich bin nun al­so durch­aus ein Ver­tre­ter je­ner Spe­zi­es, die im Buch auf S. 39 ge­nannt wird. Das mag nun vie­le Leser/innen ver­scheu­chen, denn was will so ei­ner schon sa­gen kön­nen, zu­mal über das höchs­te Gut mensch­li­chen Geis­tes, das Phi­lo­so­phi­sche? Das soll­te doch dann de­nen über­las­sen wer­den, die das stu­diert ha­ben und sich aka­de­misch und/oder pu­bli­zis­tisch nach ein­schlä­gi­gem Stu­di­um da­zu äu­ßern, die al­so wis­sen, wo­von sie spre­chen. Nun denn, Adieu, Dan­ke für den Fisch und macht’s gut. (Ach so, eins noch: Ri­chard Da­vid Precht hat Ger­ma­nis­tik studiert.)

Mei­ne pri­va­te phi­lo­so­phi­sche Pra­xis und auch mei­ne kom­mer­zi­el­le Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis (p und P im Ad­jek­tiv zei­gen die Dif­fe­renz an) fin­det sich in Zorns Es­say auf Sei­te 98:

Phi­lo­so­phie als Auf­merk­sam­keit, als Pra­xis, als ei­ne Wei­se des Den­kens, die das Den­ken an­de­rer und das ei­ge­ne Den­ken ra­di­kal hin­ter­fragt, oh­ne sich zu ver­lie­ren und von die­sem Punkt aus al­les zu ge­win­nen, was die Welt und die Phi­lo­so­phie sein kann – das wä­re ei­ne Möglichkeit.

Nun, Herr Zorn, das wä­re nicht nur ei­ne Mög­lich­keit, das ist ei­ne Mög­lich­keit. Dass die­se Mög­lich­keit nicht von Markt­re­geln oder Aus­bil­dungs­re­geln ab­hängt, da­für rei­chen die­se Zei­len hier wün­schens­wer­ter­wei­se hin. Bes­ser lässt sich mein An­spruch an mei­ne per­sön­li­che Hal­tung, als auch an mei­ne be­ruf­li­che Tä­tig­keit nicht in Wor­te fas­sen, zu­min­dest vor­läu­fig. (Ich weiß näm­lich nicht, wie oft ich den Satz schon ge­sagt ha­be. Doch seit Karl Pop­per ist ja all­ge­mein­hin be­kannt, dass Wis­sen im­mer die Ei­gen­schaft der Vor­läu­fig­keit hat.)

So ha­be ich mir auch S. 10 markiert: 

Und nur wenn sie [Po­pu­lär­phi­lo­so­phie und aka­de­mi­sche Philosophie;V.H.] ver­ste­hen, dass ›die Phi­lo­so­phie‹ zu­nächst kei­ne An­samm­lung von Weis­hei­ten, In­hal­ten, The­men und Me­tho­den ist, son­dern ei­ne Hal­tung, ei­ne Pra­xis und ein aus die­ser Hal­tung ent­ste­hen­des ra­di­ka­les Pro­blem ih­rer Wei­ter­ga­be, kön­nen sie ei­nen Weg fin­den, der sie von Geg­nern zu Part­nern wer­den lässt.

Na, da ist sie, die gu­te al­te Dia­lek­tik, die ei­ne dort, der an­de­re ge­nau ge­gen­über, ei­ne Wahr­heit, un­ab­hän­gig der ei­ge­nen Po­si­ti­on. Da lässt sich dann im­mer präch­tig strei­ten und sol­che Streits fol­gen nicht, zu­min­dest mei­ner All­tags­er­fah­rung nach, ei­nem Spiel von The­se und An­ti­the­se, zu ei­ner Syn­the­se füh­rend, die­se zei­ti­gend, son­dern zu zwei Boll­wer­ken, die die je­wei­lig ei­ge­ne Po­si­ti­on als die rich­ti­ge­re ge­gen­über der an­de­ren (a) an­prei­sen und (b) zu recht­fer­ti­gen su­chen. Ja, kann so ge­macht wer­den, auch so geht die Zeit ’rum.

