Vom Wesen {p|P}hilosophischer Praxis

Aus gegebenen Anlass: Eine Einlassung.

Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen be­zie­hen sich auf den un­ten ver­link­ten Ar­ti­kel »The­ra­pie durch Phi­lo­so­phie« in DIE ZEIT №24 vom 6. Ju­ni 2019.

Als ei­ner der­je­ni­gen, die seit ge­rau­mer Zeit ei­ne Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis (PP) füh­ren, kann ich den Ar­ti­kel nicht un­kom­men­tiert las­sen. Zu un­de­fi­niert ist das Be­rufs­feld, als dass ei­ne ein­zel­ne Sicht das Feld do­mi­nie­ren könn­te und so­mit die Deu­tungs­ho­heit über ei­nen im Grun­de nicht klär­ba­ren Be­griff Phi­lo­so­phi­scher Pra­xis al­lein ei­ni­gen we­ni­gen über­las­sen wird.

Der Text er­scheint mir ten­den­zi­ös, zu ei­ner „Busi­ness-PP“ hin. Die­ses Feld wird al­ler­dings be­reits durch die Per­so­nal- & Organisations­ent­wick­lung (PE/OE) be­spielt, wo­zu es auch zahl­rei­che Qua­li­fi­zie­run­gen auf pri­vat­wirt­schaft­li­cher wie uni­ver­si­tä­rer Ba­sis gibt. Der Text be­schreibt in wei­ten Tei­len die Tä­tig­keit ei­nes wirt­schaft­li­chen Ak­teurs mit ab­sol­vier­ten Phi­lo­so­phie­stu­di­um, der im Ge­schäfts­be­reich PE/OE in Un­ter­neh­men zum Ein­satz kommt. Ei­nem Be­reich, in dem über­wie­gend Psy­cho­lo­gen, aber auch Theo­lo­gen, Phi­lo­so­phen und an­de­re Geistes­wissen­schaft­ler tä­tig sind.

PP als ei­ne ‚an­de­re‘ PE/OE hin­zu­stel­len, ist un­sin­nig; denn das er­öff­net ei­ne un­nö­ti­ge und völ­lig über­flüs­si­ge Kon­kur­renz in ei­nem Feld, das für vie­le Geisteswissenschaftler/innen als an­re­gen­des Be­tä­ti­gungs­feld in­ner­halb von Un­ter­neh­men mit lu­kra­ti­ven Ge­halts­struk­tu­ren an­ge­se­hen wer­den kann.

Als ei­ner der­je­ni­gen, die ei­ne Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis füh­ren, ver­tre­te ich ei­ne Po­si­ti­on, nach der sich PP im­mer an den ein­zel­nen Men­schen wen­den soll­te, nicht an Rol­len in Un­ter­neh­men, die durch Men­schen er­füllt wer­den. Be­ra­tun­gen der Rol­len oder gar gan­zer Un­ter­neh­men möch­te ich von ei­ner Phi­lo­so­phi­schen Pra­xis, wie sie wohl ein Gerd Achen­bach 1981 mit der Er­öff­nung der ers­ten Phi­lo­so­phi­schen Pra­xis in Deutsch­land an­ge­dacht hat, differenzieren.

Nun kann al­ler­dings je­der Ein­satz der Phi­lo­so­phie als Mit­tel eben als ei­ne phi­lo­so­phi­sche Pra­xis an­ge­se­hen wer­den. So kann bei­spiels­wei­se von ei­ner aka­de­mi­schen phi­lo­so­phi­schen Pra­xis, ei­ner kom­mer­zi­el­len phi­lo­so­phi­schen Pra­xis und ei­ner pri­va­ten phi­lo­so­phi­schen Pra­xis ge­spro­chen wer­den. Al­le drei For­men von phi­lo­so­phi­schen Prak­ti­ken Phi­lo­so­phi­scher Pra­xis stre­ben frei­lich an, durch die Aus­übung von Tä­tig­kei­ten mit phi­lo­so­phi­schem Be­zug gut le­ben zu kön­nen, sind al­so in die­sem Sin­nen al­le kom­mer­zi­ell. Der Ter­mi­nus „kom­mer­zi­el­le phi­lo­so­phi­sche Pra­xis“ soll in die­ser Auf­zäh­lung schlicht den Ein­satz phi­lo­so­phi­schen Wis­sens im Be­reich der PE/OE abbilden.