Da ziemt sich’s schon ge­schei­ter, die bei­den Po­si­tio­nen ein­mal als Ex­tre­me zu ver­ste­hen und nach ei­ner aris­to­te­li­schen, ba­lan­cie­ren­den Mit­te zu su­chen. Zorns Text kommt mir so da­her, als ver­su­che er sich ge­nau in die­ser Weis­heit. Nicht un­ge­lun­gen, aber das deu­te­te ich be­reits an.

Sehr dank­bar bin ich dem Au­tor Zorn um Sei­te 41 (Was da steht, soll­te ei­gent­lich, will nicht in Pa­nik ver­fal­len sein, auf Sei­te 42 stehen): 

Viel in­ter­es­san­ter ist, dass die Po­pu­lär­phi­lo­so­phie das, was sie auf ei­ner tie­fe­ren Ebe­ne in Fra­ge stellt, al­so das Selbst­ver­ständ­li­che und si­cher Ge­glaub­te, auf ei­ner hö­he­ren Ebe­ne selbst wie­der in­stal­liert. […] In ge­nau die­ser Hin­sicht be­sitzt die Po­pu­lär­phi­lo­so­phie ei­ne ideo­lo­gi­sche Funk­ti­on. […] Wenn Po­pu­lär­phi­lo­so­phie so ar­gu­men­tiert, dann ist sie Opi­um fürs Volk.

Das Zi­tat ist nun arg frag­men­tiert, aber das hier will auch kei­ne kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung sein. Doch was in den dar­ge­leg­ten Text­stel­len die­ser Pas­sa­ge für mich zum Aus­druck kommt, ist ge­nau das, was ich mitt­ler­wei­le an der Po­pu­lär­phi­lo­so­phie, an ei­ni­gen Vertreter/innen eben die­ser, prä­zi­se ge­sagt, kri­ti­sie­re: Da geht es nicht mehr um das, was ich un­ter ‚phi­lo­so­phie­ren‘ sub­sum­mie­re. Da geht es nicht dar­um, ei­ne Fra­ge so prä­zi­se zu stel­len, al­so so lan­ge an ihr zu ar­bei­ten, dass sie be­reits auf die Ant­wort ver­weist und die­se gleich­sam not­wen­di­ger­wei­se ge­biert, son­dern dar­um, be­que­me Ant­wor­ten zu lie­fern und die­se ir­gend­wie aus der phi­lo­so­phi­schen His­to­rie her­aus zu be­grün­den (Was, so scheint mir, bei mit phi­lo­so­phi­scher Li­te­ra­tur Un­ver­trau­ten, ein all­zu leich­tes Spiel ist). Das mag in der Re­zept­kul­tur, in der ich Deutsch­land seit Hel­mut Kohl wäh­ne, an­ge­hen und en vogue sein. Doch für mich ist das kei­ne Phi­lo­so­phie, son­dern So­phis­te­rei, im schlimms­ten Fal­le: Re­li­gi­on. Was nun al­ler­dings nicht heißt, die­se zu ver­ur­tei­len. Glücks­rat­ge­ber und Weis­heits­leh­ren er­fül­len al­le ih­ren le­bens­prak­ti­schen Sinn und Zweck und dar­an ist auch gar nichts zu be­män­geln. Nur soll­te das dann selbst, al­lein der Red­lich­keit we­gen, den An­spruch an et­was phi­loso­phi­sches zu­min­dest mit ei­nem gro­ßen Fra­ge­zei­chen schmücken.

Ei­ne an­de­re Stel­le, ne­ben den vie­len an­de­ren, die ich mir mar­kiert ha­be, auf S. 51: 

Was aber wird hier [die Re­de ist von Pla­ton und die Auf­he­bung von Selbstverständlichkeiten;V.H.] lehr­bar ge­macht? Kein Wis­sen, kei­ne po­si­ti­ven Be­stim­mun­gen, son­dern ei­ne be­stimm­te Art und Wei­se des Fra­gens, des Ant­wor­tens, des Zei­gens. Und die­ses Zei­gen hat stets da­mit zu tun, dass man das, was ge­sagt wird, auf das be­zieht, wie es ge­sagt wird. Des­we­gen kann das Zei­gen ei­ne Leh­re sein, auch dann, wenn es selbst, als zei­gen, nie an­ge­spro­chen wird.