Im Text er­ken­ne ich im wei­te­ren ei­ne star­ke Be­to­nung ei­nes in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­ten Neo­li­be­ra­lis­mus und das er­weckt bei mir den Ein­druck ei­nes Re­kru­tie­rungs­tex­tes – er soll ver­füh­ren, die­ser Text. Da­zu ver­füh­ren, ei­nen Bil­dungs­gang oder Post­gra­du­ie­ren-Stu­di­en­gang zu be­le­gen und sich als Phi­lo­so­phi­scher Prak­ti­ker zu qua­li­fi­zie­ren, da­mit man im glo­ba­len Busi­ness zu­kunfts­träch­tig und nach­hal­tig auch als Geisteswissenschaftler/in mit­spie­len kann und nicht ab­ge­hängt wird.

Wer­be­tex­te kom­men so da­her, das ist völ­lig normal.

Des Wei­te­ren regt mich der Text da­zu an, strikt zwi­schen ‚phi­lo­so­phi­schem Wis­sen‘ (hier: als der Um­stand des Ken­nens von Phi­lo­so­phien und de­ren in­stru­men­tel­ler Ein­satz) und ‚Weis­heit‘ (hier: die Tä­tig­keit des Phi­lo­so­phie­rens als sol­cher) zu unterscheiden.

Objektive Analyse

So­weit das qua­li­ta­ti­ve, sub­jek­ti­ve Fa­zit. Wie sieht es quan­ti­ta­tiv, ob­jek­tiv aus? Die vor­ge­nom­me­ne Ob­jek­ti­vie­rung ist frei­lich durch ein Sub­jekt er­folgt und ge­stal­tet sich me­tho­disch der­art, dass der On­line-Text ab­satz­wei­se in fünf The­men­be­rei­che auf­ge­schlüs­selt wur­de und in die­sen Be­rei­chen ei­ne Wort­zäh­lung vor­ge­nom­men wur­de. Auf Grund­la­ge die­ser Me­tho­de zeigt die vor­ge­nom­me­ne Ein­ord­nung in die The­men­be­rei­che I‑V ein an­de­res Bild: PP im All­ge­mei­nen liegt bei 23%, PP im pri­va­ten Kon­text bei 39%, PP im ge­schäft­li­chen Kon­text zeigt „nur“ 27%, so der Misch­be­reich IV hälf­tig auf­ge­teilt wird. Der Text ist ge­rahmt von 11% all­ge­mei­nen Text, der nicht di­rekt zu ei­nem The­ma zu­ge­ord­net wur­de (Einleitung/Schluss).

Es zeigt sich al­so hier ein durch­aus aus­ge­wo­ge­ner In­halt, so­gar mit ei­ner Ten­denz zur pri­va­ten phi­lo­so­phi­schen Pra­xis – ein/e andere/r Leser/in kann al­so wohl durch­aus auch ei­nen an­de­ren Ein­druck des Tex­tes er­hal­ten als der Au­tor die­ses Re­sü­mees sub­jek­tiv als Lek­tü­re­er­leb­nis er­fah­ren hat.

Kommentierung aus Sicht eines weiteren Akteurs

Für das Fol­gen­de gilt, und dies kann nicht oft ge­nug be­tont wer­den: Es ist mein Ver­ständ­nis Phi­lo­so­phi­scher Pra­xis, nicht ei­ne Be­schrei­bung der Phi­lo­so­phi­schen Pra­xis. Die gibt es m.b.M.n. nicht, sie kann es nicht ge­ben und das ist auch gut so. Denn ge­nau das macht die­se Ar­beit phi­lo­so­phisch: Das Ver­hal­ten müs­sen zu et­was Un­ver­füg­ba­ren, Un­be­stimm­ba­ren, Unklarem. 

Was der Ar­ti­kel – des­sen Exis­tenz grund­sätz­lich er­freu­lich ist, ver­mag er doch PP in’s öf­fent­li­che Ge­spräch zu brin­gen – nicht ah­nen lässt: Das Füh­ren ei­ner Phi­lo­so­phi­schen Pra­xis ist ei­ne recht in­di­vi­du­el­le An­ge­le­gen­heit und ich ver­tre­te hier mei­ne An­sicht, dass es kei­ne Ausbil­dung zum/r ‚Phi­lo­so­phi­schen Praktiker/in‘ ge­ben kann: Die Bil­dung ei­nes Men­schen be­ginnt nicht erst in der Schu­le und hört ge­wiss nicht mit ei­nem Ti­tel, ‚Ab­schluss‘ auf. Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis ist auch für die die­sen Be­ruf aus­üben­den ein stän­di­ges Ein­las­sen dar­auf, nach­her mög­li­cher­wei­se an­ders zu den­ken als man es noch vor­hin tat. Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis in die­sem Ver­ständ­nis aus­ge­übt, ist ei­ne Wech­sel­wir­kung der Bil­dung zwi­schen Gast und Praktiker/in. Das darf nie ver­ges­sen wer­den, geht es an’s Ein­ge­mach­te und da­mit die Sa­che des Gel­des. Ein PP ist im­mer auch Pro­fi­teur sei­ner Beratungen.

Hier kann nun die Fra­ge auf­ge­wor­fen wer­den: „Wenn dem so ist, wie­so soll­te ich als Gast denn dann zah­len? Im Grun­de hat der PP mich zu bezahlen!“

Nun, die­se Hal­tung mag ge­ra­de bei ei­nem „wei­chen“ An­ge­bot wie PP, die kein Pro­dukt ver­kauft, son­dern ei­nen Pro­zess be­glei­tet, ver­füh­re­risch sein. Gab und gibt es denn nicht die Pries­ter und Pastor/innen, die für die­se Tä­tig­keit in glei­cher Wei­se ge­eig­net sind. Die kos­ten ja auch nichts!

Ver­kannt wird hier­bei, das die­se Theolog/innen über ei­ne Kir­che be­zahlt wer­den, die ih­re Ein­nah­men, mit de­nen sie ih­re An­ge­stell­ten be­zahlt, auch aus Steu­er­gel­dern ge­stal­tet. Es ist al­so kei­nes­wegs so, dass es nichts kos­ten wür­de – der mo­ne­tä­re Bei­trag ver­schwin­det nur in ei­nem Kon­vo­lut all­ge­mein ge­leis­te­ter Beiträge.

Als letz­tes Ar­gu­ment: Wenn Sie, werte/r Leser/in die­ser Zei­len, sich über den ge­rin­gen Zug im Ka­min be­kla­gen und den Ka­min­fe­ger ho­len, kön­nen Sie ja nun schlecht zu ihr/ihm sa­gen: „Durch die­sen Auf­trag ler­nen Sie ja was da­zu! Al­so ha­ben sie mich zu be­zah­len!“ Je­de Ar­beit, ja: jed­we­de Tä­tig­keit, die wir ver­rich­ten, er­wei­tert un­se­ren Er­fahr­ungs­hori­zont. In ei­ner idea­len Welt zahl­te der Ei­ne der An­de­ren und um­ge­kehrt, die ge­gen­sei­tig ge­stell­ten Rech­nun­gen ge­hen letzt­lich in Null auf. In un­se­rer rea­len Welt mit ih­rem Geld­fluss be­kom­men Sie, wer­te Kund(ig)en (w/d/m), von ei­ner an­de­ren Sei­te ihr Geld für ih­re Ar­beit, an und mit der sie wachsen. 