Das könn­te fast von Lud­wig Witt­gen­stein stam­men. Oder von ei­nem Zen-Meister.

An spä­te­rer Stel­le im tem­po­ra­len Er­le­ben des Es­says wird häu­fig das Wort „Aus­bil­dung“ im Kon­text des Leh­rens der Phi­lo­so­phie ge­braucht. Das hät­te ich ger­ne in ei­ner zwei­ten Auf­la­ge durch die Strei­chung der Sil­be „Aus“ ak­tua­li­siert. Auf S. 69 wird Kant her­an­ge­zo­gen und mit

›un­ter al­len Ver­nunft­wis­sen­schaf­ten […] nie­mals […] Phi­lo­so­phie (es sei denn his­to­risch), son­dern, was
die Ver­nunft be­trifft, höchs­tens nur phi­los­phie­ren lernen‹

zi­tiert. Nun, eben: phi­lo­so­phie­ren ler­nen — nicht leh­ren. Ich ha­be im Rah­men mei­ner Gast­hö­rer­schaft an der hie­si­gen Uni­ver­si­tät ziem­lich schnell spitz­ge­kriegt, dass es ein Stu­di­um der Phi­lo­so­phie ei­gent­lich (au­ßer eben his­to­risch) nicht gibt, son­dern ich in ei­nem sol­chen Stu­di­um das Stu­di­um von Phi­lo­so­phien übe und so das ei­ge­ne Phi­lo­so­phie­ren schär­fe, wie des Mes­sers Tu­gend am Wetz­stein er­frischt wird. Des­halb er­scheint mir auch die Re­de von ei­ner Aus­bil­dung un­sin­nig: Ich wüss­te nicht, wie mir ver­nünf­ti­ger­wei­se ge­zeigt wer­den könn­te, dass ein Phi­lo­so­phie­stu­di­um je­mand zur/m Philosoph/in macht — dann müss­te ein Kunst­stu­di­um auch jede/n zum Künst­ler oder zur Künst­le­rin ma­chen können.

Doch sol­che Stu­di­en­gän­ge ver­mit­teln eben nicht ein Wis­sen wie es z.B. der Ma­schi­nen­bau tut. Son­dern sie bil­den das, ge­ben dem ei­ne Form, was schon da ist. (Oder, ja, auch das Bild ei­nes Stein­met­zes (w/d/m) hat ei­ne Re­so­nanz: das weg­hau­en, was über­flüs­sig ist. Al­so die Flau­sen im Kopf ver­damp­fen las­sen.) Des­we­gen bit­te kei­ne Re­de mehr von ei­ner Phi­lo­so­phen-Aus­bil­dung, son­dern nur noch von der Phi­lo­so­ph/in­nen-Bil­dung. So kann sich das auch frei ma­chen von ei­ner aka­de­mi­schen Ver­ein­nah­mung und das, was als Den­ken zu gel­ten hat, auf den Kreis Uni­ver­si­täts­an­ge­hö­ri­ger ein­engen. „Na­tur­ge­mäß“ fin­den sich an der Uni­ver­si­tät vie­le Philosoph/innen. Zu­meist die, die es ge­schafft ha­ben, ihr Ta­xi ge­winn­brin­gend zu verkaufen.