Das The­ma Geld und da­mit letzt­lich „le­ben kön­nen von PP“ ist bei wei­tem nicht so ein­fach, wie der Ar­ti­kel es der ei­nen oder dem an­de­ren ver­mit­teln könn­te. Es ist noch viel Öf­fent­lich­keits– und kol­le­gia­le Klä­rungs­ar­beit von al­len Ak­teu­ren ge­fragt, bis PP den Rang nicht ei­ner al­ter­na­ti­ven The­ra­pie, son­dern ei­ner Al­ter­na­ti­ve zur The­ra­pie (Tho­mas Po­led­nit­schek) er­langt hat und so­viel Ak­zep­tanz und In­ter­es­se er­fährt, dass mit der Er­öff­nung ei­ner Pra­xis ein gu­tes Le­ben ge­führt wer­den kann und die­ser Sach­ver­halt kei­ne Aus­nah­me mehr dar­stellt. Zu­min­dest was die ma­te­ri­el­le, al­so mo­ne­tä­re, Sei­te der Le­bens­füh­rung an­geht. Sich der­zeit auf PP ein­zu­las­sen be­deu­tet, Pio­nier­ar­beit zu leis­ten. Mit al­len Ri­si­ken, die da­mit ver­bun­den sind. Das soll­te stets be­dacht und ein­kal­ku­liert wer­den, ent­schei­det man sich für den Be­ruf einer/s phi­lo­so­phisch Prak­ti­zie­ren­den, prak­ti­zie­ren­den Philosophen/in, Phi­lo­so­phi­schen Praktikers/in und geht nicht nur ei­ner Be­ru­fung nach. Aus mei­ner Sicht emp­fiehlt es sich der­zeit, für das nö­ti­ge Aus­kom­men ge­sorgt zu ha­ben (z.B. in Form ei­nes Teilzeit-Nebenberufes). 

Auf der ideel­len Sei­te übe ich mich mit phi­lo­so­phi­scher Pra­xis dar­in, mein Le­ben gut zu füh­ren, denn wie nicht nur Ar­nold Geh­len, sei­nes Zei­chens ein Ver­tre­ter der Phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie, an­führ­te, ha­ben Tie­re ein Le­ben, Men­schen aber ei­nes zu füh­ren. Die re­flek­tier­ten Er­fah­run­gen, al­so die Ein‑, An- und Um­sich­ten, die ich in die­ser mei­ner so phi­lo­so­phi­schen Ar­beit ge­ne­rie­re, ge­be ich an mei­ne Kun­den – die für mich stets Kun­di­ge in ei­ge­ner Sa­che sind – wei­ter und stel­le sie in mei­ner Phi­lo­so­phi­schen Pra­xis als Re­fe­renz für das ei­ge­ne Den­ken zur Ver­fü­gung. Und zwar live: Von An­ge­sicht zu Angesicht.

Die Grund­la­ge mei­ner Be­ra­tun­gen – Be­ra­tung meint hier nicht Rat ge­ben, son­dern die ge­mein­sa­me Be­ra­tung ei­nes Sach­ver­hal­tes – in phi­lo­so­phi­scher Pra­xis, al­so in ei­ner phi­lo­so­phi­schen Art & Wei­se, bil­den die ei­ge­nen Le­bens­er­fah­run­gen, die Lek­tü­re phi­lo­so­phi­scher Tex­te jed­we­der Cou­leur so­wie ein un­be­ding­ter Wil­le, größt­mög­li­che Klar­heit in Sach­ver­hal­te zu brin­gen. Ein durch­aus schwie­ri­ges Un­ter­fan­gen, an das sich nicht nur ein Lud­wig Witt­gen­stein her­an­ge­wagt hat. Als Denker/in steht man im­mer auf den Schul­tern grö­ße­rer Köp­fe. (Zu­wei­len auch viel grö­ße­rer. Zwer­gen­haf­tig­keit darf eine/n Intellektuelle/n nicht abschrecken.)