Die letz­ten bei­den Ka­pi­tel des Es­says, »Was ist gu­te aka­de­mi­sche Phi­lo­so­phie« und »Was ist gu­te Po­pu­lär­phi­lo­so­phie« fin­de ich äu­ßerst ge­lun­gen. Im Ka­pi­tel über gu­te Aka­de­mie spricht Zorn von dem Ge­mein­sa­men viel­fäl­ti­ger aka­de­mi­scher Phi­lo­so­phie-Per­spek­ti­ven: das kri­ti­sche In-Fra­ge-Stel­len, das Mit-Grün­den-Recht­fer­ti­gen und die ra­di­ka­le Kri­tik (S. 92f). In drei Wor­ten von mir: Skep­sis, Skep­sis, Skep­sis. Und die­se Skep­sis nun ist ge­nau die »phi­lo­so­phi­sche Auf­merk­sam­keit« (S. 93). Und zu der kann nicht aus­ge­bil­det, son­dern, m.b.M.n., sich nur selbst her­aus­ge­bil­det wer­den. Denn da steckt ein Wag­nis da­hin­ter: Das Wag­nis, nach­her an­de­rer Mei­nung sein zu müs­sen als vor­her, und das der ei­ge­nen Ar­gu­men­te vor sich selbst we­gen. Da mag das Ge­burts­tags­kind des Jah­res, Jür­gen Ha­ber­mas, mit sei­nem zwang­lo­sen Zwang des bes­se­ren Ar­gu­men­tes, durchscheinen.

Und gu­te Aka­de­mie ist in der Tat ein gu­ter Ort für die­se Übung der ei­ge­nen Bil­dung, sei sie dann durch aka­de­mi­sche Wei­hen ab­ge­seg­net oder nicht. Si­cher­lich ist die Uni­ver­si­tät nicht der ein­zi­ge Ort in ei­ner als Bil­dungs­land­schaft auf­ge­fass­ten Welt, wo dies mög­lich ist. Wer in ei­nem Hand­werk oder ei­nem an­de­ren nicht-aka­de­mi­schen Mé­tier an eine/n gu­ten Meis­ter oder Meis­te­rin ge­rät, mag zur sel­ben Ein­sicht ge­lan­gen. Doch ich fürch­te, sol­che Bei­spie­le bes­ter Leh­re sind im Hand­werk wie an der Uni­ver­si­tät und auch an­der­orts nicht in dem Ma­ße ver­tre­ten, wie es wohl wün­schens­wert wä­re. Sonst gä­be es wo­mög­lich die Kluft zwi­schen aka­de­mi­scher und po­pu­lä­rer Phi­lo­so­phie über­haupt nicht und bei­de wür­den sich als For­men geis­ti­ger Tä­tig­keit auf­fas­sen kön­nen, kei­ner bes­ser oder schlech­ter als der an­de­re. Nur eben: An­ders. Wie ge­sagt, die Wahr­heit fin­det sich in der Dif­fe­renz zu an­de­ren, und nicht in den Sa­chen selbst. Was noch lan­ge kei­ne bi­po­la­re, oder, wir le­ben ja in Zei­ten künst­li­cher In­tel­li­genz, bi­nä­re „Dia­lek­tik“ erzwingt.

Das gro­ße Plus, und da stim­me ich Zorn aus ei­ge­ner Em­pi­rie voll und ganz zu, ist die Frei­heit von »Zwänge[n] der For­schung«, die sich Po­pu­lär­phi­lo­so­phie nimmt (S. 95), neh­men kann und ich möch­te sa­gen: so­gar neh­men soll. Und Zorn nennt auf S. 97 ei­nen wei­te­ren Punkt, in dem ich ihm un­um­wun­den bei­pflich­ten möchte: 

Sie [die Populärphilosopie;V.H.] wä­re [mit ei­nem rea­lis­ti­schen Anspruch;V.H.] nicht mehr die po­pu­lä­re Ver­si­on der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie oder ei­ner aka­de­mi­schen Tradition.

Ge­nau die­sen Ein­druck ge­win­ne ich oft bei der Po­pu­lär­phi­lo­so­phie: Statt als ei­ge­nes phi­lo­so­phi­sches Gen­re ne­ben der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie in Er­schei­nung zu tre­ten, übt sie sich (al­so ei­ni­ge ih­rer Vertreter/innen) ir­gend­wie ver­schämt dar­in, als „Aka­de­mie light“ auf­zu­war­ten und sich als be­son­ders ef­fi­zi­ent ge­gen die aka­de­mi­sche Phi­lo­so­phie zu ver­kau­fen (man kau­fe nur ein ein­zi­ges Buch und spa­re sich Jah­re, ja im­mer­wäh­ren­des Stu­di­um und wis­se so al­so letzt­gül­tig „Be­scheid“ (vgl. S. 211⇣Ei­ne gu­te Über­sicht bie­tet üb­ri­gens Stö­rig, H.J.: „Klei­ne Welt­ge­schich­te der Phi­lo­so­phie“. Er­setzt kein Voll­stu­di­um, ver­schafft aber … Wei­ter­le­sen…). Man könn­te den Ein­druck ge­win­nen, sie wetzt sich an der Aka­de­mie die Klin­ge, um sie dann kalt zu ma­chen. (Über­sieht da­bei aber viel­leicht de­ren di­ckes Fell.)

Zwei Din­ge sind mir noch auf­ge­fal­len: Durch das Buch zieht sich ei­ne Fra­ge, die auf S. 33 erst­mals ge­stellt wird:

Wie soll man je­man­den das, was er nicht ge­lernt hat, bei­brin­gen, wenn das, was ihm fehlt, die Be­din­gung da­für ist, dass er es ler­nen kann?

Die Ge­gen­fra­ge, die ich da an­zu­bie­ten hät­te, ist: Kann die Be­din­gung zur Mög­lich­keit über­haupt ge­lehrt wer­den? Oder ist es viel­leicht nicht viel­mehr so, dass et­was ‚ge­weckt‘ wer­den muss? Und ei­ne mög­li­che Ant­wort ha­be ich dann auf S. 53 ge­fun­den, es ist die Über­schrift des Ka­pi­tels, das dort beginnt:

Die Welt ver­lie­ren, um die Welt zu gewinnen

Ich muss­te bei die­ser Über­schrift so­fort an ei­nen Men­schen den­ken, der, so­weit ich weiß, auch kei­ne Phi­lo­so­phie stu­diert hat, aber zu­wei­len recht sinn­vol­le Sät­ze äu­ßert. Wie z.B. diesen:

Da­hin ge­hen, wo man um­kom­men kann, um nicht umzukommen.

Die­sen Satz ken­ne ich von Rein­hold Mess­ner, sei­nes Zei­chens eme­ri­tier­ter Al­pi­neur der ganz hef­ti­gen Sorte.

Bei al­ler Be­schei­den­heit, zu der ich gu­te Grün­de ha­be, möch­te ich hier nun doch noch auf mein Pro­jekt der Di­let­tan­tie hin­wei­sen, die ich aus­zu­ar­bei­ten, na, ich blei­be Witt­gen­stein treu: zu skiz­zie­ren ge­den­ke. Die­se Di­let­tan­tie soll sich als ei­ne wei­te­re, ernst­zu­neh­men­de Wei­se des Phi­lo­so­phi­schen ver­ste­hen und sich in der Phi­lo­so­phi­schen Pra­xis eta­blie­ren. Nicht un­ter und nicht über den an­de­ren Wei­sen, son­dern ne­ben ih­nen. Oder, die ba­lan­cie­ren­de Mit­te noch ein­mal auf­grei­fend: Zwi­schen U‑Philosophie und E‑Philosophie ei­ne P‑Philosophie ma­ni­fes­tie­ren, ei­ne prak­ti­zier­te Phi­lo­so­phie.

Denn: Se­he ich die aka­de­mi­sche Phi­lo­so­phie sich ei­ner Phi­lo­so­phie als Wis­sen­schaft ver­pflich­tet, möch­te ich das, was die di­let­tan­ti­sche aus­zeich­net, mit glei­chem Ernst und An­spruch, als sich dem Phi­lo­so­phi­schen im Ver­ständ­nis ei­ner Kunst zu­wen­dend ver­stan­den wissen.