Was mei­ne Kund­schaft mit die­ser Klar­heit dann macht, ob sie sie the­ra­peu­tisch nutzt, nutzt, um Zie­le zu er­rei­chen oder sich da­mit trös­tet, ob­liegt nicht mehr mei­ner Ver­ant­wor­tung. So ist ei­ne Er­war­tung, in mei­ne Pra­xis zur Beratung
zu kom­men und mit ei­ner Ant­wort nach Hau­se zu ge­hen, die unpassende.

Die Fra­ge soll­te kla­rer ge­wor­den sein. Dann ha­be ich mei­ne Kun­dig­keit mei­nem Kun­den wei­ter­ge­ge­ben. Und da­für, und vor al­len Din­gen für die Zeit, die ich ge­ge­ben ha­be, wer­de ich honoriert.

Konserve Innovation oder doch innovative Konserve?

Ein Gedanke zur Differenz, nicht nur der des politischen rechts und links.

Kon­ser­va­ti­vi­tät (nicht nur po­li­tisch „rech­te“) ist ein er­for­der­li­cher Part zu ei­ner In­no­va­ti­vi­tät (nicht nur po­li­tisch „lin­ke“), so der Grund­ge­dan­ke: Das Rad, das sich zu schnell dreht, reißt aus­ein­an­der, je­nes, das sich zu lang­sam dreht, kann sich in sei­nem Lauf nicht sta­bi­li­sie­ren; die­ses, das sich in glei­cher Ge­schwin­dig­keit dreht, ist mo­no­ton, und ei­nes, das sich gar nicht be­wegt, ist monolithisch.

Um das Gleich­ge­wicht beim Fahr­rad fah­ren zu er­lan­gen braucht es ei­ne ge­wis­se Ge­schwin­dig­keit, doch wird’s zu schnell, ver­liert sich die Kon­trol­le (frei­lich ist die­ses „zu schnell“ re­la­tiv und ei­ne Fra­ge der Tech­nik und des Kön­nens). Ei­nem oder ei­ner über­wie­gend „Lin­ken“ ‑und im hier dar­ge­leg­ten Sinn al­so ei­ner oder ei­nem, der oder die in der Wahl die In­no­va­ti­on der Kon­ser­vie­rung im All­ge­mei­nen vor­zieht- kann fass­bar wer­den, dass die kon­ser­va­ti­ve Hal­tung kein Feind der In­no­va­ti­on ist, son­dern de­ren zu­wei­len not­wen­di­ger und hilf­rei­cher Brems­schuh. Und ei­ner oder ei­nem über­wie­gend „Rech­ten“ ist da­ge­gen klar zu ma­chen, dass das In­no­va­ti­ve (und da­mit noch un­ge­wohn­te) nicht zwangs­läu­fig ei­ne Aus­höh­lung und Ver­wer­fung des Be­stehen­den be­deu­tet, son­dern den Stoff lie­fert, das Be­stehen­de zu über­den­ken. Wie wie­der­um das Alt­her­ge­brach­te den Grund lie­fert, das neu Hin­zu­kom­men­de in Fra­ge zu stel­len. Wich­tig ist im Kern des Ge­dan­kens nur, dass nicht ver­sucht wird, die Kraft, die aus ei­ner Dif­fe­renz wie der von Kon­ser­va­tiv und In­no­va­tiv ins Flie­ßen kommt und letzt­lich im Wel­ten­wan­del wahr­nehm­bar wird, in ei­ner „Mit­te“ – und schon gar nicht in ei­ner au­to­ri­tä­ren, die auf’s Ers­te gar nicht als „Mit­te“ er­kenn­bar ist, zeigt sie sich doch als ein „höchs­tes Zen­trum“ – ein­zu­p­fer­chen, sie „be­herr­schen“ zu wol­len oh­ne sie zum Er­lie­gen zu bringen.