Ge­gen ei­ne Ein­ord­nung ei­ner sol­chen di­let­tan­ti­schen Phi­lo­so­phie als Po­pu­lär­phi­lo­so­phie hät­te ich gar nichts ein­zu­wen­den. So­lan­ge sie von ei­ner di­let­tan­tis­ti­schen und in mei­nen Au­gen da­mit po­pu­lis­ti­schen Wei­se der (ver­meint­li­chen) Ver­phi­lo­so­phi­sie­rung der Welt streng un­ter­schie­den, ja, eben: ge­schie­den ist.

Sol­che Din­ge zu wa­gen, sich der Kri­tik aus­setz­bar zu ma­chen, mög­li­chen Schmä­hun­gen oder be­mit­lei­den­den Äu­ße­run­gen oder an­de­re Wei­sen der Ab­wer­tung in Kauf zu neh­men, meint »Die Welt ver­lie­ren«. Sei­ne In­sel der See­lig­keit ge­schaf­fen zu ha­ben, nach jahr­zehn­te­lan­gen Auf­häu­fen von Sand im wei­ten Meer des Den­kens, und die­se In­sel nun zu be­woh­nen und zu be­haup­ten, ihr ei­nen den­ken­den Kopf auf­zu­set­zen, das meint »Welt gewinnen«. 

Als ich über Twit­ter von der Exis­tenz die­ses Bu­ches er­fuhr, frag­te ich den Au­tor, dass „Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis“ wohl nicht vor­kä­me, was die­ser auch be­stä­tig­te. Nun, Herr Zorn, ich wa­ge da zu wi­der­spre­chen (Viel­leicht geht es Ih­nen ja wie Kant und sie ver­ste­hen sich sel­ber nicht (vgl. S 86f)): Der Es­say ist aus mei­ner Per­spek­ti­ve ein Es­say von und über phi­lo­so­phi­sche Pra­xis, wie ich sie in mei­ner phi­lo­so­phi­schen wie Phi­lo­so­phi­schen Pra­xis übe, in dem ich es, das Phi­lo­so­phie­ren, nicht ge­nau­so, aber in ei­nem sol­chen Sinn von »die Phi­lo­so­phie« ausübe.

Zu­min­dest übe ich mich darin.

Lit.:
Zorn, Da­ni­el-Pas­cal: Shoo­ting Stars.
Klos­ter­mann, Frankfurt/Main, 2019. 

Zu gu­ter Letzt: Soll­ten dem/r Leser/in ei­ni­ge Zei­len hier merk­wür­dig sinn­frei er­schei­nen: Le­sen Sie das Büch­lein »Shoo­ting Stars«, dann er­hellt sich das schon. Der Sei­ten­hieb mit der 42 und die Sa­che mit dem Fisch geht na­tür­lich voll und ganz auf das Kon­to von Douglas Adams. Soll­te im­mer noch et­was un­klar sein, han­delt es sich al­ler Wahr­schein­lich­keit nach schlicht um ei­ne iro­ni­sche Be­mer­kung. Denn der Hu­mor hat bei al­lem Ernst auch in der Phi­lo­so­phie sei­nen Platz, nicht nur als Iro­nie. Ge­ra­de in der di­let­tan­ti­schen. Ein Lu­xus, den sich die­se leis­ten kann. Denn: Was wä­re Phi­lo­so­phie oh­ne Witz? 

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Re­fe­ren­ces
1 Ei­ne gu­te Über­sicht bie­tet üb­ri­gens Störig, H.J.: „Klei­ne Welt­ge­schich­te der Phi­lo­so­phie“. Er­setzt kein Voll­stu­di­um, ver­schafft aber Orientierung.

Die Mitte

Anmerkung zu Giovanni Di Lorenzos Artikel „Wer reanimiert die Mitte?“ | ZEIT № 9/2018 (Print)

Erst wo ein links und rechts ‑oder, un­po­li­tisch: oben und un­ten, vor­ne und hin­ten, vor­her und nach­her- kann es über­haupt ei­ne Mit­te ge­ben. Fal­len rechts und links in­ein­an­der, ver­schwin­det nicht nur der Deut­schen liebs­tes, wohl nicht nur po­li­ti­sches Kind: Die be­ru­hig­te und be­ru­hi­gen­de Mit­te. Nor­mal, halt.

Das Fun­da­ment der De­mo­kra­tie ist nicht die Mit­te, es ist die Wech­sel­wir­kung von Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on, die ei­ne Mit­te eben über­haupt erst ent­ste­hen lässt.

Die AfD ist kei­ne Op­po­si­ti­on, sie ist ein Sym­ptom ei­ner lä­dier­ten De­mo­kra­tie. Zu­min­dest je­doch ei­nes de­mo­kra­ti­schen Un‑, Miss- oder auch Al­ter­na­tiv­ver­ständ­nis­ses — wie es die Um­fra­ge­wer­te der SPD wohl auch in­di­zie­ren mö­gen. Ram­po­niert, weil CDU&CSU&SPD ‑oder soll­te man sa­gen: die CSPU- in der be­hag­li­chen und be­que­men Mit­te sein und aus ihr her­aus un­be­hel­ligt re­gie­ren will — statt die­se für die Bür­ger­schaft zu er­öff­nen, für die es wohl ein Sehn­suchts­ort ist. So wie jetzt und in den letz­ten Jah­ren wird sie, die Mit­te, durch die Wei­se der Po­li­tik be­setzt. Sie wird in ih­rer ver­mit­teln­den Funk­ti­on im Spiel der Vek­to­ren de­mo­kra­ti­scher Kraft ‑oder, all­ge­mei­ner: der Kraft des Wan­dels, wo­mit und wo­durch sie ih­ren Weg fin­det- blockiert.

Die Mit­te ge­hört der Bür­ger­schaft, nicht der Po­li­tik, und sie ist al­lein durch die Bür­ger­schaft ver­tret­bar: Tä­ti­ge Demokratie.

Al­so schafft sich die Wäh­ler­schaft ‑zu­min­dest ver­sucht sie sich dar­in und sieht da­bei lei­der viel zu kurz- durch die Wahl von Ex­tre­men wie­der ei­ne Mit­te, er­obert sie sich zu­rück. In der sie sich wohl füh­len kann, wäh­rend um die­ses Au­ge der Sturm aus The­se und An­ti­the­se, aus Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on, aus öf­fent­li­cher Dis­kus­si­on, par­la­men­ta­ri­scher De­bat­te, me­dia­lem Dis­kurs über Für und Wi­der fegt und das Land und des­sen Ge­sell­schaft wie auch die ‑nicht nur po­li­ti­sche- Kul­tur mit sich nimmt, sie ent­wi­ckelt und entfaltet.

Die Me­ta­pher des zie­hen­den Sturms zeigt auch: Die Mit­te ist ei­ne Sphä­re, die sich be­wegt und de­ren Kurs sich er­gibt. So die­ser Ne­xus, die­ser Na­bel, die­se Na­be in Ru­he ge­las­sen wird, nicht be­setzt und da­mit zu kon­trol­lie­ren ver­sucht wird. Sie leer und da­mit frei ge­las­sen wird. Sie nicht nach links oder rechts, vor­wärts oder rück­wärts zu be­stim­men ver­sucht wird. Wenn ihr ein­fach Raum ge­ge­ben wird, in dem es sich gut le­ben lässt, wäh­rend der Wel­ten­lauf sei­nen Gang nimmt. Der von ei­nem si­che­ren Ort aus ver­folgt wer­den kann. Über den sich hie und da auf­regt und ge­är­gert wer­den kann. Sich hin und wie­der an ihm er­freut oder er als lä­cher­lich be­fun­den und ab­ge­tan wer­den kann. Über den sich zu­wei­len auch ge­ängs­tigt wird. Und der, sel­ten zwar, so­gar Mut ma­chen kann.

Der aber nie still­steht. Wie man selbst in der Mit­te nie da bleibt, wo man war. Son­dern im­mer mit­ge­nom­men wird vom Rad der Ge­schich­te und Geschichten.

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