In der Phy­sik mag so et­was an­ge­hen und der Mensch­heit ir­gend­wann viel­leicht ein­mal nie ver­sie­gen­de En­er­gie, Warp-An­trieb und wo­mög­lich gar Welt­frie­den lie­fern. In ei­ner Ge­sell­schaft ist es reins­tes, töd­lichs­tes Gift. Das Mensch­li­che und mit­hin Po­li­ti­sche ist gänz­lich un­phy­si­ka­lisch und un­ma­the­ma­tisch, ja, es ent­zieht sich zu­wei­len so­gar der Lo­gik, mö­gen auch er­rech­ne­te Mo­del­le das Mensch­li­che be­rech­nen und die­ses hin und wie­der, je­doch wohl eher kon­tin­gent, er­klär­bar oder zu­min­dest durch­schau­bar machen.

Was sich zu­sam­men in der „Mit­te“ ver­ei­nigt oder sich – ob al­lein oder nicht – auf die „Spit­ze des Zen­trums“ stellt und so die Dif­fe­renz auf­zu­he­ben ver­sucht, kann sich nicht im Dif­fe­ren­zie­ren üben, son­dern ist zur Ver­wal­tung der Ex­tre­men ver­dammt. Ex­tre­me, die sie durch ei­nen Zu­sam­men­schluss, tech­nisch ver­stan­den viel­leicht ein Kurz­schluss (im po­li­ti­schen All­tag auch ei­ne Ko­ali­ti­on des an­geb­lich Kon­ser­va­ti­ven mit dem an­geb­lich In­no­va­ti­ven), selbst er­zeugt hat und sich so ei­ner de­mo­kra­ti­schen Il­lu­si­on re­al exis­tie­ren­der Op­po­si­ti­on hin­ge­ben kann. Pro­vo­kant und po­le­misch for­mu­liert: Was al­le Dif­fe­ren­zen in Kom­pro­mis­sen oder al­ter­na­tiv­lo­sen Kom­pres­sen auf­he­ben will, ist wohl als ‚lu­pen­rein De­mo­kra­ti­sches‘ zu be­zeich­nen. Oder die Dif­fe­ren­zen gibt es gar nicht. Doch die Auf­he­bung al­ler Dif­fe­renz ob­liegt al­lei­nig dem Tod.

Die Le­ben­den ha­ben sich da­zu zu ver­hal­ten. Und nicht nur das Le­ben fin­det im­mer ei­nen Weg, ei­ne Dif­fe­renz zu ge­ne­rie­ren. Je schwä­cher die Kraft, des­to mäch­ti­ger die En­er­gie zur Ge­ne­rie­rung von Dif­fe­renz, bis hin zur Ge­walt. Denn der Kraft Na­tur ist das Wir­ken, das durch Wan­del die En­er­gie er­zeugt, die die Kraft zum Wir­ken braucht. Und die krea­ti­ve Kraft kann schon von ei­ner klei­nen Dif­fe­renz aus­ge­hen. Nicht nur Ge­bur­ten von Le­be­we­sen sind wohl ein gu­ter Be­leg da­für. Das Le­ben selbst hat sei­nen Grund wo­mög­lich in ei­ner klit­ze­klei­nen, aber un­über­wind­li­chen, un­ver­ein­ba­ren, un­auf­heb­ba­ren Dif­fe­renz – und nicht in ei­nem sich ge­gen­sei­tig auf­he­ben wol­len­den Gegenteil.

Die Mitte

Anmerkung zu Giovanni Di Lorenzos Artikel „Wer reanimiert die Mitte?“ | ZEIT № 9/2018 (Print)

Erst wo ein links und rechts ‑oder, un­po­li­tisch: oben und un­ten, vor­ne und hin­ten, vor­her und nach­her- kann es über­haupt ei­ne Mit­te ge­ben. Fal­len rechts und links in­ein­an­der, ver­schwin­det nicht nur der Deut­schen liebs­tes, wohl nicht nur po­li­ti­sches Kind: Die be­ru­hig­te und be­ru­hi­gen­de Mit­te. Nor­mal, halt.

Das Fun­da­ment der De­mo­kra­tie ist nicht die Mit­te, es ist die Wech­sel­wir­kung von Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on, die ei­ne Mit­te eben über­haupt erst ent­ste­hen lässt.

Die AfD ist kei­ne Op­po­si­ti­on, sie ist ein Sym­ptom ei­ner lä­dier­ten De­mo­kra­tie. Zu­min­dest je­doch ei­nes de­mo­kra­ti­schen Un‑, Miss- oder auch Al­ter­na­tiv­ver­ständ­nis­ses — wie es die Um­fra­ge­wer­te der SPD wohl auch in­di­zie­ren mö­gen. Ram­po­niert, weil CDU&CSU&SPD ‑oder soll­te man sa­gen: die CSPU- in der be­hag­li­chen und be­que­men Mit­te sein und aus ihr her­aus un­be­hel­ligt re­gie­ren will — statt die­se für die Bür­ger­schaft zu er­öff­nen, für die es wohl ein Sehn­suchts­ort ist. So wie jetzt und in den letz­ten Jah­ren wird sie, die Mit­te, durch die Wei­se der Po­li­tik be­setzt. Sie wird in ih­rer ver­mit­teln­den Funk­ti­on im Spiel der Vek­to­ren de­mo­kra­ti­scher Kraft ‑oder, all­ge­mei­ner: der Kraft des Wan­dels, wo­mit und wo­durch sie ih­ren Weg fin­det- blockiert.

Die Mit­te ge­hört der Bür­ger­schaft, nicht der Po­li­tik, und sie ist al­lein durch die Bür­ger­schaft ver­tret­bar: Tä­ti­ge Demokratie.

Al­so schafft sich die Wäh­ler­schaft ‑zu­min­dest ver­sucht sie sich dar­in und sieht da­bei lei­der viel zu kurz- durch die Wahl von Ex­tre­men wie­der ei­ne Mit­te, er­obert sie sich zu­rück. In der sie sich wohl füh­len kann, wäh­rend um die­ses Au­ge der Sturm aus The­se und An­ti­the­se, aus Po­si­ti­on und Op­po­si­ti­on, aus öf­fent­li­cher Dis­kus­si­on, par­la­men­ta­ri­scher De­bat­te, me­dia­lem Dis­kurs über Für und Wi­der fegt und das Land und des­sen Ge­sell­schaft wie auch die ‑nicht nur po­li­ti­sche- Kul­tur mit sich nimmt, sie ent­wi­ckelt und entfaltet.

Die Me­ta­pher des zie­hen­den Sturms zeigt auch: Die Mit­te ist ei­ne Sphä­re, die sich be­wegt und de­ren Kurs sich er­gibt. So die­ser Ne­xus, die­ser Na­bel, die­se Na­be in Ru­he ge­las­sen wird, nicht be­setzt und da­mit zu kon­trol­lie­ren ver­sucht wird. Sie leer und da­mit frei ge­las­sen wird. Sie nicht nach links oder rechts, vor­wärts oder rück­wärts zu be­stim­men ver­sucht wird. Wenn ihr ein­fach Raum ge­ge­ben wird, in dem es sich gut le­ben lässt, wäh­rend der Wel­ten­lauf sei­nen Gang nimmt. Der von ei­nem si­che­ren Ort aus ver­folgt wer­den kann. Über den sich hie und da auf­regt und ge­är­gert wer­den kann. Sich hin und wie­der an ihm er­freut oder er als lä­cher­lich be­fun­den und ab­ge­tan wer­den kann. Über den sich zu­wei­len auch ge­ängs­tigt wird. Und der, sel­ten zwar, so­gar Mut ma­chen kann.

Der aber nie still­steht. Wie man selbst in der Mit­te nie da bleibt, wo man war. Son­dern im­mer mit­ge­nom­men wird vom Rad der Ge­schich­te und Geschichten.